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Exponat 03 · Pflanzenfasern · Fadenverbindung · Weben

Baumbast zu Gewebe

Textilreste aus Çatalhöyük wurden lange mit Flachs verbunden. Neuere Untersuchungen identifizieren Baumbast und erschließen Verfahren, mit denen kurze Materialabschnitte zu längeren Fäden verbunden wurden.

3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026

Buntstiftskizze eines Rindenstücks mit hellem Innenbast, verbundenen Fasersträngen und einem einfachen offenen Gewebe auf einem Museumstisch.Bild vergrößern ↗
Freie Material- und Verfahrensmodelle. Rinde, Fäden und Gewebe sind keine Fundkopien und rekonstruieren kein bestimmtes Kleidungsstück aus Çatalhöyük.

Auf einen Blick

Wie entsteht aus Baumrinde ein Stoff – und woran erkennt man das nach Jahrtausenden?

  • Die faserige Innenrinde eines Baums kann ein textiler Rohstoff sein.
  • Rohstoff, Fadenherstellung und Gewebebindung sind verschiedene Arbeitsschritte.
  • Neue mikroskopische Untersuchungen können alte Materialbestimmungen verändern.
Zeitliche Einordnung
Untersuchte Textilien aus Çatalhöyük: vor allem etwa 6700–6500 v. u. Z.
Orte und Regionen
Zentralanatolien, heutige Türkei; weitere Fadenvergleiche aus verschiedenen Regionen
Historisch Beteiligte
Lokale Gemeinschaften und viele Generationen von Handwerkerinnen und Handwerkern; einzelne Urheber sind nicht überliefert.

Im Baum steckt mehr als Bauholz

Die raue Außenseite einer Rinde lässt zunächst kaum an einen biegsamen Stoff denken. Das Anschauungsmodell lenkt den Blick auf die helleren faserigen Schichten im Inneren. Aus geeignetem Pflanzenmaterial lassen sich längliche Streifen und Bündel gewinnen. Ihre Eigenschaften werden zum Ausgangspunkt weiterer Arbeit.

Zwischen Baum und Textil liegen deshalb mehrere Entscheidungen. Welches Material ist geeignet? In welcher Form lässt es sich ablösen und aufbereiten? Wie werden seine Abschnitte so verbunden, dass ein brauchbarer Faden entsteht? Wer Stoff herstellt, bearbeitet zugleich Material und dessen Zusammenhang.

Die Textilien von Çatalhöyük werden neu gelesen

Rast-Eicher, Karg und Bender Jørgensen untersuchten ältere und neu ausgegrabene Textilfunde mit dem Rasterelektronenmikroskop. Ihre Veröffentlichung von 2021 ordnete untersuchte Fasern Eichenbast zu und stellte damit frühere Flachsbestimmungen infrage. Der Befund passt zur geringen Zahl von Flachssamen am Ort. Die erneute Faserbestimmung

Das verändert das Bild der Rohstoffversorgung. Ein gewebter Stoff muss nicht aus eigens angebauten Faserpflanzen bestehen. Auch Kenntnisse über örtliche Bäume können anspruchsvolle Textilarbeit tragen. Die Bezeichnung einer Webbindung wiederum verrät noch nicht, aus welcher Pflanze ihre Fäden stammen.

Die Bindung lässt sich mit den Augen verfolgen

Stell dir ein einfaches Gewebe vor und folge gedanklich einem waagerechten Faden von links nach rechts. An jedem quer liegenden Faden wechselt seine Lage zwischen oben und unten. Der benachbarte Strang ergänzt die Ordnung. Aus dieser Wiederholung entsteht eine Fläche, obwohl keine ihrer einzelnen Fasern die gesamte Fläche ausfüllt.

Damit lassen sich drei Entscheidungen getrennt betrachten: welche Pflanze die Fasern liefert, wie daraus ein ausreichend langer Faden entsteht und wie mehrere Fäden angeordnet werden. Ein Wechsel der Bindung muss keinen neuen Rohstoff voraussetzen. Umgekehrt können verschiedene Pflanzen in einer ähnlichen Bindung verarbeitet werden. Diese Trennung hilft beim Lesen alter Textilien: Eine gut erkennbare Gewebestruktur beantwortet noch nicht jede Frage nach dem Material.

Ein kleines Ensemble erweitert die Auswahl

Loudon, Wollstonecroft und Fuller untersuchten 2023 fünf weitere Textil- und zwei Schnurfragmente. Sie bestätigten Baumbast als Material und schlugen für einzelne Proben zusätzlich Ulme beziehungsweise Weide oder Pappel als mögliche Ausgangspflanzen vor. Der untersuchte Kontext liegt überwiegend um 6700–6500 v. u. Z. Die ergänzende Untersuchung

Die vorgeschlagenen Bestimmungen haben unterschiedliche Sicherheit. Anatomische Merkmale müssen trotz Beschädigung erkennbar sein und gegen passende Referenzen geprüft werden. Die Vielfalt möglicher Rohstoffe ist damit eine begründete Forschungsfrage, keine vollständig erhaltene Liste einer damaligen Werkstatt.

