Exponat 03 · Raqefet · Stärkeveränderung · Eine umstrittene Deutung
Gärung in Steinmörsern
Rückstände in Steinmörsern der Raqefet-Höhle werden als Hinweise auf frühe Getreidefermentation gedeutet. Der Fall zeigt sowohl ein mögliches Brauverfahren als auch die Schwierigkeit, Absicht und Nutzung archäologisch nachzuweisen.
3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Wie lässt sich frühes Brauen von anderer Getreideverarbeitung unterscheiden?
- Aus Getreidestärke müssen zunächst vergärbare Zucker verfügbar werden.
- Versuche helfen, historische Rückstände zu deuten.
- Die Bierinterpretation von Raqefet ist publiziert und wurde fachlich bestritten.
- Zeitliche Einordnung
- Raqefet: natufischer Zusammenhang, etwa 13.000 Jahre vor heute
- Orte und Regionen
- Karmelgebirge im heutigen Israel
- Historisch Beteiligte
- Wissen vieler lokaler Gemeinschaften; einzelne Erfinderinnen und Erfinder sind nicht überliefert.
Das Loch im Stein erklärt seine Nutzung nicht allein
Vor dir steht ein tiefer Steinmörser. Eine solche Vertiefung bietet Platz für Material und begrenzt eine Arbeitsfläche. Daraus folgt noch nicht, ob darin zerkleinert, aufbewahrt oder eine Speise weiterbehandelt wurde. Die Form eröffnet Möglichkeiten; ihre historische Nutzung muss zusätzlich belegt werden.
Die kleinen Körner daneben ordnen zwei Zustände nebeneinander an: trocken und gekeimt. Dieser Vergleich führt zu einer besonderen Frage. Lässt sich an winzigen Resten erkennen, ob Menschen Veränderungen im Korn gezielt für ein Getränk nutzten?
Was das Forschungsteam in Raqefet untersuchte
Liu und ihr Team verbanden 2018 Rückstandsanalysen und Gebrauchsspuren von drei Steinmörsern mit experimentellen Vergleichen. Der Fundort war auch ein natufischer Bestattungsplatz. Das Team schlug eine Verbindung aus Pflanzenlagerung, Verarbeitung und Getreidebrauen vor und diskutierte Getränke bei gemeinschaftlichen Anlässen. Die ursprüngliche Interpretation
Das sind mehrere aufeinander aufbauende Aussagen. Pflanzenverarbeitung betrifft eine Tätigkeit. Ein alkoholisches Getränk betrifft das Ergebnis bestimmter Umwandlungen. Ein ritueller Anlass betrifft den sozialen Zusammenhang. Je weiter die Erklärung reicht, desto wichtiger wird die Frage nach den zusätzlichen Indizien.
Warum Keimen einen Unterschied macht
Getreide speichert einen großen Teil seiner Energie als Stärke. Für eine alkoholische Gärung müssen daraus nutzbare kleinere Zucker entstehen. Bei der Keimung werden entsprechende enzymatische Prozesse aktiv. In der Brauhypothese werden solche Veränderungen mit weiteren Verarbeitungsschritten verbunden. Das vorgeschlagene Verfahren
Als Gedankenmodell kannst du dir Stärke wie einen Vorrat aus vielen verbundenen Bausteinen vorstellen. Das Zerkleinern des Korns allein trennt diese Verbindungen nicht auf dieselbe Weise wie enzymatischer Abbau. Ein Mahlstein und ein keimendes Korn verändern deshalb verschiedene Ebenen des Materials.
Bier oder eine andere Getreidespeise?
David Eitam widersprach der Bierdeutung 2019 in einem eigenen Kommentar und stellte eine Nutzung für Getreidenahrung dagegen. Liu und das Team antworteten im selben Jahr; ihr Antwortabstract nennt Fermentationsdiagnose, Rekonstruktion und Mörserfunktion als zentrale Streitpunkte. Der veröffentlichte Einwand · Die Antwort des Teams
Die Ausstellung macht daraus weder einen erwiesenen Irrtum noch einen abgeschlossenen Konsens. Die Kontroverse hilft vielmehr, die entscheidende Prüffrage freizulegen: Welche Spur wäre spezifisch genug, um Brauen gegenüber anderen Tätigkeiten zu stützen? Ein plausibles Verfahren allein genügt dafür nicht.
