Zum Museumsinhalt
MythaneumDas Museum der Mythologien

Figur

Ratatoskr: Was trägt das Eichhörnchen?

Ratatoskr trägt Worte vom Adler zu Níðhöggr. Vergleiche, was das Gedicht tatsächlich sagt und welche feindlichen Worte erst Snorris Prosa ergänzt.

5–6 Minuten Lesezeit

Ein kurzer Weg durch einen großen Baum

Ratatoskr ist ein Eichhörnchen am Weltenbaum Yggdrasil. In Grímnismál bekommt es nur wenige Verszeilen: Es läuft am Baum und bringt Worte des Adlers von oben zu Níðhöggr unten. Diese kleine Bewegung verbindet zwei weit auseinanderliegende Figuren.

Mehr Handlung erzählt der Vers nicht. Gerade deshalb lohnt genaues Hinsehen: Was trägt Ratatoskr, welche Richtung nennt das Gedicht, und welche Einzelheiten fügt Snorris spätere Prosa hinzu?

Was sagt Grímnismál 32?

Der Vers nennt Ratatoskr ausdrücklich ein Eichhörnchen. Es soll am Yggdrasil laufen, die Worte eines Adlers von oben tragen und sie Níðhöggr unten sagen. „Von oben“ und „unten“ sind in diesem Beleg wichtiger als eine genaue Entfernung oder eine Karte sämtlicher Welten.

Der Vers berichtet nicht, ob Ratatoskr die Worte verändert, ob es jemanden ärgern will oder wie Adler und Níðhöggr antworten. Eine Beleidigung oder ein dauerhaftes Feindschaftsritual wäre eine zusätzliche Deutung, keine direkte Aussage dieser Strophe.

Die Nachbarn der kurzen Strophe

Grímnismál zählt zuvor drei Wurzeln Yggdrasils auf. Danach folgen Ratatoskr, vier Hirsche, Schlangen und die Belastungen des Baums. Das Eichhörnchen steht also in einer Reihe knapper Bilder zum Weltenbaum, nicht in einer ausführlichen Erzählung mit Anfang, Krise und Lösung.

Strophe 35 nennt Níðhöggr erneut als Nager von unten. Dieser Zusammenhang erklärt, warum der Empfänger der Worte unter dem Baum gedacht ist. Er erklärt aber nicht, welche Worte fallen oder ob sie einen Streit auslösen.

Snorri gibt den Worten eine Färbung

Gylfaginning XVI erzählt den Baum in Prosa. Ratatoskr läuft dort auf und ab und trägt „ǫfundarorð“, also feindliche oder neidische Worte, zwischen dem Adler und Níðhöggr. Brodeur übersetzt die Stelle als „envious words“.

Der Gegensatz zum Gedicht ist präzise: Grímnismál nennt die Worte des Adlers und ihren Weg hinab. Snorri beschreibt das Hin und Her zwischen beiden Wesen und nennt die Worte feindlich. Daraus folgt noch keine nachgewiesene Absicht Ratatoskrs, selbst einen Streit zu erfinden oder die Botschaft zu verfälschen.

Adler und Habicht sind nicht dieselbe Figur

Snorri nennt einen wissenden Adler in den Ästen. Zwischen dessen Augen sitzt ein Habicht mit dem Namen Veðrfölnir. Der Adler selbst erhält an dieser Stelle keinen Namen. Im Gedicht wird Ratatoskr mit den Worten des Adlers verbunden; der Habicht wird dort nicht als Sprecher genannt.

Auf einer modernen Zeichnung könnten Adler und Habicht leicht zu einem einzigen Vogel werden. Für die Quellenlektüre bleiben es in Snorris Satz zwei Vögel an einem Ort. Wer Veðrfölnir zum Absender der Worte macht, fügt eine nicht belegte Zuordnung hinzu.

Ein Name im Editionsapparat

Pettits kritische Ausgabe druckt Ratatoskr. Im Apparat zur ersten Zeile von Strophe 32 vermerkt sie für einen mit „A“ bezeichneten Textzeugen die Form „Raratoskr“. Diese Angabe zeigt, dass schon die Schreibung beim Lesen einer Edition geprüft werden muss.

Wir machen aus der abweichenden Buchstabenfolge keine zweite Gestalt. Auch eine eindeutige Erklärung des Namens ersetzt nicht den knappen Vers. Das Profil beruht auf Pettits Apparat, nicht auf einer eigenen Prüfung der Handschrift.

