
Die berühmtesten Steine von Stonehenge ragen in den Himmel. Der Altarstein tut das Gegenteil: Er liegt flach am Boden, teilweise unter zwei umgestürzten Steinen verborgen. Rund sechs Tonnen grünlich grauer Sandstein – und eine Herkunftsgeschichte, die sich trotz immer genauerer Untersuchungen noch nicht schließen lässt.
Der genaue Entnahmeort des Altarsteins bleibt unbekannt. Eine neue geologische Untersuchung findet unter den bislang geprüften Gesteinsvorkommen keinen vollständigen Treffer. Das beendet die Schottland-Spur nicht, zeigt aber, wie viel zwischen einer passenden Herkunftsregion und einem überzeugend identifizierten Herkunftsort liegt.
Für die Forschung ist das eine entscheidende Unterscheidung. Denn an der Herkunft hängen weitere Geschichten: Wie weit wurde der Stein bewegt? Welche Verbindungen bestanden zwischen vorgeschichtlichen Gemeinschaften? Und welchen Teil seiner Reise könnten natürliche Prozesse übernommen haben?
Eine liegende Platte mit besonderer Zusammensetzung
Der Altarstein, in der archäologischen Dokumentation auch Stein 80 genannt, unterscheidet sich deutlich von den großen Sarsen-Pfeilern. Er besteht aus feinkörnigem, glimmerhaltigem Sandstein. Seine Ausmaße werden mit ungefähr 4,9 Metern Länge, einem Meter Breite und einem halben Meter Dicke angegeben.
Die offizielle Beschreibung von English Heritage verortet ihn unter zwei gefallenen Steinen des größten Trilithons. Ob er ursprünglich ebenfalls lag oder einmal aufrecht stand, ist nicht sicher. Auch sein Name beweist nicht, dass er als Altar benutzt wurde. Die neue Facharbeit hält seine Funktion und den Zeitpunkt seiner Ankunft am Monument ausdrücklich für ungeklärt.
Wer nach der Herkunft „der Stonehenge-Steine“ fragt, muss deshalb verschiedene Materialien auseinanderhalten. Sarsens, andere Bluestones und der Altarstein haben jeweils eigene Herkunftsfragen. Den breiteren archäologischen Zusammenhang erläutert unser Überblick zu Bau, Bestattungen und Steintransporten in Stonehenge.
Warum die Spur 2024 nach Schottland führte
Lange wurde der Altarstein mit walisischen Sandsteinen verbunden. Eine Nature-Studie vom 14. August 2024 gab der Suche eine andere Richtung. Das Team um Anthony Clarke untersuchte das Alter und die chemischen Eigenschaften von Zirkon, Apatit und Rutil in Proben des Steins.
Diese Minerale können ältere geologische Ereignisse bewahren. Besonders aussagekräftig wird nicht ein einzelnes Korn, sondern das Muster vieler Messungen. Die Forschenden verglichen dieses Muster mit bekannten Sedimentgesteinen und fanden eine starke Ähnlichkeit zum Old Red Sandstone des Orcadian-Beckens in Nordostschottland.
Das war ein regionaler Herkunftshinweis mit großer Tragweite. Unter dieser Annahme hätte der Stein mindestens etwa 750 Kilometer von seiner Quelle bis nach Stonehenge zurückgelegt. Ein konkreter Ort, an dem Menschen den Block herausgelöst hatten, war damit jedoch nicht gefunden.
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Zwei Lebensgeschichten stecken in einem Sandstein
Ein Mineral im Sandstein kann viel älter sein als der Sandstein selbst. Es kann zunächst in einem anderen Gestein entstanden sein, durch Verwitterung freigesetzt, transportiert und später erneut abgelagert worden sein. Aus solchen Körnern wird schließlich ein neues Sedimentgestein.
Damit trägt ein Sandstein eine gemischte Vorgeschichte in sich. Die Alter seiner Minerale können helfen, die geologischen Landschaften einzugrenzen, die Material beigesteuert haben. Sie sind aber kein Etikett mit der Adresse einer einzelnen Gesteinswand.
Für einen genauen Herkunftsnachweis kommt deshalb mehr hinzu: Wie sind die Körner sortiert? Welche Minerale treten gemeinsam auf? Welche Tonminerale sind vorhanden? Wie wurde das Gestein nach der Ablagerung verändert? Stimmen auch chemische Eigenschaften überein?
Genau diese umfassendere Prüfung steht im Zentrum der neuen Arbeit von Duncan Pirrie und Kollegen, die am 5. November 2026 online im Journal of the Geological Society erschien. Sie verbindet Beobachtungen am Original mit Untersuchungen zugeordneter Museumsproben.
Der Vergleich zeigt, warum die neue Untersuchung mehr leistet als eine einfache Abstimmung über die ältere Studie. Ein passendes Altersmuster kann ein wichtiger Teil des Herkunftsnachweises sein. Sobald weitere Merkmale hinzukommen, muss ein möglicher Quellort auch diese Prüfung bestehen.
Wie Museumsbruchstücke zu einem sechs Tonnen schweren Stein gehören
Am Monument lässt sich nicht nach Belieben neues Material entnehmen. Umso wichtiger ist die Frage, wie sicher kleine ältere Proben dem Altarstein zugeordnet werden können. Ein Bruchstück aus einer Sammlung ist zunächst nur dann hilfreich, wenn seine Verbindung zum großen Block belastbar ist.
Eine 2022 veröffentlichte Untersuchung mit tragbarer Röntgenfluoreszenzanalyse verglich deshalb Museumsfragmente mit Messungen an der Oberfläche des Altarsteins. Bei mehreren untersuchten Elementen lagen die chemischen Muster im selben Bereich und waren statistisch nicht unterscheidbar. Das stützte die Zuordnung der Bruchstücke.
