Exponat 08 · Keramikscherbe · Pflanzengeschichte im Inneren
Sorghumspuren im Ton
Sorghumreste wurden im östlichen Sudan in Ton eingearbeitet. Ihre Formen verbinden Pflanzenverarbeitung und Keramikherstellung. Ein späterer Blick ins Innere der Scherben hat die frühere Domestikationsdeutung deutlich erweitert.
3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Wie kann ein zerbrochenes Gefäß eine veränderte Getreidepflanze überliefern?
- Pflanzenreste im Ton können Produktionsschritte miteinander verbinden.
- Sichtbare Oberflächen und das Innere einer Scherbe liefern unterschiedliche Stichproben.
- Ein höherer Anteil in einer neuen Messung ist nicht automatisch ein späterer historischer Zustand.
- Zeitliche Einordnung
- KG23 im östlichen Sudan: 4. Jahrtausend v. u. Z.; MicroCT-Studie nennt ungefähr 3700–2900 v. u. Z.
- Orte und Regionen
- Östlicher Sudan, Region um Kassala
- Historisch Beteiligte
- Viele Generationen lokaler Gemeinschaften; einzelne Urheberinnen und Urheber sind nicht überliefert.
Ein vermeintlicher Nebenrest wird zur Hauptsache
Vor dir liegt eine Scherbe. Ihre interessante Eigenschaft ist hier weder Bemalung noch Gefäßgröße. Kleine Formen im Material verweisen auf Pflanzenbestandteile, die in die Tonmasse gelangten. Der Gegenstand trägt dadurch Spuren einer Tätigkeit, die vor seinem Brennen lag.
Das eröffnet eine Verbindung zwischen zwei sonst getrennten Museumsvitrinen: Nahrung verarbeiten und Gefäße herstellen. Was in einem Arbeitsgang als Rest anfällt, kann in einem anderen Material werden. Für die Archäologie bleibt davon mitunter ein Hohlraum oder Abdruck erhalten, obwohl die Pflanze selbst vergangen ist.
Oberflächenabdrücke zeigen veränderte Formen
Winchell und Mitwirkende veröffentlichten 2017 Sorghumeindrücke aus Keramik des Fundorts KG23 bei Kassala. Sie fanden wilde und domestizierte Merkmalsformen in Material des 4. Jahrtausends v. u. Z. Die Untersuchung stützte einen örtlichen Domestikationsprozess im nordöstlichen Afrika. Die Untersuchung der Keramikeindrücke
Die Schlussfolgerung beruht nicht darauf, dass irgendein Getreidekorn in einem Gefäß lag. Betrachtet werden konkrete Pflanzenteile und ihre Form, besonders Merkmale der Ährchenbasis. Wie bei Reis und Weizen steht damit die Frage im Raum, ob und auf welche Weise sich reife Einheiten von der Pflanze lösten.
Die Verarbeitung hinterlässt eine Materialverbindung
Die Auswertung von 2018 ordnet die verschiedenen Reste in eine Folge von Dreschen, Entspelzen und Trennen leichter Bestandteile ein. Neben Körnern oder Ährchen sind auch Spelzen und feine Pflanzenreste vertreten. Bestimmte Nebenprodukte dieser Verarbeitung wurden als Tonbeimischung genutzt. Pflanzenverarbeitung und Keramikherstellung
Diese Verbindung macht ein alltägliches Können sichtbar, ohne dass ein geschriebenes Handbuch erhalten sein muss. Ein Material wurde in einen anderen Arbeitszusammenhang übernommen. Die Scherbe gehört dadurch zugleich zur Geschichte einer Kulturpflanze und zur Geschichte des Herstellens.
Warum die sichtbare Fläche nicht alles zeigt
Nimm als eigenen Vergleich ein Brot mit wenigen an der Schnittfläche sichtbaren Körnern. Aus dieser Fläche allein lässt sich nicht genau zählen, wie viele Körner im ganzen Brot stecken. Andere Schnitte könnten andere Verhältnisse zeigen. Das Beispiel betrifft nur die Stichprobe; es ist keine Behauptung über die Zusammensetzung prähistorischer Keramik.
Bei einer Scherbe kommt eine weitere Frage hinzu: Manche Formen liegen vollständig im Material und sind von außen gar nicht zugänglich. Eine Methode, die das Innere erschließt, untersucht deshalb mehr als dieselbe Oberfläche mit einer stärkeren Lupe.
