Exponat 05 · Vererbungsmodell einer Population
Häufigkeit und Dominanz auseinanderhalten
Das Wort dominant klingt nach Durchsetzung. Eine einfache Rechnung trennt jedoch das Sichtbarwerden eines Merkmals von der Häufigkeit der weitergegebenen Varianten.
3 Minuten Haupttext · Stand: 8. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Warum wird eine dominante Variante durch Vererbung allein nicht immer häufiger?
- Dominanz beschreibt die Merkmalsausprägung einer Kombination, keinen automatischen Vermehrungsvorteil.
- Variantenhäufigkeit und Anteil sichtbarer Merkmale sind unterschiedliche Größen.
- Ein Modell unveränderter Weitergabe liefert einen Bezugspunkt, an dem Abweichungen untersucht werden können.
- Zeitliche Einordnung
- 1908; eigenes Zahlenbeispiel in heutiger Schreibweise
- Orte und Regionen
- Cambridge und Stuttgart
- Historisch Beteiligte
- Godfrey Harold Hardy und Wilhelm Weinberg
Dominant ist nicht dasselbe wie häufig
Muss ein dominantes Merkmal mit jeder Generation weiter zunehmen? Hardy widersprach dieser Vorstellung 1908 in einem kurzen Brief an die Zeitschrift Science. Der Begriff dominant beschreibt, welche Ausprägung in einer gemischten Kombination sichtbar wird. Er enthält für sich genommen keine Aussage darüber, wie viele Nachkommen deren Träger haben. Hardys Ausgangsfrage und Rechnung
Die Unterscheidung ist grundlegend: Sichtbarkeit eines Merkmals, Häufigkeit einer Variante und Erfolg bei der Fortpflanzung sind verschiedene Dinge. Wer sie zusammenzieht, macht aus einem Begriff für die Ausprägung bereits eine unbelegte Erklärung der Veränderung einer Population.
Ein überschaubares eigenes Beispiel
Für unser eigenes Modellbeispiel betrachten wir 100 Individuen und genau einen Genort mit den Varianten A und a. Jedes Individuum trägt zwei Kopien. Zu Beginn seien 50 vom Typ AA und 50 vom Typ aa vorhanden. Die Gruppe enthält somit insgesamt 100 A- und 100 a-Kopien: beide Varianten sind gleich häufig.
Nun nehmen wir zufällige Paarung, gleiche Beiträge zur Fortpflanzung und eine unveränderte Weitergabe an. Die Chance für A oder a in einer Fortpflanzungszelle beträgt jeweils eine Hälfte. Das Beispiel vereinfacht Hardys Argument; es ist keine beobachtete historische Population. Die ausdrücklich genannten Annahmen
Vier Kombinationen, drei unterscheidbare Typen
Zwei unabhängig gezogene Varianten können als AA, Aa, aA oder aa zusammentreffen. Jede dieser vier Möglichkeiten hat im Beispiel dieselbe Wahrscheinlichkeit. Da Aa und aA hier dieselbe betrachtete Kombination bezeichnen, ergeben sich ein Viertel AA, eine Hälfte Aa und ein Viertel aa.
Unter 100 Nachkommen erwarten wir deshalb 25, 50 und 25 Individuen der drei Typen. Das sind Erwartungswerte; eine endliche Gruppe muss sie nicht genau treffen. Zählen wir die Varianten im erwarteten Ergebnis, erhalten wir erneut 100 A und 100 a. Ihre Häufigkeiten haben sich nicht verändert. Die Kombinationsrechnung des Briefs
Das sichtbare Merkmal kann zunächst zunehmen
Nehmen wir zusätzlich an, dass A in Aa dominant ist. Dann zeigen am Anfang 50 der 100 Individuen seine Ausprägung. In der erwarteten Nachkommengruppe sind es 25 AA plus 50 Aa, also 75. Das sichtbare Merkmal ist häufiger geworden, obwohl der Anteil der A-Kopien weiterhin eine Hälfte beträgt.
