Exponat 02 · Das Diagramm im Origin of Species von 1859
Verwandtschaft als Verzweigung denken
Ein Diagramm mit Buchstaben und auseinanderlaufenden Linien steht im Zentrum einer schwierigen Erklärung. Darwin benutzt es, um die Entstehung verschiedener Formen und die Wirkung des Aussterbens in einem gemeinsamen Bild zu verfolgen.
3 Minuten Haupttext · Stand: 8. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Wie kann verzweigte Abstammung Ähnlichkeiten und Lücken zwischen Lebensformen erklären?
- Eine Verzweigung verbindet verschiedene Nachkommen mit einem gemeinsamen Vorfahren.
- Aussterben kann verbindende Zwischenformen aus dem später sichtbaren Bestand entfernen.
- Die Buchtafel ist ein erläutertes Gedankenmodell, kein gemessener Stammbaum bestimmter Arten.
- Zeitliche Einordnung
- 1859; erste Ausgabe des Origin of Species
- Orte und Regionen
- London; Darwins Arbeitsort Down in Kent
- Historisch Beteiligte
- Charles Darwin; lithografische Ausführung der Buchtafel durch W. West
Ein Bild für eine schwierige Frage
Im vierten Kapitel des Origin of Species fragt Darwin, wie aus kleinen Unterschieden zwischen Formen größere Unterschiede zwischen Arten werden können. Seine Zeichnung soll helfen, Veränderung, Aufspaltung und Aussterben zugleich zu verfolgen. Sie steht neben einem ausführlichen Gedankengang, der ihre Zeichen erklärt. Divergenz und Diagramm auf S. 111–126
Der Ausgangspunkt ist eine angenommene Gattung mit mehreren Arten. Die Buchstaben A bis L stehen für diese Formen; J fehlt in der Reihe. Unterschiedliche Abstände veranschaulichen ungleiche Ähnlichkeiten. Das Diagramm benennt keine tatsächlich untersuchte Gruppe von elf konkreten Arten.
Den Linien von unten nach oben folgen
Von A und I gehen viele kurze, auseinanderlaufende Linien aus. Einige setzen sich fort, andere enden. Kleine Buchstaben und Zahlen bezeichnen Formen an gewählten Zwischenständen. Darwin erläutert, dass daraus über viele Generationen zunehmend unterschiedliche Nachkommen hervorgehen könnten. Die Zeichen und angenommenen Nachkommen auf S. 116–121
Eine Verzweigung verbindet die verschiedenen späteren Linien mit einer gemeinsamen früheren Form. Der Blick verändert sich dadurch: Die heute nebeneinander stehenden Formen werden als Ergebnis einer gemeinsamen Geschichte betrachtet. Ein ähnlicher Bau kann dann eine geerbte Verbindung ausdrücken, obwohl sich die Lebensweisen mittlerweile unterscheiden.
Lücken gehören zur Geschichte
Darwin führt Aussterben als eigenen Bestandteil in die Zeichnung ein. Viele Linien erreichen den späteren Zeitpunkt nicht. Dadurch können Formen verschwinden, die zuvor Verbindungen zwischen den später stärker getrennten Gruppen erkennen ließen. Aussterben und Gruppierung auf S. 121–124
Ein Vergleich nur der noch lebenden Formen zeigt somit nicht die gesamte frühere Vielfalt. Das ist der Anschluss an fossile Zähne und verschwundene Arten im vorherigen Raum. Der neue Schritt geht über die Feststellung eines Aussterbens hinaus: Welche gemeinsame Abstammung könnte die verbleibenden Ähnlichkeiten und die entstandenen Lücken zugleich erklären?
