Eine Nennung auf dem Hügel von Kiew
Der Chronikbericht zu 980 zählt Kultbilder auf, die Wladimir außerhalb seines Hofes aufstellen lässt. Nach Perun, Chors, Dažbog, Stribog und Simargl steht Mokoš. In der englischen Ausgabe heißt sie Mokosh. Der Satz ordnet sie einem beschriebenen Kultzusammenhang zu, gibt ihr aber keine eigene Handlung und keinen erklärten Zuständigkeitsbereich.
Die silberne Kopfbeschreibung und der goldene Schnurrbart gehören im Satz zu Perun. Sie liefern kein Aussehen Mokoš’. Auch die abwertende christliche Beurteilung des Kultes ist die Stimme der Chronik. Die Liste ist daher ein wichtiger früher Namensbeleg, aber kein neutraler Steckbrief aller aufgeführten Figuren.
Spinnen ist eine später erschlossene Verbindung
Roman Zaroff führt in seinem Aufsatz von 1999 Verbindungen Mokoš’ zum Scheren und Spinnen in russischer Folklore an. Daneben nennt er Bezüge zu Sexualität und Fruchtbarkeit. Diese Tätigkeiten machen verständlich, warum die Figur heute oft mit Faden und Spindel vorgestellt wird.
Die hier benutzte Quelle dafür ist Zaroffs Auswertung. Wir haben die von ihm herangezogenen Folklorezeugnisse nicht selbst miteinander verglichen. Vor allem sagt der Chronikabsatz von 980 nichts über eine Spindel. Eine spätere Verbindung kann einen eigenen Zugang zur Figur eröffnen, ohne zum beobachteten Inventar eines Kultbildes aus dem zehnten Jahrhundert zu werden.
Ein Name erlaubt mehrere Herleitungen
Zaroff bespricht verschiedene Herkunftsvorschläge für den Namen: eine mögliche Verbindung mit Feuchtigkeit, eine finno-ugrische Beziehung und eine iranische Herleitung. Schon die angenommene Richtung einer Entlehnung ist dabei nicht eindeutig. Ähnlichkeit mit einem anderen Namen beantwortet nicht von selbst, wer von wem übernommen hätte.
Die Verbindung mit feuchter Erde liegt einer Deutung als Muttergestalt nahe. Im gelesenen Abschnitt ist das eine mögliche Herleitung, keine gesicherte Übersetzung von Mokoš. Das Profil setzt deshalb weder eine universale Erdmutter noch eine fremde Herkunft als feste Identität voraus. Zuerst steht der Name in seiner tatsächlich gelesenen Stelle.
Eine interessante Vermutung bleibt eine Vermutung
Zaroff erwägt sogar, ob Mokoš eine Erfindung Wladimirs gewesen sein könnte. Er bezeichnet das eigene Argument ausdrücklich als höchst spekulativ. Die Aussage liefert damit keinen Nachweis, der Fürst habe die Göttin geschaffen. Sie zeigt, wie weit eine Forschungsdeutung über die knappe Namensliste hinausgehen kann.
Beim Blick auf Mokoš lohnt deshalb die Frage nach dem Alter jedes einzelnen Fadens: frühe Nennung, späterer Tätigkeitsbezug oder moderne Erklärung? Zusammen eröffnen sie ein differenziertes Profil. Werden sie zu einer einzigen angeblich vollständig überlieferten Geschichte verwoben, geht gerade diese wichtige Unterscheidung verloren.
Die Figur in ihren Quellen
Eine Gestalt, verschiedene Textrollen
Eine Nennung auf dem Hügel von Kiew
S.93: Namenliste und Wertung im Bericht zu980; S.240–242: Chronikberichte, Namenliste und christliche Perspektive
Spinnen ist eine später erschlossene Verbindung
S.66: Abschnitt Mokosh, Folklore und Tätigkeiten
Ein Name erlaubt mehrere Herleitungen
S.66–67: Etymologiehypothesen und Grenzen
Eine interessante Vermutung bleibt eine Vermutung
S.66: ausdrücklich hochspekulative Inventionsthese; S.67: Wissensgrenzen; S.93: frühe Liste
Fassungen und Belege unterscheiden
Werk, Überlieferung und Lesezugang
Werk
Povestʼ vremennych let / Primary Chronicle
Nur die Namensnennung in der Liste 980, Cross S. 93. Die Liste liefert hier keine Erzählung über Spinnen, Geburt oder Schicksalszuweisung.
Kompilation im frühen12.Jahrhundert; ältere Bestandteile, überlieferte Fassungen und spätere Handschriften unterscheiden.