Unter denselben Modellbedingungen folgt daraus keine weitere zwangsläufige Steigerung. Die neue erwartete Verteilung bleibt erhalten. Hardys eigenes Zahlenbeispiel macht ebenfalls deutlich, weshalb ein anfänglicher Wechsel der Kombinationen von einer dauerhaften Zunahme der Variante unterschieden werden muss. Beispiel und Schlussfolgerung
Ein Bezugspunkt, keine Naturgarantie
Die heutige Formulierung des Hardy-Weinberg-Modells verwendet bei zwei Varianten häufig die Anteile p und q. Bei zufälliger Kombination ergeben sich p², 2pq und q². Für unveränderte Häufigkeiten über Generationen werden unter anderem keine Selektion, Mutation oder Zu- und Abwanderung sowie eine idealisierte sehr große Population angenommen. Die heutigen Modellbedingungen
Die Rechnung dient als Bezugspunkt. Eine abweichende Verteilung kann weitere Untersuchungen anstoßen, beweist aber für sich allein noch keinen bestimmten Mechanismus. Auch die Gruppierung der untersuchten Individuen und die Qualität der Beobachtung müssen zur gestellten Frage passen.
Zwei Namen und eine prüfbare Frage
Weinberg entwickelte 1908 unabhängig eine verwandte Rechnung. Curt Stern machte 1943 ausdrücklich auf dessen früheren Beitrag aufmerksam. Der heute geläufige Doppelname erinnert daran, dass eine wissenschaftliche Beziehung nicht notwendig nur an einem Ort erkannt wird. Sterns Rückblick auf Weinbergs Beitrag
Für den Rundgang bleibt der Gewinn praktisch: Erst wenn unveränderte Weitergabe klar beschrieben ist, lässt sich genauer nach Veränderung fragen. Eine dominante Variante braucht keinen Ausbreitungsdrang. Ob ihre Häufigkeit wächst, sinkt oder schwankt, verlangt zusätzliche Befunde über die Population.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Das Rechenbeispiel ist eigens für das Museum gewählt. Reale Populationen erfüllen die idealisierten Annahmen nicht vollständig; eine Abweichung allein bestimmt ihre Ursache noch nicht.
Begriffe verstehen
Allel
Eine Variante an einem bestimmten Genort.
Genotyp
Die betrachtete Kombination genetischer Varianten; hier AA, Aa oder aa.
Allelfrequenz
Anteil einer Variante an allen betrachteten Kopien eines Genortes in der Population.
Zufällige Paarung
Modellannahme, dass die Partnerwahl nicht von der betrachteten Variantenkombination abhängt.
← Zur TextstelleQuellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Hardys kurzer Vererbungsbrief
Hardy, G. H. (1908): Mendelian Proportions in a Mixed Population. Science 28(706), S. 49–50, 10. Juli 1908. Brief datiert 5. April 1908.
Die ersten beiden PDF-Seiten enthalten Hardys Brief. Seine Buchstaben p, q und r bezeichnen andere Größen als die heute oft verwendeten Allelfrequenzen p und q. Das Zahlenbeispiel des Exponats ist eigenständig.
← Zur Textstelle 1: Dominant ist nicht dasselbe wie häufig← Zur Textstelle 2: Ein überschaubares eigenes Beispiel← Zur Textstelle 3: Vier Kombinationen, drei unterscheidbare Typen← Zur Textstelle 4: Das sichtbare Merkmal kann zunächst zunehmen - Weinbergs Anteil am Gleichgewichtsmodell
Stern, Curt (1943): The Hardy-Weinberg Law. Science 97(2510), S. 137–138.
Stern benennt Weinbergs unabhängigen Beitrag und übersetzt eine Passage. Der Rückblick ist von Weinbergs deutschsprachiger Originalveröffentlichung zu unterscheiden.
← Zur Textstelle: Zwei Namen und eine prüfbare Frage - Heutige Formulierung des Populationsmodells
Clark, Mary Ann; Douglas, Matthew; Choi, Jung: Biology 2e, Abschnitt 19.1 Population Evolution. OpenStax, Rice University.
Die Modellbedingungen dienen dem Vergleich mit beobachteten Populationen. Eine einzelne Abweichung benennt noch keine eindeutige Ursache. Das Exponat verwendet ein eigenes Beispiel und unterscheidet Variantenanteile von sichtbaren Merkmalen.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Text und Quellen am 8. September 2026 geprüft. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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