Ein Anfang ohne vertraute Gegensätze
Der Nāsadīya-Hymnus steht im zehnten Buch des Ṛgveda, als Hymnus 129. Schon seine erste Strophe nimmt uns die vertraute Ordnung: Weder Nichtsein noch Sein waren damals, weder Luftraum noch der Himmel darüber. Die Fragen beginnen, bevor ein handelnder Schöpfer sicher benannt ist.
Die englische Übersetzung von Arthur Anthony Macdonell bildet hier den historischen Textzugang. Der aktuelle Kommentar von Stephanie Jamison zur Übersetzung mit Joel Brereton hilft, schwierige Entscheidungen sichtbar zu halten. Beide Zugänge sind benannte Lesefassungen; die deutschen Erläuterungen sind eigene Paraphrasen.
Eine offene Bildlandschaft

Wasser, Dunkelheit und eine einzelne Regung
Die nächsten Strophen entwerfen keinen schon begehbaren Ort. Dunkelheit liegt in Dunkelheit; alles wird als ununterschiedenes Wasser beschrieben. Daneben steht die Vorstellung eines Einen, das ohne Wind aus eigener Kraft atmet. Die Bilder lassen sich aufeinander beziehen, ohne sie zu einer naturwissenschaftlichen Beschreibung umzuschreiben.
Auch ein scheinbar einfaches Wort ist nicht festgelegt. Jamisons Kommentar erläutert bei ābhu eine mögliche Spannung zwischen Leere und Werden. Eine deutsche Erläuterung muss diese Entscheidung offenhalten. Sie kann nicht aus der gewählten Bedeutung allein ein vollständiges Schöpfungsmodell ableiten.
Was verbindet Wunsch und Denken?
In der vierten Strophe tritt Verlangen auf. Weise suchen im Herzen nach einer Verbindung zwischen Sein und Nichtsein. Der Hymnus erzählt also nicht nur von etwas, das entsteht: Er zeigt auch ein Suchen nach dem Zusammenhang, in dem darüber gesprochen werden kann.
Die Beziehung von Verlangen und Denken hängt an der Übersetzung. Macdonell liest Verlangen als ersten Samen des Denkens. Der moderne Kommentar erläutert eine Konstruktion mit einem Ausgang aus dem Denken. Solche Unterschiede sind keine bloßen Schreibvarianten; sie verändern die gedankliche Bewegung des Verses.
Eine Schnur, aber keine fertige Weltkarte
Eine ausgebreitete Schnur führt in der fünften Strophe zu Fragen nach unten und oben. Samenkräfte und weitere Mächte werden genannt. Für Macdonell ist bereits unklar, worauf sich die Schnur genau bezieht. Jamisons Kommentar diskutiert einen Zusammenhang von Gegensatzpaaren und Fruchtbarkeit.
Die Stelle muss deshalb keine sichere Zeichnung eines Kosmos ergeben. Gerade ihr Fragen erlaubt, mehrere Beziehungen zu sehen. Die heutige Illustration greift diese Offenheit frei auf. Sie ist weder eine überlieferte vedische Abbildung noch die Rekonstruktion einer gesicherten Weltkarte.
Die Götter kommen nach dem Anfang
Die sechste Strophe fragt, wer den Ursprung wirklich kennt und wer ihn verkünden könnte. Die Götter werden als später als diese Entstehung bezeichnet. Dadurch wird ihre mögliche Auskunft selbst zum Problem: Wie könnte eine spätere Gestalt wissen, was vor ihrer eigenen Zeit lag?
Das ist eine Frage innerhalb dieses Hymnus. Sie macht den Text weder automatisch zu modernem Atheismus noch zu einem frühen Lehrbuch kosmologischer Physik. Eine Nahlektüre folgt zunächst der Anordnung seiner Fragen, statt ihm eine heutige weltanschauliche Position zuzuweisen.
Nicht einmal der Schluss schließt alles ab
Am Ende steht ein Aufseher im höchsten Himmel. Er könnte wissen, wie diese Entstehung zustande kam – oder vielleicht weiß auch er es nicht. Die letzte Unsicherheit ist Teil des Textes und wird hier nicht mit einer Antwort aus einer anderen Tradition zugedeckt.
Auch die vorausgehende Frage bleibt übersetzungsabhängig: Macdonell liest, ob er die Schöpfung begründet habe; der moderne Kommentar bevorzugt eine passive Frage danach, ob sie hervorgebracht wurde. Der Unterschied mahnt zur Genauigkeit. Das Exponat führt zu einem poetisch und sprachlich gestalteten Nichtwissen, nicht zu einer einzigen verbindlichen Schlussformel.
