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MythaneumDas Museum der Mythologien

Exponat

Ymir und die Entstehung der Welt

Fleisch wird Erde, der Schädel Himmel: Drei Texte erzählen Weltentstehung aus einem Körper. Ein Schaubild zeigt sieben Zuordnungen und ihre Grenzen.

8–9 Minuten Lesezeit · Bildbetrachtung nach eigener Zeit

Eine Landschaft mit einem Gesicht

Zuerst ist da ein Kopf aus Stein. Dann wandert der Blick über Wald und Hügel, und die Gestalt wird zur Landschaft. Unser heutiges Bild greift eine Erzählidee auf: Die Welt erhält ihre Bestandteile aus dem Körper eines Urwesens namens Ymir.

Doch was genau wird woraus? Und wer handelt dabei? Drei Textstellen geben unterschiedlich ausführliche Antworten. Vafþrúðnismál nennt vier Zuordnungen. Grímnismál ergänzt weitere. Snorris Gylfaginning erzählt von Entstehung, Nahrung, Verwandtschaft und Tötung, bevor der Körper zur Welt wird. Wir halten diese Aussagen auseinander.

Die gelesenen Ausgaben sind historische englische Übersetzungen von Bellows und Brodeur. Deutsche Formulierungen und das Schaubild sind sinngemäße Übertragungen für dieses Museum. Die Kapitel- und Strophennummern beziehen sich jeweils auf die genannte Ausgabe.

Körper und Landschaft: eine heutige Bildidee

Eine liegende menschliche Gestalt besteht ganz aus Fels, Erde und Wald. Ihr Kopf bildet links eine Küste; Schulter und Körper gehen rechts in Hügel über.
Heutige KI-Illustration mit OpenAI ImageGen zum Körper-Welt-Motiv in Grímnismál 40–41. Körper und Landschaft gehen symbolisch ineinander über. Gesicht, Küstenlinie, Farben und Lage der Landschaftsteile sind freie Gestaltung. Keine historische Abbildung, vollständige Weltkarte oder wörtliche Darstellung sämtlicher Zuordnungen des Gedichts.

Bevor es Erde gibt: Kälte, Wärme und Tropfen

Gylfaginning IV beginnt mit Gangleris Frage nach dem Anfang. In der Antwort ist die Erde noch nicht geformt. Genannt werden eine kalte Welt, Niflheim, und eine heiße, leuchtende südliche Region, Múspell. Dazwischen liegt Ginnungagap, die gähnende Leere.

Kapitel V beschreibt, wie eisige Ablagerungen und Reif wachsen. Wärme trifft auf den Reif, er schmilzt und tropft. Aus den Tropfen entsteht Leben in menschlicher Gestalt: Ymir. Die Prosa nennt Aurgelimir als Namen der Frost-Riesen für dasselbe Wesen.

Vafþrúðnismál 30–31 setzt einen anderen Schwerpunkt. Auf die Frage nach Aurgelmirs Herkunft folgt der Hinweis auf Gifttropfen aus Élivágar. Bellows erklärt in seiner Anmerkung, dass er die letzten beiden Zeilen der Strophe aus Snorris Version ergänzt, weil sie in beiden von ihm genannten Gedichthandschriften fehlen. Eine gedruckte Strophe kann also bereits eine editorische Zusammenstellung enthalten.

Wer nährt Ymir – und woher kommen seine späteren Gegner?

Die Erzählung fragt auch nach Nahrung. Nach Gylfaginning VI entsteht aus dem tauenden Reif die Kuh Auðhumla. Vier Milchströme nähren Ymir. Die Kuh selbst leckt salzige Eisblöcke. Dabei kommt über drei Tage eine andere Gestalt zum Vorschein: zuerst Haar, dann ein Kopf, schließlich Búri.

Búri ist nicht Ymir und auch nicht Borr. Die Prosa unterscheidet drei Generationen: Búri zeugt Borr; Borr und Bestla haben drei Söhne, Odin, Vili und Vé. Bestla wird als Tochter des Riesen Bölthorn bezeichnet. Die spätere Gegnerschaft lässt sich daher nicht als einfache Abstammung zweier vollkommen getrennter Gruppen erzählen.

Auch Ymirs Nachkommen entstehen ungewöhnlich. Gylfaginning V nennt ein männliches und ein weibliches Wesen unter seinem linken Arm und einen Sohn, den seine Füße miteinander hervorbringen. Vafþrúðnismál 33 nennt beim Sohn sechs Köpfe. Diese Zahl steht nicht in der entsprechenden Prosabeschreibung. Hier wird eine einzelne Abweichung sichtbar, ohne daraus zwei vollständige Stammbäume zu erfinden.

