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Archäologie

Cannabis vor 2.800 Jahren: Was Haare aus Sibirien verraten

Cannabissamen und Haarspuren aus einem sibirischen Fürstengrab deuten auf eine frühe Nutzung als Rauschmittel. Wie eindeutig der Nachweis ist, wird jedoch bereits bestritten.

Redaktion: Benjamin Metzig. KI als Werkzeug für Text und Bild.

Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. Zur Arbeitsweise der Redaktion

KI-Symbolillustration eines alten geflochtenen Zopfs in einer behandschuhten Hand, daneben ein symbolisches grünes Hanfblatt vor dunkler Grabkulisse; keine Originalaufnahme.
KI-Symbolillustration zur Forschungsfrage. Zopf, Hanfblatt und Grabkulisse sind frei veranschaulicht; das frische Blatt ist kein geborgener Fund. Die Originalaufnahme des erhaltenen Haars steht im Artikel.

Ein geflochtener Zopf hat einen Menschen um Jahrtausende überdauert. Heute liegt er unter Untersuchungslicht, die braunen Strähnen noch immer ineinander verschlungen. Ausgerechnet dieses unscheinbare Material soll etwas über eine flüchtige Erfahrung verraten: einen möglichen Cannabisrausch vor rund 2.800 Jahren.

Aus dem Fürstengrab Tunnug 1 in Südsibirien berichtet ein Forschungsteam über Cannabissamen und chemische Spuren in menschlichen Haaren. Die Kombination spricht nach Einschätzung der Forschenden für eine sehr frühe Nutzung als Rauschmittel. Wie sicher die Haarspuren tatsächlich einen Konsum belegen, ist allerdings umstritten. Weder eine konkrete Dosis noch das Rauchen von Cannabis oder der Zustand einer bestimmten Person sind damit nachgewiesen.

Der Fund ist deshalb doppelt interessant. Er führt in die Welt früher Reitergesellschaften der eurasischen Steppe. Und er zeigt, wie anspruchsvoll der Weg von einem alten Pflanzenrest zur Geschichte über einen berauschten Menschen ist.

Ein Zopf, ein Grab und rund tausend Samen

Tunnug 1 liegt in der südsibirischen Republik Tuwa, auch Tyva genannt. Die Anlage gehört in den Zusammenhang früher skythischer Kulturen. Dass dort aufwendige Bestattungsrituale stattfanden, zeigen auch die 2024 veröffentlichten Untersuchungen zu Pferdeopfern. Aus dem rituellen Umfeld folgt aber noch keine bestimmte Verwendung von Cannabis.

Für die neue Untersuchung kamen mehrere Spuren zusammen. Nach Angaben der Universität Bern vom 5. November 2026 wurden rund 1.000 Cannabissamen geborgen. Sechs davon ließ das Team direkt mit der Radiokarbonmethode datieren. Die Ergebnisse verorten das Pflanzenmaterial zusammen mit weiteren Datierungen im frühen achten Jahrhundert vor Christus. Außerdem blieben Haare aus der zentralen Grabkammer erhalten.

Geflochtenes braunes Haar in zwei Bildzeilen vor weißem Hintergrund; unten ein Maßstab von 10 Zentimetern. Originalabbildung zum Fund von Tunnug 1.
Originalaufnahme des geflochtenen Haars aus Tunnug 1; Maßstab unten: 10 Zentimeter. Caspari et al. CC BY, unverändert. · Quelle öffnen
Die chemischen Spuren sind auf dem Foto nicht sichtbar.

Was „direkt datiert“ hier bedeutet

Eine direkte Datierung der Samen ist ein wichtiger Vorteil. Das Alter wird am Pflanzenmaterial selbst untersucht, statt es ausschließlich aus benachbarten Gegenständen oder dem Stil eines Fundes abzuleiten. Die Formulierung klingt allerdings umfassender, als sie ist.

