Drei Sitze, kein fertiger Stammbaum
Die Dichtung beginnt nicht mit einer vollständigen Götterliste. Sie führt uns zu einem Thron, vor dem ein anderer Gott dient. Dann wechseln die Plätze. Wer herrscht, muss mit einem Gegner rechnen, der ihm zuvor noch einen Becher gereicht hat.
Das Bild zeigt drei leere Sitze als heutige Metapher. Weder diese Sitze noch ihre Anordnung sind ein überliefertes hethitisches Bild. Prüfe beim Lesen, was der Text über Macht tatsächlich erzählt und wo wir selbst eine glatte Folge daraus machen möchten.
Eine erfundene Landschaft für eine belegte Abfolge

Alalu muss weichen
Am Anfang des erhaltenen Abschnitts sitzt Alalu im Himmel auf dem Thron. Anu steht vor ihm und reicht ihm den Becher. Nach neun erzählten Jahren kämpft Anu gegen Alalu und gewinnt. Alalu flieht in die dunkle Erde; nun sitzt Anu dort, wo vorher Alalu saß.
Die Wiederholung von neun Jahren gibt dem Herrschaftswechsel einen Rhythmus. Sie datiert kein Ereignis. Der Text sagt an dieser Stelle auch nicht, was Alalu danach in der dunklen Erde tut.
Der nächste Diener greift an
Vor Anus Thron dient Kumarbi. Wieder nennt die Dichtung neun Jahre. Dann ringt Kumarbi mit Anu, zieht den Fliehenden zurück und verletzt ihn sexuell. Die Szene macht körperliche Gewalt zum Teil des Machtwechsels; sie braucht keine drastische Illustration, um verständlich zu sein.
Anu antwortet mit einer Drohung: Aus dem Angriff sollen neue göttliche Wesen hervorgehen, darunter der Wettergott und Tašmišu. Seine Rede ist eine Figurenrede innerhalb des Lieds. Sie beweist für sich genommen weder eine biologische Stammtafel noch einen eindeutig rekonstruierbaren Geburtsweg.
Wo die Erzählung Lücken hat
Kumarbi spuckt etwas aus; der Berg Kanzura nimmt es auf. Danach sind viele Zeilen beschädigt. Weitere Stellen sprechen von Kumarbis Körper, einem Kopf und einer Geburt. Die deutsche Edition zeigt Ergänzungen und alternative Deutungen sichtbar an. Aus ihnen entsteht keine sichere, durchgehende Szene mit eindeutigem Ausgangsort für jedes Kind.
Gerade die Bruchstellen sind wichtig: Die Station kann die Herrschaftsfolge bis zum Angriff erzählen. Für die spätere Geburt muss sie die Unsicherheit der Textzeugen zeigen, statt Lücken mit einer bekannten griechischen Geschichte zu füllen.
Ein Vergleich mit Hesiod: ähnlich, nicht identisch
Hesiods Theogonie erzählt ebenfalls von einem göttlichen Generationenkonflikt. Die gelesene Stelle 453–506 führt Kronos, Rhea und Zeus anders ein als CTH 344 seine Abfolge von Alalu, Anu und Kumarbi. Der Vergleich macht ein Motiv sichtbar; er beweist keinen konkreten Übertragungsweg zwischen diesen Texten.
| Frage | CTH 344 | Hesiod, Theogonie 453–506 |
|---|---|---|
| Wer wechselt die Herrschaft? | Alalu wird von Anu verdrängt; Kumarbi greift Anu an. | Kronos verschlingt Kinder; Rhea schützt Zeus vor ihm. |
| Was leistet der Vergleich? | Die Folge wird durch Kampf und beschädigte Geburtspassagen erzählt. | Die gelesene Stelle setzt einen anderen Eltern- und Kindkonflikt ins Zentrum. |
| Was bleibt unbewiesen? | Eine lückenlose Genealogie aus CTH 344. | Eine direkte historische Übernahme aus dem anatolischen Text. |
Auch die Tafel hat eine Geschichte
Die moderne Lesefassung verbindet beschädigte Textstücke. Die Zeugenliste führt mehrere Fragmente unter Zeuge A und einen weiteren Zeugen; viele Einzelstücke sind also keine vielen vollständigen Werke. Am Ende der überlieferten Tafel nennt ein Kopiervermerk den Schreiber Ašḫapala und seine Ausbildung bei Ziti.
Ein solcher Vermerk erzählt von der Weitergabe des Textes, nicht vom Alter der erzählten Kämpfe. Wer die Szene weiter vergleicht, muss Erzählzeit, erhaltenen Zeugen und heutige Ausgabe auseinanderhalten.
Welche Aussage trägt welche Stelle?
