Zwei Gestalten, ein versperrter Weg

Sie möchte zurück – aber nicht unter jeder Bedingung
Izanagi sucht Izanami in Yomi auf. Er möchte sie wiedersehen und bittet sie, mit ihm zurückzukehren: Die Länder, die beide geschaffen haben, seien noch nicht fertig. Seine Bitte verbindet die persönliche Begegnung mit einer gemeinsamen Aufgabe. Er spricht mit ihr; sie ist keine stumme Gestalt, die er einfach abholen könnte.
Izanami bedauert, dass er nicht früher gekommen ist. Sie hat bereits von der Nahrung Yomis gegessen. Trotzdem möchte sie zurück. Zunächst will sie jedoch mit den dortigen göttlichen Mächten sprechen. Bevor sie wieder in das Gebäude geht, verlangt sie von Izanagi, sie nicht anzusehen.
Die Rückkehr ist damit weder vereinbart noch endgültig ausgeschlossen. Sie hängt an einer noch ausstehenden Entscheidung. Izanami bestimmt eine Grenze des Wartens: Er soll ihr Zeit lassen und ihren Blickschutz respektieren. Gerade dieses noch offene Gespräch wird er nicht abwarten.
Das Licht verletzt ihr Verbot
Izanagi wartet lange und verliert die Geduld. Er bricht einen Zahn aus dem Kamm in seinem Haar, entzündet ihn und geht hinein. Das Licht macht sichtbar, was Izanami seinem Blick entziehen wollte: Der Text schildert körperlichen Verfall und acht Donnergestalten an ihrem Körper. Izanagi erschrickt und flieht.
Izanami wirft ihm vor, sie beschämt zu haben. Ihre Antwort gehört ebenso zur Szene wie sein Erschrecken. Wer nur erzählt, dass er eine schreckliche Tote entdeckt, lässt die vorausgegangene Bitte und ihre Verletzung weg. Der Blick ist eine Handlung mit Folgen für beide.
Die aktuelle Kokugakuin-Ausgabe warnt davor, die Körperbeschreibung lediglich als realistische Beobachtung einer verwesenden Leiche zu behandeln. Sie liest sie im Zusammenhang mit Izanamis veränderter Existenz in Yomi und dem Blickverbot. Auch der Klang der betreffenden Wendung wird unterschiedlich gedeutet. Die Station beschreibt daher die erzählerische Funktion, ohne ein medizinisches Bild zu entwerfen.
Aus Gegenständen werden Hindernisse
Izanami schickt eine Verfolgerin aus Yomi hinter ihm her. Izanagi wirft seinen Haarschmuck fort; daraus werden Trauben. Während die Verfolgerin sie aufnimmt, gewinnt er Abstand. Als sie wieder näher kommt, zerbricht er den anderen Kamm und wirft ihn hinter sich. Bambussprossen wachsen auf und halten die Verfolgung erneut auf.
Dann schickt Izanami die acht Donnergestalten mit einer Schar von fünfzehnhundert Kriegern. Izanagi hält sein Schwert nach hinten und läuft weiter. An der Grenze Yomotsuhirasaka nimmt er drei Pfirsiche und schlägt die Verfolger damit zurück. Den Früchten weist er daraufhin eine weitere Aufgabe zu: Sie sollen auch Menschen in Bedrängnis helfen.
So verändert sich die Bewegung der Erzählung. Am Anfang will Izanagi zu Izanami gelangen. Nun setzt er Dinge zwischen sich und die Verfolgenden. Doch keiner dieser Aufschübe ist schon die endgültige Grenze.
Am Felsen sprechen beide
Schließlich verfolgt Izanami ihn selbst. Izanagi verschließt den Übergang mit einem gewaltigen Felsen. Auf entgegengesetzten Seiten stehen sie einander gegenüber und erklären ihre Trennung. Der Stein ist nicht bloß Hintergrund: Er macht den Abbruch ihrer gemeinsamen Bewegung sichtbar.
Izanami kündigt an, jeden Tag tausend Menschen seines Landes zu töten. Izanagi antwortet, er werde täglich fünfzehnhundert Geburtshäuser errichten. So verbindet die Erzählung die Trennung dieser beiden Gestalten mit dem fortwährenden Sterben und Geborenwerden der Menschen. Die Zahlen gehören zur Aussage des Mythos; sie sind keine historische Bevölkerungsstatistik.
