
Vier kurze Zehen und ein breiter, gerundeter Abdruck im Sandstein. Mehr braucht es manchmal nicht, um das Bild einer vergangenen Tierwelt zu verändern. Spuren aus Südbrasilien deuten darauf hin, dass in der frühen Kreidezeit ein ungewöhnlich großer Mammaliaform über eine Dünenlandschaft lief. Seine Knochen fehlen. Die Frage nach seiner Größe beginnt deshalb mit einem Stück Gestein und führt über mehrere Vergleiche zu einem Tier, dessen genaue Gestalt offenbleibt. Studie von Pedro Victor Buck und seinem Team
Die Arbeit war bereits im August 2026 öffentlich bekannt. Am 6. November griff Smithsonian Magazine den Fund erneut auf und beschrieb die mögliche Größenordnung eines großen Hundes oder Pumas. Dieser Vergleich soll die Vorstellung erleichtern. Die Abdrücke erlauben eine begründete Hypothese über ein großes Tier. Wie es aussah, zu welcher biologischen Art es gehörte und welche Körperlänge es genau hatte, lässt sich daraus bisher nicht sicher bestimmen. Aktuelle Einordnung mit unabhängiger Fachstimme
Ein Abdruck aus einem verschwundenen Wüstenland
Die Funde stammen aus der Botucatu-Formation im Paraná-Becken. Eine Formation ist eine zusammengehörige geologische Gesteinseinheit. Ihre Sandsteine bewahren Reste einer großen früheren Dünenlandschaft in dem Teil Gondwanas, zu dem heute Südbrasilien gehört. Gondwana war der südliche Großkontinent, dessen Teile später auseinanderdrifteten. Die betreffenden Spuren werden der frühen Kreidezeit zugeordnet, in der Berichterstattung ungefähr der Zeit vor 130 Millionen Jahren. Der Fundort liegt bei Turvo im heutigen Bundesstaat Santa Catarina. Institutioneller Bericht der Universität Unesc
In dieser Landschaft blieb eine Bewegung erhalten. Ein Fuß belastete den Sand, Körner verschoben sich, und eine später erhaltene Schicht bewahrte das Muster. Aus solchem Sand kann über geologische Zeit Sandstein werden. Die Form im heutigen Gestein hängt damit sowohl vom Tier als auch von den Bedingungen des Untergrunds ab.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Lebensspuren heißt Ichnologie. Fußabdrücke gehören zu den Spurenfossilien. Knochen und Zähne sind dagegen Körperfossilien. Beide überliefern andere Informationen. Ein Knochen kann Bau und Verwandtschaft eines Körperteils zeigen. Eine Fährte bewahrt einen Zusammenhang zwischen Körper, Bewegung und Umwelt. Der National Park Service erläutert diese Unterscheidung an Abdrücken, Bauten und anderen Spuren biologischer Aktivität. Grundlagen zu Körper- und Spurenfossilien
Dass eine Handlung zum Fossil werden kann, zeigt auch unser Beitrag über Koprolithen und die Informationen in versteinertem Kot. Bei einer Fußspur steht die Fortbewegung im Mittelpunkt. Das Tier kann längst wieder weitergegangen sein, bevor die Voraussetzungen für die Erhaltung seiner Spur entstanden.
Weshalb die Forschenden an Mammaliaformen denken
Die Studie beschreibt zwei Fährten, die als UERJ IC-170 und UERJ IC-171 erfasst sind. Die einzelnen Abdrücke zeigen vier kurze, gerundete Zehen. Dazu kommen eine breite Form und eine enge Anordnung der Tritte. Die Kombination passt nach Einschätzung des Teams zu einem vierfüßig laufenden Mammaliaformen. Die neuen Abdrücke übertreffen die zuvor aus derselben Formation beschriebenen Spuren dieser Gruppe. Öffentliches Originalabstract und Autorenangaben
Mammaliaformen umfassen die Säugetiere und ihre nächsten ausgestorbenen Verwandten. Der Begriff ist hilfreich, weil er die Nähe zur Säugetierlinie beschreibt, ohne das unbekannte Tier in eine heutige Gruppe wie Katzen oder Hunde einzuordnen. Manche dieser frühen Seitenlinien besaßen Kombinationen von Merkmalen, die bei lebenden Arten so nicht mehr vorkommen. Begriff und Fossilkontext in der Arbeit zu Adalatherium
Das Team stellt die Fährten in die Spurenfamilie Chelichnopodidae. Hier wird die Form der Spuren geordnet. Ein solcher Name bestimmt noch keine biologische Tierart. Eine Art kann je nach Gang und Boden unterschiedlich geformte Abdrücke erzeugen. Umgekehrt können verschiedene Tiere ähnliche Spuren hinterlassen. Das Ergebnis der Studie ist deshalb eine fachliche Zuordnung der Merkmalskombination. Für eine genaue Artbestimmung wären weitere, passende Belege nötig.
