Exponat 06 · Die chemische Nomenklatur von 1787
Stoffnamen ordnen das Wissen
Ein Stoff kann nach seiner Herkunft, seinem Aussehen oder seiner vermuteten Zusammensetzung benannt werden. Das gemeinsame Nomenklaturwerk von 1787 macht Namen zu einem Ordnungssystem – und schreibt damit auch überprüfbare Annahmen in die Sprache ein.
3 Minuten Haupttext · Stand: 7. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Was verändert sich, wenn ein Stoffname eine Vorstellung von der Zusammensetzung ausdrückt?
- Systematische Namen machen Beziehungen zwischen Stoffen leichter erkennbar.
- Das Nomenklaturwerk war eine gemeinsame Arbeit.
- Auch ein sorgfältig geordneter Name kann eine später widerlegte Theorie enthalten.
- Zeitliche Einordnung
- Méthode de nomenclature chimique, Paris 1787; Erläuterungen hier nach Kerrs Übersetzung von 1790
- Orte und Regionen
- Frankreich; chemische Fachsprache und ihre Übersetzung
- Historisch Beteiligte
- Louis-Bernard Guyton de Morveau, Antoine Lavoisier, Claude-Louis Berthollet und Antoine-François de Fourcroy
Ein Name lenkt den Blick
Ein Name wie „fixe Luft“ sagt etwas über die Bindung eines Stoffes und seine experimentelle Geschichte. Ein anderer Name kann auf den Rohstoff verweisen, aus dem man ihn gewinnt. Solche Benennungen sind verständlich, lassen aber Beziehungen zwischen verschiedenen Herstellungswegen oft unsichtbar bleiben.
Lavoisier erläutert dieses Problem am Beispiel der aus Vitriolen gewonnenen Säure: Wenn derselbe Stoff auch aus Schwefel zugänglich ist, soll eine gemeinsame Benennung die Verbindung dieser Wege erkennbar machen. Der Stoff wechselt durch die Umbenennung nicht seine Eigenschaften; die Sprache macht eine neue Ordnung zugänglich. Alte Namen und bekannte Basen, Kapitel VI
Ein gemeinsames Werk statt einer Einzelentscheidung
1787 erschien in Paris die Méthode de nomenclature chimique. Das Exemplar im Metropolitan Museum dokumentiert das Werk und seine Beteiligten. Guyton de Morveau, Lavoisier, Berthollet und Fourcroy werden auch in Lavoisiers Vorwort als gemeinsame Autoren des Namenssystems genannt. Das Werk von 1787 im Katalog Die Zusammenarbeit im Vorwort
Eine Fachsprache braucht mehr als einen guten Vorschlag. Andere müssen sie lesen, verwenden und auf eigene Befunde anwenden können. Übersetzungen machen diese Aufgabe zusätzlich sichtbar: Die Endungen eines französischen Namens lassen sich nicht immer unverändert in eine andere Sprache übertragen.
Ähnliche Namen sollen Unterschiede sichtbar machen
Im Kapitel über Säuren beschreibt Lavoisier verschiedene Eigenschaften von Stoffen, die er als unterschiedliche Sauerstoffverbindungen derselben Basis deutet. Veränderte Namensendungen sollten solche Beziehungen kenntlich machen. Kerr erklärt in einer Fußnote, wie er entsprechende Endungen ins Englische überträgt. Namensendungen und Übersetzung, S. 66–68 und Fußnote 12
Für Lernende wird damit eine vergleichende Frage möglich: Was haben diese Stoffe gemeinsam, und worin unterscheiden sie sich? Der Name soll bei der Antwort helfen. Die richtige Antwort muss jedoch weiterhin aus Untersuchung und Analyse kommen.
Eine ungelöste Zusammensetzung erhält trotzdem einen Platz
Besonders deutlich wird die Grenze des Systems bei der damaligen muriatic acid, der Säure des Kochsalzes. Lavoisier schreibt, ihre Bestandteile noch nicht getrennt zu haben. Dennoch nimmt er eine Verbindung von Sauerstoff mit einer besonderen Säurebasis an und gibt auch der unbekannten Basis einen Namen. Die angenommene Basis der Salzsäure, S. 70–73
Ein ordentlich benannter Platz ist damit noch kein entdeckter Stoff. Das Wort hält eine Hypothese fest. Gerade weil diese Annahme ausdrücklich formuliert ist, lässt sie sich später gezielt prüfen und verändern.
