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Exponat 06 · Fernmessung · Rechenregel · Begründung

Die Höhe einer Seeinsel erschließen

Zwei gleich hohe Stäbe und zwei Sichtpositionen machen im chinesischen Seeinsel-Rechenbuch eine unbekannte Höhe zugänglich. Wir folgen der überlieferten Zahlenaufgabe und ergänzen eine klar bezeichnete heutige Erklärung.

3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026

Freie Buntstiftskizze zweier senkrechter Holzstäbe auf einer ebenen Plattform vor einer fernen felsigen Insel; der hintere Stab erscheint perspektivisch kleiner.Bild vergrößern ↗
Freie heutige Veranschaulichung der Seeinsel-Aufgabe. Die geforderte gleiche Stabhöhe und die Messstrecken sind aus der Perspektivzeichnung nicht ablesbar; der Text erläutert die idealisierte Geometrie und die überlieferten Zahlen.

Auf einen Blick

Wie lässt sich eine Inselhöhe berechnen, wenn man ihren Fußpunkt nicht erreichen kann?

  • Zwei Sichtpositionen verbinden die unbekannte Höhe mit zugänglichen Strecken.
  • Die kleine Differenz der Rücktritte spielt eine große Rolle in der Rechnung.
  • Eine heutige geometrische Erklärung ist nicht automatisch die historisch verwendete Begründung.
Zeitliche Einordnung
Liu Huis Arbeit um 263 u. Z. zugeordnet; später eigenständig überliefertes Haidao suanjing
Orte und Regionen
Chinesische mathematische Überlieferung; eine idealisierte Vermessungsaufgabe ohne sicher identifizierten realen Inselort
Historisch Beteiligte
Liu Hui als zugeordneter Autor, spätere Kommentierende und Herausgebende; heutige Forschung rekonstruiert unterschiedliche Begründungswege.

Die gesuchte Größe liegt außerhalb der Reichweite

Der erste Fall des Haidao suanjing behandelt eine Seeinsel, deren Höhe und Entfernung erschlossen werden sollen. Das Werk wird Liu Huis mathematischer Arbeit um 263 zugeordnet. Es überliefert neun Vermessungsaufgaben. Die Einordnung des Rechenbuchs

Wir behandeln die erste Aufgabe als überliefertes Rechenproblem. Daraus folgt keine sicher nachgewiesene Vermessungsreise zu einer bestimmten Insel. Gerade ihre klar festgelegten Bedingungen ermöglichen es, den Zusammenhang Schritt für Schritt zu untersuchen.

So ist die Aufgabe angeordnet

Zwei senkrechte Stäbe stehen hintereinander auf einer gemeinsamen ebenen Grundlinie in Richtung des Inselgipfels. Beide sind drei zhang hoch, in der hier verwendeten Rechnung fünf bu. Ihr Abstand beträgt 1000 bu. Die traditionelle Einheit bleibt erhalten; wir rechnen sie nicht pauschal in Meter um. Einheiten und erläuterte Anordnung

Hinter dem vorderen Stab wird die bodennahe Augenposition so gewählt, dass Stabspitze und Gipfel auf derselben Sichtlinie liegen. Der Rücktritt beträgt 123 bu. Hinter dem zweiten Stab gelingt dies bei 127 bu. Entscheidend sind gleiche Stabhöhen, dieselbe Grundrichtung und die beschriebenen Sichtlinien. Die Zahlen der ersten Aufgabe

Die überlieferte Regel nachrechnen

Zuerst wird die Differenz der Rücktritte gebildet: 127 − 123 = 4 bu. Dann werden Stabhöhe und Stababstand multipliziert: 5 × 1000 = 5000. Geteilt durch die Differenz ergibt das 1250 bu. Zuletzt kommt die Stabhöhe hinzu: 1250 + 5 = 1255 bu. Das entspricht in der Aufgabe vier li und 55 bu. Verfahrensregel und angegebenes Ergebnis

Auch die Entfernung vom vorderen Stab zum senkrecht unter dem Gipfel gedachten Fußpunkt wird berechnet: 123 × 1000 geteilt durch 4 ergibt 30750 bu, also 102 li und 150 bu. Entfernung und Einheitenzusammenhang Die Strecke bis zur Augenposition ist davon zu unterscheiden: Sie reicht noch um den jeweiligen Rücktritt weiter.

Eine heutige Erklärung mit ähnlichen Dreiecken

Betrachte auf jeder Sichtlinie das kleine Dreieck aus Augenposition, Stabfuß und Stabspitze. Zum großen Dreieck bis zum Gipfel gehört dasselbe Verhältnis von Höhe zu waagerechter Strecke. Das ist unser heutiger Zugang über ähnliche Dreiecke.

Bezeichne die unbekannte Gipfelhöhe mit H und die Entfernung vom vorderen Stab zum Gipfelfuß mit x. Die Stabhöhe beträgt fünf bu. Für die zwei Sichtlinien erhältst du:

Vorne:
H/(x + 123) = 5/123.

Hinten:
H/(x + 1127) = 5/127.

