Wie viele Geschlechter gibt es wirklich? Warum Biologie mehr als eine Zahl braucht

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Eine leuchtende Eizelle und ein einzelnes Spermium treffen sich in einer dunklen, teal-farbenen Zelllandschaft unter der Überschrift Zwei Gametentypen.

Die Frage klingt, als müsse man nur richtig zählen: eins, zwei oder mehr? Doch das deutsche Wort „Geschlecht“ legt mehrere verschiedene Dinge übereinander. Es kann die Fortpflanzungsrolle eines Organismus meinen, körperliche Geschlechtsmerkmale eines Menschen, eine rechtliche Zuordnung oder die soziale und persönliche Geschlechtsidentität. Wer diese Ebenen nicht trennt, kann mit einer scheinbar eindeutigen Zahl fast alles behaupten – und spricht dabei unbemerkt über wechselnde Gegenstände.

Biologie macht die Sache nicht beliebig. Im Gegenteil: Sie liefert sehr präzise Begriffe. Aber sie zeigt auch, warum eine einzige Zahl nur dann sinnvoll ist, wenn vorher klar ist, was genau gezählt wird.

Kernpunkte

  • Bei Menschen und vielen anderen Arten gibt es zwei unterschiedlich große Gametentypen: große Eizellen und kleine Spermien. Darauf beziehen sich die biologischen Fortpflanzungsrollen weiblich und männlich.
  • Ein Körper besteht nicht nur aus Gameten. Chromosomen, Gene, Keimdrüsen, Hormone, innere und äußere Anatomie bilden mehrere Ebenen, die meist, aber nicht ausnahmslos in dieselbe Richtung weisen.
  • Die Natur kennt weit mehr als zwei Fortpflanzungssysteme: getrennte Geschlechter, gleichzeitigen Hermaphroditismus, Geschlechtswechsel, temperatur- oder sozial gesteuerte Entwicklung sowie sexuelle und ungeschlechtliche Phasen.
  • „Gender“ beziehungsweise Geschlechtsidentität ist keine Bezeichnung für einen Gametentyp. Dafür gibt es keine universelle, biologisch festgelegte Gesamtzahl, die für alle Gesellschaften und Personen gilt.
  • Die kurze Antwort lautet deshalb: zwei Gametentypen, vielfältige körperliche Ausprägungen und keine naturwissenschaftlich fixe Zahl sozialer Geschlechtsidentitäten.

Die erste Entscheidung: Was soll überhaupt gezählt werden?

In der Evolutionsbiologie beginnt die Definition von männlich und weiblich häufig bei den Keimzellen. Bei der sogenannten Anisogamie verschmelzen zwei Gametenklassen: Eine ist groß und enthält vergleichsweise viele Zellressourcen, die andere ist klein und wird in größerer Zahl produziert. Die große Klasse heißt Eizelle, die kleine Spermium. Der grundlegende Zusammenhang ist in einem Review der Royal Society über Isogamie und die Entstehung der zwei Geschlechter ausführlich beschrieben.

In diesem engen, reproduktionsbiologischen Sinn gibt es bei anisogamen Arten zwei Geschlechter. Es gibt keinen dritten, mittleren Gametentyp, der zusammen mit Ei- und Samenzelle eine weitere notwendige Fortpflanzungsrolle bildet. Das ist der sachliche Kern hinter dem Satz „Es gibt biologisch zwei Geschlechter“.

Doch dieser Satz beantwortet nur eine bestimmte Frage: Wie sind die beiden Gametenklassen organisiert, aus deren Verschmelzung bei diesen Arten eine Zygote entstehen kann? Er sagt noch nicht, dass jedes Individuum zu jedem Zeitpunkt Gameten produziert. Kinder, unfruchtbare Menschen oder Menschen nach der Menopause verlieren dadurch selbstverständlich nicht ihr Geschlecht. Die Gametendefinition ordnet evolutionäre Fortpflanzungsrollen; sie ist kein Labortest, dem jede einzelne Person unterzogen werden müsste.

Wer genauer verstehen möchte, wie Ei- und Samenzellen entstehen und warum sie nur einen einfachen Chromosomensatz tragen, findet im Wissenschaftswelle-Beitrag über die Meiose und genetische Vielfalt den zellbiologischen Hintergrund.

