Exponat 06 · Tierpopulation · Versorgung und Fortpflanzung
Schafe und Ziegen halten
Aşıklı Höyük bewahrt eine lange Folge früher Schaf- und Ziegenhaltung. Tierknochen, Dung und Salze zeigen verschiedene Seiten eines Übergangs, in dem sich Versorgung, Fortpflanzung und menschliche Arbeit veränderten.
3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Wann wird aus dem Fangen einzelner Tiere die dauerhafte Haltung einer Population?
- Gefangene Tiere aufzuziehen und eine sich fortpflanzende Herde zu halten sind unterschiedliche Systeme.
- Alter und Geschlecht der Tierüberreste können menschliche Entscheidungen sichtbar machen.
- Versorgung und Fortpflanzung verändern auch die Arbeit und den Raum einer Siedlung.
- Zeitliche Einordnung
- Aşıklı Höyük: ungefähr 8400–7350 v. u. Z., nach der Studienfolge von 2022
- Orte und Regionen
- Zentralanatolien, heutige Türkei
- Historisch Beteiligte
- Viele Generationen lokaler Gemeinschaften; einzelne Urheberinnen und Urheber sind nicht überliefert.
Nahrung wird zu einer wiederkehrenden Aufgabe
Ein gehaltenes Tier ist anders als ein bereits gelagerter Gegenstand. Es lebt weiter, bewegt sich und benötigt Versorgung. Wer es später nutzen möchte, muss seine Gegenwart organisieren. Im Bild richtet sich der Blick deshalb nicht nur auf das Tier, sondern auch auf die Einfriedung, den Boden und die räumliche Nähe zur Siedlung.
Die Szene stellt eine Frage an menschliche Arbeit: Welche Handlungen wiederholen sich, sobald ein gefangenes Tier länger bleibt? Eine spätere Nutzung setzt dann Tätigkeiten voraus, die zwischen dem Fangen und dieser Nutzung liegen. Dieser zeitliche Zusammenhang ist ein wesentlicher Teil der Geschichte früher Tierhaltung.
Die Tiere hinterlassen mehr als Knochen
Stiner und Mitwirkende verbanden 2014 die Tierknochen aus Aşıklı Höyük mit Dungablagerungen zwischen Gebäuden. Die Kombination stützt, dass Wiederkäuer innerhalb der Siedlung gehalten wurden. Selektive Alters- und Geschlechtsmuster der Überreste ergänzen dieses Bild. Knochen und Ablagerungen im Zusammenhang
Ein Tierknochen kann auf verschiedene Weise an einen Wohnplatz gelangen. Er könnte beispielsweise Teil einer eingebrachten Jagdbeute sein. Die Spur einer länger dauernden Anwesenheit stellt deshalb eine andere Art von Hinweis dar. Mehrere passende Befunde helfen, Haltung von einer bloßen Nutzung tierischer Körper zu unterscheiden.
Vom Aufziehen zur sich erneuernden Population
Die Studie von 2022 beschreibt für die etwa tausendjährige Folge ab ungefähr 8400 v. u. Z. drei Systeme: zunächst das Fangen und Aufziehen junger Wildtiere, später begrenzte Fortpflanzung vor Ort mit weiterer Aufnahme wilder Jungtiere, schließlich größere sich fortpflanzende Bestände. Die Übergänge verliefen allmählich. Die lokale Folge der Haltungssysteme
Der Unterschied betrifft die nächste Generation. Wird ein Bestand nur durch neue Fänge ergänzt, bleibt seine Erneuerung an Wildpopulationen gebunden. Vermehrt er sich innerhalb menschlicher Betreuung, entsteht eine andere Form der Kontinuität. Das ist mehr als eine bloße Steigerung der Zahl an Tieren.
Eine Auswahl wird in der Zusammensetzung sichtbar
Die Untersuchung von 2022 vergleicht unter anderem Zähne und Beckenreste. Damit werden Sterbealter und teilweise Geschlecht eingegrenzt. In frühen Phasen wurden junge männliche Tiere anders behandelt als weibliche; spätere Phasen zeigen veränderte Überlebensmuster. Die Forscherinnen und Forscher prüfen solche Verteilungen zusammen mit weiteren Spuren. Alters- und Geschlechtsvergleiche
Für einen eigenen Vergleich kannst du zwei gedachte Bestände betrachten: einen, der viele fortpflanzungsfähige Weibchen behält, und einen, der seine Tiere unabhängig davon nutzt. Auch bei ähnlicher Gesamtgröße unterscheiden sich die Möglichkeiten ihrer Erneuerung. Das erklärt, weshalb die Zusammensetzung einer Population historisch aufschlussreich sein kann.
