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Knorpelfische

Grönlandhai

Somniosus microcephalus

Ein massiger Hai aus kalten Meeresgebieten könnte mehrere Jahrhunderte leben. Wie lässt sich das herausfinden? Seine Augenlinsen speichern eine frühe Kohlenstoffsignatur – und die daraus berechneten Altersangaben haben eine wichtige Unsicherheit.

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Fotorealistisch generierter Grönlandhai mit massigem graubraunem Körper, kleinen Rückenflossen und sehr kleinem Auge über einem dunklen Meeresboden; der ganze Körper ist sichtbar.
KI-generierte, fotorealistische Darstellung eines Grönlandhais in einer erfundenen Kaltwasserszene. Keine dokumentarische Aufnahme, kein untersuchtes Exemplar und kein Nachweis seines Alters, seiner Größe oder eines bestimmten Fundorts.

Somniosus microcephalus (Bloch & Schneider, 1801), ursprünglich Squalus microcephalus. Die vereinfachte Rangfolge behält die breite Klasse Chondrichthyes bei. WoRMS stellt dieselbe Abstammung mit zusätzlichen und teils anders benannten Rängen dar, darunter Elasmobranchii als Klasse. Südliche Schlafhaiarten werden hier nicht als Synonyme oder Verbreitungsbelege übernommen.

Auf einen Blick

Größe
Berichtet: Weibchen bis 5,5 m; Männchen bis 3,8 m GesamtlängeBekannte Größenbelege aus der Fortpflanzungsübersicht von 2020; dort größter verifizierter Männchenbeleg 3,8 m und bekanntes Weibchen bis 5,5 m. Kein Mittelwert oder gesicherte absolute Artgrenze. Die untersuchten Weibchen dieser Arbeit reichten nur bis 4,9 m; Artprofile nennen teils höhere, anders abgesicherte Werte.Julius Nielsen und Mitautorinnen und Mitautoren · PLOS ONE15(10),e0238986 (2020) The Shark Trust
Besonderheit
Altersdatierung über den Kern der Augenlinse28 Weibchen wurden 2016 untersucht. Für das größte Tier wurde bezogen auf 2012 ein Modellalter von 392 ± 120 Jahren angegeben: Mittelpunkt und halbe Breite eines 95,4-Prozent-Wahrscheinlichkeitsbereichs, kein exakt bekanntes Alter. Die Geburtsdatierung bleibt annahmenabhängig.Julius Nielsen und Mitautorinnen und Mitautoren · Science353(6300),702–704 (2016) COSEWIC · kanadischer Ausschuss für gefährdete Wildtierarten

Ein schwerer Körper in kaltem Wasser

Ein Grönlandhai wirkt wie ein langsamer Schatten mit kleinen Flossen. Sein Körper ist kräftig und walzenförmig, die Schnauze kurz und gerundet. Zwei niedrige Rückenflossen tragen keine Stacheln. Hinter den Bauchflossen fehlt eine Afterflosse – ein nützliches Merkmal zur Einordnung. Die Haut kann grau, braun oder schwärzlich sein und unregelmäßig hell gefleckt wirken.

Somniosus microcephalus gehört zu den Schlafhaien innerhalb der Dornhaiartigen. Er lebt im Nordatlantik und in angrenzenden arktischen Gewässern. Küstennahe Fjorde und Schelfgebiete gehören ebenso zu seinem Lebensraum wie tiefere Wasserschichten. Ein Fund in flachem Wasser beschreibt also nicht die gesamte Tiefenverteilung der Art.

Weibchen werden größer als Männchen. Die Fortpflanzungsübersicht von 2020 nennt bekannte Weibchen bis 5,5 Meter und einen verifizierten männlichen Größenbeleg von 3,8 Metern. Andere Artübersichten führen höhere, unterschiedlich abgesicherte Oberwerte an.

World Register of Marine Species The Shark Trust Julius Nielsen und Mitautorinnen und Mitautoren · PLOS ONE15(10),e0238986 (2020)

Was im Magen liegt, erzählt nur einen Teil

Grönlandhaie fressen verschiedene Fische und andere Meerestiere, darunter Kopffüßer und Krebse. Auch Überreste von Meeressäugern wurden in ihren Mägen gefunden. Das macht sie zu interessanten Räubern und Aasfressern. Ein Magenfund allein zeigt jedoch nicht, ob ein Tier lebend erbeutet oder bereits tot aufgenommen wurde.

Die Zähne unterscheiden sich deutlich zwischen den Kiefern: Oben stehen schmale Spitzen, unten bilden breitere, ineinandergreifende Zähne eine Schneidkante. Das passt zum Festhalten und Zerteilen von Nahrung.

Die Augen sind im Verhältnis zum Körper sehr klein. Auf ihnen kann der parasitische Ruderfußkrebs Ommatokoita elongata sitzen und die Hornhaut schädigen. Daraus folgt nicht, dass jedes Tier vollständig blind ist. Für die gelegentliche Vorstellung, der Parasit locke Beute mit eigenem Licht an, gibt es in der herangezogenen Museumsübersicht keinen wissenschaftlichen Nachweis.

The Shark Trust Dane Eagle · Florida Museum of Natural History

Ein Zeitspeicher im Inneren des Auges

Wie alt ist ein Fisch, dessen Geburtsjahr niemand kennt? Beim Grönlandhai sind die üblichen Wachstumszonen zur Altersbestimmung wenig brauchbar. Ein Forschungsteam untersuchte deshalb einen ungewöhnlichen Speicher: den innersten Kern der Augenlinse.

