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MythaneumDas Museum der Mythologien

Exponat

Yggdrasil und verbundene Räume

Drei Wurzeln, verschiedene Beziehungen: Wechsle zwischen zwei Textansichten und entdecke, warum Yggdrasil sich nicht einfach als Weltkarte zeichnen lässt.

7–9 Minuten Lesezeit · Bildbetrachtung nach eigener Zeit

Ein Baum, der nicht von selbst heil bleibt

Ein großer Stamm, Wasser an den Wurzeln, drei Menschen bei einer stillen Arbeit: Das heutige Bild setzt bei der Pflege des Baumes an. In Gylfaginning XVI schöpfen die Nornen täglich Wasser und Schlamm aus dem Urðr-Brunnen und gießen die Esche damit. Sie soll nicht verdorren oder verfaulen.

Yggdrasil ist in den hier gelesenen Texten zugleich Treffpunkt, Lebensraum und ein beschädigter Baum. Tiere fressen an ihm; Worte wandern zwischen oben und unten. Seine Wurzeln verbinden unterschiedliche Bereiche. Doch welche? Schon zwei benannte Textstellen geben darauf verschiedene Antworten.

Wir lesen Grímnismál in Bellows englischer Übersetzung, hier in der digital wiedergegebenen Ausgabe von 1936, und Snorris Gylfaginning in Brodeurs Übersetzung von 1916. Die deutschen Beschriftungen sind sinngemäß. Die Umschaltung macht konkrete Unterschiede sichtbar; sie rekonstruiert keine für alle Zeiten gültige nordische Weltkarte.

Pflege am Brunnen: eine heutige Bildidee

Unter einem mächtigen grünen Baum gießt eine Frau Wasser auf die Wurzeln. Zwei weitere Frauen stehen und knien an einem Brunnen; helle Ablagerungen bedecken Teile der Wurzeln.
Heutige KI-Illustration mit OpenAI ImageGen zu Gylfaginning XVI: Die Nornen pflegen die Esche mit Wasser und weißem Schlamm vom Urðr-Brunnen. Baumgestalt, Gewänder, Gebirge, Brunnenform und die sichtbaren weißen Ablagerungen sind freie Gestaltung. Keine historische Abbildung und keine Karte der nordischen Welten.

Drei Wurzeln – zwei Textansichten

Lies zuerst eine Ansicht für sich und wechsle dann zur anderen. Grímnismál 31 nennt Hel, Reifriesen und Menschen unter den Wurzeln. Die erste Aufzählung in Gylfaginning XV nennt dagegen Asen, Reifriesen und Niflheim. Ähnliche Dreizahl bedeutet hier keine identische Einteilung.

Die Prosadarstellung wird in den folgenden Abschnitten noch komplizierter: Sie nennt zusätzlich eine Wurzel im Himmel mit dem Urðr-Brunnen. Die Lesehilfe zeigt deshalb die erste Dreieraufzählung und weist die spätere Formulierung eigens aus.

Grímnismál 31 · Bellows

Yggdrasil · drei Wurzelbeziehungen

  • Hel

    Unter einer Wurzel wohnt Hel. Wir ersetzen den Namen hier nicht stillschweigend durch den Ortsnamen Helheim.

  • Reifriesen

    Unter einer anderen Wurzel leben die Reifriesen.

  • Menschen

    Unter der dritten Wurzel befinden sich Menschen.

Diese Strophe nennt drei Wurzelbeziehungen, aber keine Brunnen und keine vollständige Liste von neun Welten.

Zur Ausgabe: Grímnismál 31 · Bellows

Gylfaginning XV · Brodeur

Yggdrasil · drei Wurzelbeziehungen

  • Bei den Asen

    Eine Wurzel befindet sich bei den Asen. So beginnt die erste Aufzählung.

  • Bei den Reifriesen

    Eine andere reicht zu den Reifriesen, wo einst Ginnungagap war. Unter der ihnen zugewandten Wurzel liegt Mímirs Brunnen.

  • Über Niflheim

    Die dritte steht über Niflheim. Darunter liegt Hvergelmir; Níðhöggr nagt von unten an der Wurzel.

Später heißt erneut eine Wurzel „die dritte“: Sie steht nun im Himmel, mit dem Urðr-Brunnen darunter. Diese Formulierung wird hier nicht nachträglich in eine widerspruchsfreie Nummerierung umgeschrieben.