Der geordnete Lebensraum beginnt mit Gewalt

In Gylfaginning VII töten die Söhne Borrs Ymir. Sein Blut überflutet die Frost-Riesen; Bergelmir entkommt mit seiner Frau. Kapitel VIII erzählt anschließend, wie die Brüder den Körper in die Mitte von Ginnungagap tragen und daraus Erde, Wasser und Himmel formen.

Die Welt entsteht hier durch Eingreifen und Umformen. Der Stoff, aus dem sie besteht, war zuvor ein lebendes Wesen. Die Erzählung verbindet einen bewohnbaren Raum mit einer Tötung und der fast vollständigen Vernichtung einer Verwandtschaftsgruppe.

Jafnhárr bezeichnet Ymir und seine Verwandtschaft in Kapitel V als böse. Das ist das Urteil eines Sprechers innerhalb dieser Darstellung. Wir übernehmen es nicht als neutrale Beschreibung aller Riesen oder als Begründung, die Gewalt müsse für jeden Leser gerecht erscheinen.

Das Schaubild: sieben Zuordnungen aus Grímnismál

Grímnismál 40–41 verbindet Körperbestandteile mit Teilen der Welt. Lies die Pfeile als „daraus wird“, nicht als Wegbeschreibung. „Midgard“ bezeichnet in dieser Stelle den für Menschen bestimmten Bereich; seine genaue geografische Gestalt ist damit nicht festgelegt.

Körperbestandteil → Weltbestandteil

Fleisch
wird zuErde
Blut
wird zuMeer
Knochen
wird zuBerge
Haare
wird zuBäume
Schädel
wird zuHimmel
Brauen
wird zuMidgard
Gehirn
wird zuWolken
Eigene schematische Darstellung nach Grímnismál 40–41 in der englischen Übersetzung von Bellows; deutsche Bezeichnungen sinngemäß. Die Pfeile zeigen erzählte Zuordnungen, keine räumliche Lage. Keine vollständige Karte der nordischen Welten.
Nachlesen: [3] 40–41

Was die kürzere Antwort auslässt

Vafþrúðnismál 20 fragt nach dem Ursprung von Erde und Himmel. Strophe 21 antwortet mit Fleisch und Erde, Knochen und Bergen, Schädel und Himmel sowie Blut und Meer. Haare, Brauen und Gehirn kommen in dieser Antwort nicht vor.

Grímnismál 40–41 nennt zusätzlich Bäume, Midgard und Wolken. Die beiden Strophen erweitern damit das Körperbild: Es erklärt nicht nur feste Landschaft und Wasser, sondern auch Bewuchs, den menschlichen Lebensbereich und etwas Bewegliches am Himmel.

Die kürzere Antwort widerspricht diesen Ergänzungen nicht ausdrücklich. Sie belegt sie aber auch nicht. Eine Bildunterschrift, die unser gesamtes Schaubild allein Vafþrúðnismál 21 zuschriebe, wäre daher ungenau. Die genaue Quellenangabe entscheidet, was eine Darstellung behaupten darf.

Snorris Prosa baut weiter: Steine, Stützen und Grenzen

Gylfaginning VIII arbeitet einzelne Materialien weiter aus: Aus Zähnen, Backenzähnen und zerbrochenen Knochen werden Kies und Steine. Den Himmel aus dem Schädel stützen vier Zwerge mit den Namen der Himmelsrichtungen. Solche Einzelheiten gehören zur gelesenen Prosa; unser Schaubild schreibt sie dem Gedicht nicht nachträglich zu.

Auch Midgard erhält hier eine ausführlichere Erklärung. Das Meer liegt um das Land. Den Riesen werden Küstengebiete zugewiesen; weiter innen errichten die Götter aus Ymirs Brauen eine Befestigung gegen deren Feindschaft. So wird aus einem Körperteil zugleich eine Grenze zwischen Lebensbereichen.

Im selben Kapitel folgt ein Verszitat. Brodeur übersetzt dort die Herkunft des Meeres mit „sweat“, also Schweiß, während seine Prosa zuvor Blut nennt. Bellows verwendet in Grímnismál 40 ebenfalls Blut. Unser Schaubild folgt deshalb ausdrücklich Bellows; es glättet die Wortwahl der verschiedenen Übersetzungsstellen nicht zu einer vermeintlich überall identischen Formulierung.

