Zum Museumsinhalt

Exponat 04 · Gefäßrückstände · Zutaten und Verfahren · Neue Forschung

Getränke von Jiahu

Die Tongefäße von Jiahu sind seit 2004 für eine frühe Getränkehypothese bekannt. Neue Untersuchungen von 2026 ergänzen Hinweise auf Reis, Pilze und mögliche Malzverwendung. Zutaten und Herstellungsverfahren werden dadurch zu zwei eigenen Fragen.

3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026

Buntstiftskizze eines Tongefäßes mit zentraler Reisprobe; Honigwabe, Weißdornfrüchte und Trauben liegen klein und getrennt auf einem Museumstisch.Bild vergrößern ↗
Konzeptionelle Rohstoffauslage zu älteren Zutatenhypothesen. Sie stellt keine gesicherte Mischung dar; die 2026 untersuchten mikrobiellen Verarbeitungsspuren sind hier nicht abgebildet.

Auf einen Blick

Was erfährt man über ein Getränk, wenn chemische Spuren und Mikroreste zusammenkommen?

  • Chemische Rückstände und Mikroreste erschließen unterschiedliche Seiten der Verarbeitung.
  • Eine Zutatenhypothese beschreibt noch nicht die Umwandlung von Stärke.
  • Die neue Untersuchung ergänzt die ältere, ohne ihre Originalproben chemisch nachzumessen.
Zeitliche Einordnung
Jiahu: etwa 9000–7500 cal BP; neue Untersuchung veröffentlicht am 21. August 2026
Orte und Regionen
Huai-Tal, Henan im heutigen China
Historisch Beteiligte
Wissen vieler lokaler Gemeinschaften; einzelne Erfinderinnen und Erfinder sind nicht überliefert.

Ein leerer Topf kann noch Informationen tragen

Der große Topf im Bild enthält kein sichtbar erhaltenes altes Getränk. Die kleinen Rohstoffproben davor machen vielmehr verschiedene Deutungen anschaulich. Ein Gefäß kann Stoffe aus seiner früheren Nutzung aufnehmen; feine Reste können außerdem in Vertiefungen und an Oberflächen zurückbleiben. Daraus entsteht eine Art Archiv, das mit unterschiedlichen Methoden gelesen werden muss.

Die Reihenfolge der Fragen ist wichtig. Zuerst gilt es zu klären, was nachweisbar ist. Danach folgt, welcher Verarbeitungsvorgang dazu passt. Erst dann lässt sich eine mögliche Speise oder ein Getränk beschreiben. Ein ansprechend gedeckter Museumstisch kann diese Begründung nicht ersetzen.

Eine frühe Deutung aus chemischen Ähnlichkeiten

McGovern und sein Team deuteten 2004 organische Rückstände aus Jiahu-Gefäßen als Hinweise auf ein gemischtes fermentiertes Getränk aus Reis, Honig und Früchten im 7. Jahrtausend v. u. Z. Bei den Früchten blieben Weißdorn und/oder Trauben mögliche Kandidaten. Die Studie begründete eine einflussreiche Vorstellung früher Getränkekultur. Die ursprüngliche chemische Untersuchung

Das Wort „oder“ gehört hier zur Erkenntnis. Es darf nicht beim Zeichnen oder Nacherzählen verschwinden. Wer beide Früchte ohne Erklärung in einen Topf legt, verwandelt eine offene Zuordnung in ein scheinbar bekanntes Rezept. Unsere Auslage hält diese Kandidaten deshalb getrennt.

Wie wird Stärke für die Gärung verfügbar?

Honig und Früchte können Zucker bereitstellen. Bei einem stärkehaltigen Ausgangsstoff stellt sich zusätzlich die Frage nach dessen Abbau. Verschiedene biologische Wege können dazu beitragen. Qu bezeichnet einen Starter, in dem Mikroorganismen auf pflanzlichem Material wachsen und Enzyme für weitere Umwandlungen bereitstellen.

Dieses Funktionsprinzip lässt sich unabhängig von einer bestimmten alten Rezeptur verstehen. Es lenkt den Blick auf die Bedingungen, die Menschen wiederholt herstellen müssen. Das Wissen um eine wirksame Praxis kann bestehen, bevor ihre mikrobiellen Abläufe benannt oder unter einem Mikroskop beobachtet werden.

Die Mikroreste ergänzen den Herstellungsweg

Liu, He, Li, Zhang und Luo untersuchten 2026 Rückstände von 16 Scherben aus verschiedenen Jiahu-Phasen. Sie kombinierten Stärke, Phytolithe und Pilzreste mit Kontrollproben. Das gemeinsame Auftreten von Reisresten, Monascus-Pilzresten und passenden Stärkeveränderungen stützt ihre Qu-Brauhypothese. Weitere Merkmale deuteten sie vorsichtiger als mögliche Hinweise auf Malz. Die neue Untersuchung und ihre Methoden

Die Stärke der Erklärung liegt in der Kombination. Eine einzelne Pilzform, ein einzelnes Korn oder eine charakteristische Gefäßform wäre schwächer. Kontrollproben helfen dabei zu prüfen, ob die beobachteten Signale bloß aus dem umgebenden Material oder späteren Verunreinigungen stammen könnten.

