Jetzt ist es amtlich: Unser Bildungssystem lässt Kinder zurück

PISA 2025 zeigt neue Tiefstände und große soziale Bildungslücken. Ein Kommentar von Benjamin Metzig über Verantwortung, verlässliche Förderung und das Ende bequemer Ausreden.

Zur Entstehung: Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. So arbeitet die Redaktion.
Antwort finden. Zusammenhänge verstehen.
KI-generiertes Symbolbild zur Bildungskrise: Ein abgebrochener großer Bleistift bildet eine unterbrochene Brücke zwischen Schulbüchern. Aufschrift „PISA: LÜCKEN WACHSEN“, Banner „Ein Kommentar zur Bildungskrise“.

Ein Kommentar von Benjamin Metzig. Stand: 10. September 2026.

Die neuen PISA-Ergebnisse sind für mich ein Armutszeugnis für Deutschlands Bildungspolitik. Zu viele Jugendliche erreichen grundlegende Kompetenzen nicht. Zu eng hängen ihre Chancen mit dem Elternhaus zusammen. Die am 8. September veröffentlichten Daten machen erneut sichtbar, wie groß die Lücken sind. Mein Urteil darüber ist klar: Unser Bildungssystem wird seinem Versprechen nicht gerecht. Wer jetzt vor allem über angeblich dumme Kinder schimpft, macht es sich bequem. Die Verantwortung liegt bei uns Erwachsenen – und bei den Bedingungen, unter denen wir Kinder lernen lassen.

Meine Position

Die neuen PISA-Befunde zeigen eine Bildungskrise. Meine Konsequenz daraus: Deutschland muss allen Kindern verlässlich Grundlagen vermitteln und zusätzliche Hilfe dort konzentrieren, wo die Lücken besonders groß sind.

  • Schwache Testergebnisse sind kein Urteil über den Wert oder die angeborene Intelligenz eines Kindes.
  • Politische Verantwortung zeigt sich für mich daran, ob Hilfe tatsächlich ankommt und Lernen voranbringt.

Ein Kommentar von Benjamin Metzig: Die Kritik richtet sich auf die Bedingungen des Lernens und die Verantwortung der Erwachsenen.

Kernpunkte

  • PISA 2025 untersucht die Kompetenzen von 15-Jährigen. Die Ergebnisse wurden im September 2026 veröffentlicht; sie sind kein allgemeiner Intelligenztest.
  • In Deutschland liegen rund ein Drittel im Lesen und in Mathematik sowie rund ein Viertel in Naturwissenschaften unter Kompetenzstufe II.
  • Gegenüber 2022 sind die Rückgänge in Lesen und Mathematik statistisch gesichert. Der niedrigere Naturwissenschaftswert bedeutet laut OECD dagegen keine gesicherte Veränderung.
  • Meine Konsequenz: verlässliche Förderung, zusätzliche Unterstützung nach Bedarf und eine Bildungspolitik, die sich an Lernfortschritten messen lässt.

Ein Drittel ist keine Randgruppe

Die Größenordnung muss man sich zumuten. Deutschland erreicht bei PISA 2025 durchschnittlich 464 Punkte in Mathematik, 465 im Lesen und 486 in Naturwissenschaften. Rund ein Fünftel der getesteten Jugendlichen bleibt in allen drei Bereichen zugleich unter dem grundlegenden Kompetenzniveau. Das berichtet das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien an der TUM.

Hinter diesen Zahlen stehen eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten. Wer Informationen in einem Text nicht sicher erschließt, hat es schwerer, eigenständig zu urteilen. Wer Zahlen und Zusammenhänge unsicher anwendet, muss sich häufiger auf andere verlassen. Grundlagen entscheiden darüber mit, wie selbstständig Menschen ihren Alltag gestalten können. Ihre Vermittlung gehört für mich zum Kernauftrag öffentlicher Bildung.

Drei Fächer, eine ernste Lage

KriteriumPISA-Punkte 2025Unter Kompetenzstufe IIVergleich mit 2022
Mathematik464rund 34 %Gesicherter Rückgang
Lesen465rund 32 %Gesicherter Rückgang
Naturwissenschaften486rund 27 %Niedrigerer Punktwert, statistisch etwa gleich

Die gerundeten Anteile in der Übersicht ergeben sich aus den Angaben zu Kompetenzstufe II im OECD-Länderbericht für Deutschland. Unter dieser Schwelle zu liegen bedeutet nicht, überhaupt nicht lesen oder rechnen zu können. Es bedeutet, dass die im Test definierten grundlegenden Anwendungskompetenzen nicht zuverlässig erreicht werden. Die Gruppen überschneiden sich; ihre Anteile darf man nicht addieren.

