Exponat 14 · Nahrungsverarbeitung und Materialnutzung
Tierkörper als Ressource
Ein Tierkörper bot unterschiedliche nutzbare Teile. Schnittkanten, zerlegte Knochen und verstreute Steinsplitter lassen erkennen, wie Menschen damit arbeiteten – und wie leicht eine einzelne Spur falsch verstanden werden kann.
5 Minuten Haupttext · Stand: 5. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Wie erschließen wir eine Tätigkeit aus ihren zurückgebliebenen Spuren?
- Ein Fundplatz kann mehrere miteinander verbundene Tätigkeiten überliefern.
- Zerlegen und der ursprüngliche Erwerb eines Tierkörpers sind unterschiedliche Nachweisfragen.
- Neue Vergleichsversuche können die Deutung einer alten Fundspur verändern.
- Zeitliche Einordnung
- Boxgrove: etwa 480.000 Jahre; Vergleich mit frühem Oldowan
- Orte und Regionen
- Boxgrove, Großbritannien; Nyayanga, Kenia
- Historisch Beteiligte
- Namentlich nicht überliefert
Mehr als ein Stück Fleisch
Ein großer Knochen wirkt zunächst wie ein Rest. Für die Menschen, die einen Tierkörper bearbeiteten, konnte er jedoch noch etwas enthalten oder selbst brauchbares Material sein. Fleisch, Mark, Haut und harte Knochen stellen verschiedene Aufgaben. Eine Schneide trennt Gewebe; ein Schlag kann einen Knochen öffnen. Wer nur nach dem essbaren Anteil fragt, übersieht außerdem, dass dieselbe Bearbeitung Material für spätere Arbeiten bereitstellen kann.
Die Ausstellung beginnt deshalb bei einem Zusammenhang: Ein Tierkörper wird nicht in einem einzigen Handgriff nutzbar. Verschiedene Teile sind unterschiedlich zugänglich, haben unterschiedliche Eigenschaften und lassen sich unterschiedlich weiterverwenden. Welche davon an einem Fundplatz tatsächlich genutzt wurden, muss untersucht werden. Die Vielfalt möglicher Tätigkeiten ist die Ausgangsfrage; sie darf nicht schon als vollständige Beschreibung eines historischen Arbeitsablaufs gelten.
Ein eng erhaltenes Geschehen in Boxgrove
An der englischen Fundstelle Boxgrove blieb ein besonders anschaulicher Ausschnitt einer solchen Arbeitswelt erhalten. Der als Horse Butchery Site bekannte Bereich GTP17 enthält die Überreste eines intensiv bearbeiteten Pferdes und zahlreiche Steinartefakte. Die Forschungsmonografie verbindet das Zerlegen mit Werkzeugherstellung und der Nutzung von Knochen. Rasch abgelagerte feine Sedimente halfen, den räumlichen Zusammenhang zu bewahren. Die Forschungsmonografie zum Pferdeplatz
Die Verteilung der Stücke ist dabei ebenso bedeutsam wie ein einzelner schöner Faustkeil. Zusammenpassende Abschläge können zeigen, dass ein Werkzeug nahe am Tierkörper bearbeitet wurde. Damit wird ein scheinbarer Abfallhaufen zu einem Hinweis auf Arbeit vor Ort. Das Bild eines gut erhaltenen Geschehens ist dennoch keine Filmaufnahme: Nicht jede Bewegung, Unterbrechung oder beteiligte Person ist darin überliefert.
Warum eine Kerbe allein nicht genügt
Auf einem Knochen können verschiedene Vorgänge ähnliche sichtbare Veränderungen hinterlassen. Eine Kante kann darüberziehen, ein Zahn Druck ausüben, Sediment kann eine Oberfläche beschädigen. Für die Untersuchung ist daher entscheidend, wo eine Spur liegt, wie sie im Detail aussieht und mit welchen weiteren Veränderungen sie zusammen auftritt. Die Frage lautet nicht bloß: Ist dort eine Linie? Sie lautet: Welche Entstehung erklärt die beobachteten Merkmale am besten?
Eine verständliche Analogie ist ein zerbrochener Becher. Der Bruch belegt zunächst, dass das Material getrennt wurde. Ob der Becher fiel, angeschlagen oder später beschädigt wurde, lässt sich nicht zuverlässig aus dem Wort „Bruch“ ablesen. Am archäologischen Knochen ist die Aufgabe anspruchsvoller, weil viel mehr Zeit und weitere Veränderungen dazwischenliegen. Eine plausible Geschichte wird erst durch unterscheidende Merkmale zu einer belastbaren Erklärung.
Das Schulterblatt und die bessere Erklärung
Eine 2025 veröffentlichte Neuuntersuchung nahm sich einen auffälligen Bruch am rechten Pferdeschulterblatt von Boxgrove vor. Er war zuvor als mögliche Verletzung durch einen Holzspeer diskutiert worden. Das Team verglich mikroskopische und messbare Merkmale mit experimentell erzeugten Schäden durch Speere und Schlagsteine. Beide Einwirkungen konnten gebogene Bruchformen verursachen; die Schlagsteinversuche passten besser zum untersuchten Fund. Neuuntersuchung von 2025
Die Autoren ordnen die Spur deshalb eher der Verarbeitung des Knochens zu. Das ist eine Korrektur einer bestimmten Deutung, keine Widerlegung jeder Jagd in Boxgrove. Genau diese Trennung macht den Fall so lehrreich: Ein Befund kann eine Tätigkeit gut stützen und eine andere Frage offenlassen. Die Datierung des Fundzusammenhangs auf ungefähr 480.000 Jahre ersetzt diese Prüfung ebenso wenig wie die eindrucksvolle Form des Fragments.