Zur Ausgabe: Gylfaginning XV · Brodeur

Eigene Lesehilfe mit sinngemäßen deutschen Beschriftungen. Die Anordnung zeigt Textbeziehungen, keine Himmelsrichtungen, Höhen oder Entfernungen. Ohne Skript stehen beide Lesarten untereinander.

Nachlesen: [2] 31 [1] XV

Warum eine Wurzel zweimal die dritte heißt

Bei Snorri fragt Gangleri nach dem wichtigsten heiligen Ort der Götter. Die Antwort führt zur Esche Yggdrasil, wo sie täglich Gericht halten. Ihre Äste erstrecken sich über die Welt und über den Himmel; drei weit auseinanderstehende Wurzeln tragen sie. Danach folgen die Beziehungen, die du in der Prosaansicht siehst.

Einige Absätze später steht in derselben Übersetzung wiederum eine dritte Wurzel im Himmel. Unter ihr befindet sich der heilige Urðr-Brunnen. Eben noch war die dritte Wurzel über Niflheim verortet. Wer beide Sätze auf dieselbe präzise Karte übertragen will, muss eine zusätzliche Entscheidung treffen.

Unsere Ansicht lässt diese Spannung stehen. Sie setzt weder Himmel und Niflheim gleich, noch ergänzt sie eine vierte Wurzel. Die Textfolge zeigt, weshalb eine flüssige Nacherzählung und eine genaue räumliche Zeichnung unterschiedliche Anforderungen stellen. Ein Schema kann übersichtlich sein und dabei Unklarheiten der Vorlage verdecken.

Nachlesen: [1] XV

Drei Brunnen sind drei verschiedene Beziehungen

Hvergelmir liegt in Gylfaginning XV unter der Wurzel über Niflheim. Dort nagt Níðhöggr. Mímirs Brunnen befindet sich unter der zu den Reifriesen gerichteten Wurzel. In ihm liegen Weisheit und Einsicht; Mímir hütet den Brunnen. Odin erhält einen Trunk erst gegen sein Auge als Pfand.

Am Urðr-Brunnen verbinden sich andere Tätigkeiten. Die Götter kommen täglich zum Gericht. Unter der Esche steht beim Brunnen eine schöne Halle, aus der Urðr, Verðandi und Skuld kommen. Sie bestimmen Lebensspannen. Die Prosa erwähnt anschließend weitere Nornen unterschiedlicher Herkunft; sie beschränkt die gesamte Gruppe nicht auf diese drei Namen.

Das sind keine austauschbaren Wasserstellen. Wissen und Preis, Gericht und Lebensschicksal, Pflege und Beschädigung knüpfen jeweils andere Beziehungen an einen Ort. Die Wurzelstrophe Grímnismál 31 nennt keinen dieser Brunnen. Ihre Namen in diese Ansicht hineinzuschreiben, würde Informationen aus der Prosa in den Vers übertragen.

Nachlesen: [1] XV–XVI [2] 31

Die Tiere machen den Baum zu einem Geschehen

Grímnismál 32 nennt Ratatöskr: Das Eichhörnchen trägt die Worte des Adlers von oben zu Níðhöggr nach unten. Die Prosa in Gylfaginning XVI beschreibt seinen Lauf zwischen beiden und die Worte als feindselig. Oben und unten sind damit nicht bloß Lageangaben. Zwischen ihnen besteht eine gestörte Beziehung.

Gylfaginning XVI nennt außerdem vier Hirsche, die an den Blättern fressen, und zahlreiche Schlangen unter der Esche. Ein Habicht namens Veðrfölnir sitzt zwischen den Augen des Adlers. Grímnismál 33–35 stellt Hirsche, Schlangen und das Leiden des Baumes zusammen: Fraß oben, Fäulnis am Stamm, Níðhöggr darunter.

Bellows kennzeichnet seine Übersetzung eines Teils von Strophe 33 selbst als unsicher. Deshalb machen wir aus der genauen Position einzelner Zweige keinen festen Karteneintrag. Für die Betrachtung genügt die besser abgesicherte Beziehung: Mehrere Lebewesen schädigen den Baum, der sie zugleich trägt.

Nicht jeder Vogel und jeder Baumname lässt sich gleichsetzen

Der Adler auf Yggdrasil erhält in Gylfaginning XVI keinen Namen. Kapitel XVIII nennt dagegen Hræsvelgr: einen Riesen am nördlichen Ende des Himmels, in Adlergestalt, dessen Flügelschlag Wind hervorbringt. Die beiden gelesenen Kapitel sagen nicht ausdrücklich, dass dies derselbe Adler sei.