Die 1127 verbinden den Stababstand von 1000 mit dem hinteren Rücktritt von 127. Multiplizieren beseitigt die Nenner. Vorn ergibt sich 123H = 5x + 615, hinten 127H = 5x + 5635.

Ziehe nun die vordere Gleichung von der hinteren ab. Der unbekannte Ausdruck 5x verschwindet: 4H = 5020. Teilen durch vier ergibt erneut H = 1255 bu. So kannst du das Ergebnis unabhängig von der zuvor beschriebenen Regel prüfen.

Die Bedingungen sind Teil des Ergebnisses

Die Differenz von vier steht im Nenner. In unserem eigenen Vergleich ändern wir nur den zweiten Rücktritt auf 128 bu. Die Differenz wäre dann fünf; dieselbe Regel ergäbe 1005 statt 1255 bu. Das ist keine gemessene historische Abweichung, sondern eine heutige Prüfung der Empfindlichkeit.

Eine praktische Fernmessung müsste prüfen, ob der Bodenbezug, die Sichtlinien und die Stabhöhen hinreichend genau stimmen. Unser ebenes Modell berücksichtigt weder Erdkrümmung noch atmosphärische Lichtbrechung. Seine errechnete Höhe bezieht sich auf die gemeinsame Grundlinie; sie ist kein ohne weitere Prüfung gewonnener Meeresspiegelwert.

Warum die historische Begründung eine weitere Frage bleibt

Der Rechenweg ist nachvollziehbar, aber unsere moderne Dreieckserklärung darf nicht stillschweigend Liu Hui zugeschrieben werden. Swetz reflektiert einen anderen rekonstruierten Zugang über Flächenergänzungen und die Grenzen seiner früheren Deutung. Die Diskussion über den Begründungsweg

Nimm zwei getrennte Einsichten mit: Du kannst prüfen, warum die Regel unter den genannten Annahmen funktioniert. Und du kannst untersuchen, wie Menschen sie damals begründeten. Die zweite Frage benötigt neben richtigem Rechnen auch sorgfältige Textgeschichte.

Grenzen des Wissens

Was offen bleibt

Die Aufgabe idealisiert eine gemeinsame ebene Grundlinie und gleich hohe senkrechte Stäbe. Das Bild ist nicht maßstäblich. Die Dreiecksähnlichkeit wird hier als heutige Erklärung verwendet; über historische Begründungswege besteht eine eigene Forschungsdiskussion.

Begriffe verstehen

Bu

Traditionelle Längeneinheit der vorliegenden Rechnung; hier entsprechen drei zhang fünf bu und ein li 300 bu.

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Sichtlinie

Gedachte gerade Linie vom Auge über eine Stabspitze zum betrachteten Gipfel.

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Ähnliche Dreiecke

Dreiecke mit gleichen entsprechenden Winkeln und proportionalen entsprechenden Seiten.

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Rücktritt

Hier die Entfernung der bodennahen Augenposition hinter dem jeweils benutzten Stab, von der Insel weg.

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Quellen und Nachweise

Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.

  1. Die erste Aufgabe des Seeinsel-Rechenbuchs

    Liu Hui zugeschrieben: Haidao suanjing (海島算經), erste Aufgabe. Öffentlicher chinesischer Text bei Project Gutenberg, E-Book 26979.

    Zwei gleich hohe Stäbe, Abstand 1000 bu, Rücktritte 123 und 127 bu. Die heutige Gleichungsdarstellung wird ausdrücklich als zusätzliche Erklärung gekennzeichnet.

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  2. Seeinsel-Aufgabe mit überlieferter Kommentierung

    Haidao suanjing (海島算經), Siku-quanshu-Fassung, erste Aufgabe mit Kommentierung und Textkorrekturen. Öffentliche Transkription bei Wikisource.

    Drei zhang entsprechen in dieser Rechnung fünf bu; ein li entspricht 300 bu. Stabhöhe, ebener Grund, bodennahe Sichtposition und Differenz der Rücktritte sind entscheidend. Keine allgemeine Meterumrechnung.

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  3. Einordnung des Seeinsel-Rechenbuchs

    Ang Tian Se und Frank J. Swetz: The Sea Island Mathematical Manual: Surveying and mathematics in ancient China. Historia Mathematica 13(2), 99–117, Mai 1986. DOI 10.1016/0315-0860(86)90024-8.

    Einordnung in Liu Huis Arbeit um 263 u. Z. und neun Vermessungsaufgaben. Historische Begründungswege sind eigens zu rekonstruieren.

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  4. Eine moderne Erklärung ist noch keine antike Begründung

    Frank J. Swetz: Led Astray by a Right Triangle: Misconception, Epiphany, and Redemption – The Epiphany. Convergence, Dezember 2014. DOI des Gesamtbeitrags 10.4169/convergence20141201.

    Swetz reflektiert seinen Wechsel von Dreiecksähnlichkeit zu einer Rekonstruktion durch Flächenergänzung. Daraus folgt keine endgültige Entscheidung aller historischen Interpretationsfragen.

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Redaktion: Benjamin Metzig. Erste vollständige Fassung vom 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.

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