Die dortigen Proteine entstehen schon während der Entwicklung vor der Geburt und werden später kaum stoffwechselbedingt erneuert. Ihre Kohlenstoffsignatur kann somit einen Hinweis auf diese frühe Lebensphase bewahren. Der Kohlenstoff stammt dabei aus der Nahrung der Mutter, über die der Embryo versorgt wurde.

Für die 2016 veröffentlichte Studie wurden Linsenproben von 28 Weibchen mit 81 bis 502 Zentimetern Gesamtlänge untersucht. Die Proben stammten aus den Jahren 2010 bis 2013. Die Forschenden nutzten unter anderem den Anstieg radioaktiven Kohlenstoffs nach oberirdischen Atomwaffentests als zeitliche Orientierung. Über Nahrungsketten gelangte dieses Signal auch ins Meer.

Julius Nielsen und Mitautorinnen und Mitautoren · Science353(6300),702–704 (2016)

Was „392 plus/minus 120 Jahre“ bedeutet

Bei den größeren untersuchten Haien lag die Linsensignatur vor dem deutlichen Anstieg des sogenannten Bombenpulses. Für ihre Altersbestimmung kombinierte das Team die Isotopenmessungen mit einem Modell. Darin steckten unter anderem Annahmen über den Zusammenhang zwischen Länge und Alter, die Größe bei der Geburt und zeitliche Unterschiede des Kohlenstoffsignals im Meer.

Für das größte untersuchte Weibchen von 502 Zentimetern ergab sich, bezogen auf 2012, eine Altersschätzung von 392 plus/minus 120 Jahren. Damit ist hier eine Modellspanne mit 95,4 Prozent Wahrscheinlichkeit gemeint: ungefähr 272 bis 512 Jahre. Die 120 Jahre sind nicht einfach eine gewöhnliche Standardabweichung, und 512 Jahre kein unabhängig beobachteter Rekord.

Der Befund spricht für eine außergewöhnlich lange Lebensdauer. Ein genaues Geburtsjahr liefert er nicht. Auch der kanadische Fachbericht von 2025 betont die verbleibende Unsicherheit und die fehlende unabhängige Bestätigung durch eine alternative Altersmethode.

Julius Nielsen und Mitautorinnen und Mitautoren · Science353(6300),702–704 (2016) COSEWIC · kanadischer Ausschuss für gefährdete Wildtierarten

Lebende Junge, aber viele offene Größen

Grönlandhaie gebären lebende Junge. Über Tragzeit, Geburtsorte und die Zahl der Jungen pro Wurf ist trotzdem wenig Sicheres bekannt. Eine Untersuchung von 2020 führte Angaben zu 312 Tieren aus mehreren Jahrzehnten zusammen, um Reifungsstadien und die Fortpflanzung genauer zu beschreiben. Nicht zu jedem Tier lagen gleich viele Informationen vor.

Die Arbeit untersuchte unter anderem Eizahlen und verglich Fortpflanzungsmerkmale anderer Dornhaiartiger. Daraus leitete sie eine mögliche Kapazität von ungefähr 200 bis 324 Jungen pro Schwangerschaft ab. Das ist eine Schätzung unter bestimmten Annahmen. Die entsprechende Zahl fertig entwickelter Jungen wurde nicht in einem trächtigen Weibchen der untersuchten Stichprobe gezählt.

Eine ältere Beobachtung von zehn weit entwickelten Jungen lässt sich umgekehrt nicht ohne Weiteres als typische Wurfgröße verwenden. Fangbedingter Verlust oder eine bereits teilweise erfolgte Geburt könnten solche Funde beeinflussen. Die Forschung unterscheidet deshalb zwischen Eivorrat, möglicher Kapazität und tatsächlich nachgewiesener Geburt.

Julius Nielsen und Mitautorinnen und Mitautoren · PLOS ONE15(10),e0238986 (2020)

Lange Lebenszyklen verlangen einen langen Blick

Die Art wurde früher gezielt wegen ihres Leberöls befischt. Heute gehören unbeabsichtigte Fänge in unterschiedlichen Fischereien zu den wichtigen Belastungen. Gerade bei einem sehr langsam wachsenden Tier können sich Eingriffe über lange Zeiträume auswirken.

Wie stark Bestände zurückgehen oder sich erholen, hängt auch von noch unsicheren Lebensgeschichtsdaten ab. Der kanadische Fachbericht macht diese Grenzen ausdrücklich sichtbar. Eine eindrucksvolle Alterszahl ersetzt weder verlässliche Bestandsdaten noch genauere Kenntnisse über den Nachwuchs.

Der Grönlandhai zeigt damit zwei Seiten derselben Entdeckung: Ein winziger Gewebekern kann den Blick auf mehrere Jahrhunderte öffnen. Das Verständnis eines ganzen Tierlebens braucht dennoch mehr als diesen einen Messwert.

COSEWIC · kanadischer Ausschuss für gefährdete Wildtierarten The Shark Trust Julius Nielsen und Mitautorinnen und Mitautoren · Science353(6300),702–704 (2016)

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Quellen und Bildnachweis

Stand: 2026-10-29

Bild: KI-generierte, fotorealistische Darstellung für Wissenschaftswelle; keine dokumentarische Aufnahme.