Malz kann an Zellwänden sichtbar werden
Heiss und sein Team untersuchten 2020 gekeimte und anschließend verkohlte Getreidekörner. Ausgedünnte Zellwände der Aleuronschicht ließen sich auch in archäologischem Vergleichsmaterial erkennen. Die untersuchten Funde stammten aus jüngeren ägyptischen und mitteleuropäischen Zusammenhängen. Der Ansatz erschließt Mälzen, während ein Biernachweis zusätzlich vom Kontext abhängt. Versuche und archäologische Vergleiche
Diese Arbeit bestätigt nicht nachträglich jeden früheren Brauverdacht. Sie zeigt, wie ein Verfahren genauer überprüfbar werden kann: durch bekannte Ausgangsbedingungen, beobachtete Veränderungen und passende Vergleichsfunde. Neue Methoden erweitern die Fragen, die man an alte Materialien stellen kann.
Was die Landwirtschaft damit zu tun hat
Ein frühes Getränk könnte die Nutzung von Pflanzen interessanter gemacht haben. Daraus folgt aber nicht, dass Landwirtschaft wegen dieses Getränks entstand. Die Vorstellung einer einzigen Ursache überspringt viele Schritte: Sammeln, Pflege, Anbau, Auswahl, Lagerung und Weitergabe von Wissen.
Der Mörser eignet sich gerade deshalb als Museumsobjekt. Er zwingt uns, die Größe einer Erklärung an die Tragfähigkeit ihrer Spuren anzupassen. Menschen konnten Pflanzen aus vielen Gründen bearbeiten. Welche davon in einer bestimmten Gemeinschaft entscheidend waren, lässt sich nicht aus einer einzigen Gefäß- oder Gerätefunktion herauslesen.
Folge dem Verfahren, nicht einem Superlativ
Am Ende bleibt eine konkrete technische Frage: Wie wurden aus stärkehaltigen Pflanzen andere Speisen oder Getränke? Sie ist ergiebiger als die bloße Suche nach dem allerersten Bier. Du kannst bei jedem neuen Fund nach Rohstoff, Umwandlung, Behälter, Rückstand und Kontext fragen.
In Jiahu kommen neben chemischen Rückständen auch Mikroreste von Pflanzen und Pilzen ins Spiel. Der nächste Halt zeigt, wie unterschiedliche Untersuchungen an einem Fundort einander ergänzen können – und warum eine früh vorgeschlagene Zutatenliste noch nicht das ganze Herstellungsverfahren erklärt.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Kein erhaltenes Getränk und kein gesichertes vollständiges Braurezept. Die Kontroverse über die Mörserfunktion bleibt sichtbar; ein Ursprung der Landwirtschaft aus Bierdurst ist damit nicht bewiesen.
Begriffe verstehen
Malz
Getreide, dessen Keimung zur Veränderung seiner Inhaltsstoffe genutzt wird.
Verzuckerung
Abbau von Stärke in kleinere Zucker durch Enzyme.
Fermentation
Stoffumwandlung durch Mikroorganismen oder ihre Enzyme; hier vor allem die Bildung alkoholischer Getränke.
Aleuronschicht
Eine Zellschicht im Getreidekorn, deren Struktur sich bei der Keimung verändert.
← Zur TextstelleQuellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Die Brauhypothese von Raqefet
Liu, L., Wang, J., Rosenberg, D., Zhao, H., Lengyel, G. und Nadel, D. (2018): Fermented beverage and food storage in 13,000 y-old stone mortars at Raqefet Cave, Israel: Investigating Natufian ritual feasting. Journal of Archaeological Science: Reports 21, 783–793. DOI 10.1016/j.jasrep.2018.08.008.
Rückstände, Gebrauchsspuren und Versuche stützen die Interpretation; Brauanlass und Ursprung der Landwirtschaft nicht direkt bewiesen.
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Eitam, D. (2019): ‘… Yo-ho-ho, and a bottle of [beer]!’ (R.L. Stevenson) no beer but rather cereal-Food. Commentary: Liu et al. 2018. Journal of Archaeological Science: Reports 28, 101913. DOI 10.1016/j.jasrep.2019.101913.
Belegt den publizierten Widerspruch. Keine nicht gelesenen Einzelargumente nacherzählen.
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Liu, L., Wang, J., Rosenberg, D., Zhao, H., Lengyel, G. und Nadel, D. (2019): Response to comments on archaeological reconstruction of 13,000-y old Natufian beer making at Raqefet Cave, Israel. Journal of Archaeological Science: Reports 28, 101914. DOI 10.1016/j.jasrep.2019.101914.
Antwort behandelt Fermentationsdiagnose, Rekonstruktion und Mörserfunktion; keine Behauptung eines abgeschlossenen Konsenses.
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Heiss, A. G. et al. (2020): Mashes to Mashes, Crust to Crust. Presenting a novel microstructural marker for malting in the archaeological record. PLOS ONE 15, e0231696. DOI 10.1371/journal.pone.0231696.
Verkohlte gekeimte Körner und jüngere Vergleichsfunde; kein nachträglicher direkter Raqefet-Nachweis.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung in redaktioneller Prüfung. Bearbeitungsstand: 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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