Schon bei dieser vermeintlichen Vorarbeit zeigte sich, wie anspruchsvoll die Messung sein kann: Nach starkem Regen beeinflusste Wasser an der Oberfläche und in Poren die Signale leichterer Elemente. Die Forschenden mussten solche Bedingungen bei der Interpretation berücksichtigen. Die Spurensuche besteht also auch darin, Unterschiede zwischen Materialeigenschaften und Messumständen zu erkennen.
Das Grundprinzip reicht über Stonehenge hinaus. Wie Materialanalysen, Vergleichsdaten und historischer Zusammenhang gemeinsam Herkunftsfragen eingrenzen, beschreibt unser Artikel über Pigmente, Isotope und Archäometrie.
Was die neue Suche ausschließt – und was sie offenlässt
Nach dem Originalabstract der neuen JGS-Arbeit stimmen viele untersuchte Aufschlüsse im Orcadian-Becken bei der Gesamtheit ihrer Eigenschaften nicht mit dem Altarstein überein. Über die bislang untersuchten britischen Old-Red-Sandstone-Vorkommen hinweg konnte das Team noch keinen Ort zeigen, der das gesamte dokumentierte Merkmalsbündel trifft.
Das ist enger als die Behauptung, der Stein könne nicht aus Schottland stammen. Ein untersuchter Aufschluss ist ein bestimmtes zugängliches Gesteinsvorkommen. Ein ganzes geologisches Becken umfasst erheblich mehr Material und räumliche Vielfalt. Die Untersuchung lässt die genaue Herkunft deshalb ausdrücklich offen.
Die Mitteilung der beteiligten Universität Aberystwyth vom 5. November beschreibt den Nutzen gerade darin, das gesuchte geologische Profil genauer zu bestimmen und weitere Untersuchungen gezielter zu planen. Ein fehlender Treffer kann Forschung voranbringen, wenn er begründet zeigt, wo ein Kandidat nicht passt. Er verrät aber noch nicht automatisch, wo die Lösung liegen muss.
Auch der Begriff Old Red Sandstone kann dabei in die Irre führen, wenn man ihn wie eine einfache Farbbeschreibung liest. Gemeint ist eine geologische Gesteinsabfolge. Der grünlich graue Altarstein muss nicht rot aussehen, damit eine Zuordnung zu entsprechenden Sandsteinfolgen geprüft werden kann.
Eine Herkunftsregion zeichnet noch keinen Reiseweg
Selbst ein passender Entnahmeort würde die zweite große Frage nicht von allein lösen: Wie gelangte der Block auf die Salisbury Plain?
Die Nature-Arbeit 2024 schlug für eine weit entfernte schottische Quelle einen Transport auf dem Seeweg vor. Das ist eine aus der Herkunft und den Transportproblemen abgeleitete Erklärung. Eine tatsächlich benutzte Route oder ein zugehöriges Fahrzeug wurde damit nicht nachgewiesen.
Eine weitere 2026 veröffentlichte Originalstudie verband Herkunftsvergleiche mit Modellen früherer Eisbewegungen. Das Team prüfte ausdrücklich unter der Voraussetzung einer schottischen Herkunft, ob Gletscher an der Bewegung nach Süden beteiligt gewesen sein könnten.
Die Modelle ergeben ein kompliziertes Bild: Die zu den Mineralaltern gut passenden Regionen bieten nicht einfach einen geraden Eisförderweg bis Stonehenge. Ein mögliches Zwischenszenario führt zur heutigen Doggerbank. Doch selbst dieses würde erheblichen späteren Transport durch Menschen verlangen und wirft ein Zeitproblem auf, weil die Doggerbank schon vor der mutmaßlichen Ankunft des Steins in Stonehenge überflutet wurde.
Die Autoren behandeln das als bedingtes Modell, nicht als beobachtete Reise. Eine vollständig glaziale Lieferung bis auf die Salisbury Plain wird dadurch geschwächt; eine teilweise Unterstützung durch Eis lässt sich in ihrem Szenario nicht vollständig ausschließen. Solange die genaue Herkunft offen ist, bleiben auch solche Routenprüfungen von ihren Ausgangsannahmen abhängig.
Was den entscheidenden Treffer stärker machen würde
Ein überzeugender Kandidat müsste mit mehreren voneinander unterscheidbaren Eigenschaften zusammenpassen. Das Alter seiner Minerale wäre ein Teil davon, der Gesteinsaufbau und die chemisch-mineralogische Zusammensetzung weitere. Dazu käme die Prüfung, ob die konkrete Lage und die archäologischen Umstände eine Entnahme und Weiterbewegung plausibel machen.
Die Quellenlage dieser Recherche ist dabei unterschiedlich: Die Nature-Arbeit, die Studie zur Probenzuordnung und die Gletscher-Modellarbeit waren als Originaltexte zugänglich. Die neue JGS-Untersuchung ist hier anhand ihres über das DOI-Register geprüften Originalabstracts und der institutionellen Darstellung eingeordnet; ihr vollständiger Haupttext war nicht zugänglich. Eine eigene Nachprüfung sämtlicher neuer Einzelmessungen beanspruchen wir daher nicht.
Auf die Frage nach der wirklichen Herkunft gibt es somit weiterhin keine belastbar bestimmte Adresse. Dafür ist genauer geworden, was dort gefunden werden müsste. Der nächste passende Stein müsste nicht nur eine ähnliche alte Geschichte in seinen Körnern tragen – er müsste auch als ganzes Gestein zum Altarstein passen.


