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MythaneumDas Museum der Mythologien

Figur

Sigyn: Eine Schale gegen das Gift

Sigyn hält ein Gefäß unter das Gift über Loki. Die Völuspá nennt ihre belastete Nähe, die Prosa ihre Handlung. Was als Treue gilt, bleibt eine heutige Deutung knapper Quellen.

6–8 Minuten Lesezeit

Was kann eine Schale erzählen?

Jemand hält ein Gefäß unter herabtropfendes Gift. Wenn es voll ist, muss sie es forttragen und leeren. In dieser Zeit trifft das Gift den Gefesselten. Die Szene wird oft als Bild unerschütterlicher Treue gezeigt. Der Text nennt jedoch weder Sigyns Beweggrund noch eine Aussicht auf Befreiung.

Diese kurze Station liest ihre Handlung und ihre Belastung zusammen. Sie trennt ein Gedicht, Snorris Prosa und die Schlussprosa eines anderen Gedichts, statt aus allen drei Stellen eine einzige lückenlose Lebensgeschichte zu bauen.

Eine Familiennotiz vor der Strafe

Gylfaginning stellt Loki vor und nennt Sigyn als seine Frau. Als gemeinsamen Sohn nennt die Prosa Nari oder Narfi. Das ist eine knappe Herkunftsnotiz, keine Erzählung ihrer Begegnung, ihrer Ehe oder eines alltäglichen Zusammenlebens.

Wenige Zeilen später beginnt die Erzählung von Lokis Kindern mit Angrboða. Die beiden Familienangaben stehen in derselben Quelle, beziehen sich aber auf verschiedene benannte Konstellationen. Sigyns Profil ergänzt daraus keine weitere Mutterschaft.

Das Gedicht zeigt keine glückliche Wächterin

In der Codex-Regius-Fassung der Völuspá sieht die Sprecherin einen Gebundenen, dessen Beschreibung auf Loki weist. Sigyn sitzt bei ihm. Pettits Übersetzung gibt ihre Haltung so wieder, dass sie über ihren Mann keineswegs froh erscheint. Der Vers zeichnet damit Anwesenheit und eine schwere Stimmung, aber keine eindeutig erklärte Entscheidung.

Die Strophe nennt weder Gefäß noch Schlange. Pettits Anmerkung lässt zudem eine andere syntaktische Zuordnung der Worte zu Sigyn zu. Eine spätere Bildszene darf die Leerstelle illustrieren; als Aussage genau dieser Strophe darf sie sie nicht verdecken.

Snorris Prosa legt die Schale in ihre Hand

Nach Lokis Gefangennahme werden in Gylfaginning drei Steine aufgestellt. In dieser Fassung verwandeln die Asen Váli in einen Wolf; Narfi wird von ihm zerrissen, und mit Narfis Eingeweiden wird Loki gebunden. Skaði befestigt über Loki eine giftige Schlange.

Sigyn steht laut Prosa bei Loki und hält ein Gefäß unter das Gift. Wenn es voll ist, geht sie fort, um es auszuleeren. Währenddessen trifft ihn das Gift; sein schmerzhaftes Winden wird als Erdbeben erklärt. Das ist Sigyns sichtbare Handlung. Der Text berichtet nicht, wie lange sie das tut oder wie sie ihre eigene Lage beschreibt.

Die andere Schlussprosa vertauscht die Söhne

Die Schlussprosa von Lokasenna führt ebenfalls zur Gefangennahme, zur Schlange, zu Sigyns Gefäß und zum Erdbeben. Sie verteilt jedoch Wolfsgestalt und Eingeweide anders: Váli wird dort als der Sohn genannt, mit dessen Eingeweiden Loki gebunden wird; Narfi wird zum Wolf. In Gylfaginning ist es umgekehrt.

Bellows hält in seiner Anmerkung eine Fassung für die richtige Tradition. Das Museum übernimmt dieses Urteil nicht als gesicherten Befund. Beide hier benannten Prosatexte werden als unterschiedliche Zeugnisse gezeigt, während Sigyns wiederholte Hilfe in beiden vorkommt.