Eine chemische Perspektive auf Anwesenheit
Abell und Mitwirkende untersuchten 2019 die ungewöhnliche Salzbelastung der Siedlungsablagerungen. Einträge durch Urin von Menschen und Tieren erklären einen wichtigen Teil des Musters. Das Team verglich mögliche natürliche und menschlich beeinflusste Quellen in einem Massenbilanzmodell. Die Untersuchung der Urinsalze
Daraus entsteht keine direkt abgelesene Liste sämtlicher damaliger Schafe. Menschliche Beiträge, Tierbeiträge, Ablagerung und Erhaltung müssen voneinander abgegrenzt werden. Der Ansatz erschließt eine zusätzliche Größenordnung der Anwesenheit und ihrer Veränderung – gerade weil er eine andere Spur nutzt als die Knochenanalyse.
Ein Bestand braucht Raum und Zeit
Stell dir eine gedachte kleine Siedlung vor, in der anfangs nur wenige Tiere für einige Monate bleiben. Erweitert sich die Betreuung zu einer dauerhaft vorhandenen Population, müssen Tätigkeiten und Flächen anders aufeinander abgestimmt werden. Wer betreut die Tiere, während andere Menschen Pflanzen sammeln oder bauen? Wo kann Nachwuchs aufwachsen? Wie werden Hinterlassenschaften aus genutzten Bereichen entfernt?
Diese Fragen sind keine erfundene Dienstliste aus Aşıklı. Sie helfen, die Veränderung als praktische Aufgabe zu begreifen. Die Untersuchung von 2022 verknüpft die Haltungsgeschichte tatsächlich mit Veränderungen von Arbeit, Siedlungsaufbau und Abfallansammlung. Tierhaltung und Siedlungsentwicklung
Ein gezähmtes Tier ist noch keine Hauspopulation
Ein einzelnes Tier kann an Menschen gewöhnt sein, ohne dass seine Nachkommen bereits eine über Generationen veränderte Population bilden. Umgekehrt können frühe menschliche Eingriffe im Verhalten und in der Zusammensetzung eines Bestands sichtbar werden, bevor auffällige neue Körperformen vorliegen. Diese Trennung ist für die Lektüre der Befunde entscheidend.
Der Weg durch den Raum führt nun in die Anden. Dort machen andere Tiere und neue Untersuchungen sichtbar, dass auch frühe Betreuung nicht überall dieselbe räumliche Form annehmen musste. Der Vergleich eröffnet verschiedene historische Möglichkeiten, statt die anatolische Folge auf jede andere Region zu übertragen.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Knochenformen allein erkennen frühe Haltung nicht zuverlässig. Altersmuster sind mehrdeutig; Salzmodelle erfassen menschliche und tierische Beiträge gemeinsam. Die lokale Folge ist kein universeller Bauplan der Tierdomestikation.
Begriffe verstehen
Caprinen
Hier: Schafe und Ziegen als gemeinsam betrachtete Gruppe.
Sterbealtersprofil
Verteilung der geschätzten Alter von Tieren in einer Fundgruppe.
Zooarchäologie
Untersuchung tierischer Überreste in archäologischen Zusammenhängen.
Massenbilanz
Rechnung, die mögliche Einträge und Bestände einer Substanz zusammenführt; ihre Aussage hängt von den Annahmen ab.
Quellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Tierhaltung zwischen den Häusern
Stiner, M. C. et al. (2014): A forager–herder trade-off, from broad-spectrum hunting to sheep management at Aşıklı Höyük, Turkey. PNAS 111, 8404–8409. DOI 10.1073/pnas.1322723111.
Dungablagerungen ergänzen Tierknochen. Chronologischen Rahmen nach der jüngeren Synthese DOM18 verwenden.
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Abell, J. T. et al. (2019): Urine salts elucidate Early Neolithic animal management at Aşıklı Höyük, Turkey. Science Advances 5, eaaw0038. DOI 10.1126/sciadv.aaw0038.
Urin von Menschen und Tieren gemeinsam; Modellannahmen erlauben keine direkte exakte Herdenzählung.
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Stiner, M. C., Munro, N. D., Buitenhuis, H., Duru, G. und Özbaşaran, M. (2022): An endemic pathway to sheep and goat domestication at Aşıklı Höyük (Central Anatolia, Turkey). PNAS 119, e2110930119. DOI 10.1073/pnas.2110930119.
Lokale Folge ab etwa 8400 v. u. Z.; keine einzige Erfindungsstelle aller Hausziegen und Hausschafe.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung in redaktioneller Prüfung. Bearbeitungsstand: 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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