Zwölf Zeilen halten zwei Notlagen fest
Beginne beim Blatt, nicht bei einer Götterfamilie. Dunkle Schrift steht auf ungleichmäßig gefärbtem Pergament. Der erste Spruch beansprucht vier Zeilen, der zweite acht. Unter ihnen beginnt ein weiterer Textblock. Schon diese Anordnung ist genauer als die Vorstellung eines abgeschlossenen heidnischen Zauberbuchs.
Die kurzen Texte führen zu zwei bedrängenden Situationen: Fesseln sollen gelöst werden, ein verletzter Pferdefuß soll wieder zusammenfinden. Wörter wollen hier etwas bewirken. Wie viel erfahren wir aus ihnen über die Erzählung – und wie wenig über einen konkreten Gebrauch?
Du siehst eine historische Blattreproduktion und später eine heutige Illustration. Für die Lektüre vergleichen wir die TITUS-Umschrift mit der kurzen Textausgabe von Eichner und Nedoma. Die deutschen Erläuterungen sind eigene Zusammenfassungen; sie ersetzen keine vollständige Übersetzung.
Das Blatt und ein kleiner Buchstabe

Ein Nachtrag in einem christlichen Buch
Der Handschriftencensus führt die Sprüche unter Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. 136, Blatt 85r. Das r bezeichnet die Vorderseite des Blatts. Sie wurden auf eine zunächst freie Seite am Anfang eines Sakramentarteils nachgetragen. Ein Sakramentar ist ein Buch für liturgische Gebete; der Überlieferungsort gehört damit in einen christlichen Gebrauchszusammenhang.
Der Katalog datiert die Eintragung in das erste oder zweite Drittel des 10. Jahrhunderts. Für lateinische liturgische Teile nennt er das späte 9. Jahrhundert. Das sind verschiedene Angaben zu verschiedenen Bestandteilen. Keine davon ist automatisch das Entstehungsdatum jeder erzählten Vorstellung.
Das Nebeneinander ist ein Befund. Ob der Schreiber die Sprüche selbst anwandte, aus welchem Anlass er sie notierte und wie er ihre Figuren verstand, steht damit noch nicht fest. Ein Aufbewahrungsort liefert ebenso wenig eine vollständige Karte ihrer früheren Verbreitung.
Der erste Spruch: Wer bindet, wer löst?
Am Anfang sitzen die idisi. Danach folgen drei Gruppen von Tätigkeiten, jeweils mit suma eingeleitet: Binden, Hemmen und Hantieren an Fesseln. Am Schluss wechselt die Rede zu einer Aufforderung, den Banden zu entkommen. Der Text führt also von einer erzählten Szene zu Worten, die Befreiung verlangen.
Wer genau die idisi sind und welche Lage hinter den Fesseln steht, ist damit nicht abschließend erklärt. Klaus Düwel zeigt, wie schon die Übersetzung einzelner Wörter die Auslegung lenkt: Wird ein Ausdruck eindeutig als Gefangener oder ein Heer als Kriegsheer wiedergegeben, erscheint die Gefangenenbefreiung bereits in der Wortwahl.
Düwel diskutiert auch eine Anwendung bei der Geburt. Er behandelt die Fessellösung dann anders, räumt aber ein, dass Heer und Feinde dieser Deutung Schwierigkeiten bereiten. Wir zeigen das als Forschungsalternative, nicht als aufgedeckte ursprüngliche Bedeutung. Auch die geläufige Befreiungsszene braucht begründete Übersetzungsentscheidungen.
Für die Betrachtung reicht zunächst eine präzise Frage: Welche Handlungen kannst du in der benannten Textfassung zuordnen – und welchen Schauplatz oder Figurentyp müsstest du selbst ergänzen?
Der zweite Spruch: Eine Verletzung wird besungen
Phol und Wodan begeben sich ins Gehölz. Ein dem balderes zugeordnetes Fohlen erleidet eine Verletzung am Fuß. Darauf folgen Sinhtgunt und Sunna, Frija und Volla sowie Wodan beim Besprechen oder Besingen. Zwei Schwesterbeziehungen werden genannt. Der knappe Text gibt diesen Personen keine ausführlichen Lebensgeschichten.
Die Schlussformel ordnet Knochen, Blut und Glieder einander zu. Die Wortfolge ben zi bena, bluot zi bluoda macht das Zusammenpassen hörbar; danach folgen die Glieder und die Vorstellung des Zusammenfügens. Das ist eine sprachliche Bewegung von gestörter zu gewünschter Ordnung.