Die spätere Messung verändert die historische Einordnung
Barron und Mitwirkende untersuchten 2020 Einschlüsse aus KG23 mit MicroCT. Ungefähr 73 Prozent der bestimmbaren Ährchenbasen entsprachen nicht zerfallenden Formen, rund 27 Prozent wilden Formen. Das Team folgerte für den Zeitraum etwa 3700–2900 v. u. Z. einen weiter fortgeschrittenen Domestikationszustand, als frühere Oberflächenanalysen nahegelegt hatten. Die dreidimensionale Untersuchung
Die neue Deutung entsteht hier aus besser zugänglichem Fundmaterial. Sie ist nicht einfach ein zusätzlicher späterer Punkt auf einer historischen Entwicklungslinie. Derselbe frühe Fundzusammenhang wird durch eine andere Messmöglichkeit neu lesbar.
Der Nenner gehört zur Erkenntnis
Die 73 Prozent beziehen sich auf jene Ährchenbasen, die in dieser Untersuchung identifizierbar waren. Sie zählen keine Felder, keine Menschen und keine vollständige Ernte. Auch ein direkter Vergleich mit einem früheren Oberflächenwert müsste die unterschiedlichen Proben und Erkennungsmöglichkeiten berücksichtigen. Stichprobe und Methode
Das lässt sich am Tisch leicht merken: Die Scherbe bleibt ein Ausschnitt früherer Arbeit. Eine präzise Zahl macht diesen Ausschnitt genauer beschreibbar, erweitert ihn aber nicht von selbst auf die ganze damalige Welt. Gerade dadurch wird ein belastbarer Vergleich mit weiteren Fundorten möglich.
Vom Pflanzenrest in den nächsten Raum
Sorghum erweitert die Sammlung um eine eigenständige afrikanische Pflanzengeschichte. Der regionale Zusammenhang ist mehr als eine Ortsangabe an einem bekannten europäischen Getreidemodell. Andere Pflanzen, Umweltbedingungen und überlieferte Arbeiten erzeugen einen eigenen Erkenntnisweg.
Am Ende des Exponats kannst du die Scherbe auf zwei Arten weiterdenken. Die Pflanzenformen führen zurück zu Reis, Hirse und Weizen. Das gebrannte Material weist voraus auf den Raum zu Ton, Fasern und frühen Metallen. So entsteht innerhalb dieser Sammlung eine Verbindung zwischen Nahrung und Materialwissen, die unmittelbar aus einem untersuchten Gegenstand hervorgeht.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Die 73 Prozent der MicroCT-Studie beziehen sich auf bestimmbare Ährchenbasen dieser Untersuchung. Sie beschreiben weder sämtliche Pflanzen eines Feldes noch den Anteil einer Bevölkerung mit Landwirtschaft.
Begriffe verstehen
Sorghum
Sorghum bicolor, eine afrikanische Getreidepflanze mit wilden, kultivierten und vermischten Formen.
← Zur TextstelleMagerung
Beimischung weiterer Materialien in eine Tonmasse, die deren Verarbeitung und Eigenschaften beeinflussen kann.
MicroCT
Röntgen-Computertomografie im kleinen Maßstab, mit der innere Strukturen dreidimensional untersucht werden.
← Zur TextstelleSpreu
Bei der Getreideverarbeitung anfallende Pflanzenteile wie Spelzen und kleine Stielreste.
Quellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Sorghum in Keramikeindrücken
Winchell, F., Stevens, C. J., Murphy, C., Champion, L. und Fuller, D. Q. (2017): Evidence for Sorghum Domestication in Fourth Millennium BC Eastern Sudan: Spikelet Morphology from Ceramic Impressions of the Butana Group. Current Anthropology 58, 673–683. DOI 10.1086/693898.
Oberflächenabdrücke; die spätere MicroCT-Untersuchung DOM24 erweitert die zugängliche Stichprobe.
← Zur Textstelle: Oberflächenabdrücke zeigen veränderte Formen - Pflanzenverarbeitung und Ton im östlichen Sudan
Winchell, F. et al. (2018): On the Origins and Dissemination of Domesticated Sorghum and Pearl Millet across Africa and into India: a View from the Butana Group of the Far Eastern Sahel. African Archaeological Review 35, 483–505. DOI 10.1007/s10437-018-9314-2.
Die Interpretation einer langen Domestikationsfolge wird durch die neue Stichprobe DOM24 ergänzt und teilweise revidiert.
← Zur Textstelle: Die Verarbeitung hinterlässt eine Materialverbindung - Der Blick ins Innere der Scherbe
Barron, A., Fuller, D. Q., Stevens, C., Champion, L., Winchell, F. und Denham, T. (2020): Snapshots in time: MicroCT scanning of pottery sherds determines early domestication of sorghum (Sorghum bicolor) in East Africa. Journal of Archaeological Science 123, 105259. DOI 10.1016/j.jas.2020.105259.
73 Prozent beziehen sich auf identifizierbare MicroCT-Ährchenbasen, nicht alle Felder oder dieselbe Oberflächenstichprobe.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung in redaktioneller Prüfung. Bearbeitungsstand: 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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