Reptilien
Westliche Blindschleiche
Anguis fragilis
Beinlos, glänzend und oft im Verborgenen: Die Westliche Blindschleiche wirkt wie eine kleine Schlange, kann aber ihre Augenlider schließen. Ihr langer Schwanz, die Nahrungssuche am Boden und die Geburt lebender Junge zeigen, wie diese Echse lebt.
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Anguis fragilis im engeren heutigen Sinn, Familie Anguidae. Anguis colchica sowie die anderen getrennt geführten Blindschleichenarten sind nicht mitgemeint. Ältere großräumige Verbreitungsangaben können einen weiter gefassten Artenkomplex betreffen.
Auf einen Blick
- Gesamtlänge
- Ausgewachsene Tiere mit intaktem Schwanz häufig etwa 40–45 cmGesamtlänge einschließlich Schwanz nach DGHT/ABS; keine Kopf-Rumpf-Länge und keine feste Höchstlänge. Schwanzverlust verkürzt die Gesamtlänge erheblich.Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde · Dirk Alfermann und Axel Kwet Amphibien/Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg · Alexander Pieh
- Fortpflanzung
- Lebendgebärend; Jungtiere verlassen bei der Geburt eine dünne EihülleZeitpunkt und Wurfgröße unterscheiden sich nach Region, Witterung und Muttertier. Lechtaler Versuchsdaten sind keine feste artspezifische Zahl.Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde · Dirk Alfermann und Axel Kwet Alfermann und Völkl · Salamandra40(1):25–36
- Besonderheit
- Kann Schwanzteile abwerfen; es entsteht nur ein kurzer ErsatzstumpfAutotomie kann eine Flucht ermöglichen. Der ursprüngliche lange Schwanz wird nicht vollständig wiederhergestellt.Arbeitskreis Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalen · Martin Schlüpmann und Mona Vossen Amphibien/Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg · Alexander Pieh
Eine Echse, die ihre Augen schließen kann
Eine Blindschleiche sieht auf den ersten Blick wie eine kleine Schlange aus: Beine fehlen, der Körper ist lang und der Kopf geht fast ohne Hals in den Rumpf über. Doch die Westliche Blindschleiche, Anguis fragilis, gehört zu den Schleichen. Diese Familie ist Teil der Schuppenkriechtiere, zu denen auch andere Echsen und die Schlangen gehören.
Besonders aufschlussreich sind ihre Augen. Sie besitzen bewegliche Lider, mit denen die Blindschleiche blinzeln kann. Bei Schlangen liegt dagegen eine durchsichtige Schuppe über dem Auge. Auch am Bauch trägt die Blindschleiche kleine Schuppen; die breiten Bauchschilder vieler Schlangen fehlen.
Der Name führt deshalb gleich doppelt in die Irre: Dieses Tier ist weder eine Schlange noch blind. Wer einen länglichen Körper ohne Beine entdeckt, hat damit noch keine sichere Bestimmung.
The Reptile Database Amphibien/Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg · Alexander Pieh Froglife Arbeitskreis Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalen · Martin Schlüpmann und Mona VossenGlänzende Schuppen und ein langer Schwanz
Die dicht anliegenden, glatten Schuppen lassen den Rücken je nach Licht grau, braun oder kupferfarben schimmern. Dunklere Seiten und ein schmaler Rückenstrich kommen vor, ebenso blaue Flecken bei manchen Tieren. Jungtiere haben häufig einen auffälligen Gegensatz zwischen heller Oberseite und dunklen Flanken.
Unter der Haut liegen kleine Knochenplättchen. Sie tragen dazu bei, dass der Körper beim Schlängeln vergleichsweise steif wirkt. Die Blindschleiche bewegt sich dennoch mit seitlichen Körperbewegungen voran und kann sich in dichter Bodenvegetation verbergen.
Erwachsene Tiere mit vollständigem Schwanz erreichen häufig etwa 40 bis 45 Zentimeter Gesamtlänge. Das ist keine feste Obergrenze. Ein großer Teil entfällt auf den Schwanz: Nach dessen Verlust sagt die Gesamtlänge viel weniger über die Größe des verbliebenen Körpers aus.
Amphibien/Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg · Alexander Pieh Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde · Dirk Alfermann und Axel Kwet Arbeitskreis Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalen · Martin Schlüpmann und Mona Vossen Eidgenössische Forschungsanstalt WSL · waldwissen.net, nach Rainer NeumeyerWestliche Blindschleiche ist nicht jede Blindschleiche
Anguis fragilis lebt in weiten Teilen West- und Mitteleuropas, darunter Deutschland und Großbritannien. Nach Osten und Südosten trifft ihr Gebiet auf das anderer Blindschleichen. Die Östliche Blindschleiche Anguis colchica wird heute als eigene Art geführt; auch aus Italien und dem Balkan sind weitere Arten bekannt.