Welche Ebene liefert welche Aussage?

Die Gegenüberstellung trennt den Wortlaut des Gedichts, Snorris Ausgestaltung und moderne Erfindungen. Sie macht die kleine Rolle sichtbar, ohne sie künstlich aufzublähen.

BelegDas ist belegtDas bleibt offen
Grímnismál 32Ratatoskr trägt Adlerworte von oben zu Níðhöggr unten.Inhalt und Wirkung der Worte.
Gylfaginning XVIRatatoskr läuft auf und ab; feindliche Worte gehen zwischen Adler und Níðhöggr.Ob das Eichhörnchen die Worte verändert.
Gylfaginning XVIVeðrfölnir heißt der Habicht zwischen den Augen des namenlosen Adlers.Der Habicht als Sprecher der Worte.
Pettits Apparat 32/1Für A wird die Schreibung „Raratoskr“ vermerkt.Keine zweite eigenständige Figur.

Welche Museumsbeschriftung trägt der Beleg?

Du kannst die Rolle in einem Satz erklären. Welche der drei Beschriftungen trennt Vers, Prosa und Vermutung sauber?

Grímnismál lässt Ratatoskr Adlerworte zu Níðhöggr tragen. Snorri nennt diese Worte feindlich und beschreibt ein Auf und Ab zwischen den beiden Wesen.

Diese Formulierung trägt der Beleg.

Die Beschriftung benennt beide Textschichten getrennt und behauptet keine erfundenen Motive.

Ratatoskr erfindet täglich Lügen, damit Adler und Níðhöggr niemals Frieden schließen.

Hier geht die Formulierung zu weit oder verfehlt den Beleg.

Weder tägliche Lügen noch ein absichtlicher Friedensbruch stehen in den gelesenen Stellen.

Veðrfölnir ist der Adler, dessen Worte Ratatoskr im Grímnismál trägt.

Hier geht die Formulierung zu weit oder verfehlt den Beleg.

Snorri nennt Veðrfölnir als Habicht zwischen den Augen des unbenannten Adlers.

Eine kleine Rolle bleibt klein

Ratatoskr hat einen Namen, eine Gestalt, einen Ort und eine Tätigkeit. Das ist genug für ein genaues Figurenprofil. Quellen geben ihm hier aber keine Familie, keine eigenen Reisen außerhalb Yggdrasils, kein Endzeitschicksal und keine ausdrücklich erklärte Absicht.

Wer den Baum als Raum verstehen möchte, kann das Yggdrasil-Exponat lesen. Níðhöggrs Profil verfolgt den Empfänger der Worte weiter in andere Textbilder. Ratatoskrs eigene Spur bleibt die kurze Verbindung zwischen oben und unten – mit dem Unterschied zwischen Gedicht und Prosa im Blick.

Die Figur in ihren Quellen

Eine Gestalt, verschiedene Textrollen

Gedichtvers
Grímnismál 32 mit benanntem Umfeld 31–35 und Apparat 32/1.

Prosaausgestaltung
Gylfaginning XVI in kritischem Text und historischer Übersetzung.

Belegte Beziehungen

  • Empfänger der Adlerworte im Gedicht; Prosaverhältnis weiter ausgestaltet. NíðhöggrBelege [1] [2] : Grímnismál 32; Gylfaginning XVI

Texte und ihre Zugänge

Werke, Fassungen und verwendete Zugänge

Überlieferter Text

Grímnismál

Pettit: 31–35, besonders 32, mit Apparat 32/1 und Anmerkungen 145–148. Adlerworte werden von oben zu Níðhöggr getragen; Inhalt, Wirkung und Absicht bleiben offen. Die für A vermerkte Schreibung Raratoskr ergibt keine zweite Figur.

Keine genaue Entstehungsdatierung angesetzt.

Sprache: Altnordisch

Überlieferter Text

Snorris Edda

Faulkes: Gylfaginning XVI, S. 18–19; Brodeur: XVI als historische Übersetzungshilfe. Die Prosa beschreibt ein Auf und Ab und feindliche Worte zwischen Adler und Níðhöggr. Eine Erfindung oder Verfälschung der Botschaft durch Ratatoskr ist damit nicht belegt.

Werk- und Stoffgeschichte nicht mit Datum der benutzten Übersetzung gleichgesetzt.

