
Ein „Höllenhuhn“ klingt nach Krallen, Krawall und einer ziemlich unangenehmen Begegnung. Bei Infernogallus jamesi führt die interessanteste Spur jedoch zu weicher Pflanzenkost. Der neu beschriebene Dinosaurier besaß einen ungewöhnlichen Kauapparat, der den Unterkiefer auch vor und zurück bewegen konnte. Das passt nach Ansicht des Forschungsteams besonders gut zum Verarbeiten fleischiger Früchte.
Die Ernährung ist aus der Anatomie erschlossen, nicht als letzte Mahlzeit im Fossil erhalten. Noch einen Schritt weiter geht die Idee, solche Tiere könnten Pflanzen bei der Samenverbreitung geholfen haben. Gerade der Unterschied zwischen diesen Aussagen macht die Entdeckung spannend: Ein Schädel kann viel über mögliche Bewegungen verraten. Was anschließend mit einem Samen geschah, ist eine andere Frage.
Ein kleines Tier aus der Welt von T. rex
Der Name verweist auf die Hell-Creek-Formation im Westen der USA. Aus ihren Ablagerungen stammen auch die berühmten Dinosaurier Tyrannosaurus und Triceratops. Infernogallus lebte gegen Ende der Kreidezeit; die neue Arbeit ordnet die Funde dem späten Maastrichtium zu. Die allgemeine Dauer der gesamten Kreidezeit wäre für sein tatsächliches Alter viel zu ungenau.
Infernogallus gehörte zu den Caenagnathiden, einer Gruppe zahnloser Oviraptorosaurier. Das Tier war ungefähr truthahngroß. Die aus seinem Oberschenkelknochen abgeleitete Körpermasse liegt bei etwa zwölf Kilogramm, mit einer Schätzspanne von neun bis fünfzehn Kilogramm. Diese Zahl beschreibt eine Rekonstruktion, keine gewogene Mumie. Die Mitteilung des Royal Ontario Museum stellt den Fund und seine Einordnung vor.
Das entscheidende Exemplar enthält einen fast vollständigen, noch zusammengehörigen Schädel und ein Teilskelett. Weitere zugeordnete Stücke ergänzen vor allem Kiefer- und Gaumeninformationen. Kleine Dinosaurier sind im Fossilbericht oft schlechter vertreten als große; ein solcher Schädel erschließt deshalb mehr als eine weitere Art auf einer Namensliste. Er macht einen zuvor nur unvollständig bekannten Bauplan genauer untersuchbar.
Die Stony-Brook-Universität berichtete am 28. Oktober 2026 über die Entdeckung. Die begutachtete, akzeptierte Originalarbeit von Gregory Funston und seinem Team wurde bereits am 10. Oktober vorab veröffentlicht. Meldungsdatum und Studienveröffentlichung sind hier verschiedene Zeitpunkte.
Der Schnabel arbeitete auch vor und zurück
Ein Muskel zieht zwischen seinen Ansatzpunkten. Ändern sich deren Lage und die Form des Gelenks, ändert sich, welche Bewegung dieser Zug begünstigt. Ein kräftiger Muskel muss deshalb nicht automatisch einen besonders kräftigen senkrechten Biss erzeugen: Die Zugrichtung zählt mit.
Bei Infernogallus bogen sich bestimmte Gaumenknochen weit nach unten in den Mundraum. Dadurch verliefen rekonstruierte Muskelzüge stärker in Längsrichtung des Schädels. Zugleich ließ die ungewöhnliche Gelenkform ein Gleiten des Unterkiefers zu. Erhebungen und Rinnen auf den einander gegenüberliegenden Flächen konnten Nahrung dabei festhalten und bearbeiten.
Im virtuellen Zusammenfügen der Knochen ergab sich eine mögliche Vor-zurück-Bewegung von bis zu etwa 15 Millimetern, ungefähr 14 Prozent der Schädellänge. Das ist eine modellierte Bewegungsmöglichkeit unter der Annahme, dass die Gelenkflächen Kontakt behalten. Knorpel und andere Weichteile könnten den tatsächlich nutzbaren Weg verändert haben.

Die Abbildung verbindet Fossildaten mit anatomischen Modellannahmen. Sie zeigt keine erhaltenen Muskeln und keine direkt beobachtete Mahlzeit. Die Buchstaben werden im folgenden Text erklärt.
Die Reihenfolge lässt sich an den Buchstaben verfolgen: Bei a ist der Kiefer in Ruhe. b zeigt das Öffnen und die nach vorn gerichtete Bewegung. Bei c wird der Unterkiefer nach oben und hinten gezogen. d veranschaulicht, wie Nahrung zwischen Unterkiefer und Gaumen zusammengedrückt werden könnte. Die Frucht im letzten Teilbild ist ein erklärendes Element des Modells; sie wurde nicht genau dort versteinert gefunden.
Das Bild einer kleinen Obstpresse hilft beim Verständnis, solange man es nicht wörtlich nimmt. Infernogallus hatte keine menschlichen Backenzähne und kaute nicht einfach wie wir. Die Kombination aus gleitendem Kiefer, geformten Kontaktflächen und Muskelzügen bot vielmehr einen eigenen Weg, weiches Material im Mund zu bearbeiten.