Auch bei der Entwicklung ist Genauigkeit nötig. Die Mittelwerte liegen in allen drei Bereichen auf ihrem bisherigen Tiefstand. Aber ein niedrigerer Punktwert ist noch kein statistisch gesicherter Rückgang: Die OECD beschreibt die Naturwissenschaftsleistung gegenüber 2022 als etwa gleich, die Leistungen in Mathematik und Lesen als gesunken. Diese Unterscheidung schwächt die Kritik nicht. Sie schützt sie davor, mehr zu behaupten, als die Daten hergeben.

Ein schwaches Testergebnis ist kein dummes Kind

PISA fragt, wie Jugendliche Wissen und Fähigkeiten auf Aufgaben anwenden. Der Erhebungsrahmen der OECD beschreibt diese Kompetenzen und ihre Messung. Daraus lässt sich kein pauschaler Rückgang angeborener Intelligenz ableiten. Zudem werden in den verschiedenen Erhebungen unterschiedliche Jahrgänge getestet. Wir beobachten nicht dieselben Kinder dabei, wie sie vermeintlich immer dümmer werden.

Für mich wäre diese Beschimpfung auch politisch eine Kapitulation. Wenn wir schwache Ergebnisse zur Eigenschaft einer Generation erklären, verschwindet die Frage, welche Lerngelegenheiten sie tatsächlich bekommen hat. Der PISA-Faktencheck der TUM macht außerdem deutlich: Die Studie bildet weder das gesamte Fächerspektrum noch die Qualität eines Schulsystems vollständig ab.

Das entlastet die Verantwortlichen nicht. Gerade weil PISA nur einen Ausschnitt erfasst, ist der Befund bei diesen elementaren Fähigkeiten so bedrückend. Musische, praktische und soziale Stärken bleiben wertvoll. Sie sind kein Grund, vermeidbare Lücken beim Lesen oder Rechnen hinzunehmen.

Wenn das Elternhaus zu viel entscheidet

Besonders schwer wiegt für mich die soziale Kluft. Laut OECD liegen die naturwissenschaftlichen Leistungen des sozioökonomisch stärksten und schwächsten Viertels in Deutschland 125 Punkte auseinander. Im OECD-Mittel beträgt dieser Abstand 85 Punkte. Die deutsche Lücke ist seit 2015 größer geworden. Das beschreibt einen Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Leistung; es beweist keine einzelne Ursache.

Die politische Frage bleibt trotzdem unausweichlich: Wie glaubwürdig ist unser Versprechen gleicher Chancen, wenn die Voraussetzungen des Elternhauses so eng mit Bildungserfolg verbunden bleiben?

Familien bringen unterschiedliche Möglichkeiten mit. Ein ruhiger Arbeitsplatz, Zeit zum gemeinsamen Lesen oder Hilfe bei schwierigen Aufgaben stehen nicht allen gleichermaßen zur Verfügung. Gerade deshalb darf öffentliche Bildung nicht darauf bauen, dass Eltern fehlende Unterstützung privat organisieren. Wer diesen Ausgleich voraussetzt, macht einen öffentlichen Auftrag von privaten Möglichkeiten abhängig.

Für mich müssen Schulen mit besonders großen Herausforderungen deshalb zusätzlich unterstützt werden. Das verlangt Personal, Zeit und konkrete Angebote. Gleiche Mittel für sehr unterschiedliche Ausgangslagen können bestehende Unterschiede erhalten. Warum verlässliche Lernangebote eine gemeinsame Aufgabe sind, vertieft unser Beitrag über Bildung als öffentliche Infrastruktur.

Ein Tablet schließt noch keine Bildungslücke

Auch über digitale Ablenkung müssen wir reden. Die internationale OECD-Auswertung zu PISA 2025 berichtet Zusammenhänge zwischen problematischer Gerätenutzung und schwächeren Leistungen. Bei KI kommt es ebenfalls auf die Nutzung an: Sich Arbeiten abnehmen zu lassen und angeleitet mit einem Werkzeug zu lernen, sind unterschiedliche Dinge. Solche Beobachtungen beweisen noch nicht, dass ein Gerät oder eine Anwendung den Leistungsrückgang verursacht hat.

