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MythaneumDas Museum der Mythologien

Exponat

Warum hat dieser Wächter fünf Beine?

Ein Stier und ein Löwe aus Kalhu verbinden Menschenköpfe, Flügel und mächtige Tierkörper. Ihre fünf Beine erzählen keine Biologie: Sie führen den Blick der Menschen, die an ihnen vorbeigingen.

5–6 Minuten Lesezeit · Bildbetrachtung nach eigener Zeit

Beginne bei den Füßen

Lass den großen Flügel zunächst außer Acht. Verfolge auf dem Foto des Stiers die Beine bis zu den Hufen. Zwei stehen vorn, andere sind seitlich versetzt. Der zusätzliche Lauf ist weder ein Versehen noch die Rekonstruktion eines wirklichen Tieres.

Die Kataloge erklären die Lösung über zwei Blickrichtungen: Von vorn steht der Wächter fest; seitlich scheint er voranzuschreiten. Die Bildhauer verbinden Ansichten, die wir heute oft in getrennten Bildern erwarten. Eine schräge Fotografie macht beide zugleich sichtbar.

Damit ändert sich die Frage: Wie viele Beine ein solches Wesen in einer Erzählung besäße, lässt sich hieraus nicht ablesen. Entscheidend ist, was Menschen beim Herantreten und Vorbeigehen sehen sollten.

Der Stier: Hufe unter einem geflügelten Körper

Ein steinerner geflügelter Stier mit bärtigem Menschenkopf und Hörnerkappe steht im Museum. Die schräge Ansicht zeigt mehrere Hufbeine, einen großen gefiederten Flügel und Schriftflächen am Körper.
Historische Reproduktion: menschenköpfiger geflügelter Stier (Lamassu), ca. 883–859 v. Chr., Gipsalabaster, aus Kalhu/Nimrud. The Met, 32.143.1; Geschenk von John D. Rockefeller Jr., 1932. Foto: The Metropolitan Museum of Art, Public Domain / CC0. Unveränderte Aufnahme des Museumsobjekts, keine heutige Rekonstruktion der Palastschwelle. Webfassungen nur verkleinert und als WebP gespeichert. Bildnachweis Bildlizenz
Heutige Detailansicht aus dem unveränderten Foto von 32.143.1. Nur der angezeigte Ausschnitt ist begrenzt; fehlende Teile werden nicht ergänzt. Im vollständigen Original bleiben Körper und Museumsumfeld sichtbar. Vollständiges Original öffnen

Zwei konkrete Wächter

Der Stier trägt die Inventarnummer 32.143.1, der Löwe 32.143.2. Beide bestehen aus Gipsalabaster, stammen aus Kalhu, dem heutigen Nimrud, und sind etwas über drei Meter hoch. Die Datierung um 883–859 v. Chr. verbindet sie mit der Regierungszeit Assurnasirpals II.

Beide tragen einen bärtigen Menschenkopf, eine Kappe mit Hörnern und Flügel. Die Füße zeigen den Unterschied besonders deutlich: Hufe beim Stier, Pfoten beim Löwen. Die Hörnerkappe deutet der Museumskatalog als Zeichen göttlicher Natur. Das ist eine ikonografische Einordnung, die zum sichtbaren Merkmal hinzukommt.

Die Fotos zeigen erhaltene Objekte in einem Museum, keinen Spaziergang durch einen rekonstruierten assyrischen Palast. Wir stellen sie zum Vergleichen nebeneinander, ohne daraus abzuleiten, dass gerade diese zwei Stücke ursprünglich ein gegenüberstehendes Paar bildeten.

Der Löwe: Pfoten statt Hufe

Ein steinerner geflügelter Löwe mit bärtigem Menschenkopf und Hörnerkappe, schräg von vorn fotografiert. Pfoten und fünf Beinpositionen sind sichtbar; ein großer Flügel liegt über dem Körper, der Schwanz endet in einer Quaste.
Historische Reproduktion: menschenköpfiger geflügelter Löwe (Lamassu), ca. 883–859 v. Chr., Gipsalabaster, aus Kalhu/Nimrud. The Met, 32.143.2; Geschenk von John D. Rockefeller Jr., 1932. Foto: The Metropolitan Museum of Art, Public Domain / CC0. Unveränderte Aufnahme des Museumsobjekts, keine heutige Rekonstruktion der Palastschwelle. Webfassungen nur verkleinert und als WebP gespeichert. Bildnachweis Bildlizenz

Ein heutiges Leseschema für zwei Ansichten

Die folgende Gegenüberstellung ordnet die Bildbetrachtung. Sie ist keine antike Tafel und kein maßstäblicher Grundriss eines Palasts. Wechsle gedanklich zwischen einem Blick auf die Front und einem Blick entlang der Flanke.

