Exponat 03 · Schriftguss und wiederverwendbare Formen
Aus einer Buchstabenform viele Lettern gewinnen
Ein Stempel erzeugt eine Matrize, aus der wiederholt Lettern gegossen werden können. Erhaltene Werkzeuge von 1573 zeigen zugleich, warum Schriftentwurf und Alter eines Gussstücks getrennt untersucht werden müssen.
3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Wie lässt sich eine gestaltete Zeichenform wiederholt in Metall herstellen?
- Stempel, Matrize und Letter sind verschiedene Gegenstände.
- Die Matrize bleibt für weitere Gussstücke verfügbar.
- Eine ältere Schriftform kann durch jüngere Nachgüsse weiterverwendet werden.
- Zeitliche Einordnung
- Erhaltene Matrizen von 1573; ausgereifte Technik der Handpressenzeit
- Orte und Regionen
- Gent und Antwerpen; europäische Schriftproduktion
- Historisch Beteiligte
- Hendrik van den Keere; Stempelschneider, Schriftgießer und Werkleute der Druckereien
Gleiche Gestalt, verschiedene Gegenstände
In einer gesetzten Seite kann dieselbe Buchstabenform an vielen Stellen vorkommen. Diese Stellen benötigen gleichzeitig vorhandene Lettern. Der Entwurf eines Zeichens und die Herstellung eines Vorrats solcher Teile sind daher zwei verschiedene Aufgaben.
Bei der ausgereiften Technik der europäischen Handpressenzeit verbindet eine Folge von Formen beide Aufgaben. Ein Stempel trägt die erhabene Zeichenform. Sein Abdruck in weicherem Metall erzeugt eine Vertiefung: die Matrize. Sie dient anschließend als Teil der Gussform. Mainz: Schriftguss
Eine Vertiefung wird wieder zur Erhebung
Die Matrize schließt die Gusskammer an einem Ende ab. Nach dem Füllen und Erstarren besitzt der neue Metallkörper dort ein erhabenes Zeichen. Die Matrize bleibt verfügbar, während die gegossene Letter entnommen wird. Auf diese Weise können mehrere einzelne Körper auf dieselbe Zeichenform zurückgehen. Folger: Herstellung von Drucktypen
Die Abfolge lässt sich ohne Schmelzversuch im Kopf verfolgen: erhabener Stempel, vertiefter Abdruck, erneut erhabener Guss. Achte darauf, welches Teil erhalten bleiben und welches neu entstehen soll. Ein Stempel ist weder die fertige Druckletter noch die vollständige Vorrichtung, in der sie gegossen wird.
Eine konkrete Matrizensammlung von 1573
Das Plantin-Moretus-Museum katalogisiert unter MPM.MA.001.b eine Gruppe von Matrizen Hendrik van den Keeres aus dem Jahr 1573. Der Eintrag beschreibt 72 Matrizen, darunter Kleinbuchstaben, verbundene Buchstabenformen, Akzentbuchstaben und Satzzeichen. Es sind überlieferte Werkzeuge einer bestimmten Schriftproduktion. Plantin-Moretus: MPM.MA.001.b
Solche Gegenstände machen die Herstellungsfolge greifbar. Sie sind aber jünger als Gutenbergs frühe Mainzer Arbeit. Wenn wir das ausgereifte Verfahren an ihnen erklären, rekonstruieren wir damit nicht automatisch jeden Handgriff und jedes Werkzeug um 1450. Die Datierung des Anschauungsbeispiels gehört zur Erklärung.
Der Guss beendet die Arbeit noch nicht
Eine Letter soll nicht nur ein erkennbares Zeichen tragen. Ihr Körper muss in die gesetzte Form passen und die Druckfläche an die richtige Stelle bringen. Nachbearbeitung gehört daher zur Herstellung brauchbarer Typen. Ein entferntes Stück des Angusses allein erklärt noch nicht alle Maße der fertigen Letter.
Patrick Storme untersuchte historische Typen aus dem Plantin-Moretus-Bestand aus der Perspektive der Metallkonservierung. Seine Arbeit verbindet die erhaltenen Gegenstände mit Fragen ihrer Zusammensetzung, Herstellung und späteren Nutzung. Dabei kann eine ältere Schriftgestalt durch einen jüngeren Nachguss fortbestehen. Storme 2016
Formdatum und Gussdatum auseinanderhalten
Stell dir als heutiges Beispiel eine aufbewahrte Matrize vor, aus der Jahre später weitere Lettern gegossen werden. Die neuen Teile zeigen dieselbe entworfene Form, sind als Metallgegenstände aber jünger. Wer nur das Aussehen des Buchstabens betrachtet, hat ihr Herstellungsdatum damit noch nicht bestimmt.