Vom Abdruck zur Hypothese über das Tier
Beschreiben
Vier kurze, gerundete Zehenabdrücke, breite Form und die Anordnung der einzelnen Tritte werden dokumentiert.
Vergleichen
Die Merkmalskombination wird mit bekannten Fährten verglichen. Das Team ordnet sie einer Spurenfamilie zu, die mit Mammaliaformen verbunden wird.
Größe erschließen
Aus großen Abdrücken wird über Vergleichstiere auf einen größeren Körper geschlossen. Körperproportionen und genaue Art bleiben dabei zusätzliche Annahmen.
Wie aus einer großen Spur ein großes Tier wird
Im Autorenbericht zu der Studie werden für die größten Abdrücke ungefähr 11,4 Zentimeter Länge und 13,4 Zentimeter Breite genannt. Für die Körperlänge wird eine Schätzung von etwa 1,55 Metern erläutert. Schon die Einheiten zeigen die zwei Ebenen. Die Zentimeter am Abdruck beschreiben die Spur. Die Meter des Körpers entstehen durch einen Vergleich mit Tieren, deren Proportionen sich besser erschließen lassen. Begleitbericht mit Autoreninterview und Originalabbildung
Der Gedankengang ist nachvollziehbar. Ein Tier mit deutlich größeren Füßen und entsprechend angeordneten Tritten kann einen größeren Körper gehabt haben als ein kleineres Vergleichstier. Um eine Körperlänge daraus abzuleiten, muss man allerdings annehmen, wie Fuß und übriger Körper zueinander passen. Genau diese Proportionen sind beim unbekannten Verursacher nicht direkt am Skelett nachprüfbar. Eine lange Schnauze, ein anderer Rumpf oder ein anders proportionierter Fuß würde den Vergleich verändern. Auch muss bei Längenvergleichen klar sein, welche Körperteile die jeweilige Angabe umfasst.
Der Vergleich mit einem Puma vermittelt somit eine Größenordnung. Er verleiht dem Tier weder die Anatomie noch die Lebensweise einer heutigen Raubkatze. Die auffällig große Spur ist der konkrete neue Hinweis. Ein bis auf Zentimeter ausgemaltes Körperbild würde darüber hinausgehen. Der genaue Umrechnungsweg und sein Fehlerbereich waren über den zugänglichen Originalabstract nicht erschließbar. Deshalb bleibt die genannte Körperlänge hier ausdrücklich eine berichtete Näherung.
Der Sand zeichnet am Fuß mit
Ein Abdruck entsteht während einer Bewegung. Der Fuß sinkt ein, drückt Material zur Seite und wird wieder herausgezogen. Wie groß die sichtbare Form am Ende ist und welche Details darin erscheinen, hängt vom Ablauf ab. Erhalten bleiben kann auch eine Schicht unterhalb der früheren Oberfläche. Dann sieht man die weitergegebenen Verformungen im Sand.