Beachte auch, was nicht erzählt wird: Es folgt kein eigener Bericht darüber, wie das Pferd anschließend aufsteht oder weiterläuft. Ein Heilungswunsch und eine nachträgliche Erfolgsmeldung sind unterschiedliche Aussagen. Wir behandeln die Verse als überlieferten Heilzauber, nicht als Protokoll einer beobachteten Behandlung.
Eine heutige Bildidee zum Heilungswunsch

Eine Ausgabe trifft Entscheidungen
Auf der Blattaufnahme ist das h im Anfangswort Phol klein nach oben gesetzt. Eichner und Nedoma beschreiben diese Position ausdrücklich. In ihrer diplomatischen Wiedergabe soll die Schreibgestalt sichtbar bleiben; im bearbeiteten Lesetext wird sie anders dargestellt. Bild, Umschrift und Lesetext leisten verschiedene Arbeit.
Auch Wortgrenzen sind eine Entscheidung: Nedoma gliedert eine schwierige Stelle des ersten Spruchs als hera, duo, der und kennzeichnet seine Deutung. Andere Herausgeber verbinden hera duoder. Seine Übersetzung markiert die betreffende Ortsangabe mit einem Fragezeichen.
Für das Tun an den Fesseln schreibt die auf der Domseite angebotene Beck-Übersetzung vom Zertrennen; Nedoma beschreibt eher ein Zupfen. Das verändert die vorgestellte Bewegung. Lies solche Unterschiede als begründungsbedürftige Entscheidungen, nicht als Einladung, beliebige Geschichten einzusetzen.
Namen ergeben noch kein ganzes Glaubenssystem
Im zweiten Spruch stehen Phol, Wodan und balderes in einem kurzen Zusammenhang. Daraus allein entstehen weder ein vollständiger Stammbaum noch feste Zuständigkeitsbereiche aller Genannten. Wir machen aus Phol und Balder hier keine ungeprüft identische Figur und ergänzen keine Sonnengottrolle, die diese Zeilen nicht erläutern.
Eichner und Nedoma ordnen die Sprache dem Althochdeutschen zu, mit einzelnen Berührungen zum Altniederdeutschen. Sie unterscheiden den Zeitpunkt der Aufzeichnung vom schwer bestimmbaren Alter der Sprüche. Ein später bekannter nordischer Erzählstoff darf diese Lücken nicht stillschweigend füllen.
Ebenso bleibt die Aufführung offen: Die Blattseite zeigt keine ausführliche Anleitung zu Gesten, Gegenständen, Zahl der Wiederholungen oder tatsächlichen Anlässen. Das Museum kann Worte, Überlieferung und Deutungen nebeneinanderlegen. Eine vollständige vorchristliche Religion lässt sich aus diesen zwei Texten nicht rekonstruieren.
Was ist belegt – und was wäre ergänzt?
Diese Unterscheidungen helfen beim Weiterlesen. Eine offene Frage ist kein leeres Feld, das eine eindrückliche Illustration ausfüllen dürfte.
| Beobachtung oder Nachweis | Tragfähige Aussage | Damit noch nicht bewiesen |
|---|---|---|
| Zwölf obere Textzeilen auf Blatt 85r | Zwei kurze Sprüche sind auf diesem Blatt überliefert. | Ein vollständiges Buch über vorchristliche Gottheiten. |
| Datierung der Eintragung ins 10. Jahrhundert | Die Niederschrift wird in diesen Zeitraum eingeordnet. | Dass alle Vorstellungen erst damals entstanden. |
| Schlussformel zum Zusammenfügen | Der zweite Spruch zielt auf Heilung. | Ein protokollierter Heilerfolg oder eine genaue Diagnose. |
| Eine heutige Fohlenillustration | Sie lenkt den Blick auf Verletzlichkeit und den Heilungswunsch. | Das Aussehen des damaligen Tiers oder eine belegte Ritualszene. |
Was beweist das hochgestellte h?
Du vergleichst den markierten Blattausschnitt mit der Beschreibung von Eichner und Nedoma. Welche Aussage kannst du damit vertreten?
Im Anfangswort des zweiten Spruchs ist ein h klein nach oben gesetzt; das ist eine Beobachtung zur Schreibgestalt.
Diese Formulierung trägt der Beleg.
