Exponat 03 · Pflanzenbeschreibung · Illustration · Handschrift
Pflanzen im Buch erkennen
Der Wiener Dioskurides verbindet überlieferte Arzneimitteltexte mit Pflanzenbildern. Ein Brombeermotiv öffnet den Blick auf Blätter, Früchte und die lange Geschichte eines Buchs, dessen Inhalt viel älter ist als sein Pergament.
3 Minuten Haupttext · Stand: 6. September 2026
Bild vergrößern ↗Auf einen Blick
Was kann ein Pflanzenbild zeigen, das ein Name allein offenlässt?
- Name, Beschreibung und Bild bieten verschiedene Merkmale zum Vergleichen.
- Die Wiener Handschrift ist mehrere Jahrhunderte jünger als das Werk des Dioskurides.
- Eine überlieferte Pflanzenabbildung belegt für sich allein keine therapeutische Wirkung.
- Zeitliche Einordnung
- Dioskurides: 1. Jahrhundert u. Z.; Wiener Handschrift: Anfang des 6. Jahrhunderts, um 512
- Orte und Regionen
- Griechischsprachiger Mittelmeerraum; Handschrift aus Konstantinopel, heute Österreichische Nationalbibliothek, Wien
- Historisch Beteiligte
- Pedanios Dioskurides; unbekannte Schreiber und Illustratoren; Juliana Anikia als Widmungsempfängerin der Wiener Handschrift; spätere Benutzer und Bearbeiter.
Ein Name braucht Anhaltspunkte
Stell dir vor, du erhältst nur den Namen einer dir unbekannten Pflanze. Du weißt damit noch nicht, wonach du draußen suchen solltest. Ein Bild kann die Gestalt sichtbar machen; eine Beschreibung kann Merkmale benennen, auf die du beim Vergleich achten sollst.
Die Herausforderung wird größer, wenn Namen übersetzt werden oder ein Text über weite Entfernungen und lange Zeit weitergegeben wird. Dann muss jeweils geprüft werden, ob verschiedene Benutzer tatsächlich denselben Gegenstand vor Augen hatten.
Ein Werk über medizinisch verwendete Stoffe
Dioskurides schrieb im 1. Jahrhundert u. Z. Seine als De materia medica bekannte Arzneimittellehre beschreibt zahlreiche Stoffe aus Pflanzen und anderen Bereichen der Natur. Zu den Angaben gehören Aussehen und unterscheidende Merkmale neben historischen Verwendungsweisen. Werk und Gegenstand der Beschreibungen
Für dieses Exponat betrachten wir vor allem die Aufgabe der Beschreibung. Zu erkennen, welche Pflanze ein Text meint, ist bereits eine eigenständige Forschungsfrage. Ob eine behauptete Wirkung zutrifft, verlangt darüber hinaus geeignete Belege.
Ein Blick auf die Brombeerdarstellung
Blatt 83r des Wiener Dioskurides zeigt eine verzweigte Pflanze mit Blättern, Früchten und Wurzeln. Die UNESCO katalogisiert sie als Brombeerpflanze. In der Abbildung lassen sich mehrere Organe gemeinsam betrachten, obwohl der Blick im Freien nicht immer alle zugleich freilegt. Historisches Vergleichsbild und Blattangabe
Frage beim Betrachten zuerst nach der Anordnung: Was gehört zu welchem Zweig? Welche Formen werden wiederholt? Welche Teile sind besonders betont? Diese Fragen beschreiben zunächst, wie das Bild seine Informationen ordnet. Sie verlangen noch keine Entscheidung für eine genaue heutige Artbezeichnung.
Das Buch ist jünger als sein Inhalt
Die Wiener Handschrift entstand Anfang des 6. Jahrhunderts in Konstantinopel. Sie enthält neben Texten des Dioskurides auch Material anderer Autoren. Ihre Widmung gilt Juliana Anikia. Zwischen dem Verfasser der Arzneimittellehre und diesem erhaltenen Buch liegen mehrere Jahrhunderte. Datierung und Zusammensetzung der Handschrift
Deshalb sollte die Datumszeile eines Exponats zwei Dinge sichtbar halten: die zeitliche Einordnung des Werks und die Herstellung des überlieferten Exemplars. Ein besonders altes Buch ist nicht automatisch die erste Niederschrift seines Inhalts.
