Exponat 02 · Wissenspraxis · Zahlen und Bevölkerung
Sterbelisten zu Vergleichen verbinden
John Graunt ordnete vorhandene Londoner Listen neu, um Jahre, Stadtgebiete und Todesangaben zu vergleichen. Sein Buch macht zugleich sichtbar, dass gezählte Meldungen, die tatsächlich erfasste Bevölkerung und eine daraus gewonnene Schätzung verschiedene Dinge sind.
3 Minuten Haupttext · Stand: 7. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Was lässt sich aus vielen Sterbelisten erkennen, wenn ihre Angaben und Grenzen mitgelesen werden?
- Vergleichbare Tabellen eröffnen andere Fragen als ein Blick auf die letzte Wochensumme.
- Eine Meldung entsteht durch Beobachtung, Zuordnung, Weitergabe und Zusammenfassung.
- Fehlende Erfassung ist kein Nullwert; eine Schätzung ist keine vollständige Zählung.
- Zeitliche Einordnung
- 1662; Auswertung älterer Londoner Bills of Mortality
- Orte und Regionen
- London und wechselnde mitgemeldete Vorstadtgebiete
- Historisch Beteiligte
- John Graunt, die Searchers und die Company of Parish Clerks
Mehr als die letzte Wochensumme
Graunt beginnt sein Buch mit einer Beobachtung über die Leser der Londoner Sterbelisten. Viele achteten vor allem darauf, ob die Zahl der Bestattungen stieg oder sank und welche ungewöhnlichen Ereignisse vermerkt waren. Während einer Pestwelle hatte eine solche Nachricht unmittelbare Bedeutung für den Alltag.
Er wollte die vorhandenen Aufstellungen zusätzlich gemeinsam betrachten. Dafür übertrug er Angaben in Tabellen, um Jahre, Jahreszeiten und Stadtgebiete miteinander zu vergleichen. Auf den ersten drei Druckseiten erläutert er dieses Vorgehen und lädt ausdrücklich dazu ein, seine Schlüsse anhand der Tabellen zu korrigieren. Graunts Vorwort auf den Druckseiten 1–3
Vor der Summe steht eine Arbeitsteilung
Nach Graunts Darstellung untersuchten die sogenannten Searchers die Verstorbenen und holten weitere Auskünfte ein. Er beschreibt sie als ältere, für ihr Amt vereidigte Frauen. Ihre Angaben gingen an die Pfarrschreiber. Diese meldeten wöchentlich weiter; anschließend wurden die Zahlen zusammengeführt und gedruckt.
Eine Tabellenzelle ist damit das Ergebnis mehrerer Entscheidungen und Übergaben. Graunt erfand weder diese Erfassung noch sammelte er jeden Einzelfall selbst. Seine Auswertung setzte auf der Arbeit anderer auf. Bei einer unklaren Zahl lohnt sich deshalb die Frage, an welcher Stelle Beobachtung, Zuordnung oder Übertragung unsicher geworden sein könnte. Die beschriebene Meldekette auf Seite 11
Dieselbe Überschrift kann ein anderes Gebiet meinen
Die auf Seite 5 wiedergegebene Jahresaufstellung für 1623/24 nennt 9.310 Bestattungen für London und seine Liberties, die dort mitgeführten Gebiete außerhalb der Stadtmauer. Mit weiteren 2.900 aus neun angrenzenden Pfarrgebieten ergibt sich die umfassendere Summe von 12.210. Die beiden Gesamtzahlen beziehen unterschiedliche Orte ein.
Später erläutert Graunt weitere Erweiterungen und Umgruppierungen der meldenden Gebiete. Wer Zahlen verschiedener Jahre vergleicht, muss solche Veränderungen berücksichtigen. Ein Anstieg kann teilweise entstehen, weil zusätzliche Orte in der Aufstellung erscheinen. Der Gebietswechsel allein sagt noch nicht, wie stark sich das Sterben innerhalb derselben Orte verändert hat. Gebietsangaben und Erweiterungen auf Seiten 5–10
Die Bedeutung einer Rubrik muss geklärt werden
Auf Seite 14 fragt Graunt, was die Searchers mit der Kategorie Infants meinen: Kinder, die noch nicht sprechen, oder solche unter zwei beziehungsweise drei Jahren? Ohne diese Klärung bezeichnet derselbe Ausdruck keine verlässlich bestimmte Altersgruppe.