Sprache: Altostslawisch
Beleg für den hier verwendeten Ausschnitt: The Russian Primary Chronicle: Laurentian Text (1953), ausgewählte Perun-Stellen Mokoš in zwei antiheidnischen Predigtzitaten
Überlieferungsträger
Laurentius-Handschrift der Chronik
Materieller Textzeuge nach wissenschaftlicher Beschreibung. Keine hier durchgeführte Handschriftenautopsie.
1377 nach OstrowskiS.230.
Sprache: Altostslawisch
Quellen zu diesem Lesezugang: Pagan Past and Christian Identity in the Primary Chronicle (2011), S. 229–253
Benutzter Lesezugang
Cross / Sherbowitz-Wetzor: The Russian Primary Chronicle, Laurentian Text
Benutzte englische Ausgabe in archiviertem PDF; nur einzeln dokumentierte Seiten gelesen. Die Radziwiłł-Miniatur ist ein gesondertes Bildzeugnis, nicht die Textgrundlage dieser Übersetzung.
1953; Überarbeitung der älteren Cross-Übersetzung.
Sprache: Englisch
Quellen zu diesem Lesezugang: The Russian Primary Chronicle: Laurentian Text (1953), ausgewählte Perun-Stellen
Werk
Organized Pagan Cult in Kievan Rus’: ausgewählte Namensabschnitte
Roman Zaroffs Aufsatz S.47–76, hier gesondert S.63–67 gelesen. Folklore-, Lied- und Bildbelege durch den Aufsatz vermittelt. Die Deutungen bleiben dem Autor zugeordnet.
1999
Sprache: Englisch
Quellen zu diesem Lesezugang: Organized Pagan Cult in Kievan Rus’ (1999), gesonderte Namensabschnitte S.63–67
Werk
The Sermon on Idols: bezeichnetes Predigtzitat
Nur das von Kutarev auf S. 199 zitierte Predigtfenster und die unmittelbar anschließende Einordnung auf 199–200. Keine ganze Predigt oder eigene Handschrift; Diva/Mokoš-Bezug offen.
Mehrere mittelalterliche Fassungen; Einordnung und voller Titel durch Kutarev2021,S.199 vermittelt.
Sprache: Altostslawisch,hier durch ein englisches Forschungszitat vermittelt
Beleg für den hier verwendeten Ausschnitt: Mokoš in zwei antiheidnischen Predigtzitaten
Benutzter Lesezugang
Kutarev2021: Zitat aus The Sermon on Idols
Eigenständiger Zugang für dieses Zitat. Kutarevs nachfolgende Funktionsdeutungen sind nicht mit der bloßen Namensnennung identisch.
Gedruckte S.199–200 des Forschungsaufsatzes; der Predigtzugang ist vermittelt.
Sprache: Englisch mit angeführtem älterem Wortlaut
Quellen zu diesem Lesezugang: Mokoš in zwei antiheidnischen Predigtzitaten
Werk
The Sermon of man who loves Christ: bezeichnetes Predigtzitat
Nur das gesonderte Predigtzitat auf Kutarev S. 200 mit Anmerkungen 18–20. Sim/Rgl und Volys bleiben als gelesene Formen gegenüber der Chronikliste unterscheidbar.
Fassungseinordnung durch Kutarev2021,S.200; keine unabhängige Datierung.
Sprache: Altostslawisch,hier durch ein englisches Forschungszitat vermittelt
Beleg für den hier verwendeten Ausschnitt: Mokoš in zwei antiheidnischen Predigtzitaten
Benutzter Lesezugang
Kutarev2021: Zitat aus The Sermon of man who loves Christ
Nur das zitierte Fenster und seine Forschungszuordnung. Keine eigene Edition,Galkovskij-Gesamtlektüre oder Handschriftenkollation.
Gedruckte S.200 und zugehörige Anmerkungen im gelesenen Auszug.
Sprache: Englisch mit angeführtem älterem Wortlaut
Quellen zu diesem Lesezugang: Mokoš in zwei antiheidnischen Predigtzitaten
Figuren und Namen in den Texten
Die Einträge folgen dem jeweiligen Werk. Eigene Handlungen, kurze Namensnennungen und Herkunftsangaben bleiben unterscheidbar. Gleiche oder ähnliche Namen ergeben noch keine gemeinsame Lebensgeschichte.
Povestʼ vremennych let / Primary Chronicle
1 Eintrag nach Szenen und Namensgruppen ansehen
Zum Werk und seinem hier benutzten Lesezugang
Handelnde und Namen der Chronik (1)
Die ausgewählte Stelle begrenzt die Aussage.
Mokosh’ in der Liste von 980
Der Name steht neben weiteren Namen in Vladimirs Aufstellungsbericht. Diese Zeile erzählt keine eigenen weiteren Taten der Gestalt.
Kein Aussehen, Familienverhältnis oder fester Aufgabenbereich aus der bloßen Listenposition erschlossen.
