Exponat 10 · Werkstoff und Fundensemble
Holz gezielt bearbeiten
Holz lässt sich auswählen, spalten, zuspitzen und weiterbearbeiten. Die außergewöhnlich erhaltenen Funde von Schöningen öffnen ein Fenster in eine technische Welt, die an vielen anderen Orten vergangen ist.
5 Minuten Haupttext · Stand: 5. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Was verrät ein erhaltener Holzschaft über eine meist verschwundene Technik?
- Die Erhaltung verzerrt unser Bild: Stein überdauert oft, Holz viel seltener.
- Schöningen enthält eine Vielfalt bearbeiteter Hölzer, die über einzelne Speere hinausgeht.
- Neuere Datierungsverfahren ergeben unterschiedliche Alterseinschätzungen; die Unterschiede bleiben sichtbar.
- Zeitliche Einordnung
- Mittleres Pleistozän; Schöninger Speerhorizont: Datierung umstritten, unter anderem etwa 200.000 oder 300.000 Jahre
- Orte und Regionen
- Schöningen, Niedersachsen, Deutschland
- Historisch Beteiligte
- Namentlich nicht überliefert
Ein anderes Archiv der Technik
Der Name „Steinzeit“ prägt Erwartungen. In einer Ausstellung suchen wir nach Klingen, Kernen und Faustkeilen. Ein Holzgegenstand kann dieses vertraute Bild plötzlich verschieben. Er zeigt, dass die erhaltenen Steine nur einen Teil einer Arbeitswelt dokumentieren. Viele Tätigkeiten mögen Materialien betroffen haben, die unter gewöhnlichen Bedingungen nicht bis in die Gegenwart überdauern.
Die Holzfunde von Schöningen sind für diese Frage besonders ergiebig. Die 2024 veröffentlichte Gesamtuntersuchung des Speerhorizonts identifizierte 187 Holzartefakte. Neben Jagdwaffen gehören dazu bearbeitete Spalthölzer. Die Forschenden beschreiben dadurch ein breiteres Spektrum von Holzarbeit, als das bekannte Bild einer Reihe von Speeren vermuten lässt. Gesamtuntersuchung des Holzensembles
Ein Werkstoff, der gewachsen ist
Holz besitzt eine innere Struktur. Ein Ast, ein Stammabschnitt und ein gespaltenes Stück bringen unterschiedliche Ausgangsformen mit. Wer daraus einen Gegenstand herstellen möchte, arbeitet mit diesen Eigenschaften. Eine lange Form muss nicht aus einem beliebigen Block vollständig herausgearbeitet werden; bereits die Auswahl kann einen Teil der späteren Gestaltung vorwegnehmen. Auswahl und Bearbeitung sind deshalb eng verbunden.
Für eine gedankliche Werkstoffprobe vergleiche einen krummen Ast mit einem geraden Schaft. Beide sind Holz, doch für dieselbe Aufgabe können sehr unterschiedliche Eingriffe nötig sein. Drehe den Ast im Kopf: Vielleicht lässt sich seine vorhandene Krümmung nutzen, vielleicht stört sie. Die Frage macht verständlich, weshalb „Material kennen“ mehr bedeutet als den Namen einer Baumart zu wissen. Sie beschreibt eine technische Anforderung, keine rekonstruierte Entscheidung an einer bestimmten Fundstelle.
Auch das Spalten ist mehr als bloßes Zerkleinern. Es erzeugt neue Flächen und Ausgangsstücke für weitere Arbeit. Die Schöninger Studie dokumentiert diese Technik an erhaltenen Artefakten und ordnet sie einem vielfältigen Umgang mit Holz zu. Was aus einer solchen Ausgangsform hergestellt wurde, muss anschließend anhand des jeweiligen Gegenstands beurteilt werden. Spalttechnik im Fundensemble
Ein einzelner Wurfstock unter der Lupe
Eine Untersuchung von 2023 widmete sich einem doppelt zugespitzten Holzgegenstand aus Schöningen. Das Team kombinierte verschiedene Analyseverfahren, um Materialauswahl und Bearbeitung näher zu untersuchen. Solche Arbeit verschiebt die Aufmerksamkeit vom eindrucksvollen Gesamtobjekt zu kleinen Oberflächenmerkmalen und zur Struktur des Holzes. Ein scheinbar schlichter Stab kann eine längere Herstellungsgeschichte besitzen. Multianalytische Untersuchung eines Wurfstocks
Ein erhaltener Gegenstand und ein Experiment beantworten dabei unterschiedliche Fragen. Am Original lassen sich Merkmale dokumentieren. Mit einer Nachbildung kann geprüft werden, welche Bewegungen oder Belastungen unter gewählten Bedingungen möglich sind. Eine gelungene Vorführung stellt jedoch keine konkrete vergangene Handlung wieder her. Das Museum verwendet deshalb auch bei anschaulichen Objekten Formulierungen, die Befund und Funktionsdeutung auseinanderhalten.