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Warum aus Knochen noch kein Speisezettel wird
Die Forschenden untersuchten den Schädel mittels Computertomographie, trennten Knochen digital und korrigierten Verformungen. Muskeln selbst sind nicht erhalten. Einige Ansatzflächen sind erkennbar; für andere Ursprungsstellen musste das Team verwandte Tiere und den gemeinsamen anatomischen Bauplan heranziehen.
Die Methoden enthalten eine wichtige Grenze: Die dargestellten Muskelrichtungen wurden nicht in absolute Muskelkräfte umgerechnet. Eine Grafik der Zugrichtung ist somit kein gemessener Bisskrafttest. Auch die rekonstruierte Maulöffnung beruht auf Annahmen. Solche Angaben sind entscheidend, weil aus einer schön anschaulichen 3D-Rekonstruktion leicht mehr Gewissheit herausgelesen wird, als die Knochen liefern.
Der Vergleich mit lebenden Arten lenkte die Aufmerksamkeit auf den Borstenkopf, einen fruchtfressenden Papagei aus Neuguinea, wissenschaftlich Psittrichas fulgidus. Er bearbeitet Fruchtfleisch, anstatt vor allem harte Samen zu knacken. Nicht jeder Papagei ist dafür ein passendes Vorbild: Ein auf kräftiges Aufbrechen spezialisierter Schnabel stellt andere Anforderungen als das Ablösen weichen Fruchtfleischs.
Auch innerhalb der Oviraptorosaurier wäre eine gemeinsame Diätschublade irreführend. Eine unabhängige Studie zur Kiefermuskulatur von 2022 rekonstruierte bei anderen Vertretern stärkere Beißapparate, passend zur möglichen Verarbeitung widerstandsfähiger Nahrung. Die neue Interpretation gewinnt gerade dadurch, dass sie Unterschiede zwischen verwandten Tieren erklärt.
Früchte sind dennoch keine anatomisch eindeutig beschriftete Nahrungskategorie. Auch andere weiche Pflanzenteile könnten einen bedeutenden Anteil ausgemacht haben. Die Autoren formulieren diese Möglichkeit ausdrücklich. Ein Tier kann zudem saisonal unterschiedliche Kost nutzen. „Spezialisiert auf weiche Pflanzenkost, darunter wahrscheinlich viel Fruchtfleisch“ trifft die Aussage besser als ein ausschließliches Obstmenü.
Früchte fressen und Samen verbreiten sind zwei Aufgaben
Für eine Pflanze kann Fruchtfleisch eine Belohnung sein: Ein Tier nimmt die Frucht auf und transportiert den Samen vom Muttergewächs weg. Nützlich ist dieser Transport aber nur, wenn der Samen überlebt und an einem geeigneten Ort landet. Wird er zerquetscht, unmittelbar unter der Pflanze fallen gelassen oder an einen ungeeigneten Standort gebracht, ist der Effekt ein anderer.
Hier wird der moderne Vergleich besonders lehrreich. Feldbeobachtungen zum Borstenkopf beschreiben vor allem den Konsum des äußeren Feigenfleischs. Kleinere Vögel können die geöffneten Früchte nutzen und dabei andere Rollen für die Samen übernehmen. Selbst der passende lebende Kiefervergleich liefert also keine einfache Gleichung „Fruchtfresser gleich Samenverbreiter“.
Für Infernogallus wären erhaltene Nahrungsreste, passende Samen in sicher zugeordneten Verdauungsprodukten oder weitere Hinweise auf ihren Transport besonders aufschlussreich. Wie solche Spuren Nahrungsketten erschließen, erklärt unser Beitrag zur Koprolitenforschung bei Dinosauriern.
Dass Vögel bereits viel früher Früchte aufgenommen haben dürften, zeigt eine eLife-Arbeit über Jeholornis von 2022. Sie verband Schädelanalysen mit unzerbrochenen Samen im Bauchbereich und Vergleichen zu heutigen Vögeln. Der Fall besitzt damit eine andere Belegkombination als Infernogallus. Er mahnt zugleich zur Vorsicht bei der Schlagzeile vom „ersten fruchtfressenden Dinosaurier“: Vögel gehören selbst zu den Dinosauriern, und die Geschichte des Fruchtkonsums beginnt nicht erst mit diesem neuen Namen.
Eine neue Rolle im alten Ökosystem
Die neue Studie stellt die Entwicklung der Caenagnathiden neben die zunehmende Vielfalt und Größe fleischiger Früchte. Das zeitliche Zusammenpassen unterstützt die Ernährungsdeutung. Es beweist für sich genommen keine wechselseitige Evolution: Zwei Entwicklungen können auch durch weitere Umweltveränderungen beeinflusst werden.
Der eigentliche Fortschritt liegt im Zusammenführen mehrerer Spuren. Der Schädel zeigt einen ungewöhnlichen Verarbeitungsapparat. Lebende Tiere helfen, dessen mögliche Funktion zu verstehen. Fossile Pflanzen liefern den passenden Nahrungskontext. Daraus entsteht ein genaueres Bild der Nischen, die kleine Dinosaurier zwischen den bekannten Riesen besetzen konnten.
Wie leicht eine überzeugende Rekonstruktion zum scheinbar unmittelbar beobachteten Tier wird, zeigt auch unser Artikel über Dinosauriermontagen im Museum. Beim Höllenhuhn lohnt sich derselbe zweite Blick: Die Knochen stützen eine überraschende Essgewohnheit. Ob dieses Essen Pflanzen tatsächlich half, bleibt die nächste prüfbare Frage.




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