Zwei Namen in einer kurzen Folge
Búri und Borr sind in Gylfaginning nicht zwei Schreibungen derselben Gestalt. Erst kommt Búri beim Lecken eines Reifsteins zum Vorschein. Danach nennt die Prosa Borr ausdrücklich seinen Sohn. Das ist eine Abfolge zweier Personen, keine verdoppelte Figur.
Für diese beiden knappen Figuren trägt ein gemeinsames Dossier die entscheidende Frage besser als zwei wiederholte Biografien: Was ist als Verwandtschaft und Handlung belegt, und wo hört die Erzählung auf?
Búri wird sichtbar, nicht geboren
Auðhumla leckt salzige Reifsteine. Am ersten Tag erscheint menschliches Haar, am zweiten ein Kopf, am dritten ein vollständiger Mann: Búri. Die Stelle schildert eine Freilegung am Stein. Sie nennt die Kuh nicht seine Mutter und erklärt nicht, wie die Gestalt zuvor in den Stein gelangte.
Faulkes’ Text beschreibt Búri als schön anzusehen, groß und mächtig. Daraus folgt keine eigene Schöpfungstat, kein Herrschaftsgebiet und keine erfundene Vorgeschichte. Auðhumlas eigenes Profil verfolgt die zwei Ernährungsfragen dieser Szene.
Búris genealogische Funktion
Der nächste sichere Satz lautet: Búri zeugt Borr. Damit verbindet die Prosa Búris Auftreten mit der nachfolgenden Götterlinie. Für Borrs Mutter oder eine Partnerin Búris nennt dieser gelesene Abschnitt keinen Namen.
Búri selbst tötet Ymir hier nicht und formt auch nicht die Welt. Wo die Prosa später von „Bors Söhnen“ spricht, ist sie bereits bei der nächsten Generation. Vater, Sohn und Enkel dürfen nicht zu einer einzigen handelnden Figur zusammengedrückt werden.
Borr und Bestla: Was der Stammbaum wirklich sagt
Borr verbindet sich nach Gylfaginning mit Bestla, der Tochter des als Riese bezeichneten Bǫlþorn. Beide haben drei Söhne: Óðinn, Vili und Vé. Die Uppsala-Ausgabe schreibt die Namensform Beyzla im altnordischen Text; ihre englische Übersetzung gibt den genealogischen Zusammenhang wieder.
Borr ist hier Vater, Bestla Mutter. Die Stelle gibt Borr keine eigene Kindheit, keinen Kampf und keine spätere Lebensgeschichte. Bestlas Abstammung macht außerdem eine einfache Erzählung von zwei völlig getrennten „Götter-“ und „Riesengeschlechtern“ unhaltbar.
Vier Aussagen, vier Grenzen
Die Tabelle hält Verwandtschaft und spätere Handlung auseinander. Ein leerer Platz wird nicht mit einer erfundenen Mutter, Ehe oder Tat gefüllt.
| Belegte Aussage | Genannter Text | Nicht belegt |
|---|---|---|
| Búri wird am Stein sichtbar. | Gylfaginning VI; Uppsala Edda Kap. 9 | Auðhumla als Búris Mutter. |
| Búri zeugt Borr. | Gylfaginning VI; Uppsala Edda Kap. 9 | Name von Borrs Mutter. |
| Borr und Bestla haben Óðinn, Vili und Vé. | Gylfaginning VI; Uppsala Edda Kap. 9 | Eigene Abenteuer Borrs. |
| Bors Söhne heben Land und gestalten Miðgarðr. | Vǫluspá 4; Prosakapitel zu Ymirs Körper | Búri als Handelnder dieser Taten. |
Wer handelt nach dieser Genealogie?
Nach der Namensliste erzählt Gylfaginning, dass Bors Söhne Ymir töten. Die folgenden Kapitel beschreiben, wie sie aus Ymirs Körper Erde und Himmel formen und später an der Meeresküste zwei Bäume zu Askr und Embla gestalten. Die Körper-Welt-Zuordnungen sind im Ymir-Exponat ausführlicher zu lesen. Das Dossier zu Vili und Vé vergleicht dagegen die verschiedenen Namensangaben und Gaben bei Askr und Embla.