BlickrichtungWorauf du achtestWirkung nach dem Katalog
Von vornZwei vordere Beine und der aufragende KopfFestes Stehen vor der Schwelle
Von der SeiteDie vier Beine der seitlichen KörperansichtVorwärtsschreiten entlang des Durchgangs
Schräg, wie auf den FotosDie gleichzeitig sichtbaren BeinpositionenDie Verbindung der beiden Ansichten wird erkennbar

Schutz und königlicher Auftritt

Diese kolossalen Figuren gehörten zu wichtigen Durchgängen assyrischer Paläste. Sie sollten schützen und zugleich die Architektur tragen und auszeichnen. Ihre Größe und ihr Standort machten den Zugang zu einer Begegnung mit übermenschlicher Stärke.

Das Met erläutert ihren Einsatz im Zusammenhang mit Assurnasirpals Palastbau. In dem dort angeführten königlichen Bericht gehören solche Wesen zu einem bewusst eindrucksvoll gestalteten Herrschaftssitz. Schutzvorstellung und Selbstdarstellung des Königs greifen ineinander.

Für unsere Betrachtung heißt das: Wir fragen sowohl, wovor ein Ort geschützt werden sollte, als auch, wem der Zugang gehörte. Die Figuren allein verraten uns aber nicht, wie jede einzelne Person damals auf sie reagierte. Ehrfurcht, Angst oder Vertrautheit lassen sich aus einer Fotografie nicht für alle Besuchenden beweisen.

Warum „Monster“ die Frage schon verschieben kann

Ein Körper aus menschlichen und tierischen Teilen kann uns heute fantastisch oder unheimlich vorkommen. Daraus folgt noch nicht, dass die Figur in ihrem ursprünglichen Zusammenhang als feindlich galt. Die hier betrachteten Werke werden gerade als schützende Wesen eingeordnet.

Auch „Dämon“ ist ohne Erläuterung missverständlich, wenn wir damit automatisch einen bösen Gegner meinen. Für diese Station ist „Schutzwesen“ der genauere Ausgangspunkt: Das Wort benennt eine Funktion, ohne eine moderne Geschichte über Gut und Böse vorauszusetzen.

Die Bezeichnung Lamassu ist ebenfalls kein einfacher Eigenname mit einer einzigen Biografie. Der hier gelesene Oracc-Lexikoneintrag unterscheidet eine sphinxartige Gestalt und eine weibliche Schutzgottheit als Bedeutungsgruppen. Wir übernehmen „Lamassu“ aus den konkreten Museumskatalogen, setzen aber nicht jede so benannte Gottheit mit diesen bärtigen Portalfiguren gleich.

Vom Palast ins Museum

Die erhaltene Architektur und ihre heutige Präsentation sind verschiedene Schichten der Objektgeschichte. Der Met-Katalog von 1980 beschreibt die Ausgrabungen in Nimrud im 19. Jahrhundert und die spätere museale Neuaufstellung. Beide hier gezeigten Stücke kamen 1932 als Geschenk John D. Rockefeller Jr.s in die Sammlung.

1933 standen Löwe und Stier am Eingang zur Cesnola-Galerie in der Great Hall des Museums. Sie markierten damit erneut einen Zugang, jetzt jedoch zu einer amerikanischen Kunstsammlung. Das ist eine dokumentierte moderne Inszenierung; sie macht die alte Schutzvorstellung nicht einfach unverändert weiter wirksam.

Die genannten Stationen ergeben noch keine lückenlose Provenienzakte. Insbesondere übertragen wir die im selben Buch beschriebenen Transport- und Zerschneidungspraktiken anderer Reliefs nicht auf diese beiden Figuren. Ihre Inventarnummern halten die Objekte auch dort unterscheidbar, wo allgemeine Geschichten über „die assyrischen Reliefs“ zu grob wären.

Drei Dinge, die du selbst prüfen kannst

Öffne beide Originalfotos. Suche zuerst Hufe und Pfoten, danach Hörnerkappe und Flügel. Welche Unterschiede siehst du ohne die Katalogtitel? Welche Benennungen brauchst du aus dem Begleittext?

Stelle dir die Figuren ohne ihren Standort am Durchgang vor. Welche Erklärung der fünf Beine ginge verloren, wenn du nur eine flache Seitenansicht hättest?