Für manche seiner Fragen genügte ihm eine grobe Beschreibung; andere verlangten genauere Abgrenzungen. Das macht seine Ergebnisse nicht automatisch richtig. Es zeigt aber, weshalb die Eignung einer Angabe von der Untersuchungsfrage abhängt. Ein historischer Krankheitsname lässt sich ebenso wenig allein durch seine vertraute Schreibweise in eine heutige Diagnose übersetzen. Die Erörterung der Kategorien auf Seiten 13–15
Eine fehlende Meldung bedeutet nicht niemand
Das Forschungsprojekt Death by Numbers arbeitet erneut mit den Originalaufstellungen. Es betont, dass die kirchlich erfassten Bestattungen nicht notwendig alle Todesfälle abdecken. Taufen sind zudem nicht mit sämtlichen Geburten identisch. Die vorhandenen Angaben müssen in ihrer tatsächlichen Bedeutung gelesen werden. Quellen und Grenzen des heutigen Datensatzes
Jessica Otis erläutert Orte außerhalb des meldenden Pfarrsystems. Fehlt aus einem solchen Gebiet eine Pestmeldung, folgt daraus nicht, dass dort niemand an der Pest starb. Fehlende Erfassung und eine ausdrücklich gemeldete Null sind verschiedene Informationen. Warum manche Orte in den Meldungen fehlen
Aus einer Anzahl kann eine neue Frage entstehen
Auf Seite 15 versucht Graunt, aus Todesrubriken etwas über das Sterben von Kindern abzuleiten. Dafür muss er annehmen, welche Einträge bestimmten Altersgruppen zuzurechnen sind. Die Altersaussage ist deshalb ein weitergehender Schluss aus den Listen, keine nachträglich entdeckte vollständige Alterszählung. Der Übergang von Rubriken zur Altersannahme
Als heutige Lesehilfe kannst du drei Ebenen nebeneinanderstellen: Was wurde gemeldet? Welche Gruppe deckt die Aufstellung tatsächlich ab? Welche Annahme verbindet diese Angaben mit dem gewünschten Ergebnis? Gerade wenn der dritte Schritt offenliegt, können andere seine Tragfähigkeit prüfen.
Die Tabelle eröffnet überprüfbaren Streit
Viele verstreute Meldungen werden so zusammengeführt, dass andere Unterschiede, Regelmäßigkeiten und mögliche Fehler erkennen können. Der gemeinsame Vergleich erweitert die Fragen, die sich an das Material richten lassen. Gerade die offengelegte Ordnung der Tabelle macht die Auswertung überprüfbar.
Behalte beim nächsten Zahlenvergleich die Ränder der Tabelle im Blick: Zeitraum, Gebiet, Kategorien und fehlende Angaben. Sie gehören ebenso zum Ergebnis wie die Zahl in der Mitte.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Erfassungsgebiete und Kategorien der Listen veränderten sich. Manche Todesfälle blieben außerhalb des Meldesystems; Altersangaben wurden teilweise aus anderen Rubriken erschlossen. Solche Grenzen beeinflussen, welche Vergleiche sich zuverlässig ziehen lassen.
Begriffe verstehen
Erfassungsgebiet
Die Orte und Zuständigkeiten, aus denen eine Aufstellung ihre Meldungen erhält.
Schätzung
Eine aus verfügbaren Angaben und Annahmen gewonnene Näherung für etwas, das nicht vollständig gezählt oder gemessen wurde.
Quellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Graunt liest Sterbelisten als vergleichbare Tabellen
John Graunt: Natural and political observations mentioned in a following index, and made upon the Bills of mortality. London: Thomas Roycroft, 1662. Titel, ausgewählte Indexseiten sowie Druckseiten 1–15. Wellcome Collection, EPB/B/25412, b10321706.
123 PDF-Seiten einschließlich vorgeschalteter moderner Katalogseite; 122 Digitalbilder. Keine Volllektüre. Laut Exemplarnotiz fehlen zwei Tabellen. Die in den gelesenen Druckseiten eingebetteten Listen sind erhalten. Historische Kategorien und Schätzungen werden nicht als heutige Diagnosen oder gemessene Bevölkerungswerte übernommen.
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Death by Numbers, Roy Rosenzweig Center for History and New Media, George Mason University: Data.
Eigene Forschungsdokumentation zu Quellenherkunft, Erfassungsgrenzen und Transkription. Für das Exponat werden Bestattungsdaten versus alle Todesfälle, Taufe versus Geburt und begrenzte Altersangaben verwendet. Die digitale Datenbank wurde nicht vollständig nachgerechnet oder abgenommen; keine aktuelle Bestandszahl behauptet.
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Jessica Otis: Parishes and Extra-Parochial Places. Death by Numbers, 28. Februar 2022.
Erklärt wechselnde Erfassungsgebiete und Orte außerhalb des meldenden Pfarrsystems. Die eingebettete Karte wurde nicht visuell geprüft; die Aussage über fehlende Meldungen stammt aus der gelesenen Erläuterung. Keine Nullwerte aus nicht erfassten Orten ableiten.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Erste Arbeitsfassung vom 7. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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