Exponat 05 · Licht · Skala · Stunden
Schatten und Tageszeit
Ein Schatten verändert im Tageslauf seine Richtung und Länge. Ägyptische Zeitmesser nutzten diese Veränderungen auf unterschiedliche Weise. Erhaltene Fragmente zeigen zugleich, weshalb ein Messgerät mehr braucht als einige Striche auf einem Stein.
3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Welche Regeln machen aus einem wandernden Schatten eine lesbare Zeitangabe?
- Schattenlänge und Schattenrichtung sind verschiedene Möglichkeiten der Zeitmessung.
- Schattenwerfer, Skala und Ausrichtung müssen zusammenpassen.
- Eine historische Stunde muss nicht dieselbe Dauer wie eine heutige Stunde haben.
- Zeitliche Einordnung
- Fallbeispiele: Kalksteinsonnenuhr um 1200 v. u. Z. und Marmorfragment aus ptolemäischer Zeit, 305–30 v. u. Z.
- Orte und Regionen
- Ägypten, thebanischer Raum: Tal der Könige und Dra Abu el-Naga
- Historisch Beteiligte
- Nutzende und Herstellende von Zeitmessern; konkrete Erfinderpersonen sind für diese Objekte nicht bekannt.
Etwas Bewegliches trifft auf eine feste Marke
Ein fest stehender Gegenstand wirft bei Sonnenschein einen Schatten. Im Laufe des Tages verändert sich dessen Lage. Legst du neben den Schatten eine Markierung, entsteht zunächst nur ein Vergleich zwischen zwei Positionen. Noch weiß niemand, welche Zeit diese Markierung bedeuten soll.
Für eine ablesbare Uhr braucht es deshalb eine Zuordnung. Der Schattenwerfer, die markierte Fläche und die Aufstellung müssen zusammenpassen. Diese einfache Überlegung hilft, die erhaltenen Gegenstände zu betrachten: Welche Teile sind vorhanden, und welche ihrer Beziehungen lassen sich noch untersuchen?
Länge und Richtung sind verschiedene Hinweise
Die UCL-Übersicht unterscheidet Sonnenuhren, die die Länge des Schattens nutzen, von solchen, die seine Richtung nutzen. Das sind unterschiedliche Eigenschaften derselben alltäglichen Erscheinung. Die Übersicht zur Zeitmessung
Stelle dir als heutiges Anschauungsbeispiel einen aufrechten Stift vor. Sein Schatten kann kürzer werden und zugleich auf eine andere Stelle zeigen. Eine Linie, die nur eine Entfernung markiert, lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres wie die Richtungsmarke eines anderen Geräts lesen. Entscheidend ist die jeweilige Konstruktion.
Die schräge Fläche hat einen fehlenden Partner
Das Marmorfragment 12.181.307 im Metropolitan Museum besitzt eine geneigte Fläche mit parallelen und schrägen Ritzlinien. Nach dem Katalog gehörte ein senkrechter Block davor, dessen Schatten auf die Fläche fiel. Dieser Schattenwerfer ist nicht erhalten. Das beschriebene Fragment
Der Fund aus Dra Abu el-Naga wird in die ptolemäische Zeit, 305–30 v. u. Z., datiert. Unsere Illustration zeigt die unvollständige Form. Sie lässt bewusst offen, wie ein ergänztes Gerät im Detail aussehen müsste, statt den fehlenden Teil durch eine scheinbar sichere Form zu ersetzen.
Ein bemalter Kalkstein als zweiter Befund
Gautschy und Bickel beschreiben einen anderen Zeitmesser aus dem Tal der Könige: ein bemaltes Kalksteinostrakon aus dem Umfeld von Arbeiterhütten. Der Zusammenhang spricht für eine Datierung um 1200 v. u. Z. Das Loch für den verlorenen Gnomon ist erhalten. Die Originalbeschreibung auf Seite 2
Die Autorinnen interpretieren die Markierungen als senkrechte, nach Süden gerichtete Sonnenuhr. Wie der unregelmäßige Stein ursprünglich aufgestellt oder befestigt war, lässt sich nicht sicher bestimmen. Dieser Befund und das viel spätere Marmorfragment dürfen daher nicht zu einer einzigen unveränderten Bauform verschmolzen werden.
Was bedeutet hier eine Stunde?
Die Untersuchung erläutert eine ägyptische Tageseinteilung in zwölf Teile zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Wenn der lichte Tag im Jahreslauf länger oder kürzer wird, verändert sich dabei auch die Dauer eines solchen Teils. Diese Stunden heißen Temporalstunden.