Die Zeitmaße sind Annahmen
Die waagerechten Linien stehen zunächst für gedachte Abstände von tausend Generationen. Darwin erwägt längere Abstände und erklärt später ausdrücklich, dass die Einteilung auch sehr viel größere Zeiträume darstellen könnte. Ebenso betont er, der Vorgang verlaufe nicht so regelmäßig wie in der Zeichnung. Die Grenzen der Darstellung auf S. 117–119 und 124
Die nummerierten Zwischenstände sind deshalb keine Datierung wirklicher Fossilien. Auch eine gerade Linie beweist nicht, dass sich in einer bestimmten historischen Population niemals etwas verändert hätte. Das Modell isoliert Beziehungen, damit sie gedanklich verfolgt werden können; seine vereinfachte Geometrie bleibt Teil dieser Aufgabe.
Ein Baum braucht Belege
Heutige Abstammungsbäume stellen begründete Annahmen über Verwandtschaft dar. Sie werden mit Merkmalen und weiteren Befunden aufgebaut und geprüft. Ihre Form ist keine eigenständige Quelle dafür, dass die eingezeichnete Geschichte tatsächlich so stattgefunden hat. Was ein phylogenetischer Baum ausdrückt
Für Darwins Buchtafel bedeutet das: Sie zeigt, wie seine Erklärung zusammenhängt, und macht Folgerungen für Klassifikation und Fossilien sichtbar. Erst Beobachtungen können entscheiden helfen, ob eine konkrete Verwandtschaftsannahme trägt. Zeichnung und Befund übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben, auch wenn sie im selben Buch unmittelbar nebeneinanderstehen.
Eine andere Art zu ordnen
Frühere Exponate dieses Museums zeigen, wie Namen und gewählte Merkmale eine Ordnung aufbauen. Mit der Abstammungsfrage bekommt das Ordnen eine historische Richtung. Gruppen sollen verständlich machen, welche Formen eine gemeinsame Vorgeschichte verbindet. Darwin führt diese Überlegung über Arten hinaus bis zu größeren Gruppen. Von Nachkommen zu Gattungen und Familien
Behalte beim Betrachten drei Ebenen auseinander: die beobachteten Ähnlichkeiten, die daraus begründete Verwandtschaft und ihre zeichnerische Darstellung. Ein guter Stammbaum verbindet diese Ebenen nachvollziehbar. Seine Übersichtlichkeit macht die Begründung zugänglich, sie macht die Begründung nicht überflüssig.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Darwin bezeichnet die Regelmäßigkeit und zeitliche Einteilung seines Diagramms ausdrücklich als vereinfachend. Die Buchstaben benennen angenommene Formen; aus ihren Abständen lassen sich keine heutigen Artzuweisungen oder genauen Jahreszahlen gewinnen.
Begriffe verstehen
Gemeinsame Abstammung
Herkunft verschiedener Entwicklungslinien von einer gemeinsamen früheren Linie.
← Zur TextstelleDivergenz
Auseinanderentwicklung von Eigenschaften in verschiedenen Linien.
Abstammungsbaum
Verzweigte Darstellung einer angenommenen Verwandtschaftsgeschichte.
Aussterben
Verschwinden einer Art, wenn keine lebenden Individuen dieser Art mehr vorhanden sind.
← Zur TextstelleQuellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Das Diagramm und seine ausdrücklich erklärten Vereinfachungen
Charles Darwin: On the Origin of Species, 1. Auflage. London: John Murray, 1859. Kapitel IV, S. 111–126 und zugehörige Diagrammtafel.
Die Buchstaben bezeichnen angenommene Formen. Darwin erläutert die regelmäßigen Zwischenstände und Zeitabstände als Vereinfachungen; die Tafel enthält keine gemessene Genealogie bestimmter Arten.
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Elizabeth J. Hermsen und Jonathan R. Hendricks: Digital Encyclopedia of Ancient Life, Systematics, 2. Phylogenetics. Paleontological Research Institution.
Der heutige Begriff bezeichnet begründete Annahmen über Verwandtschaft. Die spätere kladistische Methodik ist vom historischen Gedankenmodell des Jahres 1859 zu unterscheiden.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Text und Quellen am 8. September 2026 geprüft. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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