Texte und ihre Zugänge
Werke, Fassungen und verwendete Zugänge
Überlieferter Text
Nāsadīya: Fragen nach dem Anfang · Ṛgveda 10.129.1–7
Sieben Strophen mit offenen Herkunfts- und Wissensfragen. Kein Lehrtext heutiger Kosmologie oder modernes atheistisches Manifest.
Hymnusdatierung hier nicht neu festgelegt; Werkentstehung und moderne Vermittlungsdaten getrennt.
Sprache: Vedische Sanskritdichtung; hier über benannte englische Zugänge
Benutzte Ausgabe
Macdonell 1917: Nāsadīya: Fragen nach dem Anfang
Tatsächlich gelesen: RV 10.129.1–7; PDF 183–186. Keine eigene Sanskritkollation. Beschädigte Sanskritzeichen der PDF-Extraktion nicht als wörtliche Zitate benutzt.
Reader 1917, digital neu gesetztes OLL-E-Book 2011; kein Originalfaksimile.
Sprache: Englische historische Übersetzung; eigene deutsche Erläuterung
Benutzte Ausgabe
Jamisons Kommentar: Nāsadīya: Fragen nach dem Anfang
Tatsächlich gelesen: X.129, PDF 272–273. Kommentar zur Übersetzung mit Joel Brereton; nicht die vollständige Übersetzung von 2014. Vorschläge und konkurrierende Konstruktionen bleiben als Deutungen benannt.
UCLA Rigveda Translation: Commentary; PDF-Revision 25. September 2026.
Sprache: Englischer wissenschaftlicher Kommentar, keine vollständig gelesene Übersetzungsausgabe
Der Weg zum Beleg
Quellen und Einordnung
- Überlieferung
- Benannte vedische Hymnen; spätere Norm und kritische Rezeption nur dort getrennt, wo konkret behandelt
- Verwendeter Ausschnitt
- RV 10.129 in Macdonells englischer Übersetzung (1917), digitales OLL-E-Book 2011; Jamisons UCLA-Kommentar als Interpretationskontrolle.
- Vedische Hymnen: Macdonells englische Lesefassung mit Anmerkungen
Arthur Anthony Macdonell, Herausgeber und Übersetzer · A Vedic Reader for Students, Oxford, Clarendon Press 1917; OLL-E-Book v 6, September 2011.
Englische Übersetzungen und Anmerkungen vollständig gelesen: RV 1.1 (neun Strophen; digitale PDF 25–30, Agni-Einleitung 23–25), RV 4.51 (elf; 91–96), RV 5.11 (sechs; 97–99), RV 8.48 (fünfzehn; 143–149, Soma-Einleitung 141–142), RV 10.90 (sechzehn; 172–178), RV 10.129 (sieben; 183–186). Vorwort gesondert geprüft.
Digital neu gesetztes OLL-E-Book, kein Originalfaksimile. Sanskritzeichen der Extraktion teilweise beschädigt; nicht als Basis wörtlicher Sanskritzitate verwendet. Keine Volllektüre des Readers oder der verwiesenen Originaltextseiten. Historische Begriffe wie caste, Pantheismus und frühe Philosophiegeschichte nicht ungeprüft als heutiger Konsens übernommen. Das Agni 5.11-Archivfenster reicht bisPDF 102; Parjanya 100–102 ist kein Beleg des Agni-Hymnus. Abgerufen am 2026-10-04.
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Stephanie W. Jamison; Kommentar zur Rigveda-Übersetzung von Jamison und Joel P. Brereton · Rigveda Translation: Commentary, UCLA; Dateirevision 25. September 2026. Kommentar, nicht vollständige Übersetzungsausgabe 2014.
X.90 vollständig auf PDF 143–146 und X.129 vollständig auf PDF 272–273, einschließlich Einleitungen und Einzelnoten; alle sechs PDF-Seiten zusätzlich einzeln visuell gelesen.
Nur benannte Abschnitte, keine Volllektüre des PDF-Bandes oder der dreibändigen Übersetzung 2014. Mitgedruckte Nachbarhymnen und zitierte Forschung begründen keine zusätzliche Quellenlektüre. Eigene Analyse des Kommentars; keine unabhängige Sanskritübersetzung. Vorschläge und alternative Konstruktionen bleiben als wissenschaftliche Lesarten sichtbar. Abgerufen am 2026-10-04.
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Redaktion und Bearbeitungsstand
Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-10-04. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.
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