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Paläontologie

Dinosaurierblut nach 115 Millionen Jahren? Was im Knochen steckt

Ein Team findet Häm-Spuren und blutähnliche Strukturen in einem 115 Millionen Jahre alten Dinosaurierknochen. Warum die Deutung als Blutzellen umstritten ist.

Redaktion: Benjamin Metzig. KI als Werkzeug für Text und Bild.

Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. Zur Arbeitsweise der Redaktion

KI-Symbolillustration eines trockenen fossilen Knochenfragments mit porösem Querschnitt und dunkel rotbrauner Mineralkruste; keine Originalaufnahme, kein flüssiges Blut.
KI-Symbolillustration: Der vergrößert dargestellte Knochen und die Mineralkruste veranschaulichen eine chemische Spur. Kein Originalfoto und kein Nachweis lebender Zellen.

Ein aufgebrochener Dinosaurierknochen sieht nach Stein aus. Doch in seinen winzigen Hohlräumen könnte mehr von dem Tier stecken als seine äußere Form. Ein Forschungsteam berichtet über blutähnliche Strukturen und chemische Spuren von Häm, einem Bestandteil des roten Blutfarbstoffs. Der Knochen ist rund 115 Millionen Jahre alt. Sind das tatsächlich Überreste von Blutkörperchen? Genau darüber beginnt die wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Die am 2. November 2026 veröffentlichte Studie in der Fachzeitschrift PNAS verbindet Mikroskopie mit chemischen Analysen. Das ist wesentlich aussagekräftiger als ein Foto, auf dem etwas entfernt wie eine Zelle aussieht. Eine unabhängige Fachfrau hält die Identifikation trotzdem für nicht überzeugend. Um zu verstehen, weshalb beide Aussagen zusammenpassen, lohnt sich ein Blick auf das Fundstück und auf die verschiedenen Spuren darin.

Ein kleines Raubtier, ein unscheinbarer Knochen

Das Fossil stammt von Aratasaurus museunacionali, einem zweibeinigen Raubdinosaurier aus dem heutigen Nordosten Brasiliens. Die Erstbeschreibung von 2020 ordnete das Tier einer frühen Linie der Coelurosaurier zu, einer weitverzweigten Dinosauriergruppe, zu der auch die Vögel gehören. Das untersuchte Individuum war noch nicht ausgewachsen. Seine Körperlänge wurde auf etwa 3,12 Meter geschätzt – ungefähr die Länge eines sehr kleinen Autos, mit langem Schwanz statt Kofferraum.

Erhalten blieb kein vollständiges Skelett, sondern ein unvollständiges rechtes Hinterbein. Die ursprüngliche Beschreibung des Fundes schildert außerdem, dass Teile der Knochen beim Abbau des Gesteins zerbrachen und das Material durch die Fossilisation zusammengedrückt wurde. Diese Vorgeschichte ist wichtig: Wer eine ehemalige Zelle identifizieren will, betrachtet einen Fund, den geologische und mechanische Prozesse bereits verändert haben.

Originalfoto des Aratasaurus-Fossils in einer Gesteinsplatte vor der Präparation. Ein Lineal und ein 100-Millimeter-Maßstabsbalken zeigen die Größe; gestrichelte Linien ergänzen fehlende Knochenabschnitte.
So unscheinbar sieht das Ausgangsfossil aus: Knochen des Hinterbeins in der Gesteinsplatte, vor der Präparation. Die Aufnahme stammt aus der Erstbeschreibung von 2020; der Maßstabsbalken unten entspricht 100 Millimetern. Juliana Manso Sayão und Kollegen, Scientific Reports (2020), Abbildung 4. CC BY 4.0; nur Dateiformat in WebP umgewandelt, kein Beschnitt. · Quelle öffnen
Keine Aufnahme der 2026 untersuchten Mikrostrukturen. Die gestrichelten Umrisse sind anatomische Ergänzungen und keine zusätzlich sichtbaren Knochen.

Der entscheidende Fundort der neuen Untersuchung liegt noch viel weiter im Kleinen: in den Gefäßkanälen des Knochens. Durch solche Kanäle verliefen einst Blutgefäße, die das lebende Gewebe versorgten. Dort beschreibt das Team um die Geochemikerin Kliti Grice mineralisierte, annähernd ovale Strukturen – winzige Gebilde, in denen sich Minerale abgelagert haben. Ihre Lage passt zunächst zur Vermutung, dass sie etwas mit dem früheren Blutkreislauf zu tun haben könnten.

Ein passender Fundort ist allerdings erst der Anfang einer Identifikation. Auch ein Gegenstand in einer Küche muss nicht gekocht worden sein. Die Frage lautet deshalb: Stimmen zusätzlich seine Form und seine chemische Zusammensetzung?

Warum ein chemischer Fingerabdruck mehr zählt als ein roter Fleck

Häm ist eine ringförmige Verbindung mit einem Eisenatom im Zentrum. Im Eiweißstoff Hämoglobin ermöglicht es den Transport von Sauerstoff. Der Unterschied zwischen beiden Begriffen ist entscheidend: Ein Hinweis auf Häm ist nicht automatisch der Nachweis eines vollständig erhaltenen Hämoglobinmoleküls, geschweige denn einer intakten Blutzelle.