Sie datiert zunächst die Samen. Ein möglicher Rausch ist kein Gegenstand, den man ins Labor legen könnte. Ob und wie Menschen Cannabis konsumierten, muss aus weiteren Befunden erschlossen werden. Das Datum der Pflanze ersetzt daher keine Untersuchung ihrer Verwendung.

Diese Unterscheidung ist auch bei anderen archäologischen Zeitangaben entscheidend. Wie Materialalter, Kalenderzeit und Fundzusammenhang zusammenwirken, erklären wir in unserem Artikel über Jahresringe und Radiokarbondatierung.

Hanf konnte Menschen auf verschiedene Weise nützen: als Faserpflanze, als Quelle von Samen und Öl oder wegen seiner Inhaltsstoffe. Die Anwesenheit der Samen macht die Pflanze im Grab greifbar. Welche dieser Möglichkeiten im Vordergrund stand, beantwortet sie allein noch nicht.

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Die entscheidende Spur heißt CBN

Den Schritt zur Rauschnutzung begründen die Forschenden vor allem mit den Haaranalysen. Nach den Angaben der beteiligten Institutionen fanden sie in mehreren Proben deutliche Signale, die mit Cannabinol, kurz CBN, übereinstimmen. Hinzu kamen schwache Signale, deren Masse zu THC passt. Für die Untersuchungen wurde unter anderem hochauflösende Massenspektrometrie eingesetzt.

THC ist der wichtigste berauschende Wirkstoff der Hanfpflanze. CBN kann unter anderem durch dessen Oxidation entstehen. Bei jahrtausendealtem Material ist es deshalb nachvollziehbar, auch nach solchen Veränderungsprodukten zu suchen. Das Max-Planck-Institut für Geoanthropologie beschreibt die Ergebnisse als zusammengehörigen Hinweis aus Pflanzenresten und menschlichem Material.

Die entscheidende Anschlussfrage lautet aber: Wie kamen die Substanzen zum Haar? Eine chemische Zuordnung und die Rekonstruktion dieses Eintragswegs sind zwei verschiedene Aufgaben. Selbst eine zutreffende Stoffbestimmung erklärt nicht automatisch, ob jemand die Pflanze zu Lebzeiten aufgenommen hat.

Warum Haarspuren auch von außen kommen können

Haare stehen mit ihrer Umgebung in Kontakt. Stoffe können an sie gelangen, ohne dass die zugehörige Person diese selbst konsumiert hat. Im archäologischen Zusammenhang muss außerdem bedacht werden, was während der Bestattung und der langen Lagerung gemeinsam mit dem Haar vorhanden war.

Das ist keine eigens für diesen Fund erfundene Ausrede. In einer forensischen Studie von 2015 untersuchten Forschende die Eintragswege von Cannabinoiden in modernes Haar. Die kleinen kontrollierten Untersuchungen umfassten unter anderem die wiederholte orale Aufnahme von THC durch zwei Freiwillige. Die Ergebnisse zeigten, wie problematisch die einfache Gleichsetzung „Stoff im Haar bedeutet eigenen Konsum“ sein kann. Auch äußerer Kontakt sowie Schweiß und Hauttalg müssen bei der Interpretation berücksichtigt werden.

Diese Arbeit prüfte andere Bedingungen und untersuchte nicht jahrtausendealte CBN-Spuren aus Tunnug 1. Sie widerlegt den neuen archäologischen Fund daher nicht. Sie begründet aber, warum eine Haaranalyse überzeugend zwischen möglichen Eintragswegen unterscheiden muss.

Genau hier setzt der aktuelle Widerspruch an. Im Bericht der Nachrichtenagentur AP bezweifelt der Freiburger forensische Toxikologe Volker Auwärter, dass die Haarbefunde Konsum ausreichend von äußerer Exposition unterscheiden. Er nennt die gemeinsame Bestattung mit Cannabismaterial als mögliche Alternative. Die ebenfalls unabhängig befragte Archäologin Elisa Guerra Doce bewertet die Methodik dagegen positiv und sieht die Konsumdeutung gestützt.