Zwei Gametentypen sind nicht dasselbe wie zwei starre Lebensweisen

Aus zwei Gametenklassen folgt nicht, dass die Natur nur eine einzige Art kennt, sie auf Organismen zu verteilen. Viele Tierarten haben getrennte männliche und weibliche Individuen. Regenwürmer und zahlreiche Schnecken können dagegen gleichzeitig männliche und weibliche Fortpflanzungsfunktionen besitzen. Andere Arten wechseln im Laufe ihres Lebens.

Bei Anemonenfischen leben mehrere Tiere in einer Rangordnung. Fällt das dominante Weibchen aus, kann das größte fortpflanzungsfähige Männchen zum Weibchen werden. Bei manchen Lippfischen verläuft der Wechsel in die andere Richtung. Der Organismus erfindet dabei keinen dritten Gametentyp. Er baut Gonadenfunktion, Hormonhaushalt, Verhalten und teilweise die äußere Gestalt so um, dass nacheinander unterschiedliche Fortpflanzungsrollen möglich werden. Ein fachwissenschaftlicher Überblick zu Umweltreizen und Geschlechtswechsel bei Fischen beschreibt 462 bekannte Arten in 41 Familien mit solchen Strategien; die Autorinnen und Autoren betonen zugleich, dass viele molekulare Einzelheiten noch nicht vollständig verstanden sind.

Auch die erste Weichenstellung kann ganz verschieden funktionieren. Beim Menschen spielt unter typischen Entwicklungsbedingungen das SRY-Gen auf dem Y-Chromosom eine wichtige Rolle für die Hodenentwicklung. Vögel verwenden ein anderes Chromosomensystem. Bei zahlreichen Reptilien beeinflusst die Temperatur während eines empfindlichen Zeitfensters, ob sich Eierstöcke oder Hoden entwickeln. Die große vergleichende Arbeit „Sex Determination: Why So Many Ways of Doing It?“ zeigt, wie schnell die vertraute Gleichung „XX gleich weiblich, XY gleich männlich“ außerhalb der Säugetiere ihre Allgemeingültigkeit verliert.

Temperaturabhängige Geschlechtsbestimmung ist zudem keine bloße Kuriosität. Sie macht Populationen gegenüber der Erwärmung empfindlich, wenn immer mehr Embryonen in denselben Entwicklungsweg gelenkt werden. Ein Review in *Evolutionary Applications* nennt mehr als 400 Arten mit temperaturabhängiger Geschlechtsbestimmung und erläutert, warum verschobene Geschlechterverhältnisse für den Artenschutz relevant sind.

Manchmal gibt es nicht einmal die vertraute Zweiteilung der Gameten

Die Begriffe männlich und weiblich passen am klarsten auf anisogame Arten. Es existieren aber auch Organismen mit Isogamie: Ihre Gameten sind in Größe und Form ähnlich. Manche Algen, Pilze und einzellige Eukaryoten besitzen stattdessen verschiedene Paarungstypen. Diese Typen steuern, welche Zellen miteinander kompatibel sind. Mehrere Paarungstypen sind jedoch nicht einfach mehrere „Geschlechter“ im menschlichen oder anisogamen Sinn.

Daneben kann Fortpflanzung zeitweise oder dauerhaft ohne Befruchtung funktionieren. Bei der Parthenogenese entwickelt sich Nachwuchs aus einer Eizelle, ohne dass ein Spermium genetisch beiträgt. Das beseitigt die Eizelle nicht und erzeugt auch keinen zusätzlichen Gametentyp; es verändert den Fortpflanzungsweg. Wie unterschiedlich diese Wege bei Blattläusen, Reptilien und anderen Tieren funktionieren, erklärt der Beitrag Parthenogenese: Der schnelle Weg zu Nachwuchs und sein genetischer Preis.

Die Vielfalt liegt also weniger in einer wachsenden Zahl von Gametenklassen als in den vielen Möglichkeiten, Geschlechtsentwicklung, Gametenproduktion und Fortpflanzung über Zeit, Körper und Umwelt zu organisieren.

Beim Menschen ist biologisches Geschlecht mehrdimensional

Wenn über Menschen gesprochen wird, reicht der Blick auf Gameten allein nicht aus. Medizin und Forschung betrachten unter anderem Chromosomen, geschlechtsbestimmende Gene, Keimdrüsen, Hormonproduktion und -wirkung, innere Fortpflanzungsorgane sowie äußere Anatomie. Diese Merkmale sind durch Entwicklungsprozesse miteinander verbunden und stimmen bei den meisten Menschen in einer typisch männlichen oder typisch weiblichen Konstellation überein.