Ein heutiges Rechenbeispiel macht den Unterschied sichtbar: Teile einen zehnstündigen lichten Tag in zwölf gleiche Abschnitte. Jeder Abschnitt dauert dann 50 heutige Minuten. Bei einem vierzehnstündigen Tag wären es 70 Minuten. Die beiden gewählten Tageslängen erklären das Prinzip; sie sind keine Messreihe des ausgegrabenen Geräts.
Die Skala allein gibt noch keine Zeit
Drehe im Gedankenexperiment eine korrekt aufgestellte Sonnenuhr zur Seite. Die Striche bleiben dieselben, doch ihre Beziehung zur Sonne hat sich geändert. Eine Ablesung kann deshalb nur zusammen mit der vorgesehenen Aufstellung beurteilt werden. Das ist eine Folgerung aus dem beschriebenen Messprinzip.
Auch die Lichtbedingungen gehören dazu: Ohne erkennbaren Schatten lässt sich keine Schattenposition ablesen. Die UCL-Übersicht behandelt neben Sonnenuhren deshalb auch anders arbeitende Wasseruhren. Dass mehrere Verfahren existierten, erlaubt jedoch noch keine genaue Aussage darüber, welches Gerät eine bestimmte Person an einem bestimmten Tag nutzte.
Das Gerät und die Zeitordnung gehören zusammen
Beim nächsten Blick auf eine alte Uhr lohnt es sich, mehr als die Oberfläche zu betrachten. Frage nach dem beweglichen Hinweis, den festen Marken und der vereinbarten Einheit. Erst diese Beziehung erklärt, was überhaupt gemessen und abgelesen werden soll.
Die Fragmente in diesem Exponat bewahren Teile solcher Beziehungen. Gerade ihre Grenzen machen die Untersuchung anschaulich: Man kann vorhandene Spuren ernst nehmen und zugleich sichtbar lassen, welche Ergänzungen für eine weitergehende Funktionsbeschreibung noch nötig wären.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Das Marmorstück ist ein Fragment ohne erhaltenen Schattenwerfer. Die Illustration ergänzt diesen nicht. Die Sonnenuhr aus dem Tal der Könige ist ein anderes Objekt; ihre genaue frühere Aufstellung bleibt offen.
Begriffe verstehen
Gnomon
Schattenwerfender Teil eines Zeitmessers, etwa ein Stab oder ein erhöhter Block.
← Zur TextstelleSkala
Geordnete Markierungen, an denen eine Größe abgelesen wird.
Temporalstunde
Stunde als einer von zwölf Teilen des lichten Tages oder der Nacht; ihre Dauer kann mit der Jahreszeit wechseln.
Sonnenuhr
Gerät, das den Sonnenstand über Licht beziehungsweise Schatten zur Zeitangabe nutzt.
← Zur TextstelleQuellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Eine Schattenuhr ist nur teilweise erhalten
The Metropolitan Museum of Art: Shadow Clock, Inventar 12.181.307. Sammlungskatalog.
Marmorfragment, 305–30 v. u. Z., aus Dra Abu el-Naga. Geneigte Fläche mit parallelen und schrägen Linien; der ursprünglich davor stehende Schattenwerfer ist nicht erhalten.
← Zur Textstelle: Die schräge Fläche hat einen fehlenden Partner - Länge und Richtung des Schattens
UCL Digital Egypt (2003): Measuring time: hours. Institutionelle Übersicht.
Unterscheidet die Zeitmessung über Schattenlänge und Schattenrichtung. Beschreibt daneben Wasseruhren; kein einzelner Uhrentyp für alle Epochen behauptet.
← Zur Textstelle: Länge und Richtung sind verschiedene Hinweise - Eine Sonnenuhr aus dem Tal der Könige
Gautschy, R. und Bickel, S. (2013): A Sundial Found in the Egyptian Valley of the Kings. BSS Bulletin 25(iv), Dezember, 2–7.
Kalksteinostrakon aus dem Umfeld von Arbeiterhütten, spät in die 19. Dynastie datiert, ungefähr 1202–1190 v. u. Z. Gnomon verloren. Die Erklärung unterscheidet jahreszeitlich unterschiedlich lange Stunden von heutigen gleichen Stunden; keine Genauigkeitswerte aus ungelesenen Diagrammen verwendet.
← Zur Textstelle: Ein bemalter Kalkstein als zweiter Befund
Redaktion: Benjamin Metzig. Erstfassung in redaktioneller Prüfung. Bearbeitungsstand: 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
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