Erwerben und Verarbeiten sind zwei Fragen
Wer einen Tierkörper zerlegt, muss Zugang zu ihm gehabt haben. Damit ist aber noch nicht in jedem Fall entschieden, wie dieser Zugang zustande kam. Jagd, das Nutzen eines bereits toten Tieres und unterschiedliche Formen des Zugriffs auf einzelne Körperteile hinterlassen keine automatisch eindeutigen Etiketten. Auch eine sorgfältig belegte Schnittspur erzählt nicht selbst, was vorher geschah.
Nyayanga in Kenia bietet einen viel älteren Vergleich: In dem ungefähr drei bis 2,6 Millionen Jahre alten Oldowan-Zusammenhang werden unter anderem Schnittspuren an Flusspferdknochen und die Verarbeitung unterschiedlicher Ressourcen beschrieben. Dieser Befund zeigt die Bedeutung früher Schneiden bei der Nahrungserschließung. Er ist keine überlieferte Szene, in der eine bekannte Menschenart ein Flusspferd mit einer bestimmten Waffe erlegt. Der Forschungsbericht zu Nyayanga
Werkzeug und Nahrung verändern die nächste Aufgabe
Beim Gang durch die Sammlung lässt sich eine Kette von Anforderungen verfolgen. Eine geeignete Kante muss verfügbar sein. Während der Arbeit kann sie nachbearbeitet oder ersetzt werden. Das bearbeitete Material kann seinerseits einen neuen Nutzen bekommen: Aus einem Körperteil wird beispielsweise ein Rohmaterial. Solche Verbindungen erklären, weshalb Nahrung und Werkzeuge in benachbarten Räumen stehen, obwohl ihre Exponate verschiedene Fragen behandeln.
Diese Kette ist eine Erklärung des Zusammenhangs, kein festes Rezept für alle frühen Gesellschaften. Unterschiedliche Tiere, Materialien und Situationen verlangen unterschiedliche Lösungen. Auch Aufwand und Beweglichkeit gehören zur Frage: Was wird am Ort bearbeitet, was anderswohin getragen? Ein gut untersuchter Platz kann Hinweise auf solche Entscheidungen enthalten. Die Namen der Beteiligten und die Gespräche bei der Arbeit bleiben dabei meist jenseits des erhaltenen Materials.
Lies die Spur, bevor du die Szene erfindest
Betrachte die Illustration und formuliere drei getrennte Sätze. Beschreibe zuerst nur sichtbare Eigenschaften: eine dünne Steinkante, einen rundlichen Stein, einen geöffneten Knochen. Überlege dann, welche Einwirkungen diese Gegenstände ermöglichen. Erst im dritten Satz würde eine historische Behauptung stehen – und dafür brauchst du einen konkreten Fund mit untersuchtem Zusammenhang.
Der Gewinn dieses Exponats liegt in einem veränderten Blick auf Reste. Ein Knochen ist weder automatisch Küchenabfall noch automatisch ein Werkzeug. Seine Bedeutung entsteht aus Merkmalen, Lage und Verbindungen zu anderen Funden. Weiter führt der Weg zu zwei scheinbar unscheinbaren Ressourcengruppen: Pflanzen, deren Reste oft schwerer erhalten bleiben, und Mahlgeräten, auf denen winzige Partikel einen früheren Gebrauch sichtbar machen.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Die Bearbeitung eines Tierkörpers beweist für sich allein weder eine bestimmte Jagdmethode noch eine feste Arbeitsteilung. Am Pferdeschulterblatt von Boxgrove wird ein früher als mögliche Speerverletzung gedeuteter Bruch inzwischen eher mit Schlagsteinbearbeitung erklärt.
Begriffe verstehen
Schnittspur
Durch eine schneidende Kante entstandene Veränderung einer Oberfläche; ihre Entstehung wird anhand mehrerer Merkmale untersucht.
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Einwirkung durch Schlagen, hier etwa mit einem Schlagstein auf Knochen.
Taphonomie
Untersuchung der Prozesse vom Tod eines Organismus bis zu seinem erhaltenen und ausgegrabenen Rest.
Zusammenpassung
Das Zusammenfügen ursprünglich verbundener Fundstücke, etwa von Steinsplittern oder Knochenfragmenten.
Quellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Ein Arbeitszusammenhang in Boxgrove
Pope, M.; Parfitt, S.; Roberts, M. (2020): The Horse Butchery Site: A high resolution record of Lower Palaeolithic hominin behaviour at Boxgrove, UK. SpoilHeap Monograph 23.
Werkzeugherstellung, Zerlegen und Knochenverarbeitung im eng erhaltenen Fundzusammenhang.
← Zur Textstelle: Ein eng erhaltenes Geschehen in Boxgrove - Boxgrove: Eine Knochenverletzung neu geprüft
Milks, A. et al. (2025): A reanalysis of the ‘perforated’ scapula from the Boxgrove Horse Butchery Site. Quaternary International 749, 109995. DOI: 10.1016/j.quaint.2025.109995.
Experiment und Mikroskopie: untersuchter Bruch passt eher zu Schlagsteinbearbeitung als zu einer Speerverletzung; allgemeine Jagddeutung damit nicht widerlegt.
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Plummer, T. W. et al. (2023): Expanded geographic distribution and dietary strategies of the earliest Oldowan hominins and Paranthropus. Science 379, 561–566. DOI: 10.1126/science.abo7452.
Erläuterung der beteiligten Smithsonian-Forschung; Artzugehörigkeit der Werkzeughersteller bleibt offen.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung. Recherche- und Bearbeitungsstand: 5. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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