Beistand und Leid sind gleichzeitig sichtbar

Sigyn bleibt in den Prosafassungen bei dem Gefesselten und fängt Gift auf. „Treue“ ist eine mögliche heutige Benennung dieses Beistands. Als Wort für ihre inneren Gründe steht es in den gelesenen Stellen nicht. Das Gedicht ergänzt gerade keine fröhliche Zustimmung, sondern eine belastete Nähe.

Ebenso wenig erfahren wir, dass Sigyn Lokis Strafe befürwortet oder sie allein abwenden könnte. Ihr begrenzter Schutz setzt aus, sobald sie das volle Gefäß leert. Das ist eine schmerzhafte Grenze ihrer Handlung, nicht ihr Versagen.

Was die Quellen nicht forterzählen

Die hier gelesenen Stellen nennen keine eigene Rede Sigyns. Sie geben keine Kindheitsgeschichte, keine Herkunft ihrer Eltern und keinen Bericht darüber, was sie nach Lokis Lösung vor Ragnarök tut. Auch die genaue Gestalt des Gefäßes ist nicht in allen Fassungen gleich beschrieben.

Ein modernes Bild kann diese Leere füllen, wenn es als neue Gestaltung kenntlich bleibt. Die quellenbezogene Station verzichtet auf ein vermeintlich überliefertes Sigyn-Porträt und hält die Stille um ihre weitere Geschichte offen.

Drei Stellen, drei Blickrichtungen

Die Tabelle zeigt, welches Detail in welcher Quelle wirklich steht. Die Völuspá ist keine Kurzfassung der ausführlichen Prosaszene, und die beiden Prosafassungen stimmen nicht in allen Familienangaben überein.

FrageVöluspá R 34GylfaginningLokasenna-Schlussprosa
Sigyn?Sitzt beim Gebundenen; nicht froh über ihren Mann.Lokis Frau; steht bei ihm.Lokis Frau; sitzt bei ihm.
Gefäß und Gift?Nicht genannt.Hält Schale gegen Gift; leert sie wieder.Hält ein Gefäß gegen Gift; leert es wieder.
Söhne bei der Bindung?Nicht genannt.Váli wird Wolf; Narfi wird zerrissen.Narfi wird Wolf; mit Vális Eingeweiden gebunden.
Sigyns Motiv?Nicht erläutert.Nicht erläutert.Nicht erläutert.

Was kannst du über Sigyn behaupten?

Wähle die Aussage, die ihre sichtbare Handlung und ihre Leidensnähe benennt, ohne einen ungesagten Beweggrund oder eine harmonisierte Folge der Söhne zu erfinden.

Die Prosa zeigt Sigyn beim gefesselten Loki mit einem Gefäß gegen das Gift. Völuspá nennt ihre Anwesenheit und eine belastete Stimmung, aber keine Schale oder erklärte Motive.

Diese Formulierung trägt der Beleg.

Die Aussage trennt Gedicht und Prosa und bleibt bei den tatsächlich benannten Handlungen.

Völuspá erzählt ausführlich, wie Sigyn freiwillig ihr ganzes Leben verspricht und Loki mit einem magischen Gefäß für immer heilt.

Hier geht die Formulierung zu weit oder verfehlt den Beleg.

Der Vers nennt weder Schale noch Versprechen oder Heilung.

Lokasenna und Gylfaginning geben den beiden Söhnen bei der Bindung dieselben Rollen; ein Unterschied entsteht nur durch moderne Bilder.

Hier geht die Formulierung zu weit oder verfehlt den Beleg.

Die beiden Prosafassungen verteilen Wolfsgestalt und Eingeweide unterschiedlich.

Lies die Lücke mit

Sigyn hält das Gefäß unter das Gift. Sie verhindert nicht jeden Tropfen und spricht in diesen Texten nicht selbst. Ihre Handlung kann Beistand zeigen; ihre Gefühle und ihre Wahl bleiben größer als die knappen überlieferten Sätze.