Es gibt jedoch Varianten der Geschlechtsentwicklung, bei denen einzelne Ebenen anders kombiniert sind. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt „intersex“ als Sammelbegriff für natürliche Variationen biologischer oder physiologischer Geschlechtsmerkmale. Der aktuelle Nature-Reviews-Primer zu Differences of Sex Development ordnet solche Varianten nach chromosomaler, gonadaler und phänotypischer Entwicklung und betont ihre sehr unterschiedlichen Ursachen und medizinischen Bedeutungen.

Intersexuelle Varianten sind nicht alle dasselbe. Sie sind auch weder automatisch eine Krankheit noch eine Aussage über die Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung einer Person. Manche sind mit konkretem medizinischem Unterstützungsbedarf verbunden, andere nicht. Der Wissenschaftswelle-Artikel Intersexualität in Medizin und Gesellschaft vertieft diese Unterscheidung und die Frage, wann Behandlung notwendig ist und wann Selbstbestimmung Vorrang haben muss.

Diese Varianten widerlegen nicht die Existenz von Ei- und Samenzellen. Sie zeigen aber, warum „zwei Gametentypen“ nicht mit „jeder menschliche Körper lässt sich anhand jedes einzelnen Merkmals ausnahmslos in zwei völlig getrennte Kästen sortieren“ gleichgesetzt werden darf. Biologisches Geschlecht ist beim Menschen zugleich bimodal organisiert – die meisten Merkmale häufen sich um zwei typische Muster – und in seinen Einzelmerkmalen variabel.

Sex, Gender und Identität beantworten verschiedene Fragen

Im Deutschen muss ein Wort oft leisten, wofür das Englische zwischen „sex“ und „gender“ unterscheidet. Die WHO trennt biologisches Geschlecht, Gender und Geschlechtsidentität: Sex bezeichnet ein Bündel biologischer Merkmale; Gender umfasst gesellschaftlich geprägte Rollen, Normen und Beziehungen; Geschlechtsidentität meint das persönliche innere Erleben.

Auch der Bericht der US-amerikanischen National Academies zur Messung von Sex und Geschlechtsidentität warnt davor, diese Konstrukte in einer einzigen binären Frage zusammenzuziehen. Für medizinische Forschung kann etwa relevant sein, welche Organe vorhanden sind oder welche Hormone wirken. Für eine Befragung zu Diskriminierung kann die Geschlechtsidentität entscheidend sein. Eine gute Datenerhebung fragt deshalb nach dem Merkmal, das für den konkreten Zweck tatsächlich gebraucht wird.

Wie viele Genderidentitäten es gibt, lässt sich nicht durch das Zählen von Gameten entscheiden. Identitätsbegriffe entstehen auch in Sprache, Kultur und Geschichte; sie können sich überschneiden oder verändern. „Nichtbinär“ ist zudem kein einzelner dritter biologischer Fortpflanzungstyp, sondern ein Oberbegriff für unterschiedliche Identitäten außerhalb einer ausschließlichen Selbstzuordnung als Mann oder Frau. Deshalb existiert keine weltweit verbindliche naturwissenschaftliche Liste mit einer endgültigen Anzahl.

Die präzise Antwort ist ein Satz mit mehreren Ebenen

Auf die Frage „Wie viele Geschlechter gibt es wirklich?“ ist eine einzelne Zahl verführerisch, aber unvollständig.

Für die Fortpflanzungsbiologie anisogamer Arten lautet die Antwort: zwei Gametentypen und damit zwei grundlegende Fortpflanzungsrollen. Für konkrete Organismen lautet sie: erstaunlich viele Systeme, in denen diese Rollen getrennt, gleichzeitig, nacheinander oder gar nicht in jeder Generation vorkommen. Für menschliche Körper gilt: zwei typische Entwicklungsmuster, aber reale Variationen auf mehreren biologischen Ebenen. Und für Gender beziehungsweise Geschlechtsidentität gibt es keine von der Biologie festgelegte Gesamtzahl.

Das ist kein Ausweichen. Es ist genau das, was Wissenschaft leisten soll: erst sagen, was gemessen wird – und erst danach zählen.

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