Ein Textzeuge mit abgebrochenem Anfang
CDLI katalogisiert EA 356 unter P270855: eine Tontafel mit der Museumsnummer VAT 00348 im Vorderasiatischen Museum Berlin. Sie wurde in Akhetaten, dem heutigen el-Amarna, gefunden und enthält akkadische Literatur zu Adapa. Der Katalog gibt für sie die breite mittelbabylonische Zeitspanne von ungefähr 1400 bis 1100 v. Chr. an. Das ist keine Datierung der erzählten Begebenheit.
Vor der ersten lesbaren Zeile vermerkt die Transkription ausdrücklich einen abgebrochenen Anfang. Die Ziffer 1′ bedeutet daher nicht: Hier begann die ursprüngliche Geschichte. Sie bedeutet: Hier beginnt der nach der Bruchstelle nummerierte erhaltene Abschnitt. Wie viele Zeilen davor standen, verrät diese Stelle nicht.
Das Foto des tatsächlichen Stücks ist im CDLI-Katalog als Detailbild mit einem eigenen Museums-Bildnachweis gekennzeichnet. Deshalb zeigen wir hier keine ungesichert übernommene Fotodatei: Das Bild auf dieser Seite ist eine deutlich beschriftete heutige Illustration. Der folgende Zeichenvergleich beruht allein auf den veröffentlichten Transkriptionen.
So könnte eine Arbeitssituation aussehen

Drei Zeilen, drei verschiedene Grenzen
Die mittlere Spalte übernimmt kurze Ausschnitte der tatsächlichen CDLI-Zeichenumschrift. Die rechte Spalte ist unsere vorsichtige deutsche Erläuterung auf Grundlage der eBL-Edition und ihrer englischen Übersetzung; sie ist keine neue Übersetzung direkt von der Tafel.
| Vorderseite | CDLI-Umschrift, Ausschnitt | Was wir sagen dürfen |
|---|---|---|
| 1′ | e-pu#-[usz? ...] | Der Anfang ist beschädigt. Schon die Lesung dieses Wortanfangs und sein Ende sind unsicher; daraus wird hier kein vollständiger deutscher Auftaktsatz gemacht. |
| 5′ | ka-a-[ap-pa]-ki lu-u2-sze-bi-ir | Ein Teil des Wortes für den Flügel ist in Klammern ergänzt. Die eBL-Übersetzung gibt die Aufforderung sinngemäß als Wunsch, dass der Flügel gebrochen werde; die Ergänzung gehört sichtbar dazu. |
| 6′–7′ | sza [szu-u2]-ti ka-ap-pa-sza ... 7(disz) u2-mi# | Die Folge berichtet vom gebrochenen Flügel des Südwinds und von sieben Tagen ohne Wind. Auch hier stehen ergänzte und beschädigte Zeichen neben erhaltenen; der deutsche Handlungsfaden glättet diese Unterschiede leicht. |
Warum die Klammern keine Satzzeichen sind
CDLI erklärt seine Transkriptionszeichen: Ein # hinter einem Zeichen markiert Beschädigung, eckige Klammern stehen bei vollständig weggebrochenen Zeichen, deren Lesung ergänzt wird. Drei Punkte zeigen hier weiteren Verlust. Die Zeichenfolge ist also kein kaputter Satz, den wir einfach hübsch drucken könnten. Sie dokumentiert, wie viel der Ausgangstext trägt.
Die eBL-Edition verbindet die Zeichen zu einem lesbaren Erzählzusammenhang und markiert in ihrer englischen Übersetzung ebenfalls Ergänzungen. Das ist eine wissenschaftliche Leistung, kein heimliches Raten. Aber eine flüssige Nacherzählung wie „Adapa brach dem Südwind den Flügel“ zeigt nicht mehr, an welcher Stelle ein Wort nur teilweise erhalten oder ein Beginn ganz verloren ist. Wer die Überlieferung verstehen will, muss beide Ansichten behalten: lesbaren Zusammenhang und sichtbare Lücke.
Ein späteres Fragment ist kein Klebstoff
eBL führt neben dem Amarna-Zeugen eine spätere standardbabylonische Überlieferung. Dort sind zusätzliche Abschnitte und an anderen Stellen neue Lücken erhalten. Ein späterer Zeuge kann helfen, eine Szene zu vergleichen; er verwandelt die fehlenden Zeichen auf VAT 00348 nicht rückwirkend in sichtbare Keilschrift.
In der Erzählstation zu Adapa lässt sich die Handlung weiterverfolgen. Hier genügt die engere Frage: Wenn ein Wort im Text ergänzt ist, wie verändert das die Sicherheit eines ganzen Satzes?
Beschrifte den Befund selbst
Lies die drei Tabellenzeilen noch einmal. Welche Information stammt vom erhaltenen Träger, welche aus einer Ergänzung und welche aus der Übersetzung? Wähle einen Satz, den du einer Besucherin ohne Vorbehalt sagen würdest, und einen, den du mit „wahrscheinlich“ beginnen müsstest.
