Warum betritt Odysseus die Höhle?
Odysseus erzählt den Phaiaken selbst von der Insel der Kyklopen. Mit zwölf Männern geht er in Polyphemos' Höhle. Seine Gefährten wollen Käse und Tiere nehmen und rasch abfahren. Odysseus besteht darauf, den Bewohner zu erwarten: Er hofft auf ein Gastgeschenk und möchte ihn kennenlernen.
Damit beginnt die Gefahr nicht allein mit dem Eintreffen des Kyklopen. Odysseus entscheidet, in der fremden Höhle zu bleiben. Diese Entscheidung erklärt Polyphemos' folgende Gewalt nicht weg; sie gehört aber zu einer Erzählung, in der der Held auch seine eigenen Motive offenlegt.
Gastrecht trifft auf tödliche Gewalt
Polyphemos verschließt die Höhle mit einem gewaltigen Stein. Odysseus beruft sich auf Zeus als Schützer der Gäste und bittet um Aufnahme. Der Kyklop weist diesen Anspruch zurück und tötet zwei Männer. An weiteren Mahlzeiten setzt er die Gewalt fort.
Die Episode zeigt die Verletzung des Gastrechts besonders scharf: Der mögliche Gastgeber macht Gäste zu Beute. Odysseus kann Polyphemos nicht einfach im Schlaf töten, denn dann bliebe der Stein vor dem Ausgang für die Eingeschlossenen unüberwindbar.
Der Name Niemand schafft Zeit
Odysseus bietet dem Kyklopen Wein an und nennt sich Niemand. Als Polyphemos betrunken einschläft, blenden ihn die Eingeschlossenen mit einem zugespitzten Holzpfahl. Seine Nachbarn hören die Hilferufe, verstehen aber, dass angeblich Niemand ihm etwas antue, und bleiben fort.
Am Morgen kontrolliert der Geblendete seine Schafe am Höhlenausgang. Die Männer kommen unter zusammengebundenen Tieren hinaus, Odysseus hängt unter einem Widder. Die List funktioniert durch Sprache, Geduld und gemeinsames Handeln – nicht durch eine Überlegenheit im offenen Kampf.
Ein echter Name wird zum Fluch
Schon vom Schiff aus ruft Odysseus dem Kyklopen zu. Seine Gefährten warnen ihn, die Flucht nicht durch weitere Zurufe zu gefährden. Dennoch nennt er schließlich seinen wirklichen Namen und seine Heimat. Polyphemos erkennt damit eine alte Weissagung wieder und betet zu seinem Vater Poseidon, Odysseus möge spät, allein und unter Leid nach Hause kommen.
Die Namenlist rettet die Männer in der Höhle; die spätere Namensnennung vergrößert die Gefahr der Heimkehr. Wer die Episode nur als Sieg eines schlauen Helden liest, übersieht Odysseus' riskanten letzten Schritt und die Stimme der warnenden Gefährten.
Eine spätere Druckgrafik wählt die Flucht
Eine italienische Druckgrafik von 1756 zeigt den geblendeten Polyphemos am Höhlenausgang und fliehende Menschen bei Widdern. Der Bildtitel im Met-Katalog beschreibt, dass die Figuren sich mit Widderfellen tarnen. Die Grafik verdichtet so einen Moment, in dem der Kyklop seine Beute nicht mehr sehen kann.
Die Bildlösung unterscheidet sich in Einzelheiten vom erzählten Entkommen unter lebenden Tieren. Der Stich ist ein Zeugnis dafür, wie die Szene in der Neuzeit dargestellt wurde; er belegt nicht, wie eine antike Aufführung oder die Höhle aussah.
Die Flucht unter Polyphemos' Augen

Theokrit lässt Polyphemos singen
In Theokrits elftem Idyll liebt der Kyklop die Meeresnymphe Galateia. Er singt über seine Zurückweisung, sein Aussehen, seine Schafe und die Gaben, die er ihr anbieten könnte. Der einäugige Riese spricht hier lange selbst; Odysseus und die Höhle stehen nicht im Mittelpunkt.
Das Gedicht behandelt Liebeskummer auch als Anlass für Gesang. Es ergänzt keine fehlende Szene der Odyssee und entschuldigt deren Tötungen nicht rückwirkend. Es zeigt, dass dieselbe benannte Figur in einer anderen Gattung eine andere Stimme erhalten kann.