Sauerstoff erklärt nicht jede Säure
Heute unterscheiden wir Chlorwasserstoffgas HCl und seine wässrige Lösung, die Salzsäure. Das HCl enthält Wasserstoff und Chlor, aber keinen Sauerstoff. Die frühere Annahme, jede Säure müsse Sauerstoff enthalten, lässt sich daher nicht aufrechterhalten. Der Sauerstoff im Lösungsmittel Wasser macht HCl nicht zu einer Sauerstoffverbindung. Chlorwasserstoff und Salzsäure heute
Der Name Sauerstoff trägt trotzdem eine Spur der alten Vorstellung eines Säurebildners. Ein Wort kann überleben, während seine ursprüngliche Begründung verschwindet. Das macht chemische Sprache zugleich nützlich und historisch lesbar. Die Bedeutung des Namens Oxygen
Eine Ordnung wird besser, wenn sie korrigierbar bleibt
Auch heutige Stoffnamen helfen, unterschiedliche Zusammensetzungen auseinanderzuhalten. Kohlenstoffmonoxid CO und Kohlenstoffdioxid CO2 sind beispielsweise verschiedene Stoffe; ihre Namen machen die unterschiedliche Zahl der Sauerstoffatome kenntlich. Das ist eine heutige Regelanwendung, keine vollständige Übernahme der Sprache von 1787. Molekülverbindungen systematisch benennen
Das historische Werk eröffnet deshalb mehr als eine Vitrine alter Wörter. Es zeigt, wie eine Wissenschaft ihr Wissen teilbar macht und zugleich Annahmen festhält. Ein brauchbares System muss Übersicht schaffen, ohne seine gegenwärtigen Namen mit endgültiger Wahrheit zu verwechseln.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Die Namensregeln von 1787 sind nicht mit der gesamten heutigen IUPAC-Nomenklatur gleichzusetzen. Manche damaligen Zuordnungen beruhten auf noch nicht bestätigten oder falschen Annahmen.
Begriffe verstehen
Nomenklatur
Ein vereinbartes System von Benennungen und Regeln für deren Bildung.
Radikal im historischen Text
Hier eine als Basis einer Säure betrachtete Stoffkomponente. Der Ausdruck bedeutet nicht automatisch ein freies Radikal im heutigen chemischen Sinn.
Salzsäure
Wässrige Lösung von Chlorwasserstoff. Das gelöste HCl enthält selbst keinen Sauerstoff; der Sauerstoff des Lösungsmittels Wasser ist davon zu unterscheiden.
← Zur TextstelleQuellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Lavoisiers Versuche, Stoffnamen und vorläufige Grundstoffe
Antoine Lavoisier: Elements of Chemistry, Übersetzung Robert Kerr, William Creech, Edinburgh 1790. Autorvorwort S. xiii–xxv teilweise; Kapitel III S. 32–47, IV S. 48–53, VI S. 66–77, VIII S. 83–96; Kapitel XIII S. 129–133 und Anfang 134; Teil II S. 175–178.
Englische Übersetzung von 1790. Keine vollständige Lektüre des Buchs; Tafeln nicht angesehen. Historische Sauerstoff-, Kalorikum- und Säuretheorie sowie berichtete Zahlen sind von heutigen Aussagen zu unterscheiden.
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The Metropolitan Museum of Art: Méthode de nomenclature chimique; on y a joint un nouveau système de caractères chimiques, adaptés à cette nomenclature. Paris 1787; Watson Library, QD7 .G85 1787.
Die aus einem Händlertext zitierte Bewertung wird nicht als unabhängiger Museumsbefund übernommen. Originaltafeln nicht angesehen. Vier Hauptautoren sind zusätzlich im Vorwort Lavoisiers belegt; der Katalog nennt auch Hassenfratz und Adet.
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Paul Flowers, Klaus Theopold, Richard Langley und William R. Robinson: Chemistry 2e, 2.7 Chemical Nomenclature. OpenStax, 2019.
Die englischen Namensregeln sind keine wörtlichen Regeln für deutsche Säurenamen. HCl-Gas und Salzsäure als wässrige Lösung werden getrennt.
← Zur Textstelle 1: Sauerstoff erklärt nicht jede Säure← Zur Textstelle 2: Eine Ordnung wird besser, wenn sie korrigierbar bleibt - Sauerstoff: Eigenschaften und mehrere Entdeckungsgeschichten
Royal Society of Chemistry: Oxygen, Periodic Table.
RSC datiert Scheeles Herstellung auf Juni 1771, abweichend von der ACS-Angabe 1773. Beide nennen Veröffentlichung 1777. Medizinische Grenzangaben und nicht benötigte Entdeckungsvorläufer nicht übernommen.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Erste Arbeitsfassung vom 7. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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