Exponat 01 · Erde · Bauteil · Wiederholung
Bauen mit Lehmziegeln
Ungebrannte Lehmziegel verbinden Materialwahl, Formgebung und gemeinschaftliche Arbeit. Die Häuser von Çatalhöyük zeigen, dass selbst unscheinbare Bauteile Unterschiede in Herstellung und Zusammenleben bewahren.
3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Wie wird aus losem Boden eine Wand, die sich aus vielen handhabbaren Teilen zusammensetzen lässt?
- Ein Lehmziegel wird geformt und getrocknet; er muss kein gebrannter Ziegel sein.
- Unterschiede im Material können Entscheidungen während der Herstellung bewahren.
- Eine Wand verändert sich durch Nutzung, Pflege und Zerfall.
- Zeitliche Einordnung
- Çatalhöyük: neolithische Bauphasen im 8. und 7. Jahrtausend v. u. Z.
- Orte und Regionen
- Zentralanatolien; methodischer Vergleich mit einem jüngeren verlassenen Lehmhaus in Südisrael
- Historisch Beteiligte
- Bauende und nutzende Gemeinschaften; einzelne Urheber und die genaue Arbeitsteilung sind meist nicht überliefert.
Ein Stein muss nicht im Felsen entstehen
Vor dir liegen erdbraune Bauteile. Ihre Form wurde hergestellt. Das unterscheidet sie von einem aus einem größeren Felsen herausgebrochenen Stein. Eine feuchte erdige Masse lässt sich formen; nach dem Trocknen kann sie als Bauteil eingesetzt werden. Gebrannte Gefäßkeramik und ungebrannter Lehmziegel dürfen dabei nicht gleichgesetzt werden.
Das kleine Mauerstück macht den nächsten Schritt sichtbar: Aus mehreren handhabbaren Teilen entsteht eine größere Fläche. Die Form jedes einzelnen Teils und die Art, wie die Teile zusammenliegen, gehören zu derselben konstruktiven Aufgabe.
Boden ist nicht überall derselbe Baustoff
Wie viel feines und grobes Material eine Mischung enthält, beeinflusst ihre Verarbeitung. Der Name Lehm bezeichnet deshalb kein überall identisches Rezept. Im Modell sind einzelne Pflanzenfasern erkennbar. Solche Bestandteile gehören zu möglichen Mischungen; sie beweisen nicht, dass jeder frühe Ziegel auf dieselbe Weise vorbereitet wurde.
Serena Love untersuchte die Zusammensetzung von Ziegeln aus Çatalhöyük mit mehreren Analyseverfahren. Die festgestellte Vielfalt führte sie vor allem auf die Herstellung zurück, nicht lediglich auf verschiedene natürliche Rohstoffquellen. Die Untersuchung der Ziegelzusammensetzung
Eine Reihe allein trägt noch kein Haus
Folge gedanklich einer Fuge im Mauerstück. Endet sie an einem darüberliegenden Bauteil oder setzt sie sich über mehrere Lagen fort? Die Anordnung verändert, wie die einzelnen Teile miteinander in Beziehung stehen. Das Modell lädt dazu ein, neben dem Material auch den Aufbau zu betrachten.
Für ein vollständiges Haus kommen weitere Aufgaben hinzu: Eine Wand benötigt einen geeigneten Untergrund, einen Anschluss an andere Wände und eine Beziehung zum Dach. Ein brauchbarer Ziegel beantwortet daher nur einen Teil der Baufrage. Wände, Öffnungen und tragende Teile müssen gemeinsam gedacht werden; aus der Qualität eines einzigen Bauteils folgt noch keine gelungene Gesamtkonstruktion.
Bauen kann Unterschiede zeigen
Love deutete Unterschiede der Ziegelherstellung auch als Teil sozialer Praxis. Obwohl die fertigen Ziegel später unter Putz verschwanden, konnten Materialvorbereitung und Bauen für andere sichtbar sein. Bauen als öffentliche Tätigkeit
Diese Deutung eröffnet eine Frage, die über Festigkeit hinausgeht: Welche Vorgehensweisen wurden gemeinsam gelernt, welche unterschieden sich? Die Materialanalyse liefert dazu Anhaltspunkte. Sie benennt jedoch keine einzelnen Bauenden und erlaubt nicht, jeder Mischung eine bestimmte Familie zuzuweisen. Ein archäologischer Unterschied und seine soziale Erklärung sind zwei verschiedene Ebenen.