Was die neue Studie offenlässt

Das Team erläutert, dass manche älteren chemischen Marker nicht ausschließlich auf eine bestimmte Zutat verweisen. Zugleich betont es eine Grenze: Ohne moderne chemische Nachanalyse der ursprünglichen Proben von 2004 lässt sich deren Interpretation nicht abschließend bewerten. Honig und Früchte werden daher nicht einfach ausgeschlossen. Die ausdrücklich benannte Grenze

So kann Forschung eine Geschichte verändern, ohne die vorherige Arbeit vollständig zu verwerfen. Die neue Frage betrifft einen anderen Ausschnitt. Verschiedene Proben und Verfahren liefern ergänzende Informationen, deren Reichweite jeweils sichtbar bleiben muss.

Jiahu steht in einer größeren Forschungslandschaft

Eine Studie von 2024 zu Shangshan am unteren Yangzi verband ebenfalls Pflanzen- und Pilzreste. Für einen älteren Zusammenhang von etwa 10.000–9000 cal BP schlug das Team eine Qu-basierte Fermentation mit Reis und weiteren Pflanzen vor. Der Vergleich aus Shangshan

Ein solcher Vergleich erweitert die regionale Perspektive. Er beweist noch keinen einzelnen Reiseweg einer Idee und keinen unveränderten Rezepttransfer. Ähnliche Spuren können helfen, Fragen nach Austausch, Weiterentwicklung und lokalen Varianten genauer zu stellen.

Zutaten und Verfahren getrennt weiterdenken

Du kannst das Exponat mit zwei gedanklichen Karten verlassen. Auf einer stehen mögliche Ausgangsstoffe. Auf der anderen stehen Verarbeitungsschritte und die Spuren, die sie hinterlassen können. Erst wenn beide Karten zusammenpassen, entsteht eine belastbarere Beschreibung.

Diese Unterscheidung hilft auch beim nächsten Objekt. Ein Milchrückstand benennt einen Rohstoff. Ein durchlöchertes Gefäß kann zusätzlich auf einen Trennvorgang verweisen. Das Zusammenspiel von Form und Material bringt uns dort näher an eine konkrete Tätigkeit.

Grenzen des Wissens

Was offen bleibt

Honig und Früchte bleiben mögliche Zutaten der älteren Deutung. Die genaue Rezeptur ist offen. Qu-basiertes Brauen wird durch die neue Mikrorestkombination gestützt; Malz bleibt eine vorsichtigere Möglichkeit.

Begriffe verstehen

Qu

Fermentationsstarter aus pflanzlichem Material und Mikroorganismen, deren Enzyme unter anderem Stärke abbauen können.

← Zur Textstelle
Mikrofossil

Sehr kleiner erhaltener biologischer Rest, der meist mikroskopisch untersucht wird.

Biomarker

Chemisches Merkmal, das Hinweise auf biologische Ausgangsstoffe geben kann.

Kontrollprobe

Vergleichsprobe, mit der etwa Hintergrundsignale oder Verunreinigungen abgeschätzt werden.

Quellen und Nachweise

Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.

  1. Die chemische Untersuchung von Jiahu

    McGovern, P. E. et al. (2004): Fermented beverages of pre- and proto-historic China. PNAS 101, 17593–17598. DOI 10.1073/pnas.0407921102.

    Reis, Honig und Früchte als damalige Interpretation. Weißdorn und/oder Trauben, keine exakte Rezeptur.

    ← Zur Textstelle: Eine frühe Deutung aus chemischen Ähnlichkeiten
  2. Jiahu neu untersucht: Pflanzen und Pilzreste

    Liu, L., He, Y., Li, J., Zhang, J. und Luo, W. (2026): Revisiting Jiahu’s 9000-Year-Old Fermented Beverage: New Microfossil Evidence for Early Qu-Based and Malt-Based Brewing Technologies in North China. Heritage 9, 335. DOI 10.3390/heritage9080335.

    Neue Scherbenserie, keine moderne chemische Nachmessung der Originalproben von 2004. Qu-Deutung stärker, Malz vorsichtiger.

    ← Zur Textstelle 1: Die Mikroreste ergänzen den Herstellungsweg← Zur Textstelle 2: Was die neue Studie offenlässt
  3. Ein älterer regionaler Vergleich: Shangshan

    Liu, L., Zhang, J., Li, J., He, Y., Gao, Z. und Jiang, L. (2024): Identification of 10,000-year-old rice beer at Shangshan in the Lower Yangzi River valley of China. PNAS 121, e2412274121. DOI 10.1073/pnas.2412274121.

    Mehrere Mikroresttypen, etwa 10.000–9000 cal BP; soziale Antriebe bleiben Interpretation.

    ← Zur Textstelle: Jiahu steht in einer größeren Forschungslandschaft

Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung in redaktioneller Prüfung. Bearbeitungsstand: 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.

Hinweis oder Korrektur an die Redaktion

Zusammenhänge entdecken

Bildansicht

100 %

Mit + Details vergrößern. Das vergrößerte Bild lässt sich mit dem Finger, der Maus oder den Pfeiltasten verschieben.

Bilddatei in voller Größe öffnen ↗