Es wäre deshalb ebenso voreilig, die Spuren als abschließenden Beweis zu feiern wie eine Verunreinigung bereits als feststehende Erklärung auszugeben. Um diesen Streit zu entscheiden, zählen die konkreten Messdaten, Vergleichsproben und Kontrollen.

Ein anderer Fall: Cannabis in Räuchergefäßen

Wie wichtig der Fundzusammenhang ist, zeigt eine ältere Untersuchung aus dem östlichen Pamir. Eine 2019 in Science Advances veröffentlichte Studie analysierte hölzerne Gefäße und verbrannte Steine vom etwa 2.500 Jahre alten Gräberfeld Jirzankal im heutigen China.

Das Team fand CBN in verbrannten Rückständen im Inneren der Gefäße und an einem Teil der untersuchten Steine. Proben von den Außenseiten der Gefäße enthielten keine entsprechenden Cannabinoide. Aus der Verbindung von Rückständen, Brandspuren und Gefäßkontext leiteten die Forschenden ab, dass Cannabis bei Bestattungszeremonien verbrannt wurde.

Das ist eine andere Beweissituation als ein Molekülsignal an Haaren. Sie stützt eine bestimmte Handlung – das Verbrennen der Pflanze – durch das untersuchte Gerät und seine Gebrauchsspuren. Sie erlaubt trotzdem keinen Blick in das persönliche Erleben jedes anwesenden Menschen.

Jirzankal liefert daher keinen Beleg dafür, dass man in Tunnug 1 auf dieselbe Weise vorging. Jeder Fundort braucht eigene Belege für eine bestimmte Konsumform.

Was der Fund über einen Rausch offenlässt

Die Forschenden bezeichnen die neue Kombination als bislang ältesten direkt datierten Hinweis auf berauschende Cannabisnutzung. Ihre Science-Arbeit erschien am 5. November 2026. Das Wort „Hinweis“ trägt hier viel: Die These verbindet das Alter der Samen mit der Deutung der Haarspuren und dem Bestattungskontext.

Aus den zugänglichen Angaben lässt sich weder die aufgenommene Menge bestimmen noch sicher entscheiden, ob die Wirkstoffe inhaliert oder gegessen wurden. Auch den damaligen THC-Gehalt der Pflanzen kann man daraus nicht zuverlässig ableiten. Ob sie gezielt auf stärkere Wirkung ausgewählt oder angebaut wurden, bleibt ebenfalls offen.

Erst recht lässt sich keine Szene rekonstruieren, in der ein bestimmter Mensch im Grabritual sichtbar berauscht war. Wer die heutigen Wirkungen einzelner Substanzen einordnen möchte, findet dazu unser Dossier über Rausch und Wirkmechanismen. Die historische Frage verlangt zusätzlich einen belastbaren Nachweis, dass die jeweilige Substanz tatsächlich aufgenommen wurde.

Zur Quellenlage gehört eine Grenze dieser Recherche: Den neuen Science-Volltext samt Ergänzungen konnten wir nicht vollständig auswerten. Die beschriebenen neuen Messbefunde stammen deshalb aus den Mitteilungen der beteiligten Institutionen. Die offenen Originalarbeiten zur Haaranalytik und zu Jirzankal sowie die aktuelle unabhängige Kritik erlauben eine Einordnung der Beweisfrage, aber keine eigene vollständige Nachprüfung der neuen Messreihe.

Der Zopf hat also etwas bewahrt, das archäologisch selten ist: menschliches Material aus derselben Fundwelt wie die Cannabisreste. Ob er auch den bislang frühesten sicher nachweisbaren Cannabisrausch überliefert, bleibt die spannendere und schwierigere Frage. Gerade die Lücke zwischen diesen beiden Aussagen macht den Fund wissenschaftlich interessant.

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