Die Prosastelle führt also von zwei knappen Ahnen zu drei benannten Söhnen und deren Taten. Dass Borr ihr Vater ist, macht ihn nicht rückwirkend zum Täter des Ymir-Kampfes. Auch Búri erhält dadurch keine eigene Schöpfungsszene.
„Burs Söhne“ im Gedicht
Vǫluspá 4 nennt im altnordischen Text „Burs synir“. In Pettits Übersetzung sind es die Söhne Burrs, die Land anheben und Miðgarðr formen. Die Strophe nennt an dieser Stelle weder die Kuh noch Búri, Bestla oder die drei Söhne einzeln.
Faulkes’ Register vermerkt Burr als Schreibung in der Codex-Regius-Strophe für den Borr der Prosa. Die Beziehung ist damit begründet, aber Textformen und Textgattungen bleiben sichtbar verschieden: ein kurzer Gedichtvers und eine ausführlichere Prosagenealogie sind keine identischen Wortlaute.
Búri, Borr und Burr nicht vertauschen
Búri ist in der gelesenen Prosa Borrs Vater. Borr ist dort der Vater Óðinns, Vilis und Vés. Burr ist eine Namensform, die der Registereintrag und Pettits Übersetzung mit Borr verbinden. Die Ähnlichkeit von Búri und Burr allein ersetzt diese Belegkette nicht.
Im Atlas erscheinen Búri und Borr daher als zwei eigenständige Identitäten mit demselben, für beide geschriebenen Dossier. Wer nach Búri sucht, soll nicht versehentlich bei den Handlungen der Söhne Borrs landen, ohne den Generationswechsel zu sehen.
Welche Beschriftung bleibt bei den Quellen?
Welche Aussage ordnet Búri, Borr und die Söhne dem tatsächlich gelesenen Material zu?
Búri wird beim Lecken des Steins sichtbar und zeugt Borr. Borr und Bestla haben Óðinn, Vili und Vé; das Gedicht spricht von Burs Söhnen.
Diese Formulierung trägt der Beleg.
Diese Formulierung hält die Generationen auseinander und lässt offen, was über Búris und Borrs eigene Lebensgeschichten nicht erzählt wird.
Auðhumla gebiert Búri und Borr; beide töten später Ymir.
Hier geht die Formulierung zu weit oder verfehlt den Beleg.
Die Kuh leckt den Stein. Búri und Borr werden nicht als die Täter genannt; die Prosa spricht von Bors Söhnen.
Búri, Borr und Burr sind drei Schreibweisen desselben Weltenschöpfers.
Hier geht die Formulierung zu weit oder verfehlt den Beleg.
Búri ist Borrs Vater. Burr gehört zur Namensüberlieferung Borrs; die Schöpfungstat wird den Söhnen zugeschrieben.
Eine Linie, keine ausgeschmückte Ahnenbiografie
Aus wenigen Sätzen entsteht ein wichtiger Weg durch die Erzählung: Búri erscheint, Borr folgt als Sohn, Bestla verbindet die Linie mit Bǫlþorns Familie, und die drei Söhne handeln in den späteren Weltentstehungskapiteln.
Das ist die belegte Funktion dieses Dossiers. Ein Porträt Búris oder Borrs, erfundene Partner und eine vollständige Vorgeschichte würden Wissen vortäuschen. Die vertieften Stationen zu Auðhumla und Ymir zeigen die Handlungen, auf die diese knappe Genealogie verweist.
Die Figur in ihren Quellen
Búri
Búri wird in Gylfaginning VI beim Lecken Auðhumlas am Reifstein sichtbar und zeugt Borr. Der Text nennt keine Mutter Borrs und keine eigene Weltschöpfungstat Búris.