Beleg: Cross, S. 93 · The Russian Primary Chronicle: Laurentian Text (1953), ausgewählte Perun-Stellen
The Sermon on Idols: bezeichnetes Predigtzitat
1 Eintrag nach Szenen und Namensgruppen ansehen
Zum Werk und seinem hier benutzten Lesezugang
Vermittelte Zitate und spätere Modelle (1)
Zitatweg und Forschungsdeutung bleiben erkennbar.
Mokosh und Diva im ersten Predigtzitat
Die zitierte Reihe stellt die Formen nahe zusammen.
Ob Diva hier zu Mokoš gehört oder eine eigene Gestalt meint, bleibt ausdrücklich offen.
Beleg: Kutarev 2021, S. 199–200, Zitat und Anm. 16–20 · Mokoš in zwei antiheidnischen Predigtzitaten
Der Weg zum Beleg
Quellen und Einordnung
- Überlieferung
- Mokoš in der Kiewer Chronikliste, zwei getrennte vermittelte Predigtzitate und spätere Forschungsdeutungen.
- Verwendeter Ausschnitt
- Cross/Sherbowitz-Wetzor 1953, S. 93; Kutarev 2021, S. 199–200; Zaroff 1999, S. 66–67.
- The Russian Primary Chronicle: Laurentian Text (1953), ausgewählte Perun-Stellen
Samuel Hazzard Cross und Olgerd P. Sherbowitz-Wetzor, Übersetzung und Edition; Mediaeval Academy of America
Vorrede und ausgewählte englische Seiten 65, 74, 77, 90, 93, 116–117 sowie Kommentar S. 226 Anm. 55 gelesen. Gedruckte Seiten 77, 93, 116–117 zusätzlich als Seitenbilder betrachtet.
Keine Volllektüre der Chronik, keine Handschriftenkollation. Jahreszahlen innerhalb der Chronik unterscheiden sich vom Datum der Kompilation und der erhaltenen Abschriften. Ältere religionsgeschichtliche Kommentare sind keine Primärzeugnisse oder automatisch heutiger Konsens. Abgerufen am 2026-09-26.
- Organized Pagan Cult in Kievan Rus’ (1999), gesonderte Namensabschnitte S.63–67
Roman Zaroff; Studia mythologica Slavica2, S.47–76, DOI10.3986/sms.v2i0.1844 · 1999
Gedruckte S.63–67 vollständig als Textauszüge gelesen: Stribog, Personifizierung, Rekonstruktion sowie Khors, Simargl und Mokosh.
Neue begrenzte Lektüre desselben Aufsatzes, getrennt vom früheren Perun-Nachweis. Keine Gesamtlektüre oder eigene Prüfung der zitierten Lied-, Folklore-, Sprach- und Bildbelege. Herkunfts- und Kontinuitätsschlüsse bleiben Zaroffs Forschungspositionen. Defekte kyrillische Extraktionszeichen nicht für sprachliche Einzelbeweise verwendet. Abgerufen am 2026-09-26.
- Pagan Past and Christian Identity in the Primary Chronicle (2011), S. 229–253
Donald Ostrowski; in Ildar H. Garipzanov (Hg.), Historical Narratives and Christian Identity on a European Periphery, Brepols
S. 229–232, 240–243 und 252–253 gelesen; S. 241 mit den Chronikbelegen zusätzlich visuell geprüft. Verlagsmetadaten bestätigen Band, Herausgeber und Erscheinungsjahr 2011.
Teilkapitel-Lektüre, keine Gesamtlektüre des Sammelbands. Modell zweier Erzähler und Herkunftshypothesen sind Argumente des Autors. Beschädigte kyrillische Zeichen der PDF-Textextraktion nicht als Originaltext verwendet; keine eigenständige Kollation. Abgerufen am 2026-09-26.
- Mokoš in zwei antiheidnischen Predigtzitaten
Oleg V. Kutarev · Studia Mythologica Slavica 24, 2021, S. 195–217; hier nur S. 199–200.
Gedruckte S. 199–200 vollständig tatsächlich gelesen: The Sermon on Idols, The Sermon of man who loves Christ und jeweilige Zitier-/Datierungsangaben. Eigenständiges Lesefenster zusätzlich zum unveränderten älteren Dažbog-Nachweis.
Keine Originalpredigt-, Handschriften- oder Galkovskij-Editionsautopsie. Datierung der Fassungen und die Verbindung von Diva und Mokoš sind vermittelte Angaben bzw. offene Deutung. Liste enthält keine eigenständige Mokoš-Erzählung. Erklärungen zu anderen Wesen bleiben Forschungspositionen und werden nicht pauschal übernommen. Abgerufen am 2026-10-03.
Redaktion und Bearbeitungsstand
Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-10-18. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.
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