Vergleiche zum Schluss mit Anzû. Beide Darstellungen verbinden Körperformen verschiedener Wesen. Warum reicht diese Ähnlichkeit nicht aus, um ihnen dieselbe Rolle zuzuweisen? Nenne für jede Figur einen Beleg für ihre Funktion.

Welche Zeit ist gemeint?

  • Die beiden Objekte werden vom Met in die Regierungszeit Assurnasirpals II., ca. 883–859 v. Chr., datiert.
  • Schenkung der beiden Objekte durch John D. Rockefeller Jr. an das Met, 1932.
  • 1933 flankierten Löwe und Stier einen Museumseingang in der Great Hall; diese Aufstellung ist von ihren antiken Einsatzorten zu unterscheiden.

Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.

Der Weg zum Beleg

Quellen und Einordnung

Überlieferung
Neuassyrische Schutzfiguren an Palastdurchgängen; keine allgemeine Geschichte aller mesopotamischen Schutzwesen
Verwendeter Ausschnitt
The Met 32.143.1 und 32.143.2, aktuelle Kataloge und unveränderte Met-Fotos; begrenzte Gegenlektüre des Museumskatalogs von 1980.
  1. Human-headed winged bull (lamassu), The Met 32.143.1

    The Metropolitan Museum of Art, Ancient West Asian Art · Laufender Katalog, Abruf 26.09.2026

    Vollständige sichtbare Objektbeschreibung, Objektmetadaten, Public-Domain-Kennzeichnung und Met-Bildrichtlinie gelesen. API-Identität/Rechte separat geprüft und verknüpftes Originalfoto tatsächlich betrachtet.

    Keine eigene Inschriftenlesung oder Autopsie, keine vollständige Provenienzakte. Heutige Ausstellungsposition aus der historischen Aufnahme nicht abgeleitet. Web-Text erfolgreich gelesen; Direktabruf der Katalog-HTML 429. Abgerufen am 2026-09-26.

  2. Human-headed winged lion (lamassu), The Met 32.143.2

    The Metropolitan Museum of Art, Ancient West Asian Art · Laufender Katalog, Abruf 26.09.2026

    Vollständige sichtbare Objektbeschreibung, Objektmetadaten, Public-Domain-Kennzeichnung und Met-Bildrichtlinie gelesen. API-Identität/Rechte separat geprüft und verknüpftes Originalfoto tatsächlich betrachtet.

    Keine eigene Inschriftenlesung oder Autopsie, keine vollständige Provenienzakte. Heutige Ausstellungsposition aus der historischen Aufnahme nicht abgeleitet. Web-Text erfolgreich gelesen; Direktabruf der Katalog-HTML 429. Abgerufen am 2026-09-26.

  3. Assyrian Reliefs and Ivories in The Metropolitan Museum of Art: Palace Reliefs of Assurnasirpal II and Ivory Carvings from Nimrud

    Vaughn E. Crawford, Prudence O. Harper, Holly Pittman; Vorwort Philippe de Montebello, Schlussbeitrag Dorothea Seelye Franck · 1980

    Titel/Impressum/Inhaltsverzeichnis, Vorwort S. 4, Abbildungen 17/18 und Begleittexte S. 25–26 sowie Beitrag S. 40–46 gelesen. PDF-Seiten 26/27 zusätzlich gerendert und tatsächlich visuell geprüft; Auswahl betrifft nicht das ganze Buch.

    Publikation von 1980; ältere Deutungen nicht als abschließender Forschungsstand übernommen. Allgemeine Versandgeschichte anderer Reliefs nicht auf die zwei Lamassu übertragen. Ressourcen-URL lieferte HTML statt PDF; tatsächliches PDF separat über öffentliche Met-Bibliothek bezogen. Abgerufen am 2026-09-26.

  4. lamassu – lexikalischer Eintrag im Oracc-Projekt TSAE

    Oracc, TSAE · Laufendes Lexikon, Abruf 26.09.2026

    Gesamter kurzer Lemmaeintrag mit Schreibungen, normalisierten Formen und zwei Bedeutungsgruppen gelesen.

    Kein Gesamtbelegkorpus gelesen, keine neue lexikografische Untersuchung. Bedeutungsgruppen nicht zu einer Identität jeder weiblichen Schutzgottheit mit den bärtigen Portalfiguren verschmolzen. Abgerufen am 2026-09-26.

Redaktion und Bearbeitungsstand

Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-09-26. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.

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