Der Text nennt Izanami nun auch die große Gottheit Yomis. Ihre Rolle endet nicht damit, dass Izanagi sich entfernt. Das Ende verteilt Macht über Leben und Tod und lässt die Grenze bestehen. Aus einer gescheiterten Begegnung entsteht eine Ordnung, in der beide weiter handeln.
Wie genau die Trennungsformel zu übersetzen ist, bleibt umstritten. Der Kommentar von 2026 unterscheidet mehrere Lesarten und mahnt zur Vorsicht, wenn eindeutigere Scheidungsformulierungen aus Varianten des Nihon shoki in das Kojiki hineingelesen werden. Hier bleibt deshalb die wechselseitige Trennung der gemeinsame Ausgangspunkt.
Wo liegt Yomi?
Das Kojiki verbindet den Übergang mit Ifuya in Izumo. Eine solche örtliche Verankerung ist Teil der Überlieferung. Sie beweist keine geografisch auffindbare Totenwelt. Die aktuelle Edition bespricht die Verbindung mit dem heutigen Iya-Schrein und weitere überlieferte Ortsbezüge.
Schon die Frage, ob Izanagi bei seiner Flucht aufwärts oder abwärts läuft, hängt an schwierigen Lesarten. Kapitel 10 der Kokugakuin-Ausgabe zeigt: Selbst die Entscheidung für ein Schriftzeichen mit der Bedeutung „Hang“ würde noch nicht eindeutig festlegen, auf welcher Seite Yomi liegt. Das macht die Grenze für die Handlung genauer bestimmbar als eine dreidimensionale Landkarte.
Nishioka Kazuhiko betont im Lexikonartikel außerdem, dass Yomi nicht durchgehend dunkel vorgestellt werden muss. Unsere helle und dunkle Bildhälfte ist eine heutige künstlerische Entscheidung. Auch Kleidung, Gesichter und Felsgestalt sind erfunden. Chamberlains englisches Wort „Hades“ ist eine Übersetzungsentscheidung aus dem 19. Jahrhundert; es macht Yomi nicht zum griechischen Totenreich.
Drei Rückwege, verschiedene Regeln
Vergleiche die Bedingungen, bevor du die Geschichten gleichsetzt. Ein ähnliches Motiv macht die Beteiligten und ihre Handlungsmöglichkeiten nicht austauschbar.
| Erzählung | Wer setzt die Bedingung? | Was steht auf dem Spiel? |
|---|---|---|
| Izanami und Izanagi im Kojiki | Izanami verlangt, nicht angesehen zu werden. | Eine gemeinsame Rückkehr ist noch nicht zugesagt. Der verbotene Blick führt zu Flucht und Trennung. |
| Orpheus und Eurydike bei Ovid | Die Mächte der Unterwelt gewähren die Rückkehr unter einer Bedingung. | Der Blick zurück bricht diese Bedingung während des Aufstiegs. |
| Inanna nach Attingers Rekonstruktion | Die Anuna fordern nach ihrer Wiederbelebung Ersatz. | Inannas Rückkehr bedeutet nicht, dass alle frei werden. |
Wessen Grenze sehen wir?
Lies die Begegnung noch einmal aus Izanamis Perspektive: Sie beantwortet eine Bitte, versucht eine Möglichkeit zu klären und formuliert ein Verbot. Welche dieser Handlungen geht verloren, wenn die Geschichte nur als Liebesbeweis Izanagis erzählt wird?
Drei Ebenen des Lesens
Werk, Handschrift, Ausgabe
Überlieferter Text
Kojiki
Der hier erschlossene Yomi-Abschnitt gehört zum Kojiki. Andere Teile des Werkes sind dadurch nicht vollständig gelesen.
Werk, überlieferte Handschriften und heutige Übersetzungen werden getrennt datiert.
Sprache: Japanischer Text in chinesischen Schriftzeichen
Erhaltener Textzeuge
Shinpukuji-bon des Kojiki
Die Edition bezeichnet ihn als älteste erhaltene Kojiki-Handschrift und verwendet ihn als Grundlage der Kollation. Hier nur bibliografisch nachgewiesen; kein Faksimile gelesen.