Nicht alles stammt aus dem Körper

Für das Licht nimmt die Prosa in Gylfaginning VIII ein anderes Material: Funken und glühende Teilchen aus Múspell. Sie werden an den Himmel gesetzt und erhalten Plätze oder Bahnen. Die Ordnung der Himmelslichter ermöglicht in der Erzählung das Zählen von Tagen und Jahren.

Das Körperbild allein erklärt diesen Schritt also nicht. Es ist ein wichtiger Teil der Weltentstehung, aber keine vollständige Liste aller Dinge und ihrer Herkunft. Auch unser Bild vom Kopf als Küste ist eine freie heutige Lösung und keine Anweisung der Quelle.

Eine geschlossene Karte aller nordischen Welten würde mehr Sicherheit vortäuschen, als diese gelesenen Stellen bieten. Hier siehst du stattdessen, welche Zuordnung ein bestimmter Text tatsächlich nennt und an welcher Stelle eine andere Erzählung zusätzliche Arbeit leistet.

Bergelmir: ein knapper Vers und seine ausführliche Erklärung

Vafþrúðnismál 35 erinnert an Bergelmir und daran, dass er in einem alten Boot getragen wurde, so Bellows Übersetzung. Der Vers selbst erzählt nicht die vollständige Folge von Ymirs Tötung, Blutflut und Rettung des Paars.

Diese Folge begegnet in Gylfaginning VII und in Bellows erläuternder Anmerkung zu Strophe 29. Wer nur den Gedichttext mit einer Zusammenfassung des Kommentars vergleicht, könnte eine viel größere Übereinstimmung vermuten, als die einzelnen Verse tatsächlich aussprechen.

Das ist eine praktische Leseprobe: Unterstreiche gedanklich, was im Vers steht, und trenne davon, was der Übersetzer erklärt. Der Kommentar hilft beim Verstehen, bleibt aber eine andere Textebene.

Welcher Satz gehört zu welcher Quelle?

Nimm drei Aussagen mit: Aus Ymirs Haaren werden Bäume. Auðhumla nährt ihn mit Milch. Licht kommt aus Funken von Múspell. Die erste gehört in unser Schaubild nach Grímnismál; die beiden anderen erschließt hier Snorris Prosa. Mit dieser Unterscheidung lässt sich eine anschauliche Geschichte erzählen, ohne ihre Belege zu verwischen.

Die Welt ist in diesen Ausschnitten gemacht, begrenzt und mit Beziehungen belastet. Im Ragnarök-Exponat kannst du weiterfragen, was geschieht, wenn solche Grenzen versagen. Bei Odin führt der Weg zu der Frage, wie Wissen gewonnen wird. Beide Wege setzen an unterschiedlichen Seiten derselben Welt an.

Und im Bild? Suche eine Stelle, an der Körper und Landschaft ineinander übergehen. Prüfe dann, ob sie eine benannte Textzuordnung sichtbar macht oder eine freie Entscheidung der heutigen Illustration ist. Anschaulichkeit und Quellenwissen ergänzen sich, wenn die Grenze zwischen beiden erkennbar bleibt.

Die Figur in ihren Quellen

Eine Gestalt, verschiedene Textrollen

Name, Herkunft und Verwandtschaft in Snorris Prosa
Gylfaginning V–VII; Sprecherurteile und Tötung als Textaussagen gekennzeichnet.

Vier Zuordnungen im Fragegedicht
Vafþrúðnismál 20–21; Strophen 28–35 zu Aurgelmir und Bergelmir nur mit Übersetzerapparat gelesen.

Sieben Zuordnungen im Götterlied
Grímnismál 40–41 als ausdrücklich benannte Grundlage des Schaubilds.

Belegte Beziehungen

  • Odin ist einer der drei Söhne Borrs, die nach Gylfaginning VII Ymir töten. Odin / ÓðinnBelege [1] : Gylfaginning VI–VII

Texte und ihre Zugänge

Werke, Fassungen und verwendete Zugänge

Überlieferter Text

Snorris Edda

Gylfaginning IV–VIII in Brodeurs englischer Übersetzung von 1916: Reif, Nahrung, Generationen, Tötung und Körper-Welt-Zuordnungen. Die Prosa und ihr abschließendes Verszitat verwenden bei Meer und Körperflüssigkeit nicht überall dieselbe Wortwahl.