Und Häm gehört nicht exklusiv zum Blut von Dinosauriern. Auch andere Proteine nutzen es; selbst Bakterien können Häm herstellen und verwenden. Ein chemisches Signal ohne Zusammenhang wäre daher keine eindeutige Visitenkarte seines ursprünglichen Besitzers. Es kommt darauf an, welche Verbindungen gefunden werden, wo sie liegen und was Vergleichsproben zeigen.

Die neue Arbeit kombiniert deshalb verschiedene Verfahren. Zunächst wird eine Stoffmischung in Bestandteile getrennt; dafür dient die Chromatographie. Ein Massenspektrometer hilft anschließend, Moleküle anhand ihrer Masse und charakteristischer Bruchstücke zu erkennen. Im Knochenextrakt wurden Häm B und durch die Einbettung veränderte verwandte Verbindungen identifiziert. Im umgebenden Gestein fanden sich dagegen andere Pigmentsignaturen, darunter solche mit Bezug zu Chlorophyll, dem bekannten Blattgrün. Zusätzlich untersuchte das Team die räumliche Zuordnung innerhalb des Fossils. Das Belegregister trennt diese Schritte und ihre jeweilige Aussage:

Drei Spuren, drei unterschiedliche Aussagen

Die Verfahren prüfen verschiedene Teile der Deutung. Eintrag öffnen: Befund, Aussagekraft, Grenze und Originalquelle.

Chemie: Welche Moleküle stecken im Knochen?

Chromatographie und Massenspektrometrie identifizierten Häm B und veränderte Häm-Verbindungen im Knochenextrakt. Die umgebende Matrix zeigte andere Pigmentsignaturen.

Was das belegt: Ein Vergleich von Knochen und Umgebung stützt die Interpretation als besondere biologische Spur im Fossil.

Was daraus allein nicht folgt: Ein Extrakt bestimmt allein noch nicht, welche konkrete Mikrostruktur ursprünglich eine Blutzelle war.

PNAS: Abstract der Originalarbeit

Ort: Gehört das Signal zu den Mikrostrukturen?

Die Raman-Spektroskopie untersucht, wie Laserlicht an Molekülen gestreut wird. Zusammen mit elektronenmikroskopischen Analysen ordnete das Team Signale den Strukturen in den Gefäßkanälen zu.

Was das belegt: Die räumliche Verbindung macht die Interpretation aussagekräftiger als eine beliebige Molekülmischung aus dem ganzen Knochen.

Was daraus allein nicht folgt: Die Zuordnung ersetzt nicht die Prüfung, ob Mineralisation eine Form verändert oder nachgebildet hat.

PNAS: Abstract der Originalarbeit

Form: Woran erkennt man eine ehemalige Zelle?

Das Team interpretiert die mineralisierten ovalen Gebilde innerhalb der Gefäßkanäle als rote Blutkörperchen.

Was das belegt: Lage und Form liefern eine biologische Hypothese, die gemeinsam mit der Chemie geprüft werden kann.

Was daraus allein nicht folgt: Ob die Gestalt die Zellidentität tatsächlich trägt, ist der zentrale Streitpunkt; der folgende Abschnitt erklärt die unabhängige Kritik.

PNAS: Befund und Interpretation

Das Besondere ist somit die Verbindung von Chemie und Fundort. Ein Molekülsignal irgendwo in einem zermahlenen Knochen lässt mehr Fragen offen als ein Signal, das sich bestimmten Mikrostrukturen zuordnen lässt. Die Curtin University bezeichnet den Befund deshalb als eindeutigen Nachweis fossiler roter Blutkörperchen. Diese Sicherheit teilen jedoch nicht alle Beteiligten der fachlichen Debatte.

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Der Einwand kommt ausgerechnet von einer Pionierin des Fachs

Die Paläontologin Mary Schweitzer gehört zu den Forschenden, die die Suche nach biologischen Resten in Dinosaurierfossilien geprägt haben. Sie bestreitet nicht grundsätzlich, dass ursprüngliche Molekülspuren sehr lange überdauern können. Gegenüber Live Science äußerte sie aber Zweifel daran, dass die abgebildeten Strukturen tatsächlich Überreste roter Blutkörperchen sind.

Ihr Einwand betrifft vor allem die Form: Rote Blutkörperchen von Vögeln und Reptilien behalten ihren Zellkern. Dieser prägt gewöhnlich ihre Gestalt. Schweitzer vermisst eine entsprechende Auswölbung und hält auch die Größenähnlichkeit für unzureichend. Eine konkave Struktur genügt ihr deshalb nicht zur Identifikation.

Das ist ein präziserer Streit als die Frage, ob die Untersuchung insgesamt „stimmt“. Die chemischen Hinweise können interessant sein, während die biologische Benennung einer Struktur noch offenbleibt. Ebenso muss geklärt werden, wie stark Mineralisation und Verformung das ursprüngliche Aussehen verändern könnten. Aus einem einzelnen Einwand folgt keine Widerlegung; aus mehreren passenden Messungen folgt auch nicht automatisch, dass jede Deutung schon entschieden ist.