Faulkes: Gylfaginning VI
Búri aus dem Stein und Vater Borrs; keine eigene Vorgeschichte.
Uppsala Edda: Kapitel 9
Buri als Vater Borrs in der kürzeren Fassung.
Belegte Beziehungen
- Búri zeugt Borr; zwei unterschiedliche Generationen. Borr / BurrBelege [1] [2] : Gylfaginning VI, S. 11; Uppsala Edda Kap. 9, S. 17–19
Die Figur in ihren Quellen
Borr / Burr
Borr ist Sohn Búris und mit Bestla Vater von Óðinn, Vili und Vé. Faulkes’ Register verbindet Burr in Vǫluspá 4 mit Borr; die Schreibung ist kein dritter Ahne.
Gylfaginning: Genealogie und Söhne
Borr/Bestla und drei Söhne; spätere Taten den Söhnen zugeschrieben.
Vǫluspá 4: Burs synir
Gedicht nennt Söhne Burrs, nicht Borrs eigene Lebensgeschichte.
Belegte Beziehungen
- Borr und Bestla werden als Eltern Óðinns genannt. Odin / ÓðinnBelege [1] [2] : Gylfaginning VI, S. 11; Uppsala Edda Kap. 9, S. 18–19
Texte und ihre Zugänge
Werke, Fassungen und verwendete Zugänge
Überlieferter Text
Snorris Edda
Faulkes: Gylfaginning VI–IX, S. 11–13, mit dem bezeichneten Registereintrag; Uppsala Edda: Kapitel 9–11, S. 17–20. Die Genealogie unterscheidet Búri, Borr/Bestla und die später handelnden Söhne; eine eigene Vorgeschichte der Ahnen wird nicht ergänzt.
Werk- und Stoffgeschichte nicht mit Datum der benutzten Übersetzung gleichgesetzt.
Sprache: Altnordisch
Überlieferter Text
Völuspá
Pettits Codex-Regius-Fassung: nur Strophe 4, S. 38–39. Burs Söhne heben Land und gestalten Miðgarðr; die Strophe benennt weder die Kuh noch Búri, Bestla oder die Söhne einzeln.
Mittelalterlich überliefert; Entstehungszeit hier nicht festgelegt.
Sprache: Altnordisch
Benutzte Ausgabe
Gylfaginning VI–IX: Búri, Borr und Bors Söhne
Faulkes, Gylfaginning VI–IX, gedruckte S. 11–13: Búri wird am Stein sichtbar; er zeugt Borr. Borr und Bestla haben Óðinn, Vili und Vé. Bors synir töten Ymir, formen die Welt und schaffen Askr/Embla. Das Register erklärt Borr/Burr.
2005, Nachdruck 2011: Gylfaginning VI–IX, gedruckte S. 11–13.
Sprache: Altnordisch
Benutzte Ausgabe
Uppsala Edda Kap. 9–11: Buri, Borr und Burs Söhne
Pálsson/Faulkes, Uppsala Edda, DG 11 4to, Kap. 9–11, gedruckte S. 17–20: Buri als Vater Bors; Borr/Burr mit Beyzla/Bestla, Tochter Bǫlþorns, und drei Söhnen; synir Burs als Handelnde.
2012: DG 11 4to, Kapitel 9–11, gedruckte S. 17–20.
Sprache: Altnordisch und Englisch
Benutzte Ausgabe
Vǫluspá, Codex Regius, Strophe 4: Burs synir
Edward Pettit, The Poetic Edda, Vǫluspá Codex Regius, Strophe 4, Text und englische Übersetzung, gedruckte S. 38–39: Burs synir / sons of Burr heben Land und schaffen Miðgarðr.
2023: Vǫluspá Codex Regius, Strophe 4, gedruckte S. 38–39.
Sprache: Altnordisch und Englisch
Welche Zeit ist gemeint?
- Erzählter Anfang vor der geformten Erde; kein historisches Datum.
- 2005, Nachdruck 2011: Faulkes-Ausgabe.