Die Blattaufnahme zeigt die Position, und die Editionsnotiz beschreibt sie. Damit ist noch nichts über die Identität oder Aufgabe der genannten Figur entschieden.
Der Buchstabe beweist, dass Phol derselbe Gott wie der nordische Baldr ist.
Hier geht die Formulierung zu weit oder verfehlt den Beleg.
Eine Buchstabenposition entscheidet keine Figurenidentität. Dafür wären weitere sprachliche und überlieferungsgeschichtliche Argumente nötig.
Die Beschriftung beweist, dass der Spruch bei jeder Pferdeverletzung erfolgreich angewandt wurde.
Hier geht die Formulierung zu weit oder verfehlt den Beleg.
Schreibgestalt und behaupteter Behandlungserfolg sind verschiedene Fragen. Das Foto dokumentiert eine Textseite, keine Serie erfolgreicher Anwendungen.
Mit einer genaueren Frage weitergehen
Kehre zum ganzen Blatt zurück. Du kannst nun zwei Textanfänge, die knappe Ausdehnung der Sprüche und einen winzigen Unterschied zwischen Schriftbild und Leseausgabe bemerken. Das ist wenig Material und zugleich genug, um vorsichtiger zu erzählen.
Im selben Raum verknüpft Sigurds Geschichte neu gewonnenes Wissen mit weiteren Gefahren. Hier liegt die Herausforderung schon im Lesen: Ein Name, ein Tätigkeitswort und eine Datierung verlangen jeweils eine andere Art von Beleg. Die Quellenwerkstatt führt diese Unterscheidung an weiteren Beispielen fort.
Texte und ihre Zugänge
Werke, Fassungen und verwendete Zugänge
Überlieferter Text
Merseburger Zaubersprüche (erstes und zweites Spruchzeugnis)
TITUS: beide Umschriften mit Herkunftsangaben und Einführung vollständig. Eichner/Nedoma: die dreiseitige Kurzfassung mit diplomatischer Wiedergabe, bearbeiteten Texten, Notizen und Übersetzungen vollständig; keine Lektüre der Langstudie behauptet. Blattreproduktion und Census tragen Schrift-/Datierungsangaben. Beck dient nur zum benannten Übersetzungsvergleich, Düwel nur mit S. 17–21 und 25–27 zur begrenzten Geburtsdeutung. Phol und balderes werden nicht ohne weitere Begründung gleichgesetzt.
Zeit der Aufzeichnung getrennt vom unsicheren früheren Alter der Texte.
Sprache: Althochdeutsch
Erhaltener Textzeuge
Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. 136, fol. 85r
Nachtrag auf ursprünglich freiem Blatt eines Sakramentarteils. Farbreproduktion dieses Blatts geprüft, nicht der gesamte Codex.
Eintragung: erstes oder zweites Drittel des 10. Jahrhunderts nach Handschriftencensus.
Sprache: Althochdeutsch
Benutzte Ausgabe
TITUS: zeilengetreue Umschrift beider Sprüche
Beide Umschriften vollständig gelesen. Vereinfachende Figurenidentifikationen der Einführung nicht übernommen.
Elektronische Vorbereitung 2001, TITUS-Version 2002; Seitenfuß 2009.
Sprache: Althochdeutsch
Benutzte Ausgabe
Eichner/Nedoma: dreiseitige Kurzfassung mit Texten und Übersetzungen
Diplomatische Wiedergabe, kritische Lesetexte und Übersetzungen vollständig gelesen; kein Ersatz für die nicht gelesene Langstudie.
2006, leicht überarbeitet am 2. September 2014.
Sprache: Althochdeutsch und Deutsch
Welche Zeit ist gemeint?
- Alter der Texte vor ihrer Aufzeichnung nicht sicher datiert.
- Erstes oder zweites Drittel des 10. Jahrhunderts: Eintragung der Sprüche nach Handschriftencensus.
- 2002: TITUS-Version der Umschrift.
- 2014: überarbeitete Kurzfassung von Eichner und Nedoma.
Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.
Der Weg zum Beleg
Quellen und Einordnung
- Überlieferung
- Althochdeutsche Spruchüberlieferung in christlichem Handschriftenkontext
- Verwendeter Ausschnitt
- Cod. 136, fol. 85r, als digitale Farbreproduktion; TITUS-Umschrift und Eichner/Nedoma-Kurzfassung 2014; einzelne Übersetzungs- und Deutungsvergleiche.