1371–1372 nach dem Vorwort der Kokugakuin-Ausgabe.
Sprache: Japanischer Text in chinesischen Schriftzeichen
Benutzte Ausgabe
Chamberlains englische Kojiki-Übersetzung
Historische Übersetzung mit Anmerkungen. Erzählgrundlage der deutschen Yomi-Station; historische Begriffswahl wird gesondert geprüft.
1882; gelesen in der digitalen Transkription von Abschnitt IX.
Sprache: Englisch
Benutzte Ausgabe
Studies on the Kojiki: englische Kapitel 9–11
Quirós und Nakai übersetzen den vom Team um Taniguchi Masahiro erarbeiteten Text und Kommentar. Die Ausgabe berücksichtigt mehrere Textzeugen; der hier verknüpfte ist ihre Ausgangshandschrift. Drei Kapitel gelesen, nicht das Gesamtwerk.
2025–2026; Kapitel 9 und 10 wurden 2026 überarbeitet.
Sprache: Englische Übersetzung mit philologischem Kommentar
Welche Zeit ist gemeint?
- Die Handlung gehört zur mythischen Erzählzeit; kein historisch datiertes Ereignis.
- Shinpukuji-Handschrift: 1371–1372 laut dem modernen Editionsvorwort; kein Entstehungsdatum der Erzählung.
- Verwendete historische englische Übersetzung von Basil Hall Chamberlain.
- Aktuelle englische Kommentare der Kokugakuin-Universität, Kapitel 9–11; Dateien teilweise 2026 überarbeitet.
Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.
Der Weg zum Beleg
Quellen und Einordnung
- Überlieferung
- Yomi-Erzählung im Kojiki; abgegrenzter Vergleich mit Ovids Orpheus und sumerischer Inanna
- Verwendeter Ausschnitt
- Kojiki, Abschnitt IX nach Chamberlain 1882. Aktuelle Einordnung: Studies on the Kojiki, Kapitel 9–11, 2025/2026. Keine zusammengefügte Kojiki-Nihon-shoki-Fassung.
- Kojiki – Section IX: The Land of Hades
Basil Hall Chamberlain, Übersetzung; Transkription bei Wikisource · 1882; Online-Transkription zuletzt bearbeitet 16.12.2024
Basil Hall Chamberlain, Translation of Ko-ji-ki, 1882, Abschnitt IX. Eigenständige deutsche Nacherzählung auf Grundlage der historischen Übersetzung; Abgleich mit den aktuellen Kommentaren der Kokugakuin-Universität.
Abschnitt IX vollständig, einschließlich der 27 Fußnoten gelesen.
Historische gemeinfreie Übersetzung, keine eigene Übertragung aus dem Altjapanischen. Chamberlains Wort Hades, seine unsicheren Etymologien und kulturvergleichenden Verallgemeinerungen werden nicht als heutiger Forschungsstand übernommen. Kein gesamtes Kojiki gelesen. Abgerufen am 2026-09-25.
- Studies on the Kojiki, Chapter 9: The Land of Yomi (1)
Taniguchi Masahiro et al., Zusammenstellung; Ignacio Quirós und Kate Wildman Nakai, englische Übersetzung; Kokugakuin University · 2025; Datei geändert 14.03.2026
Englische Onlineausgabe, Kapitel 9; Copyright Kokugakuin University. Die längere Nacherzählung der Station beruht auf Chamberlain 1882, nicht auf einer Übersetzung dieses modernen englischen Textes.
Alle 11 PDF-Seiten einschließlich Übersetzung, Textanmerkungen und bibliografischer Angaben gelesen.
Einzeln gelesenes Kapitel; keine vollständige Kojiki-Lektüre oder eigene Handschriftenkollation. Im Kommentar zitierte Nihon-shoki-Varianten sind nur in diesem Ausschnitt erschlossen. Urheberrechtlich geschützte moderne Ausgabe: nur kurze eigenständige Zusammenfassung ihrer Forschungsargumente. Abgerufen am 2026-09-25.
- Studies on the Kojiki, Chapter 10: The Land of Yomi (2)
Taniguchi Masahiro et al., Zusammenstellung; Ignacio Quirós und Kate Wildman Nakai, englische Übersetzung; Kokugakuin University · 2025; Datei geändert 04.09.2026
Englische Onlineausgabe, Kapitel 10; Copyright Kokugakuin University. Die längere Nacherzählung der Station beruht auf Chamberlain 1882, nicht auf einer Übersetzung dieses modernen englischen Textes.
