Exponat 03 · Gestirne · Listen · Wissensordnung
Sternlisten und MUL.APIN
MUL.APIN bewahrt Namen und Beziehungen von Himmelserscheinungen in mehreren Listen. Eine erhaltene Tontafel zeigt, wie unterschiedlich geordnetes Wissen helfen kann, den Himmel zu beschreiben und wiederkehrende Erscheinungen einzuordnen.
3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Wie wird aus dem Blick auf viele Sterne ein Wissen, das sich geordnet nachschlagen lässt?
- Eine Liste kann Namen, Zeitpunkte oder Beziehungen zwischen Gestirnen ordnen.
- Ein geordnetes Handbuch ist etwas anderes als das Protokoll einer einzelnen Nacht.
- Das Alter einer erhaltenen Abschrift bestimmt nicht allein das Alter ihres Wissens.
- Zeitliche Einordnung
- Überlieferung im 1. Jahrtausend v. u. Z.; Exemplar BM 86378 unterschiedlich als neubabylonisch oder ungefähr 500 v. u. Z. eingeordnet
- Orte und Regionen
- Mesopotamische Texttradition; genauer Fundort von BM 86378 laut CDLI ungesichert
- Historisch Beteiligte
- Schreibkundige, Gelehrte und Beobachtende; die heutige Edition verbindet die Arbeit mehrerer Forschender.
Eine Tafel ist kein Abbild des ganzen Himmels
Auf einer Tontafel können viele Gestirne Platz finden, ohne dass sie als Punkte gezeichnet werden. Namen, Reihenfolgen und beschriebene Beziehungen übernehmen die Orientierung. Die Illustration zeigt diese Möglichkeit durch geordnete Schriftspalten. Ihre einzelnen Keile sind jedoch frei gesetzt und keine historische Lesefassung.
Das Exponat folgt deshalb dem zugänglichen Text und seinen unterschiedlichen Listen. Achte zunächst auf die jeweilige Ordnungsfrage: Wird ein Name gesucht? Ein Zeitpunkt? Oder ein anderes Gestirn, das gleichzeitig am Horizont erscheint?
Pflug, Tiere und Gottheiten
Die digitale Edition von BM 86378 beginnt mit einem Pfluggestirn und ordnet ihm Enlil zu. Weitere Einträge verbinden Gestirne mit Tieren, Gegenständen und Gottheiten. Der Text nennt außerdem Gruppen, die zu Enlil, Anu und Ea gehören. Die edierte Tafel mit Übersetzung
Solche Benennungen machen deutlich, dass eine Beschreibung des Himmels in eine kulturelle Vorstellungswelt eingebettet ist. Ein vertraut klingender Tiername genügt noch nicht, um die genaue historische Ausdehnung der Gruppe mit einer heutigen Sternbildgrenze gleichzusetzen. Diese Zuordnung verlangt zusätzliche Untersuchung.
Die Ordnung wechselt mit der Aufgabe
Der Katalog des Museo Galileo beschreibt sechs Listen auf dieser Tafel: unter anderem Gestirnnamen, heliakische Aufgänge, gleichzeitige Auf- und Untergänge sowie Zeitabstände. Andere Abschnitte verbinden hohe Himmelsstellungen mit Aufgängen oder führen Gestirne im Weg des Mondes an. Der Aufbau der Listentafel
Ein Verzeichnis nach Namen löst eine andere Aufgabe als eine Folge nach Zeitpunkten. Stelle dir als heutige Analogie ein Personenverzeichnis und einen Terminplan vor. Beide können dieselben Beteiligten enthalten, aber die Reihenfolge macht jeweils eine andere Suche leichter.
Nicht nur ein Stern, sondern ein Zusammenhang
In einem Abschnitt der Edition werden Aufgänge und Untergänge miteinander verknüpft; ein anderer gibt Abstände in Tagen an. Ein Schlussvermerk bezieht sich auf das Schreiben und Prüfen nach einer Vorlage. Der erhaltene Text ist damit auch ein Zeugnis der Weitergabe geordneten Wissens.
Für den gedanklichen Vergleich lässt sich die Form stark vereinfachen: „Wenn A erscheint, verschwindet B.“ Das ist hier ein heutiges Schema, kein Zitat. Eine solche Beziehung hilft anders beim Orientieren als die isolierte Aussage, dass A und B überhaupt existieren.
Welche Art von Text liegt vor?