Die Grenzen lassen sich nicht einfach an einem Rückenstreifen ablesen. Eine 2021 veröffentlichte Untersuchung verglich Körpermerkmale von 326 Tieren aus Mitteleuropa und zog für die Einordnung auch genetische Informationen heran. Die Forschenden fanden Unterschiede zwischen Westlicher und Östlicher Blindschleiche, aber kein einzelnes untersuchtes Merkmal unterschied beide ausnahmslos.
Das Porträt behandelt deshalb die Westliche Blindschleiche im heutigen, engeren Sinn. Ältere Angaben für eine weit gefasste „Blindschleiche“ können mehrere inzwischen getrennte Arten umfassen.
Benkovský, Moravec, Gvoždíková Javůrková, Šifrová, Gvoždík und Jandzik · PeerJ Rote-Liste-Zentrum · Rote-Liste-Gremium Amphibien und Reptilien The Reptile DatabaseVerborgen zwischen Wärme und Feuchtigkeit
Lichte Wälder, Waldränder, Hecken, Wiesen mit Deckung und naturnahe Gärten können Blindschleichen Lebensraum bieten. Wichtig sind passende Stellen am Boden: Verstecke, etwas Feuchtigkeit und Möglichkeiten, Wärme aufzunehmen. Ein geschützter Platz unter Holz kann mehrere dieser Bedingungen zugleich erfüllen.
Blindschleichen liegen häufig unter Auflagematerial oder bewegen sich in der Krautschicht. Sie können sich an erwärmten Oberflächen aufheizen, ohne lange frei sichtbar in der Sonne zu liegen. Trotzdem kommen auch Sonnenbäder vor; trächtige Weibchen werden dabei ebenfalls beobachtet.
Eine Feldstudie im Bergischen Land erfasste 1992 die meisten Begegnungen unter künstlichen oder natürlichen Verstecken. Gerade diese Methode beeinflusst aber, wo Tiere gefunden werden. Solche Funde belegen die Nutzung von Deckung, nicht den vollständigen Tagesablauf jedes Tieres.
Amphibien/Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg · Alexander Pieh Eidgenössische Forschungsanstalt WSL · waldwissen.net, nach Rainer Neumeyer Birgit Blosat · Salamandra33(3):161–174Auf der Suche nach weicher Beute
Regenwürmer und kleine Nacktschnecken gehören zu den wichtigen Beutetieren. Auch weitere erreichbare Wirbellose können gefressen werden. Die Blindschleiche lebt damit von tierischer Nahrung, obwohl sie häufig mitten zwischen Pflanzen verborgen bleibt.
Ihre relativ kurze Zunge endet in zwei Spitzen. Zum Züngeln muss das Tier das Maul ein wenig öffnen. Zusammen mit den beweglichen Augenlidern ist dies ein weiteres Detail, das sich bei ruhiger Beobachtung erkennen lässt.
Nach dem Verschlingen kann am Maul haftender Schleim am Untergrund abgestreift werden. Welche Beute verfügbar ist, hängt vom Lebensraum ab. Ein starres Verhältnis von Schnecken zu Würmern für jede Blindschleiche wäre deshalb keine sinnvolle Beschreibung ihrer Ernährung.
Arbeitskreis Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalen · Martin Schlüpmann und Mona Vossen Froglife Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde · Dirk Alfermann und Axel KwetEin Schwanzabwurf mit bleibender Folge
Greift ein Feind den Schwanz, kann die Blindschleiche ihn oder ein Stück davon an vorgebildeten Bruchstellen abwerfen. Das abgetrennte Ende bewegt sich noch und kann den Angreifer ablenken. Für das Tier entsteht eine Gelegenheit, zu entkommen. Dieser Vorgang heißt Autotomie.
Der Verlust ist jedoch nicht einfach rückgängig zu machen. Bei Blindschleichen bildet sich lediglich ein kurzer Ersatzstumpf; der ursprüngliche lange Schwanz wird nicht vollständig erneuert. Ein kurzes Tier kann also ein erwachsenes Tier mit früherem Schwanzverlust sein.
Nicht jeder Angriff endet mit einer erfolgreichen Flucht, und ein fehlendes Schwanzstück verrät nicht die genaue Geschichte des Tieres. Zum Beobachten braucht man es weder zu greifen noch festzuhalten. Gerade am Schwanz sollte eine Blindschleiche niemals hochgehoben werden.