Werk- und Stoffgeschichte nicht mit Datum der benutzten Übersetzung gleichgesetzt.

Sprache: Altnordisch

Benutzte Ausgabe

Brodeur 1916: Gylfaginning IV–VIII

IV–VIII einschließlich der eingeschobenen Verse gelesen: Kälte und Wärme, Entstehung, Nahrung, Abstammung, Tötung und Weltgestaltung.

1916

Sprache: Englisch

Überlieferter Text

Vafþrúðnismál

Bellows: nur 20–21 und 28–35 mit den bezeichneten Anmerkungen. Vier Körper-Welt-Zuordnungen, Aurgelmirs Herkunft und die knappe Bergelmir-Erinnerung; Vers, editorische Ergänzung und Kommentar bleiben getrennt.

Werk- und Stoffgeschichte nicht mit Datum der benutzten Übersetzung gleichgesetzt.

Sprache: Altnordisch

Benutzte Ausgabe

Bellows 1936: Vafþrúðnismál, Ymir-Stellen

20–21 sowie 28–35 einschließlich Anmerkungen gelesen; besonders Körperzuordnungen, Aurgelmir, Nachkommen und Bergelmir.

Benutzte digitale Ausgabe: 1936 auf der zugehörigen Titelseite. Kein Entstehungsdatum des Gedichts.

Sprache: Englisch

Überlieferter Text

Grímnismál

Bellows: 40–41 mit den sieben Körper-Welt-Zuordnungen. Diese beiden Strophen tragen das Schaubild; die größere Prosageschichte und ihre zusätzlichen Einzelheiten werden ihnen nicht zugeschrieben.

Keine genaue Entstehungsdatierung angesetzt.

Sprache: Altnordisch

Benutzte Ausgabe

Bellows 1936: Grímnismál 40–41

Strophen 40–41 und Anmerkung zu 40 gelesen. Grundlage des Schaubilds; deutsche Beschriftung sinngemäß.

Benutzte digitale Ausgabe: 1936 auf der zugehörigen Titelseite. Kein Entstehungsdatum des Gedichts.

Sprache: Englisch

Welche Zeit ist gemeint?

  • Weltentstehung in erzählter Urzeit; kein geologisches Datum.
  • 1916: verwendete englische Gylfaginning-Übersetzung von Brodeur.

Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.

Der Weg zum Beleg

Quellen und Einordnung

Überlieferung
Mittelalterlich überlieferte altnordische Gedichte und Prosa
Verwendeter Ausschnitt
Gylfaginning IV–VIII nach Brodeur; Vafþrúðnismál 20–21 und 28–35 sowie Grímnismál 40–41 nach Bellows.
  1. Gylfaginning IV–VIII: Ymir und die geformte Welt

    Snorri Sturluson; Arthur Gilchrist Brodeur, englische Übersetzung 1916; Wikisource

    IV–VIII einschließlich der eingeschobenen Verse gelesen: Kälte und Wärme, Entstehung, Nahrung, Abstammung, Tötung und Weltgestaltung.

    Begrenzte Lektüre einer historischen Übersetzung. Prosa und Verse getrennt; keine direkte Handschriftenprüfung und keine Gesamtdarstellung aller Welten. Abgerufen am 2026-09-27.

  2. Vafþrúðnismál 20–21 und 28–35: Körper und Herkunft

    Henry Adams Bellows; englische Übersetzung, benutzte digitale Ausgabe mit Titelseite 1936; Sacred Texts

    20–21 sowie 28–35 einschließlich Anmerkungen gelesen; besonders Körperzuordnungen, Aurgelmir, Nachkommen und Bergelmir.

    Die ergänzten Schlusszeilen von 31 und die Fluterzählung im Kommentar werden nicht als unmittelbar in den Gedichthandschriften stehender vollständiger Bericht ausgegeben. Abgerufen am 2026-09-27.

  3. Grímnismál 40–41: sieben Körper-Welt-Zuordnungen

    Henry Adams Bellows; englische Übersetzung, benutzte digitale Ausgabe mit Titelseite 1936; Sacred Texts

    Strophen 40–41 und Anmerkung zu 40 gelesen. Grundlage des Schaubilds; deutsche Beschriftung sinngemäß.

    Keine Gesamtlektüre des Gedichts. Die im historischen Kommentar vermutete Herkunft der Strophen wird nicht als gesicherte Textgeschichte übernommen. Abgerufen am 2026-09-27.

Redaktion und Bearbeitungsstand

Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-10-17. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.

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