Sprache: Altnordisch

Benutzte Ausgabe

Grímnismál 32: Ratatoskr und die Worte des Adlers

Pettit 2023, Grímnismál 31–35, altnordischer Text und englische Übersetzung auf gedruckten S. 180–183, Apparat zu 32/1 auf S. 191 und Anmerkungen 145–148 auf S. 200 gelesen; vier Original-PDF-Seiten visuell betrachtet.

2023: Pettits Edition, Übersetzung und Apparat zu Strophe 32.

Sprache: Altnordisch und Englisch

Benutzte Ausgabe

Gylfaginning XVI: Ratatoskr zwischen Adler und Níðhöggr

Faulkes, Gylfaginning XVI, gedruckte S. 18–19, einschließlich Ratatoskr, Adler, Veðrfölnir und Níðhöggr im altnordischen Text; zwei Original-PDF-Seiten visuell betrachtet.

2005, Nachdruck 2011: kritischer Text von Gylfaginning XVI.

Sprache: Altnordisch und Englisch

Benutzte Ausgabe

Gylfaginning XVI: historische englische Übersetzung

Brodeurs historische englische Übersetzung von Gylfaginning XVI bis zu den zitierten Grímnismál-Strophen gelesen.

1916: historische Übersetzung als Verständnishilfe.

Sprache: Englisch

Welche Zeit ist gemeint?

  • 1916: benutzte Brodeur-Übersetzung als Verständnishilfe.
  • 2005, Nachdruck 2011: benutzte kritische Faulkes-Ausgabe.
  • 2023: Pettits Gedichtedition mit Apparat und Kommentar.

Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.

Der Weg zum Beleg

Quellen und Einordnung

Überlieferung
Ausgewählte altnordische Dichtung und Snorris Prosa; Variante nur nach benanntem Editionsapparat
Verwendeter Ausschnitt
Pettit 2023: Grímnismál 31–35 samt Apparat 32/1 und Anmerkungen 145–148; Faulkes Gylfaginning XVI, S. 18–19; Brodeur XVI. Keine vollständige Handschriftenkollation oder erschlossene eigenständige Abenteuergeschichte.
  1. Grímnismál 32: Ratatoskr und die Worte des Adlers

    Edward Pettit, The Poetic Edda, Open Book Publishers 2023

    Pettit 2023, Grímnismál 31–35, altnordischer Text und englische Übersetzung auf gedruckten S. 180–183, Apparat zu 32/1 auf S. 191 und Anmerkungen 145–148 auf S. 200 gelesen; vier Original-PDF-Seiten visuell betrachtet.

    Strophe 32 nennt Ratatoskr als Eichhörnchen und den Weg der Adlerworte von oben zu Níðhöggr unten. „Böse“ Worte, ein Rückweg der Rede und eigene Absichten Ratatoskrs stehen nicht ausdrücklich im Gedicht. Pettits Apparat meldet A: Raratoskr; das ist keine selbst vorgenommene Handschriftenkollation. Abgerufen am 2026-09-28.

  2. Gylfaginning XVI: Ratatoskr zwischen Adler und Níðhöggr

    Anthony Faulkes, Viking Society for Northern Research

    Faulkes, Gylfaginning XVI, gedruckte S. 18–19, einschließlich Ratatoskr, Adler, Veðrfölnir und Níðhöggr im altnordischen Text; zwei Original-PDF-Seiten visuell betrachtet.

    Snorris Prosa beschreibt Ratatoskr als auf- und ablaufenden Boten feindlicher Worte zwischen Adler und Níðhöggr. Der benannte Veðrfölnir ist der Falke zwischen den Augen des Adlers; der Adler selbst bleibt in der gelesenen Stelle namenlos. Abgerufen am 2026-09-28.

  3. Gylfaginning XVI: historische englische Übersetzung

    Arthur Gilchrist Brodeur, Übersetzung 1916

    Brodeurs historische englische Übersetzung von Gylfaginning XVI bis zu den zitierten Grímnismál-Strophen gelesen.

    Übersetzung von 1916 als Verständnishilfe zur zusätzlich gelesenen Faulkes-Ausgabe; keine unabhängige zweite mittelalterliche Überlieferung. „Envious words“ ist Brodeurs Übersetzung der Prosastelle, nicht der Wortlaut von Grímnismál 32. Abgerufen am 2026-09-28.

Redaktion und Bearbeitungsstand

Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-10-17. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.

Eine Korrektur oder ein kulturelles Anliegen melden · Bitte den Titel oder die Seitenadresse nennen.