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Exponat 03 · Bariumvergleich und Spaltungsdeutung 1938–1939

Chemischen Befund und Kernspaltung verbinden

Hahn und Strassmann finden, dass eine Aktivität aus bestrahltem Uran dem Barium folgt. Meitner und Frisch verbinden den chemischen Befund mit einer physikalischen Spaltungsdeutung. Beide Schritte beantworten unterschiedliche Fragen.

3 Minuten Haupttext · Stand: 8. September 2026

Buntstiftzeichnung mit Probengläsern und Elektroskop neben einem Blatt mit drei schematischen Stadien einer Tropfenverformung.Bild vergrößern ↗
Freie Verbindung von chemischem Vergleich und physikalischer Modellbildung. Geräte, Proben und Zeichnung sind erfunden; die Tropfenformen illustrieren nur einen Modellgedanken und zeigen keine beobachteten Atomkerne.

Auf einen Blick

Wie wird aus einem überraschenden chemischen Vergleich eine neue Erklärung für den Atomkern?

  • Gemeinsames Auftreten mit einem Vergleichsstoff reicht noch nicht zur eindeutigen Stoffzuordnung.
  • Der chemische Nachweis und die physikalische Erklärung der Spaltung sind eigenständige Beiträge.
  • Verfolgung und erzwungene Trennung gehören zur Geschichte der Zusammenarbeit und Zuschreibung.
Zeitliche Einordnung
Dezember 1938 bis Februar 1939
Orte und Regionen
Berlin; Meitners Exil in Schweden; Frisch in Kopenhagen
Historisch Beteiligte
Otto Hahn, Fritz Strassmann, Lise Meitner und Otto Robert Frisch; weitere Mitarbeit im Labor

Eine bisherige Zuordnung wird fraglich

Hahn und Strassmann untersuchen Produkte, die bei der Neutronenbestrahlung von Uran entstehen. Ihre Arbeit beginnt nicht mit einem fertigen Begriff der Kernspaltung. Bestimmte Aktivitäten werden zunächst schwereren, dem Uran näher liegenden Elementen zugeordnet. Der überraschende Befund betrifft ihr chemisches Verhalten. Die Ausgangszuordnungen im Originalbericht

Eine Aktivität folgt bei den beschriebenen Vergleichen dem Barium, einem wesentlich leichteren Element. Damit geraten zwei Erwartungen auseinander: die chemische Zuordnung und das damals plausibel erscheinende physikalische Geschehen. Die Untersuchung muss klären, ob der Vergleich nur täuscht oder eine bisher unwahrscheinliche Möglichkeit ernst genommen werden muss.

Gemeinsames Abscheiden genügt nicht

Barium und Radium können sich bei bestimmten Trennschritten ähnlich verhalten. Dass eine unbekannte Aktivität zusammen mit Barium erscheint, entscheidet die Identität deshalb noch nicht. Hahn und Strassmann ergänzen Vergleichsversuche mit bekannten Radiumindikatoren. Diese lassen sich anders verhalten als die unbekannte Aktivität, die weiter dem Barium folgt. Die entscheidenden zusätzlichen Vergleiche

Die Stärke liegt in der unterscheidenden Kontrolle. Ein Vergleich ist besonders hilfreich, wenn er zwei zunächst mögliche Erklärungen auseinanderzieht. Das Exponat vermittelt diese Logik, ohne die historische chemische Vorbereitung als Arbeitsanweisung nachzubilden. Der Stoffname am Ende muss durch mehr getragen sein als durch eine einzelne gemeinsame Ablagerung.

Die Chemie stellt eine physikalische Frage

Im eingegangenen Manuskript vom 22. Dezember 1938 steht der chemische Schluss auf Barium neben dem Vorbehalt gegenüber seiner physikalischen Unwahrscheinlichkeit. Veröffentlicht wurde die Arbeit am 6. Januar 1939. Der Text ist damit weder bloß ein zufälliger Ausschlag noch bereits die abgeschlossene physikalische Spaltungserklärung. Schluss und Datierung des Berichts

Auch die Kurven verlangen Vorsicht. Eine gemessene Aktivität kann sich durch verschiedene aufeinanderfolgende Umwandlungen verändern. Die Linie auf dem Papier ist kein unmittelbar sichtbares einzelnes Atom. Spätere Isotopentabellen dürfen nicht stillschweigend als damaliges Wissen in den Versuch hineingelesen werden.

Ein verformbarer Kern als Modell

Meitner und Frisch entwickeln eine physikalische Deutung, in der ein schwerer Kern sich verformen und in größere Bruchstücke teilen kann. Die Tröpfchenvorstellung verbindet zusammenhaltende Wirkungen mit der elektrischen Abstoßung. Eine Energiebilanz macht verständlich, warum die entstehenden Fragmente erhebliche Bewegungsenergie besitzen können. Die Spaltungsdeutung von Meitner und Frisch

Das Modell ergänzt den chemischen Befund; es ersetzt ihn nicht. Ein gezeichneter Tropfen illustriert eine mögliche kollektive Verformung. Er behauptet weder, dass ein Kern aus gewöhnlicher Flüssigkeit besteht, noch dass eine damals betrachtete chemische Probe diese Verformung optisch gezeigt hätte.