- 2012: Uppsala-Edda-Ausgabe.
- 2023: Pettits zweisprachige Vǫluspá-Ausgabe.
Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.
Der Weg zum Beleg
Quellen und Einordnung
- Überlieferung
- Altnordische Edda-Prosa und Vǫluspá-Strophe 4 als getrennte Textformen
- Verwendeter Ausschnitt
- Faulkes, Gylfaginning VI–IX S. 11–13; Pálsson/Faulkes, Uppsala Edda Kap. 9–11 S. 17–20; Pettit, Vǫluspá Codex Regius 4 S. 38–39. Keine Vollerfassung oder Handschriftenkollation.
- Gylfaginning VI–IX: Búri, Borr und Bors Söhne
Anthony Faulkes, Viking Society for Northern Research
Faulkes, Gylfaginning VI–IX, gedruckte S. 11–13: Búri wird am Stein sichtbar; er zeugt Borr. Borr und Bestla haben Óðinn, Vili und Vé. Bors synir töten Ymir, formen die Welt und schaffen Askr/Embla. Das Register erklärt Borr/Burr.
Kritische Ausgabe der Edda-Prosa. Nur diese Kapitel und Registerbemerkung gelesen; keine direkte Handschriftenkollation. Abgerufen am 2026-09-28.
Zur Textstelle: Zwei Namen in einer kurzen Folge Zur Textstelle: Búri wird sichtbar, nicht geboren Zur Textstelle: Búris genealogische Funktion Zur Textstelle: Borr und Bestla: Was der Stammbaum wirklich sagt Zur Textstelle: Vier Aussagen, vier Grenzen Zur Textstelle: Wer handelt nach dieser Genealogie? Zur Textstelle: „Burs Söhne“ im Gedicht Zur Textstelle: Búri, Borr und Burr nicht vertauschen Zur Textstelle: Welche Beschriftung bleibt bei den Quellen? Zur Textstelle: Eine Linie, keine ausgeschmückte Ahnenbiografie - Uppsala Edda Kap. 9–11: Buri, Borr und Burs Söhne
Heimir Pálsson (Edition), Anthony Faulkes (Übersetzung), Viking Society 2012
Pálsson/Faulkes, Uppsala Edda, DG 11 4to, Kap. 9–11, gedruckte S. 17–20: Buri als Vater Bors; Borr/Burr mit Beyzla/Bestla, Tochter Bǫlþorns, und drei Söhnen; synir Burs als Handelnde.
Andere Textfassung von Snorris Edda, keine unabhängige Biografie. Editions- und Übersetzungsschreibungen auseinanderhalten. Abgerufen am 2026-09-28.
Zur Textstelle: Zwei Namen in einer kurzen Folge Zur Textstelle: Búri wird sichtbar, nicht geboren Zur Textstelle: Búris genealogische Funktion Zur Textstelle: Borr und Bestla: Was der Stammbaum wirklich sagt Zur Textstelle: Vier Aussagen, vier Grenzen Zur Textstelle: Wer handelt nach dieser Genealogie? Zur Textstelle: Eine Linie, keine ausgeschmückte Ahnenbiografie - Vǫluspá, Codex Regius, Strophe 4: Burs synir
Edward Pettit, The Poetic Edda, Open Book Publishers 2023
Edward Pettit, The Poetic Edda, Vǫluspá Codex Regius, Strophe 4, Text und englische Übersetzung, gedruckte S. 38–39: Burs synir / sons of Burr heben Land und schaffen Miðgarðr.
Die Gedichtstrophe benennt die Söhne nicht einzeln und erzählt keine Kuh-/Steingeschichte. Identifikation erfolgt erst im Vergleich mit benannter Prosa und editorischem Register. Abgerufen am 2026-09-28.
Redaktion und Bearbeitungsstand
Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-10-17. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.
Eine Korrektur oder ein kulturelles Anliegen melden · Bitte den Titel oder die Seitenadresse nennen.