Die fertige Wand hat eine weitere Geschichte
Die Ausgrabungsdokumentation von Çatalhöyük beschreibt wiederholte Veränderungen der Häuser: Innenflächen wurden erneuert, Einbauten verändert und ältere Bauten teilweise als Grundlage neuer genutzt. Die baulichen Befunde
Eine Wand ist damit kein einmal geschaffenes, für immer unverändertes Objekt. Reparatur kann ältere Oberflächen verdecken, ein neuer Anbau andere Anschlüsse schaffen. Für die Forschung ist deshalb entscheidend, welche Spuren gleichzeitig entstanden und welche erst später hinzukamen. Ein Grundriss kann mehrere Umbauten enthalten, die nie gemeinsam dieselbe Wohnsituation bildeten.
Zerfall kann wie gewöhnlicher Boden aussehen
Friesem und Mitwirkende untersuchten ein aufgegebenes jüngeres Lehmhaus in Südisrael. Zerfallene Bauteile und eingetragener Staub mischten sich. Was ursprünglich Wand war, ließ sich mit bloßem Auge nicht mehr zuverlässig erkennen; mikroskopische und mineralogische Untersuchungen halfen bei der Trennung. Das untersuchte Zerfallsmodell
Dieser Vergleich ist keine Zeitmaschine. Er erklärt mögliche Prozesse und die Schwierigkeiten ihrer Erkennung. Ob sie einen konkreten vorgeschichtlichen Befund erklären, muss dort eigens geprüft werden.
Die Entdeckung liegt auch in der Wiederholbarkeit
Der Lehmziegel macht das Verhältnis von kleiner Einheit und großer Form anschaulich. Material vorbereiten, Teile herstellen, trocknen lassen und zusammenfügen bilden aufeinander bezogene Aufgaben. Wer nur die fertige Wand sieht, übersieht leicht dieses vorbereitende Können.
Beim nächsten Exponat verändert sich der Blick erneut: Eine Wand kann einen zusätzlichen Überzug erhalten. Dafür genügt nicht immer dasselbe Materialwissen. Kalkputz führt zu einer Stoffumwandlung, die sich vom bloßen Trocknen erdiger Masse unterscheidet.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Ein Mischungsunterschied verrät weder automatisch eine Familie noch die genaue Herstellungsperson. Modellziegel zeigen ein Bauprinzip, keine einheitlichen Maße oder Rezepte aller neolithischen Häuser.
Begriffe verstehen
Mörtel
Verarbeitbare Masse, die Zwischenräume von Bauteilen füllt und sie verbindet.
Mikromorphologie
Untersuchung dünner, ungestörter Material- oder Bodenproben unter dem Mikroskop.
Quellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Lehmziegel als hergestellte Materialien
Love, S. (2012): The Geoarchaeology of Mudbricks in Architecture: A Methodological Study from Çatalhöyük, Turkey. Geoarchaeology 27(2), 140–156.
Zusammensetzungsunterschiede überwiegend mit Herstellung erklärt; keine feste Rezeptur für alle Häuser.
← Zur Textstelle: Boden ist nicht überall derselbe Baustoff - Bauen als sichtbare soziale Tätigkeit
Love, S. (2013): The Performance of Building and Technological Choice Made Visible in Mudbrick Architecture. Cambridge Archaeological Journal 23(2), 263–282.
Soziale Identität und Autonomie sind die Deutung der Autorin, keine ablesbare Eigenschaft jedes Ziegels.
← Zur Textstelle: Bauen kann Unterschiede zeigen - Was beim Zerfall eines Lehmhauses geschieht
Friesem, D., Boaretto, E., Eliyahu-Behar, A. und Shahack-Gross, R. (2011): Degradation of mud brick houses in an arid environment: A geoarchaeological model. Journal of Archaeological Science 38(5), 1135–1147.
Ethnoarchäologisches verlassenes Haus in Südisrael; kein unmittelbarer Befund desselben Prozesses in jedem neolithischen Haus. Nicht mit dem auf Verlagsseiten daneben angezeigten späteren Griechenlandaufsatz verwechselt.
← Zur Textstelle: Zerfall kann wie gewöhnlicher Boden aussehen - Bauliche Befunde im Managementplan
Çatalhöyük Research Project (2014): Site Management Plan, überarbeitete englische Fassung vom 30. Januar 2014; Abschnitte Çatalhöyük East und Architecture.
Meist eigene vier Wände, Dachzugänge und unterschiedliche Bauphasen. Sozialinterpretation, feste Hauslebensdauer und Bezeichnung jedes weißen Putzes als gebrannter Kalk nicht pauschal übernommen.
← Zur Textstelle: Die fertige Wand hat eine weitere Geschichte
Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung in redaktioneller Prüfung. Bearbeitungsstand: 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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