Alle 9 PDF-Seiten einschließlich Übersetzung, Textanmerkungen und bibliografischer Angaben gelesen.
Einzeln gelesenes Kapitel; keine vollständige Kojiki-Lektüre oder eigene Handschriftenkollation. Im Kommentar zitierte Nihon-shoki-Varianten sind nur in diesem Ausschnitt erschlossen. Urheberrechtlich geschützte moderne Ausgabe: nur kurze eigenständige Zusammenfassung ihrer Forschungsargumente. Abgerufen am 2026-09-25.
- Studies on the Kojiki, Chapter 11: The Land of Yomi (3)
Taniguchi Masahiro et al., Zusammenstellung; Ignacio Quirós und Kate Wildman Nakai, englische Übersetzung; Kokugakuin University · 2026
Englische Onlineausgabe, Kapitel 11; Copyright Kokugakuin University. Die längere Nacherzählung der Station beruht auf Chamberlain 1882, nicht auf einer Übersetzung dieses modernen englischen Textes.
Alle 8 PDF-Seiten einschließlich Übersetzung, Textanmerkungen und bibliografischer Angaben gelesen.
Einzeln gelesenes Kapitel; keine vollständige Kojiki-Lektüre oder eigene Handschriftenkollation. Im Kommentar zitierte Nihon-shoki-Varianten sind nur in diesem Ausschnitt erschlossen. Urheberrechtlich geschützte moderne Ausgabe: nur kurze eigenständige Zusammenfassung ihrer Forschungsargumente. Abgerufen am 2026-09-25.
- Yomi – Encyclopedia of Shinto
Nishioka Kazuhiko; Kokugakuin University · Undatierte Onlinefassung
Vollständiger Lexikonartikel gelesen.
Lexikonartikel, keine Edition des gesamten Kojiki und keine Aussage aller heutigen Shintō-Praktizierenden. Nur kurze eigenständige Zusammenfassung; keine Abbildungen übernommen. Abgerufen am 2026-09-25.
- Metamorphosen, Buch 10
Publius Ovidius Naso; digitale Transkription The Latin Library · antiker Text; digitales Editionsdatum nicht ausgewiesen
10,1–85 gelesen; für die Unterweltsreise 1–77 verwendet.
Lateinischer Lesetext ohne auf dieser Seite ausgewiesenen kritischen Apparat. Gegenlektüre mit Brookes Mores historischer Übersetzung. Abgerufen am 2026-09-25.
- La descente d’Innana dans le monde infernal (1.4.1)
Pascal Attinger · 2019, aktualisiert 2021
Zenodo, Version v2, DOI 10.5281/zenodo.4603728. Lizenz laut archivierter Repository-Metadaten: Creative Commons Namensnennung 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/). Die deutsche Nacherzählung und das Schema sind bearbeitete Zusammenfassungen, keine vollständige Übersetzung.
Bibliografische Einleitung S. 1–4; französische Übersetzung und Anmerkungen S. 74–94, einschließlich der abweichenden Torfolgen, Wartezeiten und des umstrittenen Schlusses. S. 81 mit der Torfolge visuell am PDF geprüft.
Die vollständige Partitur S. 4–74 wurde nicht kollationiert. Keine eigene Entzifferung der Tontafeln. Der zusammenhängende Text ist eine moderne Rekonstruktion aus mehreren Textzeugen; Lesarten und Forschungskontroversen bleiben sichtbar. Abgerufen am 2026-09-25.
- Studies on the Kojiki: Preface to the English Translation
Ignacio Quirós und Kate Wildman Nakai; Kokugakuin University · 2025
Alle vier Seiten gelesen, einschließlich Editionsprinzipien und bibliografischer Angaben.
Selbstauskunft des Editionsprojekts. Keine eigene Sichtung oder Kollation der genannten Handschriften. Das Vorwort zur modernen englischen Ausgabe ist nicht das alte Kojiki-Vorwort. Abgerufen am 2026-09-25.
Redaktion und Bearbeitungsstand
Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-09-25. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.
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