Die Verlagsbeschreibung der neueren Edition von Hunger und Steele ordnet MUL.APIN als breites Kompendium ein. Es verbindet astronomische Listen mit Rechenschemata, Kalenderfragen und Himmelsomina. Der fachliche Zusammenhang der Edition
Ein Text kann also regelmäßige Beziehungen zusammenstellen, ohne jede Zeile als unmittelbare Beobachtung einer bestimmten Nacht auszugeben. Ebenso wenig ist eine überlieferte Omenregel eine heutige physikalische Erklärung. Frage beim Lesen, ob ein Satz ordnet, anleitet, erwartet oder von einem einzelnen Ereignis berichtet.
Zwei Altersfragen bleiben auseinander
Für BM 86378 nennt CDLI eine neubabylonische Periodenzuordnung; der Museo-Galileo-Katalog setzt das Exemplar ungefähr um 500 v. u. Z. an. Der konkrete Fundort ist bei CDLI ungesichert. Diese abweichenden Angaben werden hier nicht zu einem scheinbar exakten Datum zusammengezogen.
Das Alter der Tafel und das Alter einer darin überlieferten Regel sind ohnehin verschiedene Fragen. Eine spätere Abschrift kann älteres Wissen enthalten. Umgekehrt lässt sich nicht jede einzelne Zeile pauschal auf den frühesten möglichen Beginn einer ganzen Tradition zurückdatieren.
Was die Liste für andere leistet
Versuche am Ende, die Frage ohne ein bestimmtes Sternbild zu beantworten: Was wird durch die Liste leichter? Sie stellt Einträge in eine erkennbare Beziehung. Wer die Sprache, Namen und Regeln kennt, kann an dieser Ordnung ansetzen und sie mit weiteren Texten oder Beobachtungen vergleichen.
Damit rückt eine grundlegende Entdeckung dieses Museumsraums in den Blick: Wissen lässt sich nicht nur bewahren. Seine Anordnung kann auch bestimmen, welche Zusammenhänge andere Menschen darin wiederfinden.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Die Datierung des konkreten Exemplars fällt in Katalogen unterschiedlich aus. Sternnamen und historische Gruppierungen lassen sich nicht ungeprüft mit heutigen Sternbildern gleichsetzen. Das Bild enthält keine lesbare Abschrift.
Begriffe verstehen
MUL.APIN
Üblicher Titel eines mesopotamischen astronomischen Kompendiums, nach dem am Anfang genannten Pfluggestirn.
← Zur TextstelleHeliakischer Aufgang
Erste erneute Sichtbarkeit eines Gestirns am Morgenhimmel vor Sonnenaufgang nach einer Zeit der Unsichtbarkeit.
Kolophon
Schlussvermerk eines Textträgers, der etwa Titel, Abschrift oder Prüfung nennen kann.
Quellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Eine Sternliste mit lesbarer Edition
Cuneiform Digital Library Initiative: P479385, CT 33, Tafeln 1–8, BM 86378. Digitale Edition und Objektkatalog; Übersetzungsstand Carr/Foxvog, Metadaten unter anderem Firth.
Akkadischer Text auf Ton, Fundort ungesichert. CDLI ordnet das Exemplar der neubabylonischen Periode zu. Einträge verbinden Namen, Gottheiten, Sichtbarkeitstermine und Beziehungen zwischen Gestirnen.
← Zur Textstelle: Pflug, Tiere und Gottheiten - Welche Listen auf der Tafel stehen
Museo Galileo / Istituto e Museo di Storia della Scienza (2009): The plough star. Ausstellungskatalog, BM 86378.
Beschreibt sechs unterschiedlich angelegte Listen. Die dortige ungefähre Datierung um 500 v. u. Z. ist später als die CDLI-Periodenzuordnung; im Exponat wird die Abweichung offengelegt.
← Zur Textstelle: Die Ordnung wechselt mit der Aufgabe - Der größere Zusammenhang von MUL.APIN
Hunger, H. und Steele, J. (2019): The Babylonian Astronomical Compendium MUL.APIN. Routledge, erste Ausgabe. DOI 10.4324/9781315168722.
Die Verlagsbeschreibung nennt Sternlisten, Planetenerscheinungen, Rechenschemata, Kalenderausgleich und Omina. Nur diese inhaltliche Einordnung daraus verwendet, kein präzises Entstehungsjahr.
← Zur Textstelle: Welche Art von Text liegt vor?
Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung in redaktioneller Prüfung. Bearbeitungsstand: 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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