Ein Ast wird zum Gegenstand
Am 2023 untersuchten doppelt zugespitzten Stück bestimmte das Team Fichtenholz und erschloss einen Ast als Ausgangsmaterial. Dafür wurden unter anderem die Anordnung von Verzweigungen und Merkmale des gewachsenen Holzes ausgewertet. Heute misst das Stück 77,2 Zentimeter. Die Zahl beschreibt das erhaltene Original; sie ist keine aus unserer Illustration ablesbare Länge. Material und Form des untersuchten Stücks
Damit wird Auswahl am konkreten Fund greifbar. Der Rohling war bereits ein gewachsener Körper mit einer bestimmten Struktur. Die technische Arbeit begann folglich nicht erst mit dem letzten Zuspitzen. Sie lässt sich als Zusammenhang von Ausgangsmaterial, Eingriffen und entstandener Form untersuchen.
Warum verschiedene Altersangaben kursieren
Wer über Schöningen liest, stößt auf unterschiedliche Zahlen. Ältere Einordnungen nannten rund 400.000 Jahre, später war häufig von etwa 300.000 Jahren die Rede. Eine 2025 publizierte Arbeit nutzte Aminosäure-Geochronologie an fossilen Schneckendeckeln aus den fundführenden Ablagerungen und bewertete die regionale Schichtenfolge neu. Das Team kam zu einer jüngeren Einordnung um 200.000 Jahre. Neubewertung von 2025
Diese Untersuchung datiert nicht einen Speer durch das Ablesen seiner Jahresringe. Sie verbindet untersuchtes Material, zeitabhängige Veränderungen und die Zuordnung von Ablagerungen. Schon diese Erklärung verhindert ein Missverständnis: Der Messgegenstand und der archäologische Gegenstand, dessen Alter interessiert, müssen nicht identisch sein. Ihre Verbindung im Fundzusammenhang gehört zum Datierungsargument.
Eine weitere Uhr: Pferde-DNA
Eine andere Studie von 2025 untersuchte mitochondriale DNA von Pferden aus Schöningen. Ihre molekulare Altersschätzung ergab einen Mittelwert von ungefähr 360.000 Jahren, allerdings mit großer Unsicherheit. Die Autoren sehen darin eher eine Vereinbarkeit mit der älteren Chronologie des Fundensembles. Sie diskutieren ausdrücklich auch die jüngere Einordnung durch Aminosäure-Geochronologie. Pferdegenome und Chronologie
Diese Ergebnisse lassen sich nicht sinnvoll zu einem einfachen Durchschnittsalter verrechnen. Die Verfahren untersuchen verschiedene Materialien, benutzen unterschiedliche Modelle und tragen unterschiedliche Unsicherheiten. Ein rechnerischer Mittelwert aus den Schlagzeilen würde diese Grundlagen verdecken. In dieser Ausstellung bleibt deshalb die Datierungsdiskussion Teil des Exponats. Das Schild nennt den Speerhorizont als mittelpleistozänen Zusammenhang und weist auf die konkurrierenden Einordnungen hin.
Auch die Zuordnung zu einer Menschengruppe darf nicht nur aus einer bevorzugten Jahreszahl entstehen. Die Datierungsarbeit verbindet ihre jüngere Einordnung mit einer Interpretation der Entwicklung gemeinschaftlicher Jagd bei Neandertalern. Das ist eine historische Schlussfolgerung der Autoren. Ein direktes Porträt der Hersteller liefern die Holzgegenstände nicht. Historische Interpretation der Datierungsstudie
Was ein seltenes Archiv nicht leisten kann
Ein reich erhaltener Fundplatz ist zugleich eine Warnung vor dem Schluss aus dem Fehlenden. An einem trockenen oder später stark veränderten Ort könnten hölzerne Geräte verschwunden sein. Daraus folgt aber auch nicht, dass wir jedem steinernen Fundensemble beliebig viele Holzwerkzeuge hinzufügen dürfen. Seltene Erhaltung erweitert das Vorstellbare; die Behauptung über einen bestimmten Ort benötigt weiterhin einen Nachweis.