Auch die Analyse eines Metallkörpers beantwortet nicht jede Frage zugleich. Eine gemessene Zusammensetzung ist keine direkte Jahreszahl. Die untersuchte Stichprobe kann Hinweise auf bestimmte Bestände liefern, ohne eine einzige verbindliche Legierung sämtlicher früher Druckwerkstätten festzulegen.
Ein Vorrat bewahrt viele Arten von Arbeit
In einem Setzkasten kommen Gestaltung, Werkzeugherstellung, Guss und Nachbearbeitung zusammen. Eine wiedererkennbare Schrift ist somit nicht bloß eine Reihe gezeichneter Konturen. Sie besteht im Werkstattgebrauch aus vielen passend hergestellten Gegenständen. Erst dieser Vorrat ermöglicht es, den Entwurf auf wechselnden Seiten immer wieder einzusetzen.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Das hier erklärte ausgereifte Verfahren ist keine vollständige Rekonstruktion der frühen Gutenberg-Werkstatt. Die Zusammensetzung untersuchter späterer Lettern liefert weder eine universelle Gutenberg-Legierung noch automatisch ein Gussdatum.
Begriffe verstehen
Matrize
Vertiefte Zeichenform, die beim Schriftguss einen Teil der Gusskammer abschließt und die druckende Fläche formt.
← Zur TextstelleStempel
Werkzeug mit erhabener Zeichenform, mit dem ein Abdruck in einem geeigneten Material hergestellt werden kann.
← Zur TextstelleAnguss
Zusätzliches Material am gegossenen Stück aus dem Zuführungsbereich der Form, das bei der Nachbearbeitung entfernt wird.
Quellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Stempel, Matrize und Handgießinstrument
Landeshauptstadt Mainz: Gutenbergs Erfindung.
Grundlegende Herstellungsfolge. Verkürzte Aussage zur gleichen Höhe allein nach Abbrechen des Angusses nicht übernommen; Nachbearbeitung zusätzlich mit Forschung zu erhaltenen Typen belegt. Keine genaue Gutenberg-Legierung oder gemessene Geschwindigkeitssteigerung daraus abgeleitet.
← Zur Textstelle: Gleiche Gestalt, verschiedene Gegenstände - Die einzelnen Arbeitsschritte der Handpressenzeit
Folger Shakespeare Library, Atlas of Early Printing: Bookmaking; Vorführungen im Museum Plantin-Moretus.
Vorführung mit Ausstattung des 17. Jahrhunderts; Ähnlichkeit zur Zeit etwa 1475–1500 ausdrücklich als wahrscheinliche Einordnung. Beschreibt getrennte Aufgaben von Stempel, Matrize, Gusskammer, Winkelhaken, Schließrahmen und Druck. Kein unmittelbarer Nachweis jedes Gutenberg-Arbeitsschritts um 1450.
← Zur Textstelle: Eine Vertiefung wird wieder zur Erhebung - Erhaltene Matrizen Hendrik van den Keeres von 1573
Museum Plantin-Moretus, Collectie Online: Matrijzen Romein Gras Canon Romain; MPM.MA.001.b, Hendrik van den Keere, 1573.
72 Matrizen: 26 Kleinbuchstaben, neun Ligaturen, eine Kontraktion, 24 Akzentbuchstaben und zwölf Satzzeichen; frühester bekannter Gebrauch bei Plantin 1573. Verschiedene Maßangaben der Kästchen nicht ungeprüft vereinheitlicht. Kein Werkzeug Gutenbergs.
← Zur Textstelle: Eine konkrete Matrizensammlung von 1573 - Was Metallanalysen und erhaltene Lettern über ihre Herstellung sagen
Patrick Storme: Historical Type in the Collection of the Plantin-Moretus Museum in Antwerp from a Metal Conservators’ Point of View. Tijdschrift voor Mediageschiedenis 19(2), 2016. DOI 10.18146/2213-7653.2016.265.
HTML ist als experimenteller Zeitschriftenprototyp gekennzeichnet. Untersuchung von 28 Typen in sechs Gruppen, jeweils zwei XRF-Messungen: Oberfläche, keine direkte Datierung. Nachguss älterer Schriftformen, Nachbearbeitung und Unterschiede zwischen Ausgangsmaterial und Guss. Keine universelle Gutenberg-Legierung. Das fehlerhafte Härteverhältnis 35 zu 7 und ungeprüfte allgemeine Aussagen zur Antimonausdehnung werden nicht übernommen.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Erste Arbeitsfassung vom 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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