Exponat 06 · Behring und Kitasatos Bericht von 1890
Eine Schutzwirkung im Serum übertragen
Behring und Kitasato untersuchen eine übertragbare Schutzwirkung. Der Bericht trennt die Wirkung gegen ein Bakteriengift von einer bloßen Wirkung gegen das Bakterium selbst.
3 Minuten Haupttext · Stand: 8. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Kann ein Bestandteil des Blutes eine schädliche Giftwirkung auch in einem anderen Organismus vermindern?
- Eine Erkrankung kann durch Produkte eines Erregers vermittelt werden.
- Zellfreies Serum kann eine übertragbare Schutzwirkung enthalten.
- Der gemeinsame Bericht von 1890 beschreibt Tierversuche, keine abgeschlossene Prüfung am Menschen.
- Zeitliche Einordnung
- Gemeinsame Veröffentlichung 1890
- Orte und Regionen
- Hygienisches Institut in Berlin
- Historisch Beteiligte
- Emil Behring und Kitasato Shibasaburō
Zwei Forschungswege, eine gemeinsame Frage
Der Titel nennt Diphtherie und Tetanus. Gleich zu Beginn ordnen die Autoren ihre bisherigen Arbeiten zu: Behring hatte Diphtherie untersucht, Kitasato Tetanus. Der gemeinsam veröffentlichte Bericht von 1890 verbindet diese Arbeiten mit einer Frage nach Schutz und Behandlung. Eine Zuschreibung an nur einen Entdecker würde die Quelle bereits auf ihrer ersten Seite verkürzen. Titel und Einleitung des Sonderdrucks
Die ausführlicher dargestellten Versuche betreffen den Schutz gegen Tetanus. Gerade diese genaue Unterscheidung verhindert, dass unterschiedliche Krankheiten, Versuchsanordnungen und spätere Anwendungen zu einer einzigen Erfolgsgeschichte verschmelzen.
Bakterium und Giftwirkung auseinanderhalten
Ein Krankheitserreger kann schädliche Stoffe abgeben. Damit entstehen verschiedene mögliche Angriffspunkte: das Bakterium selbst, seine Produkte und die Reaktion des betroffenen Organismus. Behring und Kitasato fragten, ob die beobachtete Immunität durch eine Wirkung des Blutes auf die giftigen Produkte erklärt werden könne. Die Abgrenzung der Erklärungen auf S. 1–3
Der Text setzt sich mit anderen Vorstellungen auseinander, etwa einer bakterienfeindlichen Wirkung des Blutes oder einer Gewöhnung an das Gift. Eine Gegenbehauptung allein genügt den Autoren nicht. Sie suchen nach einer Wirkung, die auch außerhalb des ursprünglichen Organismus untersucht und weitergegeben werden kann.
Eine Wirkung lässt sich übertragen
Nach ihrem Bericht war eine schützende Wirkung auch im zellfreien Serum vorbehandelter Tiere nachweisbar. Dieses Material konnte den Verlauf bei anderen Tieren beeinflussen. Kontrollvergleiche mit Material nicht immuner Tiere zeigten die entsprechende Wirkung nicht. Die Beobachtung verband also die Herkunft des Serums mit einer bestimmten Wirkung, statt jede beliebige Blutflüssigkeit für gleichwertig zu halten. Die Beweissätze und Kontrollvergleiche auf S. 3–5
Für die Erkenntnisfrage genügt diese Ebene. Die historischen Belastungs- und Übertragungsverfahren werden hier nicht als Anleitung wiedergegeben. Die beschriebenen Versuche verursachten Tieren Leid und Tod; das gehört ebenso zur Geschichte wie der daraus gewonnene Befund.
Was war damit erkannt?