Stell dir zwei Vitrinen mit je zehn Steinwerkzeugen vor. In einer zweiten gedachten Grabung überdauern zusätzlich Hölzer, in der anderen nicht. Die identische Zahl an Steinen bedeutet dann keineswegs identische Arbeitswelten. Diese Gegenüberstellung erklärt einen Erhaltungsbias. Sie liefert keinen Faktor, mit dem sich die fehlenden Holzgegenstände rechnerisch ergänzen ließen.
Vom Schaft zum System
Das Holzexponat steht zwischen der Formgebung am einzelnen Material und der Verbindung unterschiedlicher Werkstoffe. Ein zugespitzter Holzschaft kann selbst ein Werkzeug bilden. Ein Schaft kann aber auch eine weitere Komponente tragen. Dann verschiebt sich die technische Herausforderung: Zur Bearbeitung kommen Passung, Befestigung und das Verhalten der Verbindung hinzu.
Gehe im nächsten Exponat deshalb bewusst vom Rand der Steinspitze zu ihrer Basis. Der auffällige Teil ist nicht immer der einzige, der über die Funktion entscheidet. Schöningen hat den Blick bereits vorbereitet: Technik besteht aus Eigenschaften von Materialien, aus Bearbeitung und aus den Beziehungen zwischen den erhaltenen Teilen.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Das genaue Alter des Speerhorizonts ist weiterhin Gegenstand unterschiedlicher Forschungsdeutungen. Die Holzfunde identifizieren ihre Hersteller nicht namentlich und rekonstruieren keine vollständige soziale Organisation. Unsere Illustration ist kein Nachbau eines vermessenen Originals.
Begriffe verstehen
Speerhorizont
Bezeichnung der fundführenden Ablagerungen von Schöningen 13 II-4 mit Holzartefakten und weiteren Resten.
← Zur TextstelleAminosäure-Geochronologie
Altersabschätzung anhand zeit- und temperaturabhängiger Veränderungen von Aminosäuren in geeignetem Material.
← Zur TextstelleMolekulare Datierung
Schätzung von Zeitspannen aus genetischen Veränderungen und einem statistischen Modell mit Vergleichsdaten.
Erhaltungsbias
Systematische Verzerrung des sichtbaren Befunds, weil Materialien unter unterschiedlichen Bedingungen überdauern.
← Zur TextstelleQuellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Das Holzensemble von Schöningen
Leder, D. et al. (2024): The wooden artifacts from Schöningen’s Spear Horizon and their place in human evolution. PNAS 121, e2320484121. DOI: 10.1073/pnas.2320484121.
187 als Artefakte eingestufte Hölzer; Spalttechnik und weitere Bearbeitung. Altersangabe der Arbeit wird mit neueren Studien verglichen.
← Zur Textstelle 1: Ein anderes Archiv der Technik← Zur Textstelle 2: Ein Werkstoff, der gewachsen ist - Eine jüngere Datierung der Schöninger Speere
Hutson, J. M. et al. (2025): Revised age for Schöningen hunting spears indicates intensification of Neanderthal cooperative behavior around 200,000 years ago. Science Advances 11, eadv0752. DOI: 10.1126/sciadv.adv0752.
Aminosäure-Geochronologie an Schneckendeckeln und stratigrafische Neubewertung: ungefähr 200.000 Jahre.
← Zur Textstelle 1: Warum verschiedene Altersangaben kursieren← Zur Textstelle 2: Eine weitere Uhr: Pferde-DNA - Pferde-DNA und die Schöninger Chronologie
Weingarten, A. et al. (2025): Mitochondrial genomes of Middle Pleistocene horses from the open-air site complex of Schöningen. Nature Ecology & Evolution 9, 2248–2258. DOI: 10.1038/s41559-025-02859-5.
Molekulare Altersschätzung mit großer Unsicherheit; Mittelwert etwa 360.000 Jahre, keine punktgenaue Datierung des Speers.
← Zur Textstelle: Eine weitere Uhr: Pferde-DNA - Eine genaue Untersuchung eines Wurfstocks
Milks, A. et al. (2023): A double-pointed wooden throwing stick from Schöningen, Germany: Results and new insights from a multianalytical study. PLOS One 18, e0287719. DOI: 10.1371/journal.pone.0287719.
Materialauswahl und Bearbeitungsfolge eines einzelnen Gegenstands; Altersstand der Publikation siehe neuere Datierungsdiskussion.
← Zur Textstelle 1: Ein einzelner Wurfstock unter der Lupe← Zur Textstelle 2: Ein Ast wird zum Gegenstand
Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung. Recherche- und Bearbeitungsstand: 5. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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