Wie aus vergänglichem Gewebe eine dauerhafte Spur werden könnte

Ein Tierkadaver ist normalerweise ein Festmahl für Mikroorganismen. Enzyme zerlegen Moleküle, Gewebe verlieren ihre Form, und Wasser bewegt Stoffe durch das Material. Außergewöhnliche Erhaltung braucht Bedingungen, die diesen Ablauf verändern.

Für Aratasaurus schlägt das Team eine rasche Einbettung in einer sauerstoffarmen, mikrobenreichen Umgebung und eine frühe Mineralisation vor. Eine Rolle spielt dabei Hausmannit, ein Manganoxid. Vereinfacht könnte früh gebildetes Mineral empfindliche Formen stabilisieren oder nachbilden, bevor sie völlig verschwinden. Die erhaltene Form und die dazugehörige Chemie müssen dabei nicht im selben Umfang original bleiben. Ein mineralischer Abdruck ist etwas anderes als ein unverändert weiterbestehendes Stück Gewebe.

Dass chemische Erhaltung möglich ist, lässt sich auch experimentell untersuchen. Eine Studie von Schweitzer und Kollegen aus dem Jahr 2014 arbeitete mit Blutgefäßen von Straußen. In diesem Modell erhöhte Hämoglobin die Stabilität des Gewebes bei Raumtemperatur von ungefähr drei Tagen auf mehr als zwei Jahre. Untersucht wurde unter anderem, wie Eisen- und Sauerstoffchemie zur Fixierung beitragen können.

Das Experiment erklärt einen möglichen Erhaltungsmechanismus. Es überbrückt keine 115 Millionen Jahre im Labor. Außerdem ist Eisenchemie im Straußenmodell nicht mit der im neuen Fossil diskutierten Manganmineralisation gleichzusetzen. Gerade dieser Unterschied macht solche Versuche nützlich: Sie prüfen einzelne Prozesse, statt eine komplette Erdgeschichte im Zeitraffer vorzutäuschen.

Wer die größere Frage weiterverfolgen möchte, findet in unserem Beitrag über Weichteile im Fossil weitere Erhaltungswege. Auch versteinerter Dinosaurierkot zeigt, wie sehr sich ein biologischer Ursprung und das heute untersuchte Material unterscheiden können.

Warum daraus noch lange kein Jurassic Park wird

Bei Dinosaurierblut führt der Gedanke schnell zu einer Mücke im Bernstein und einem geklonten Raubsaurier. Der neue Befund liefert dafür keinen genetischen Bauplan. Häm ist chemisch etwas anderes als DNA, den Speicher der Erbinformation. Seine Identifikation verrät nicht die Reihenfolge der Erbinformation eines Dinosauriers.

Man kann sich das wie den Fund eines alten Farbpigments vorstellen: Es könnte etwas über ein verlorenes Gemälde erzählen, enthält aber nicht automatisch dessen vollständiges Bild. Genauso können molekulare Reste Hinweise auf einen Organismus liefern, ohne dass daraus sein Genom oder ein entwicklungsfähiger Zellkern rekonstruierbar wäre. Selbst die bestätigte Herkunft einer Spur aus einer Blutzelle wäre dafür noch kein ausreichender Schritt.

Der wissenschaftliche Gewinn liegt an anderer Stelle. Knochen verraten Gestalt, Wachstum und Bewegung. Verlässlich zugeordnete Moleküle könnten diese Informationen um zusätzliche Einblicke in die ursprüngliche Biologie ergänzen. Welche Aussagen über den Stoffwechsel und die körperlichen Funktionen sich tatsächlich daraus gewinnen lassen, müssen weitere Untersuchungen zeigen; die aktuelle Meldung liefert noch keinen ausgelesenen Gesundheitsbericht des Tieres.

Der nächste spannende Fund könnte längst im Museum liegen

Für die weitere Prüfung wären vergleichbare Befunde an anderen Proben und unabhängige Untersuchungen besonders wertvoll. Dazu gehören passende Kontrollen gegen Verunreinigung und eine nachvollziehbare Erklärung, wie sich ursprüngliche Zellformen bei ihrer Mineralisation verändern. Mehrere chemische Verfahren sind ein wichtiger Teil davon; die gemeinsame Auslegung der Ergebnisse bleibt wissenschaftliche Arbeit.

So wird aus der Geschichte eine andere Art von Dinosaurierabenteuer: Ein äußerlich wenig spektakulärer Knochen könnte ein Archiv tragen, das wir erst jetzt lesen lernen. Ob die umstrittenen Strukturen wirklich rote Blutkörperchen sind, ist die offene Frage. Dass sich diese Frage inzwischen anhand von Fundort, Mineralen und Molekülsignaturen prüfen lässt, ist der belastbare Fortschritt – und ein guter Grund, alte Museumsschubladen mit neuen Methoden zu öffnen.

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