Arbeitskreis Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalen · Martin Schlüpmann und Mona Vossen Amphibien/Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg · Alexander Pieh Eidgenössische Forschungsanstalt WSL · waldwissen.net, nach Rainer NeumeyerLebende Junge statt eines Eigeleges im Boden
Nach der Paarung entwickeln sich die Jungen im Körper des Weibchens. Bei der Geburt sind sie noch von einer dünnen Eihülle umgeben, aus der sie sich befreien. Es wird also kein Gelege mit harten Eischalen an einem Ablageplatz zurückgelassen.
In Mitteleuropa kommen Junge gewöhnlich im späteren Sommer zur Welt. Zeitpunkt und Wurfgröße hängen von den Bedingungen und vom Muttertier ab. In einer Untersuchung im Lechtal wurden 2001 zwanzig trächtige Weibchen bis zur Geburt einzeln gehalten. Ihre Würfe umfassten sechs bis achtzehn Junge; größere Mütter hatten in dieser Stichprobe tendenziell größere Würfe.
Diese Zahlen beschreiben die untersuchten Tiere unter den damaligen Bedingungen. Sie sind keine Vorschrift für jede Population. Auch ein fester jährlicher Fortpflanzungsrhythmus aller Weibchen lässt sich daraus nicht ableiten.
Alfermann und Völkl · Salamandra40(1):25–36 Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde · Dirk Alfermann und Axel Kwet FroglifeHäufig bedeutet nicht ohne Rückgänge
In der kalten Jahreszeit ziehen sich Blindschleichen in geschützte, frostfreie Quartiere zurück. Wann sie wieder aktiv werden, richtet sich nach Witterung und Lage. An günstigen Stellen können mehrere Tiere gemeinsam überwintern, ohne dass daraus ein dauerhaft zusammenlebender Familienverband folgt.
Die deutsche Rote Liste von 2020 führt die Westliche Blindschleiche als „ungefährdet“. Gleichzeitig nennt sie mäßige langfristige Rückgänge und eine mäßige kurzfristige Abnahme. Eine verbreitete Art kann also unter verschlechterten Lebensbedingungen leiden, bevor sie eine höhere Gefährdungskategorie erreicht.
Verlorene Säume und Verstecke, zerschnittene Lebensräume und intensive Bearbeitung von Bodenvegetation setzen ihr zu. Strukturreiche Übergänge zwischen Wald, Wiese und Garten helfen zu verstehen, weshalb das Tier mancherorts gut zurechtkommt und andernorts kaum noch geeignete Plätze findet.
Eidgenössische Forschungsanstalt WSL · waldwissen.net, nach Rainer Neumeyer Froglife Rote-Liste-Zentrum · Rote-Liste-Gremium Amphibien und ReptilienWeitere Tiere

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EntdeckenQuellen und Bildnachweis
Stand: 2026-10-28
- Anguis fragilis Linnaeus, 1758 · The Reptile Database · abgerufen 2026-10-28
- Phenotypic differentiation of the slow worm lizards across their contact zone in Central Europe · Benkovský, Moravec, Gvoždíková Javůrková, Šifrová, Gvoždík und Jandzik · PeerJ · abgerufen 2026-10-28
- Westliche Blindschleiche · Rote Liste Deutschlands2020 · Rote-Liste-Zentrum · Rote-Liste-Gremium Amphibien und Reptilien · abgerufen 2026-10-28
- Westliche Blindschleiche, Artenporträt2020 · Amphibien/Reptilien-Biotop-Schutz Baden-Württemberg · Alexander Pieh · abgerufen 2026-10-28
- Slow-Worm · Anguis fragilis · Froglife · abgerufen 2026-10-28
- Blindschleiche – Anguis fragilis · Arbeitskreis Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalen · Martin Schlüpmann und Mona Vossen · abgerufen 2026-10-28
- Die Blindschleiche – Reptil des Jahres2017, Faltblatt ©2016 · Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde · Dirk Alfermann und Axel Kwet · abgerufen 2026-10-28
- Die Blindschleiche – Lebensweise und Lebensraum · Eidgenössische Forschungsanstalt WSL · waldwissen.net, nach Rainer Neumeyer · abgerufen 2026-10-28
- Morphometrische und ökologische Feldstudien im Bergischen Land I. Blindschleiche · Birgit Blosat · Salamandra33(3):161–174 · abgerufen 2026-10-28
- Zur Fortpflanzungsbiologie der Blindschleiche im Lechtal · Alfermann und Völkl · Salamandra40(1):25–36 · abgerufen 2026-10-28
Bild: KI-generierte, fotorealistische Darstellung für Wissenschaftswelle; keine dokumentarische Aufnahme.