Ein Faden muss nicht aus einem einzigen Streifen bestehen

Beim Spleißen werden Faserstreifen einzeln ergänzt oder an ihren Enden verbunden. Durch weitere Verdrehung und das Zusammenführen von Strängen entsteht ein nutzbarer Zusammenhang. Gleba und Harris entwickelten dafür Vergleichskriterien an archäologischen Textilien. Die Untersuchung der Fadenbildung

Verfolge am Modell eine Verbindungsstelle: Der einzelne Pflanzenabschnitt endet, der Faden kann weitergehen. Dieses Prinzip unterscheidet sich vom fortlaufenden Ausziehen aufbereiteter Fasern aus einer lockeren Masse beim Spinnen. Ähnliche fertige Fäden können daher durch verschiedene Handgriffe entstehen.

Weben ordnet die Beziehungen zwischen Fäden

Ein Gewebe entsteht, indem Fadensysteme regelmäßig miteinander verschränkt werden. In der einfachen Leinwandbindung wechseln die Fäden zwischen darüber und darunter. Wiederholung schafft aus einzelnen Linien eine Fläche. Deren Zusammenhalt beruht auf den Verbindungen, nicht auf einem einzigen großen Stück Rohmaterial.

Die Studie von 2023 erkannte an einem ausreichend erhaltenen Faden Hinweise auf eine Endverbindung von Faserabschnitten. Daraus lässt sich ein Herstellungsprinzip erschließen. Eine konkrete Webvorrichtung, ein Arbeitsraum oder die endgültige Form jedes Textils sind durch diesen Nachweis noch nicht vollständig rekonstruiert.

Handwerk umfasst die Umgebung

Die Aufbereitung geeigneter Bastfasern setzt Erfahrungen mit Pflanzen und ihren Materialeigenschaften voraus. Die Forschenden diskutieren mögliche Zusammenhänge mit der Nutzung und Pflege lokaler Bäume. Einzelne vorgeschlagene Schritte beruhen dabei auf vergleichbaren Verfahren und bleiben Rekonstruktionsmodelle.

Für die Entdeckungsgeschichte eröffnet sich ein wichtiger Blick: Eine weiche, unscheinbare Fläche kann viel miteinander verbundenes Wissen enthalten. Rohstoffwahl, Verbindungsstellen und regelmäßige Bindung mussten zusammen funktionieren. Erhaltene Textilreste machen einen Ausschnitt dieses Könnens sichtbar, auch wenn die Hände und viele ihrer Werkzeuge längst verschwunden sind.

Grenzen des Wissens

Was offen bleibt

Die erhaltenen Fragmente repräsentieren nur einen Teil früherer Textilien. Die genaue Baumart ist nicht in jeder Probe sicher; Ernte- und Aufbereitungsfolgen werden teilweise aus Vergleichen erschlossen.

Begriffe verstehen

Baumbast

Faserreiches Gewebe der inneren Baumrinde, das als Rohstoff aufbereitet werden kann.

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Spleißen

Verbinden längerer Faserstreifen oder Bündel durch Überlappung oder an ihren Enden.

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Zwirnen

Zusammendrehen von zwei oder mehr bereits gebildeten Fäden oder Strängen.

Leinwandbindung

Einfache Webbindung, bei der ein Faden abwechselnd über und unter quer dazu liegenden Fäden verläuft; der Name bestimmt nicht den Rohstoff.

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Quellen und Nachweise

Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.

  1. Baumbast statt automatisch Flachs

    Rast-Eicher, A., Karg, S. und Bender Jørgensen, L. (2021): The use of local fibres for textiles at Neolithic Çatalhöyük. Antiquity 95, 1129–1144. DOI 10.15184/aqy.2021.89.

    Rasterelektronenmikroskopie alter und neuer Textilfunde; Eichenbast-Deutung, keine pauschale Aussage über alle Textilien des Ortes.

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  2. Mehrere Bäume und ein Fadenverfahren

    Loudon, N. N., Wollstonecroft, M. und Fuller, D. Q. (2023): Plants to textiles: Local bast fiber textiles at Pre-Pottery Neolithic Çatalhöyük. Journal of Archaeological Science: Reports 49, 103940. DOI 10.1016/j.jasrep.2023.103940.

    Fünf Textil- und zwei Schnurfragmente; Baumbast, mögliche Ulme und Weide/Pappel. Endverbindung an einem hinreichend erhaltenen Faden. Rekonstruierte Arbeitsfolge bleibt Modell.

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  3. Fasern verbinden und Fäden bestimmen

    Gleba, M. und Harris, S. (2019; online 2018): The first plant bast fibre technology: identifying splicing in archaeological textiles. Archaeological and Anthropological Sciences 11, 2329–2346. DOI 10.1007/s12520-018-0677-8.

    Spleißen und Ausziehen beim Spinnen unterscheiden; unterschiedliche Varianten und mehrteilige Diagnose, keine einheitliche Weltchronologie.

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Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung in redaktioneller Prüfung. Bearbeitungsstand: 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.

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