Die Zusammenarbeit wird erzwungen getrennt

Lise Meitner musste 1938 vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen. Die räumliche Trennung unterbrach die bisherige gemeinsame Laborarbeit und erschwerte ihre Beteiligung. Dennoch blieb sie wissenschaftliche Gesprächspartnerin und entwickelte mit Frisch einen eigenständigen Erklärungsbeitrag. Ruth Lewin Sime ordnet diese Verfolgungs- und Zuschreibungsgeschichte ein. Zusammenarbeit, Verfolgung und spätere Anerkennung

Eine Museumserzählung, die nur einen Chemiker am Labortisch zeigt, würde deshalb wesentliche Arbeit unsichtbar machen. Umgekehrt müssen Beiträge konkret bleiben: chemische Vergleichsarbeit, physikalische Modellbildung und weitere Laborhilfe sind verschiedene Leistungen. Der Originalbericht dankt auch Cl. Lieber und I. Bohne für Unterstützung bei Fällungen und Messungen.

Zwei Begründungen werden verbunden

Die Station verbindet zwei Fragen: Welchem Stoff entspricht die beobachtete Aktivität, und welcher Kernvorgang kann die Entstehung eines solchen Stoffes erklären? Der Erkenntnisgewinn entsteht gerade daraus, dass die Antworten auf unterschiedlichen Untersuchungswegen gewonnen und anschließend zusammengebracht werden.

Der nächste Schritt des Raums betrifft eine andere Aufgabe. Eine einzelne Spaltung und eine sich erhaltende Kettenreaktion sind nicht dasselbe. Aus der Erklärung der ersten folgt noch keine kontrollierte Anlage. Ebenso wenig ist eine physikalisch mögliche Energiefreisetzung bereits eine gesellschaftlich bestimmte Anwendung. Diese Übergänge benötigen eigene Untersuchungen und Entscheidungen.

Grenzen des Wissens

Was offen bleibt

Die historischen Aktivitätskurven enthalten damalige Isotopenzuordnungen und offene Fragen. Eine vereinfachte Tröpfchenzeichnung zeigt ein Modell, keine fotografierten Kerne und keine vollständige heutige Beschreibung aller Spaltungswege.

Begriffe verstehen

Kernspaltung

Teilung eines schweren Atomkerns in leichtere Kerne, begleitet von weiteren Teilchen und Energiefreisetzung.

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Chemischer Vergleich

Zuordnung anhand des Verhaltens eines Stoffes unter vergleichbaren Bedingungen.

Aktivität

Zahl radioaktiver Umwandlungen pro Zeit; ihre gemessene Anzeige hängt auch von der Nachweisanordnung ab.

← Zur Textstelle
Tröpfchenmodell

Vereinfachte Beschreibung bestimmter kollektiver Eigenschaften eines Kerns in Analogie zu einem verformbaren Tropfen.

Quellen und Nachweise

Die Quellen sind den Aussagen im Text zugeordnet. Originalstudien, Sammlungstexte und eigene Einordnung erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Einige Fachtexte sind beim Verlag nur teilweise frei zugänglich.

  1. Der chemische Bariumvergleich im Original

    Otto Hahn und Fritz Strassmann: Über den Nachweis und das Verhalten der bei der Bestrahlung des Urans mittels Neutronen entstehenden Erdalkalimetalle. Naturwissenschaften 27, 1939, S. 11–15.

    Die bekannten Radiumindikatoren machen den zusätzlichen Vergleich entscheidend. Historische Zuordnungen und Vorbehalte bleiben von späterem Wissen getrennt.

    ← Zur Textstelle 1: Eine bisherige Zuordnung wird fraglich← Zur Textstelle 2: Gemeinsames Abscheiden genügt nicht← Zur Textstelle 3: Die Chemie stellt eine physikalische Frage
  2. Die getrennte physikalische Erklärung der Spaltung

    Lise Meitner und O. R. Frisch: Disintegration of Uranium by Neutrons: a New Type of Nuclear Reaction. Nature 143, 1939, S. 239–240; Edition bei German History Intersections.

    Keine Volllektüre des ursprünglichen Nature-Artikels behauptet. Die fehlerhafte Exilortangabe der redaktionellen Einleitung wird nicht übernommen; im wiedergegebenen Original steht Meitners Adresse in Stockholm.

    ← Zur Textstelle: Ein verformbarer Kern als Modell
  3. Warum Verfolgung und Zuschreibung zur Geschichte gehören

    Ruth Lewin Sime: Lise Meitner and the Discovery of Nuclear Fission: Politics, Persecution, and the Prize. ACS Axial, 2019; Auszug aus einem Kapitel von 2018.

    Historische Einordnung von Meitners eigenständiger Arbeit, der erzwungenen Trennung und späteren Anerkennung. Keine erfundenen privaten Motive oder zusätzlichen Originalzitate.

    ← Zur Textstelle: Die Zusammenarbeit wird erzwungen getrennt

Redaktion: Benjamin Metzig. Text und Quellen am 8. September 2026 geprüft. Generative KI diente als Werkzeug für Text und Bild.

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