Peter Falkingham und Stephen Gatesy machten solche Vorgänge 2014 mit einer Kombination aus Experiment und Simulation sichtbar. Sie verfolgten per Röntgentechnik die Fußbewegung eines Perlhuhns in einem körnigen Untergrund und übertrugen sie in ein Computermodell der einzelnen Partikel. Das Modell erlaubte, das Material virtuell in unterschiedlichen Tiefen aufzuschneiden. Dabei entstanden je nach Ebene andere sichtbare Spurenmerkmale. Manche Formen unter der Oberfläche konnten sogar deutlicher an den Fuß erinnern als die zusammengefallene Oberfläche. Originalarbeit in PNAS, frei zugängliche Autorenfassung
Die Untersuchung gilt der allgemeinen Entstehung von Abdrücken. Sie ist kein Nachversuch mit dem unbekannten brasilianischen Tier. Sie erklärt aber, weshalb die Forschung eine Fährte zusammen mit dem Sediment und möglichst mehreren aufeinanderfolgenden Tritten auswertet. Ein gut erkennbarer Umriss allein liefert noch keine vollständige Anatomie. Die Kombination verschiedener Merkmale muss die Zuordnung tragen.
Auch die Forschenden der neuen Arbeit weisen im begleitenden Bericht auf den wenig zusammenhaltenden Untergrund der Botucatu-Spuren hin. Dadurch können feine Einzelheiten verloren gehen. Diese Grenze gehört zur Interpretation der auffälligen Größe und Form. Sie verschwindet nicht dadurch, dass eine spätere Zeichnung das Tier besonders anschaulich darstellt.
Ein Skelett beantwortet andere Fragen
Wie viel mehr ein Körperfossil zeigen kann, veranschaulicht Adalatherium hui aus der späten Kreidezeit Madagaskars. Das 2020 beschriebene, weitgehend zusammenhängende Skelett bewahrt Schädel und weitere Körperteile. An solchen Funden lässt sich prüfen, wie unterschiedliche anatomische Merkmale bei einem Tier zusammengehören. Die Arbeit zeigt zugleich, wie ungewöhnlich die Kombinationen bei ausgestorbenen Säugetierverwandten sein können. Adalatherium stammt aus einer wesentlich jüngeren Phase der Kreidezeit und ist hier ein Beispiel für die andere Belegart. Originalbeschreibung in Nature
Bei den brasilianischen Spuren fehlen ein zugehöriger Schädel, Zähne und Gliedmaßenknochen. Deshalb bleiben Ernährung, Fell, genaue Haltung und Art offen. Aus der vermuteten Größe allein lässt sich beispielsweise keine Jagd auf Dinosaurier ableiten. Auch die Vorstellung, im damaligen Wüstenökosystem könnten besondere Freiräume für größere Mammaliaformen bestanden haben, ist eine ökologische Hypothese. Sie müsste mit weiteren Funden und dem Gesamtbild der Tierwelt geprüft werden.
Eine andere seltene Verbindung zwischen Fossil und Verhalten erklären wir am Beispiel der Dinosaurier in erhaltener Ruhehaltung. Dort trägt die Lage eines Körpers die Interpretation. Hier sind es aufeinanderfolgende Kontaktspuren. Die Unterscheidung entscheidet darüber, welche Anschlussfragen ein Fund beantworten kann.
Was die großen Abdrücke am bisherigen Bild verändern
Die neue Arbeit erweitert die Größenvielfalt der aus der Botucatu-Formation bekannten Mammaliaformenspuren. Das ist eine enger gefasste und zugleich interessante Aussage. Die Fährten machen auf Tiere aufmerksam, die in einem reinen Knochenbestand fehlen können. Eine Aufbewahrungs- und Vergleichssammlung ist dafür wichtig. Das Labor für Paläoökologie und Paläoichnologie der Bundesuniversität São Carlos berichtet von mehr als 1.500 erhaltenen Spuren aus der Formation. Solche Bestände erlauben, einen ungewöhnlichen Fund neben viele andere zu stellen. Sammlung und Forschungsauftrag der UFSCar
Die breiten Abdrücke im Sandstein sind damit auch eine Frage an den unvollständigen Fossilbestand. Welche Tiere fehlen darin, weil ihre Körper unter anderen Bedingungen zerfielen, während sich ihre Tritte erhalten konnten? Ein passender Körperfund könnte die bisherige Deutung präzisieren oder verändern. Bis dahin liegt die Spannung dieses Fundes genau zwischen der sichtbaren Spur und dem noch unbekannten Tier.