Eine gute Museumsbeschriftung muss nicht jede Lücke schließen. Sie darf zeigen, weshalb die Geschichte lesbar ist und weshalb der Textträger trotzdem beschädigt bleibt.
Welche Zeit ist gemeint?
- CDLI ordnet die Tafel breit der mittelbabylonischen Zeit, ungefähr 1400–1100 v. Chr., zu. Die eBL-Werkeinleitung bespricht den Amarna-Zeugen enger im 14. Jahrhundert v. Chr.; beides datiert den erhaltenen Träger, nicht Adapas Handlungen.
- Die Begegnung Adapas mit dem Südwind ist eine Erzählung, kein hier datierbares historisches Ereignis.
Die Datierung eines Zeugnisses ist kein Geburtsdatum des gesamten Erzählstoffs.
Der Weg zum Beleg
Quellen und Einordnung
- Überlieferung
- Akkadische Adapa-Erzählung, ein mittelbabylonischer Amarna-Textzeuge; spätere Fragmente nur als getrennte Vergleichsebene
- Verwendeter Ausschnitt
- CDLI EA 356 / P270855, Museumsnummer VAT 00348, Transliterationsbeginn der Vorderseite; eBL Adapa, mittelbabylonischer Amarna-Text mit englischer Übersetzung und Editionsnotizen.
- EA 356 (P270855), Adapa-Tafel VAT 00348
Cuneiform Digital Library Initiative
EA 356 / P270855: Museumsnummer VAT 00348, Fundort Akhetaten, Material und Periode, Beginn der Vorderseite mit Bruchvermerk, Transliterationszeilen 1′–8′ und editorische Credits; Bildnachweis zum Detailfoto gelesen.
CDLI datiert breit als mittelbabylonisch, ungefähr 1400–1100 v. Chr.; das ist keine genaue Schreibdatierung. Das Detailfoto ist © Vorderasiatisches Museum Berlin und wird nicht lokal kopiert. Die Transliteration wird nur für ausgewählte Zeilen geprüft; keine eigene Tafelautopsie oder vollständige Akkadischübersetzung. Abgerufen am 2026-09-29.
- CDLI search information: damage and breakage in ATF
Cuneiform Digital Library Initiative
Abschnitt Damage and breakage und Erklärung zu $ beginning broken: # kennzeichnet beschädigte Zeichen, eckige Klammern vollständig weggebrochene Zeichen, der abgebrochene Beginn unbestimmte fehlende Zeilen vor 1′.
Die Hilfeseite erklärt Editionsnotation, nicht den Inhalt oder die Lesung der Adapa-Tafel; konkrete Zeichen werden nur aus P270855 und der eBL-Edition übernommen. Abgerufen am 2026-09-29.
- eBL: Adapa and the South Wind – Middle Babylonian, Amarna
Tonio D. N. Mitto; englische Übersetzung Benjamin R. Foster; Revision Zsombor J. Földi, Adrian C. Heinrich, Enrique Jiménez · Erstpublikationsfeld 02.06.2022; laufender Stand 26.09.2026
Alle gelieferten englischen Übersetzungsfelder einschließlich Lücken und Ergänzungen gelesen; Editions- und Manuskriptmetadaten geprüft.
Englischer Zugang, keine eigene akkadische Übersetzung oder Tafelautopsie. Amarna und spätere Fragmente getrennt; ältere sumerische Texte und zitierte Bibliographie nicht als gelesen ausgegeben. Abgerufen am 2026-09-26.
- eBL: Adapa and the South Wind – Werkeinleitung
Tonio D. N. Mitto; englische Übersetzung Benjamin R. Foster; Revision Zsombor J. Földi, Adrian C. Heinrich, Enrique Jiménez · Erstpublikationsfeld 02.06.2022; laufender Stand 26.09.2026
Werkeinleitung und bibliographische Editionsmetadaten vollständig gelesen.
Englischer Zugang, keine eigene akkadische Übersetzung oder Tafelautopsie. Amarna und spätere Fragmente getrennt; ältere sumerische Texte und zitierte Bibliographie nicht als gelesen ausgegeben. Abgerufen am 2026-09-26.
- eBL: Adapa and the South Wind – Standard Babylonian, Fragmente
Tonio D. N. Mitto; englische Übersetzung Benjamin R. Foster; Revision Zsombor J. Földi, Adrian C. Heinrich, Enrique Jiménez · Erstpublikationsfeld 02.06.2022; laufender Stand 26.09.2026
Alle gelieferten englischen Übersetzungsfelder einschließlich Lücken und Ergänzungen gelesen; Editions- und Manuskriptmetadaten geprüft.
Englischer Zugang, keine eigene akkadische Übersetzung oder Tafelautopsie. Amarna und spätere Fragmente getrennt; ältere sumerische Texte und zitierte Bibliographie nicht als gelesen ausgegeben. Abgerufen am 2026-09-26.
Redaktion und Bearbeitungsstand
Redaktionell verantwortlich: Benjamin Metzig. Stand: 2026-09-29. Generative KI unterstützt Rechercheaufbereitung, Text und technische Umsetzung. Eine externe fachwissenschaftliche Gegenlektüre ist für diese Werkfassung nicht dokumentiert.
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