Spätere Leser hinterlassen eigene Spuren
Die Österreichische Nationalbibliothek beschreibt mehrsprachige Eintragungen und Übersetzungen der Pflanzennamen als Zeichen intensiver Benutzung. Auch die Einbände wurden im Lauf der Jahrhunderte verändert. Der materielle Gegenstand bewahrt damit nicht nur den älteren Text, sondern Spuren weiterer Arbeit an ihm.
Solche Ergänzungen können wertvolle Orientierung geben und zugleich neue Fragen aufwerfen. Zu welcher Zeit wurde eine Benennung hinzugefügt? Worauf bezog sich die Person, die sie eintrug? Die Seite lässt sich als gewachsene Schichtung lesen.
Vergleiche Zweig und ganze Pflanze
Vergleiche die freie Zweigstudie mit dem verlinkten historischen Blatt. Unsere Zeichnung konzentriert sich auf Blätter, Stängel und Früchte. Die historische Darstellung führt darüber hinaus Wurzeln vor und ordnet die Pflanze neben einem Textblock an. Die Bilder bieten damit unterschiedliche Vergleichsmöglichkeiten. Ein fehlendes Organ im Ausschnitt bedeutet nicht, dass die dargestellte Pflanze dieses Organ nicht besitzt. Es wurde für diesen Blick schlicht nicht mitgezeigt. Blatt 83r zum eigenen Vergleich
Ein einzelnes Bild ist eine Auswahl
Ein Pflanzenbild legt Blickrichtung, Größe und sichtbare Teile fest. Es kann einen Vergleich erleichtern, aber wechselnde Stadien und alle Abweichungen einer Pflanze nicht gleichzeitig zeigen. Auch die Entscheidung, welche Details weggelassen werden, beeinflusst seinen Nutzen.
Die freie Zweigstudie unseres Museums macht diesen Gedanken anschaulich. Sie lädt dazu ein, Form und Zusammenhang genau zu betrachten. Für Aussagen über die historische Handschrift bleibt das verlinkte Originalblatt der maßgebliche Bildzeuge.
Grenzen des Wissens
Was offen bleibt
Die neue Illustration zeigt einen freien Brombeerzweig, keine sichere Bestimmung der im Kodex gemeinten botanischen Art. Historische Arzneimittelangaben dienen hier der Wissensgeschichte, nicht der Anwendung.
Begriffe verstehen
Kodex
Buchform aus zusammengefügten Blättern, im Unterschied zu einer Rolle.
Pergament
Zum Beschreiben bearbeitete Tierhaut.
Merkmal
Eigenschaft, die beim Beschreiben oder Unterscheiden hilft, etwa Blattform oder Fruchtaufbau.
Blatt 83r
Vorderseite des als 83 gezählten Blatts einer Handschrift; r steht für recto.
← Zur TextstelleQuellen und Nachweise
Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.
- Die erhaltene Handschrift hat eine eigene Geschichte
Birgit Hofer: Ein Weltkulturerbe und seine Einbände – der Wiener Dioskurides. Österreichische Nationalbibliothek, 9. Februar 2026.
Dioskurides im 1. Jahrhundert, Wiener Handschrift Anfang des 6. Jahrhunderts. Unterschiedliche Autorenanteile und spätere Gebrauchsspuren; kein Autograf des Dioskurides.
← Zur Textstelle: Das Buch ist jünger als sein Inhalt - Eine Pflanze mit verschiedenen sichtbaren Teilen
UNESCO Memory of the World: Vienna Dioscurides, Cod. med. Graec. 1, besonders Blatt 83r; Eintragung 1997.
Katalogisiert als Brombeerpflanze mit Wurzeln, Blättern und Früchten. Die heutige freie Zweigstudie ist keine Kopie des Blatts und erlaubt keine eigene sichere Artbestimmung.
← Zur Textstelle 1: Ein Blick auf die Brombeerdarstellung← Zur Textstelle 2: Vergleiche Zweig und ganze Pflanze - Beschreibungen in De materia medica
Vanderbilt University, Department of Pharmacology: De materia medica. Öffentliche Darstellung zum Werk und zum Besuch des Wiener Dioskurides.
Einordnung des Autors im 1. Jahrhundert und Verbindung von Aussehen, unterscheidenden Merkmalen und historischen Arzneimittelangaben. Keine heutige Wirksamkeit daraus abgeleitet.
← Zur Textstelle: Ein Werk über medizinisch verwendete Stoffe
Redaktion: Benjamin Metzig. Erste vollständige Fassung vom 6. September 2026. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.
Hinweis oder Korrektur an die Redaktion