Stelle drei kurze Sätze nebeneinander: Alalu verliert den Thron; Anu kündigt eine Geburt an; der Wettergott kommt in einer beschädigten Passage hervor. Markiere zu jedem Satz, ob du eine Erzählhandlung, Figurenrede oder eine editorisch ergänzte Stelle vor dir hast. Wo beginnt aus diesen drei Sätzen eine Vermutung über Verwandtschaft?
Texte und ihre Zugänge
Werke, Fassungen und verwendete Zugänge
Überlieferter Text
Lied vom Ursprung / Königtum im Himmel, CTH 344
Werkidentität getrennt von einzelnen erhaltenen Tafeln und moderner Übersetzung.
Hurritischer Überlieferungskontext; keine eigene Erstkompositionsdatierung.
Sprache: Hethitisch
Erhaltener Textzeuge
CTH 344, Zeuge A: KUB 33.120 + 33.119 + 48.97 + 36.31 + KBo 52.10
Zusammengesetzter Zeuge aus fünf publizierten Fragmenten; Bo 2388, Bo 3892, Bo 4301, Bo 6972 und 1194/u nach TITUS. Keine Autopsie.
Keine eigene Datierung der einzelnen Fragmente aus dem Index abgeleitet.
Sprache: Hethitisch
Benutzte Ausgabe
CTH 344: Das Lied vom Ursprung / Das Königtum im Himmel – deutsche TITUS-Übersetzung
Verfügbarer deutscher Haupttext mit Lücken vollständig gelesen; kritischer Apparat nur in ausgewählten Anmerkungen, keine eigene Kollation.
TITUS 2010; Marburger Bearbeitung 2005–2009.
Sprache: Deutsch
Welche Zeit ist gemeint?
- Alalu, Anu und Kumarbi folgen im erzählten Königtum aufeinander; die wiederholten neun Jahre sind Teil der Erzählung, kein historischer Kalender.
- CTH 344 liegt in fragmentarischen Textzeugen vor; Zeuge A ist aus mehreren Stücken zusammengesetzt.
- Benutzte digitale TITUS-Übersetzung mit markierten Lücken und Ergänzungen.
Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.
Der Weg zum Beleg
Quellen und Einordnung
- Überlieferung
- Hurritisch-hethitische Überlieferung des Lieds vom Ursprung, CTH 344
- Verwendeter Ausschnitt
- CTH 344, deutscher TITUS-Haupttext 1–296; Zeugenliste und Kopiervermerk. Hesiod, Theogonie 453–506 als getrennter Motivvergleich.
- CTH 344: Das Lied vom Ursprung / Das Königtum im Himmel
Anna Bauer, Felix Esser, Susanne Görke, Jürgen Lorenz und Elisabeth Rieken (Leitung), Marburg 2005–2009; TITUS-Bearbeitung Jost Gippert, Frankfurt 2010
Gesamter verfügbarer deutscher Haupttext 1–296 einschließlich Lücken, Zeugenübersicht und Kolophon gelesen. Ausgewählte Anmerkungen, keine vollständige Apparatauswertung. Editionsmetadaten zusätzlich aus TITUS-Kopf CTH 321.
Hethitischer Lesetext in deutscher Übersetzung; keine eigene Keilschriftkollation. Geburtspassagen, Logogramme A.GILIM/KA.ZAL/NAM.ḪE und Sprecherwechsel bleiben teilweise unsicher. Kein lückenloser Stammbaum, präziser Geburtsweg oder modernes Entstehungsdatum aus dem Mythos abgeleitet. Abgerufen am 2026-09-26.
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Anna Bauer, Felix Esser, Susanne Görke, Jürgen Lorenz und Elisabeth Rieken (Leitung), Marburg 2005–2009; TITUS-Bearbeitung Jost Gippert, Frankfurt 2010
Gesamte kurze Zeugenliste mit Publikations- und Fundnummern gelesen.
Bibliografischer Index, keine Autopsie oder Fotoauswertung der Tafelfragmente. Die fünf Teile von A bilden einen zusammengesetzten Zeugen, keine fünf vollständigen Werke. Abgerufen am 2026-09-26.
- Theogonie
Hesiod; englische Übersetzung Hugh G. Evelyn-White · Übersetzung 1914
Hesiod, Homeric Hymns, Epic Cycle, Homerica. Loeb Classical Library 57, William Heinemann, 1914; digital bei Theoi.
Verse 270–286 für Medusa; am 26.09.2026 zusätzlich 453–506 und 881–929 für Zeus tatsächlich gelesen. Kein vollständiges Werk oder Großkorpus erschlossen.
Historische englische Übersetzung als Lesehilfe; keine vollständige moderne textkritische Edition. Keine moderne Nacherzählung als antiker Text. Abgerufen am 2026-09-25.
Redaktion und Bearbeitungsstand
Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-09-29. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.
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