Auch bei den Pflanzen lohnt sich Genauigkeit. In Grímnismál 25–26 fressen die Ziege Heiðrún und der Hirsch Eikþyrnir an Læráth, bei der Halle des Heerführers. Bellows vermutet im Kommentar, dieser Baum sei Yggdrasil. Die Vermutung ist eine hilfreiche Deutung, aber keine ausdrückliche Gleichsetzung in diesen beiden Strophen.

Eine Tierliste für Yggdrasil kann solche Beziehungen übernehmen. Sie sollte dann erkennen lassen, ob eine Gestalt direkt im Baum genannt wird, ob eine andere Stelle von ihr erzählt oder ob erst eine spätere Erklärung die Verbindung herstellt. Eine Fußnote kann aus einer scheinbar selbstverständlichen Zuordnung wieder eine prüfbare Frage machen.

Was eine heutige Übersicht zusammenführt

Ein heutiger Überblick des Swedish History Museum trägt den Abschnittstitel „Yggdrasil – nine worlds in one tree“. Er listet neun Welten und setzt Asgard hoch in die Baumkrone. Im Tierabschnitt nennt er den Adler Hraesvelg. Das ist ein konkretes Beispiel dafür, wie eine moderne Vermittlung verschiedene Angaben zu einem anschaulichen Gesamtbild verbindet.

Vergleiche damit unsere beiden Wurzelansichten. Keine der beiden Stellen bietet genau diese Neuner-Liste. Und die gelesenen Brodeur-Kapitel XVI und XVIII begründen die Gleichsetzung der Adler nicht ausdrücklich. Damit ist die moderne Übersicht als eigene Darstellungsleistung erkennbar. Sie darf beim Weiterlesen helfen; ihre Zusammenstellung ersetzt aber nicht die Angabe, welcher einzelne Text welche Beziehung tatsächlich nennt.

Forschung kann nach Zeit statt nach Koordinaten fragen

Terry Gunnell stellt 2022 die Wurzelstellen ebenfalls nebeneinander. Er fragt, ob ihre Beziehungen auch zeitlich gelesen werden könnten: mit der gegenwärtigen Welt hier, dem Tod und einer mit den Riesen verbundenen Vergangenheit. Schon sein Ausgangspunkt ist ausdrücklich erkundend. Die vorgeschlagenen Verbindungen sind keine neu entdeckten Ortsangaben.

Für dieses Exponat ist daran die veränderte Frage nützlich. Ein Baum muss in einer Erzählung nicht dieselbe Aufgabe erfüllen wie eine Landkarte. Er kann Wissen, Schicksal und verletzliches Leben miteinander verbinden. Gunnells Vorschlag bleibt eine benannte Forschungsdeutung; unsere Umschaltung verändert deshalb keine Quellenaussage in eine Zeitbeschriftung.

Zurück zum Wasser an den Wurzeln

Gylfaginning XVI beschreibt den Baum als zugleich beschädigt und gepflegt. Die Nornen schöpfen nicht einmalig, sondern täglich. Wasser und Schlamm verhindern das Verderben. Das anschließende Verszitat spricht von der weißen Substanz an der Esche und vom Grün am Urðr-Brunnen.

Unser Bild wählt diese kleine Handlung als Zugang zur Größe des Baumes. Drei Frauen, ein Gefäß, eine Wurzel: Der Zusammenhang bleibt überschaubar. Die Quelle schreibt weder ihre Gewänder noch die Berglandschaft oder die Form des Brunnens vor. Auch die sichtbaren weißen Flächen sind eine freie malerische Übersetzung, keine archäologisch belegte Ausstattung.

Betrachte nun eine Wurzel im Bild und eine Beziehung in der Textansicht. Was lässt sich aus der Quelle benennen, was entscheidet erst die Darstellung? Bei Odin kannst du Mímirs Brunnen weiterverfolgen; Ymir führt zur Entstehung der Welt, Ragnarök zu ihrer Gefährdung. Diese Wege erschließen verschiedene Fragen innerhalb derselben Sammlung.

Nachlesen: [1] XV–XVI

Texte und ihre Zugänge

Werke, Fassungen und verwendete Zugänge

Überlieferter Text

Snorris Edda

Brodeur: Gylfaginning XV–XVI und XVIII. Wurzeln, Brunnen, Gericht, Tiere und Pflege bleiben an die Prosapassagen gebunden. Die erneut dritte genannte Wurzel und der getrennt erzählte Wind-Riese werden nicht nachträglich zu einer widerspruchsfreien Karte zusammengezogen.