Die Wirkung konnte ohne Übertragung der ursprünglichen Blutzellen fortbestehen. Das sprach gegen eine Erklärung, die ausschließlich auf deren unmittelbare Tätigkeit setzte. Zugleich war der entscheidende Effekt in diesen Untersuchungen gegen die Giftwirkung gerichtet. Die Fußnote des Sonderdrucks diskutiert dafür ausdrücklich den Ausdruck antitoxisch. Die begriffliche Unterscheidung in der Fußnote auf S. 4
Eine wirksame Übertragung legt jedoch noch nicht sämtliche molekularen Einzelheiten offen. Die Stoffe, ihre Struktur und ihre Bildung waren mit diesem Bericht nicht vollständig erklärt. Das Exponat zeigt daher einen experimentell eingegrenzten Wirkungszusammenhang, keinen fertigen Bauplan des Immunsystems.
Fertigen Schutz übertragen oder eigenen anregen
Heute unterscheiden wir aktive und passive Immunisierung. Bei einer aktiven Immunisierung wird die eigene spezifische Abwehr angeregt. Bei einer passiven werden bereits vorhandene Abwehrbestandteile übertragen. Gegen bestimmte Bakteriengifte können entsprechende Antikörper eine neutralisierende Wirkung vermitteln. Diese heutige Einordnung erläutert das Lehrbuch Microbiology. Aktive und passive Immunität
Übertragener Schutz hält nicht automatisch lebenslang an. Auch die Aussage des historischen Berichts über dauerhaft gesund gebliebene Versuchstiere ist an dessen Beobachtung und Bedingungen gebunden. Sie darf nicht als allgemeine Zusicherung für jede spätere Serumbehandlung gelesen werden.
Der nächste Schritt war noch offen
Am Ende verzichten Behring und Kitasato ausdrücklich darauf, die möglichen Folgerungen für die Behandlung erkrankter Menschen bereits auszuführen. Die Anwendung beim Menschen erscheint als Aussicht. Der Bericht selbst liefert keine abgeschlossene klinische Prüfung und keine belastbare allgemeine Erfolgsquote für Patientinnen und Patienten. Der Schluss auf S. 5–6
Seine Bedeutung liegt in der neuen Frage: Schutz kann in einem übertragbaren Bestandteil liegen, und dieser Bestandteil kann eine schädliche Wirkung gezielt beeinflussen. Von dort führen weitere Aufgaben zu Prüfung, Herstellung und Anwendung. Diese Schritte sind Teil der Entdeckungsgeschichte und verdienen ebenso viel Aufmerksamkeit wie ihr erstes Veröffentlichungsdatum.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Der Sonderdruck stellt die Ergebnisse der beteiligten Forscher dar. Die damalige Vorstellung einer dauerhaften Schutzwirkung wird nicht auf jede heutige passive Immunisierung übertragen.
Begriffe verstehen
Toxin
Giftiger Stoff biologischen Ursprungs; hier ein Produkt von Bakterien.
Antitoxin
Antikörper mit einer gegen ein bestimmtes Toxin gerichteten neutralisierenden Wirkung.
Passive Immunisierung
Übertragung fertiger Bestandteile der spezifischen Abwehr, statt diese beim Empfänger erst anzuregen.
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Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Die gemeinsame Untersuchung der übertragbaren Schutzwirkung
Emil Behring und Kitasato Shibasaburō: Ueber das Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität bei Thieren. Deutsche Medizinische Wochenschrift 16, Nr. 49, 1890, S. 1113–1114. Sonderdruck mit eigener Zählung S. 1–6, Universitätsbibliothek Marburg, EvB/SD 1.
Die Quelle unterscheidet die Arbeitsgebiete der beiden Autoren und beschreibt vor allem Tetanusversuche an Tieren. Mögliche Anwendungen beim Menschen bleiben im Schluss als nächste Frage offen.
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Nina Parker u. a.: Microbiology, 18.5 Vaccines, Abschnitt Classifications of Adaptive Immunity. OpenStax, 2016.
Der Lehrtext erklärt heutige Begriffe. Übertragen werden Abwehrbestandteile; das ist etwas anderes als das Anregen einer eigenen Immunantwort.
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Redaktion: Benjamin Metzig. Text und Quellen am 8. September 2026 geprüft. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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