Die Figur in ihren Quellen
Eine Gestalt, verschiedene Textrollen
Odyssee: Höhle und Gastrecht
9,105–566: Höhle, Gewalt, Namenlist, Flucht und Poseidon-Fluch.
Theokrit: Liebesgesang
Idyll 11,1–81: Galateia, Selbstbild und Dichtung als Trost.
Texte und ihre Zugänge
Werke, Fassungen und verwendete Zugänge
Überlieferter Text
Homerische Odyssee
Erzählwerk; nur ausdrücklich benannte Ausschnitte gelesen, kein vollständig erschlossenes Korpus.
Werkebene; hier keine exakte Datierung festgelegt.
Sprache: Altgriechisch
Benutzte Ausgabe
Odyssee 9: Polyphemos in Murrays Übersetzung
Nur 9,105–566 gelesen. Der bereits registrierte engere Textzeuge 9,256–306 bleibt davon getrennt.
Historische Übersetzung A. T. Murray; digitale Wiedergabe bei Theoi.
Sprache: Englisch nach Altgriechisch
Überlieferter Text
Theokrit: Idyllen
Werkebene für Idyll 11; kein Gesamtzugriff auf die Sammlung.
Hellenistische Dichtung; hier keine genaue Entstehungsdatierung behauptet.
Sprache: Altgriechisch
Benutzte Ausgabe
Theokrit, Idyll 11: Edmonds' englische Übersetzung
Nur Idyll 11,1–81 gelesen; der singende Liebende ist ein eigener späterer Rollenentwurf.
Historische Übersetzung J. M. Edmonds; digitale Wiedergabe bei Theoi.
Sprache: Englisch nach Altgriechisch
Der Weg zum Beleg
Quellen und Einordnung
- Überlieferung
- Griechisches Epos, hellenistische Dichtung und neuzeitliche Druckgrafik
- Verwendeter Ausschnitt
- Odyssee 9,105–566; Theokrit, Idyll 11,1–81; The Met 62.602.525(2). Keine geschlossene Biografie aus beiden Dichtungen.
- Odyssee 9,105–566: Kyklopen und Polyphemos
Homer; englische Übersetzung A. T. Murray · Antikes Epos; historische englische Übersetzung
Odyssee 9,105–566: Odysseus' Selbsterzählung vom Land der Kyklopen, der Höhle, dem Gastrechtsdialog, der Tötung von Gefährten, Wein und Namenlist, Flucht, Namensenthüllung und Poseidon-Anrufung. Nur dieser Abschnitt gelesen.
Murrays englische Übersetzung, keine eigene Kollation des griechischen Texts. Odysseus ist Sprecher seiner Abenteuer; spätere Galateia-Dichtung nicht als Teil dieser Episode ausgeben. Das bestehende SRC-ODYSSEY9-MURRAY archiviert nur einen engeren Abschnitt 9,256–306. Abgerufen am 2026-09-29.
- Idyll 11,1–81: Polyphemos und Galateia
Theokrit; englische Übersetzung J. M. Edmonds · Antikes Idyll; historische englische Übersetzung
Idyll 11,1–81: Eingang an Nikias, Polyphemos' Gesang an Galateia, sein Selbstbild und die Dichtung als Trost. Nur Idyll 11 gelesen.
Edmonds' historische, teils freie englische Versübersetzung, keine griechische Kollation. Späterer poetischer Rollenentwurf; weder vorherige noch anschließende Lebensstation des homerischen Höhlen-Polyphemos belegt. Abgerufen am 2026-09-29.
- Der geblendete Polyphemos am Höhlenausgang, Met 62.602.525(2)
The Metropolitan Museum of Art; Bartolomeo Crivellari nach Pellegrino Tibaldi, Zwischenzeichnung Domenico Maria Fratta · Druckgrafik 1756; heutiger Sammlungskatalog
Objekt 818315: betitelte Fluchtszene mit dem geblendeten Polyphemos; Künstler, Zwischenschritte, Medium, Datum, Inventarnummer und Public-Domain-Bildstatus geprüft.
Druckgrafik des 18. Jahrhunderts, kein antikes Zeugnis. Der Objekttitel beschreibt Männer unter Widderfellen; in der Odyssee-Erzählung binden sich die Gefährten unter Schafgruppen und Odysseus hängt an einem Widder. Die Differenz muss auf der Seite sichtbar bleiben. Abgerufen am 2026-09-29.
Redaktion und Bearbeitungsstand
Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-09-29. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.
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