Werk- und Stoffgeschichte nicht mit Datum der benutzten Übersetzung gleichgesetzt.

Sprache: Altnordisch

Benutzte Ausgabe

Brodeur 1916: Gylfaginning, Yggdrasil-Stellen

XV–XVI vollständig und XVIII gelesen: Wurzelaufzählung, Brunnen, Nornen, Tiere, Pflege und der Wind-Riese.

1916

Sprache: Englisch

Überlieferter Text

Grímnismál

Bellows: 25–35 mit den bezeichneten Anmerkungen. Die Wurzelbeziehungen aus 31, die Tierfolge und das Leiden des Baumes werden vom nur im Kommentar vermuteten Zusammenhang mit Læráth unterschieden. Keine vollständige Neunweltenliste.

Keine genaue Entstehungsdatierung angesetzt.

Sprache: Altnordisch

Benutzte Ausgabe

Bellows 1936: Grímnismál 25–35

Strophen 25–35 und zugehörige Anmerkungen gelesen, besonders Læráth, die drei Wurzeln in 31 und Tiere/Schäden in 32–35.

Benutzte digitale Ausgabe: 1936 auf der zugehörigen Titelseite. Kein Entstehungsdatum des Gedichts.

Sprache: Englisch

Welche Zeit ist gemeint?

  • Erzählte kosmische Ordnung; kein geografischer Plan und kein datierbares Naturereignis.
  • 1916: benutzte englische Gylfaginning-Übersetzung von Arthur Gilchrist Brodeur.
  • 1936: benutzte digitale Bellows-Ausgabe von Grímnismál, nach ihrer Titelseite.
  • 2025: heutige Darstellung des Swedish History Museum.

Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.

Der Weg zum Beleg

Quellen und Einordnung

Überlieferung
Mittelalterlich überlieferte altnordische Dichtung und Prosa; heutige Vermittlung und Forschung
Verwendeter Ausschnitt
Grímnismál 25–35 nach Bellows; Gylfaginning XV–XVI und XVIII nach Brodeur. Vergleich mit dem Swedish History Museum und begrenzter Forschungslektüre bei Gunnell.
  1. Gylfaginning XV–XVI und XVIII: Wurzeln, Pflege und Vögel

    Snorri Sturluson; Arthur Gilchrist Brodeur, englische Übersetzung 1916; Wikisource

    XV–XVI vollständig und XVIII gelesen: Wurzelaufzählung, Brunnen, Nornen, Tiere, Pflege und der Wind-Riese.

    Historische Übersetzung; keine direkte Handschriftenprüfung. Die zweimalige Benennung einer dritten Wurzel bleibt sichtbar. Der namenlose Baumadler wird nicht mit Hræsvelgr gleichgesetzt. Abgerufen am 2026-09-27.

  2. Grímnismál 25–35: Baumbeziehungen und Grenzen der Zuordnung

    Henry Adams Bellows; englische Übersetzung, benutzte digitale Ausgabe mit Titelseite 1936; Sacred Texts

    Strophen 25–35 und zugehörige Anmerkungen gelesen, besonders Læráth, die drei Wurzeln in 31 und Tiere/Schäden in 32–35.

    Keine Gesamtlektüre. Vermutungen des historischen Kommentars zu Læráth und zu Textschichten werden von den Versen getrennt. Abgerufen am 2026-09-27.

  3. The mythological world of the Vikings – heutige Museumsdarstellung

    Swedish History Museum; veröffentlicht am 10. November 2025

    Abschnitte Yggdrasil – nine worlds in one tree, Urd’s well and the norns, Animals und Asgard gelesen.

    Hier als Beispiel heutiger Vermittlung verwendet, nicht als mittelalterlicher Textzeuge. Keine Übernahme der geschützten Illustration. Abgerufen am 2026-09-27.

  4. Three Women, Three Roots, Three Times, One Tree: Some Thoughts for Potential Gardeners

    Terry Gunnell; Religionsvidenskabeligt Tidsskrift 74 (2022), 341–355; DOI 10.7146/rt.v74i.132110

    S. 341–347 gelesen, einschließlich der Wurzelgegenüberstellung auf S. 347.

    Begrenzte Lektüre des Aufsatzanfangs; spätere Beweisführung und Schluss nicht als gelesen erfasst. Deutung von Wurzeln und Zeit bleibt ein Forschungsangebot, keine feststehende Weltkarte. Abgerufen am 2026-09-27.

Redaktion und Bearbeitungsstand

Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-10-17. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.

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