Lies von hier Lokis eigene Darstellung und Skaðis Rolle bei der Befestigung der Schlange. Angrboðas Profil zeigt eine andere Grenze der Familiennotizen: Auch sie ist benannt, ohne in der gelesenen Passage selbst zu sprechen. Fasse diese verschiedenen Frauen nicht zu einer einzigen Figur oder Rolle zusammen.

Die Figur in ihren Quellen

Eine Gestalt, verschiedene Textrollen

Familiennotiz
Gylfaginning 27/1–4; XXXIII.

Beim Gebundenen
Völuspá R 34, ohne Schale.

Schale und Gift
Gylfaginning 49/4–17 und Lokasenna-Schlussprosa.

Belegte Beziehungen

  • Wird als Lokis Frau genannt; hält das Gefäß unter das Gift. Loki / LoptrBelege [1] : Gylfaginning 27/3 und 49/13–17
  • Skaði befestigt die Schlange über dem gefesselten Loki. SkaðiBelege [1] : Gylfaginning 49/10–13

Texte und ihre Zugänge

Werke, Fassungen und verwendete Zugänge

Überlieferter Text

Snorris Edda

Faulkes: Gylfaginning 27/1–4 und 49/4–17; Brodeur: XXXIII und die bezeichnete L-Passage, für die getrennte Angrboða-Konstellation der Anfang von XXXIV. Familiennotiz, Bindung, Gefäß und Unterbrechung der Hilfe bleiben konkrete Angaben. Ein inneres Treuemotiv oder Sigyns eigene Zustimmung zur Strafe wird nicht ergänzt.

Werk- und Stoffgeschichte nicht mit Datum der benutzten Übersetzung gleichgesetzt.

Sprache: Altnordisch

Überlieferter Text

Völuspá

Pettit: nur Codex Regius 34 mit den bezeichneten Noten 187–190. Sigyn beim Gebundenen und die auslegungsbedürftige Stimmung; weder Gefäß noch Schlange stehen in dieser Strophe. Die abweichende syntaktische Deutung wird offengehalten.

Mittelalterlich überliefert; Entstehungszeit hier nicht festgelegt.

Sprache: Altnordisch

Überlieferter Text

Lokasenna

Bellows: hier nur die Schlussprosa nach 65 mit der bezeichneten Anmerkung. Gefäß, Gift und Erdbebenerklärung stehen neben einer anderen Verteilung der Söhne-Rollen als in Gylfaginning. Die Wertung einer richtigen Tradition im Kommentar wird nicht übernommen.

Gedichtentstehung hier nicht genauer datiert.

Sprache: Altnordisch

Benutzte Ausgabe

Sigyn und Lokis Bindung: Gylfaginning

Gylfaginning 27/1–4 und 49/4–17 sowie Brodeur XXXIII/L; Sigyns Schale und die abweichende Rollenverteilung der Söhne werden getrennt.

Faulkes 2005/2011 und Brodeur 1916 sind benutzte Ausgaben, keine Datierung des Stoffes.

Sprache: Altnordischer kritischer Text und historische englische Übersetzung

Benutzte Ausgabe

Sigyn beim Gebundenen: Völuspá R 34

R 34 nach Pettit, S. 46–47 mit Textnoten S. 66; Sigyn wird sitzend und nicht wohlgefällig gezeigt, ohne Schale.

Pettit 2023 ist die Edition; Bellows zählt die Stelle anders.

Sprache: Altnordischer kritischer Text und englische Übersetzung

Benutzte Ausgabe

Sigyn in der Schlussprosa von Lokasenna

Schlussprosa nach Strophe 65 nach Bellows; keine eigene Handschriftenkollation und keine Übernahme seines Traditionsurteils.

Bellows 1936 ist die benutzte Ausgabe, keine Datierung des Erzählstoffs.

Sprache: Historische englische Übersetzung der Schlussprosa

Welche Zeit ist gemeint?

  • Völuspá R 34 zeigt Sigyn beim Gebundenen ohne Schalenmotiv.
  • 1916: Brodeurs benutzte historische Prosaübersetzung.
  • 2023: Pettits benutzte zweisprachige Völuspá-Edition.

Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.

Der Weg zum Beleg

Quellen und Einordnung

Überlieferung
Sigyn in Völuspá R 34, Gylfaginning 27 und 49 sowie Lokasenna-Schlussprosa
Verwendeter Ausschnitt
Pettit, Völuspá R 34 und Noten; Faulkes, Gylfaginning 27/1–4 und 49/4–17; Brodeur XXXIII/L; Bellows, Lokasenna-Schlussprosa. Keine Handschriftenkollation.
  1. Sigyn und Lokis Bindung in Gylfaginning

    Snorri Sturluson; Anthony Faulkes, kritische Edition

    Gylfaginning 27/1–4 und 49/4–17 tatsächlich gelesen. PDF-Indizes 58 und 80 mit altnordischem Originaltext betrachtet: Sigyn als Lokis Frau und Mutter Naris/Narfis sowie Schale, Gift, Weggehen, Beben und Bindung bis Ragnarök.

    Keine eigene Handschriftenkollation oder Volllektüre der Edda. In der erfassten Prosa wird Váli zum Wolf und Narfi getötet; die Lokasenna-Schlussprosa ordnet diese Rollen anders zu. Keine psychologische Gewissheit über Sigyns Motive. Abgerufen am 2026-09-28.

  2. Sigyn in Völuspá, Codex-Regius-Fassung, Strophe 34

    Völuspá; Edward Pettit, zweisprachige Edition 2023

    Codex-Regius-Fassung, Strophe 34: altnordische Druckseite 46 (PDF 17), englische Übersetzung S. 47 (PDF 18) und Textnoten 187–190 auf S. 66 (PDF 37) tatsächlich gelesen und betrachtet.

    Pettit R zählt die Stelle als 34; Bellows 35. Die Strophe nennt Sigyn beim Gebundenen und deutet ihre Stimmung als nicht wohlgefällig; sie beschreibt keine Schale. Pettits Noten bringen eine alternative Satzlesung. Hauksbók-Fassung und Handschriften nicht eigenständig kollationiert. Kapitel-PDF bleibt privat; keine Abbildung oder Volltextübernahme. Abgerufen am 2026-09-28.

  3. Lokasenna: Streitgespräch, Prosarahmen und Schluss

    Henry Adams Bellows, englische Übersetzung; Internet Sacred Text Archive

    Einleitung, gesamtes Gedicht mit Strophen 1–65, Prosarahmen, Zwischenerläuterungen und Schlussprosa einschließlich Anmerkungen gelesen. Ausgabeangabe 1936 auf der bereits archivierten Titelseite geprüft.

    Keine altnordische Handschriftenkollation. Bellows’ alte Datierungshypothese, Feuer-Gott-Etikett und Urteil über die angeblich richtige Bestrafungstradition nicht übernommen. Seine Behauptung, Snorri lasse die Erdbebenerklärung aus, widerspricht dem hier gelesenen Brodeur-Text. Figurenanschuldigungen sind keine bestätigten Ereignisberichte. Abgerufen am 2026-09-27.

  4. Gylfaginning: Lokis Beziehungen, Baldr und Bindung

    Snorri Sturluson; Arthur Gilchrist Brodeur, englische Übersetzung 1916; Wikisource

    XXXIII vollständig, erster Absatz von XXXIV bis zur Beschreibung Hels, XLIX und L vollständig gelesen. Der zusätzlich gelesene Anfang von LI wird für diese Seite nicht als eigener Beleg verwendet.

    Keine Gesamtlektüre oder kritische Kollation. XXXIV nicht vollständig erschlossen. In L steht im Digitaltext zunächst Vili, dann Váli; diese Namensabweichung wird nicht stillschweigend normalisiert. Thökk wird in XLIX nur zugeschrieben mit Loki identifiziert. Eigener Loki-Nachweis; frühere Odin- und Thor-Quellensätze unverändert. Abgerufen am 2026-09-27.

Redaktion und Bearbeitungsstand

Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-10-17. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.

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