- Cod. 136: Handschrift und Nachträge
Handschriftencensus, Handschriftenbeschreibung 6099
Aufbewahrungsort, Inhalt und Kodikologie vollständig; Abbildungs- und Literaturverzeichnis als Nachweiswege gelesen.
Datierung der Eintragung von Datierung der lateinischen Teile unterschieden. Literaturverweise nicht als gelesene Literatur geführt. ThULB-Digitalisat wegen Zugriffsschutz nicht untersucht; kein vollständiger Codex durchgesehen. Abgerufen am 2026-09-27.
- Merseburger Zaubersprüche: zeilengetreue Umschrift
TITUS; elektronisch Rolf-Jürgen Jacob 2001, TITUS-Version Jost Gippert 2002
Herkunftsangaben, Einführung und beide vollständigen Umschriften, Handschriftenzeilen 1–12, gelesen.
Textumschrift als konkrete digitale Lesehilfe. Pauschale Gleichsetzungen der Einführung (Idisen/Walküren; Phol/Balder/Sonnengott) nicht als gesicherte Identitäten übernommen. Keine Neuedition oder unabhängige paläografische Kollation behauptet. Abgerufen am 2026-09-27.
- Die Merseburger Zaubersprüche: Text, Lesarten und Übersetzungen
Heiner Eichner und Robert Nedoma; Kurzfassung 2006, leicht überarbeitet 2014
Dreisseitige Kurzfassung vollständig gelesen: Allgemeines, diplomatische Wiedergabe samt Zeilennotizen, beide überlieferungskritischen Texte und Übersetzungen. PDF-Seiten 2 und 3 zusätzlich gerendert und visuell betrachtet.
Nur der dreiseitige Extrakt, nicht die zugrunde liegende Studie von 195 Seiten. Edition, Konjektur und Übersetzung unterschieden; die im älteren PDF genannte damalige Aufbewahrung nicht als heutiger Standort wiederholt. Abgerufen am 2026-09-27.
- Der Erste Merseburger Zauberspruch – ein Mittel zur Geburtshilfe?
Klaus Düwel; Wiederabdruck in Streifzüge durch die deutsche Literatur, hg. Heike Sahm, Göttingen 2021
Titel-/Lizenzseiten; gedruckte S. 17–21 und 25–27 (PDF 23–27, 31–33) vollständig samt Anmerkungen; erster Eintrag im Verzeichnis der Ersterscheinungen auf S. 377 gelesen.
Begrenzte Lektüre des Aufsatzes, keine Gesamtlektüre des Aufsatzes oder Sammelbandes. Alternative Geburtshilfe-Deutung als Vorschlag und mit vom Autor selbst benannten Schwierigkeiten wiedergegeben, nicht als erwiesene ursprüngliche Anwendung. Historische Fremdtexte in Zitaten nicht als unabhängig gelesene Primärquellen registriert. Abgerufen am 2026-09-27.
- Die Merseburger Zaubersprüche im Merseburger Dom
Vereinigte Domstifter; Übersetzung auf der Seite von Wolfgang Beck
Historischer Einführungstext, Aufzeichnungs-/Entdeckungshinweise und Abschnitt Der Text im Original mit Abschrift und Beck-Übersetzung gelesen.
Hier für heutige Vermittlung und ausgewählten Übersetzungsvergleich; moderne Übersetzung nicht vollständig übernommen. Werbliche Einzigartigkeits- und ältester-Text-Behauptungen nicht übernommen. UNESCO-Status und Öffnungszeiten nicht Gegenstand des Exponats. Abgerufen am 2026-09-27.
- Cod. 136, fol. 85r: Farbreproduktion und Herkunft
Wikimedia Commons; Fotografin oder Fotograf nicht angegeben; Herkunft TITUS
Beschreibung, Originaldatei, Herkunftslink, Rechtekennzeichnung, Dateigeschichte und SHA-1 gelesen. Original 800×1269 und 480-WebP tatsächlich betrachtet.
Originalgetreue Reproduktion eines gemeinfreien zweidimensionalen Werks nach Commons PD-Art/PD-old-100. Kein Fotografenname aus dem Uploadkonto abgeleitet. Keine vollständige Handschriftenuntersuchung oder Restaurierungsdiagnose aus dem Foto. Abgerufen am 2026-09-27.
Redaktion und Bearbeitungsstand
Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-10-17. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.
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