Mein Maßstab für digitale Bildung ist deshalb konkret: Hilft das Werkzeug beim Verstehen, Üben und Überprüfen? Ein fertig formulierter Text ist kein verlässlicher Nachweis dafür, dass sein Nutzer den Inhalt verstanden hat. Wenn Schulen Technik anschaffen, müssen sie zugleich erklären können, wie damit Lernen besser gelingt. Aufmerksamkeit und eigene Denkarbeit gehören dabei geschützt.

Pauschale Technikbegeisterung überzeugt mich ebenso wenig wie die Vorstellung, ein Geräteverbot löse die Bildungskrise. Entscheidend sind Unterricht und Nutzung. Diesen Unterschied erläutert auch unser Artikel darüber, warum digitale Bildung mehr als iPads und Smartboards braucht.

Reformen müssen im Unterricht ankommen

Es wäre falsch zu behaupten, Bund und Länder hätten nichts auf den Weg gebracht. In ihrer Reaktion auf PISA vom 8. September verweisen sie unter anderem auf das Startchancen-Programm, frühere Förderung und die Weiterentwicklung des Unterrichts. Diese Maßnahmen verdienen eine faire Prüfung. Mit Daten aus 2025 lässt sich auch keine abschließende Bilanz späterer Umsetzung ziehen.

Trotzdem reicht mir die Aufzählung von Programmen nicht. Ich will wissen, was davon bei Kindern ankommt. Welche Unterstützung erhalten diejenigen, die beim Lesen zurückliegen? Wie regelmäßig findet sie statt? Wird geprüft, ob sie hilft? Und was ändert sich, wenn ein Angebot die Lücke nicht schließt?

Aus meiner Sicht braucht es drei klare Prioritäten. Erstens müssen Lernschwierigkeiten früh erkannt und mit erreichbarer Hilfe verbunden werden. Eine Diagnose ohne anschließende Unterstützung ist für ein Kind wenig wert. Zweitens brauchen Schulen mit besonders großem Bedarf verlässliche zusätzliche Ressourcen. Drittens müssen Verantwortliche nachvollziehbar über Lernfortschritte berichten und unwirksame Maßnahmen verbessern.

Das sind Forderungen dieses Kommentars. PISA liefert dafür Anlass und Orientierung, aber keinen experimentellen Beweis, dass jede einzelne vorgeschlagene Maßnahme unter allen Bedingungen wirkt. Genau deshalb gehört ihre Wirkung überprüft.

Verantwortung übernehmen, ohne Lehrkräfte allein zu lassen

Der stärkste Einwand ist berechtigt: Schulen können Armut, familiäre Belastungen und gesellschaftliche Veränderungen nicht allein ausgleichen. Viele Lehrkräfte leisten unter schwierigen Bedingungen viel. Wer ihnen die gesamte Krise vor die Füße wirft, verwechselt Verantwortung im Klassenzimmer mit Verantwortung für das ganze System.

Auch deshalb richtet sich meine Kritik an Politik und Gesellschaft. Wir können Schulen nicht mit immer größeren Erwartungen beladen und Unterstützung anschließend als Zusatzaufgabe behandeln. Kinder brauchen verlässliche Beziehungen, Zeit zum Lernen und Erwachsene, die gemeinsam handeln. Gute Reformen benötigen Zeit. Diese Zeit muss aber mit tatsächlicher Arbeit gefüllt sein, deren Fortschritt erkennbar wird.

Was der Kommentar fordert – und was offenbleibt

Grundlagen sichern, Förderung nach Bedarf verteilen und Erfolge an der Lernentwicklung überprüfen.

Begründung
Die Leistungslücken und die starke soziale Ungleichheit sind dokumentiert.
Stärkster Einwand
Einzelne Schulen können Armut, familiäre Belastungen oder digitale Ablenkung nicht allein ausgleichen. Neue Programme brauchen Zeit.
Grenze dieser Position
PISA benennt keine alleinige Ursache und beweist nicht die Wirkung einer bestimmten Maßnahme. Welche Unterstützung wirkt, muss zusätzlich geprüft werden.

Für mich ist die neue PISA-Studie damit ein Auftrag. Die Zahlen dokumentieren erhebliche Kompetenzlücken. Dass unser Bildungssystem damit zu viele Kinder zurücklässt, ist meine Bewertung dieser Befunde. Ich halte sie für zwingend, weil die Folgen die Zukunftsmöglichkeiten junger Menschen betreffen.

Die nächste Generation schuldet uns keine besseren Schlagzeilen. Wir schulden ihr Bedingungen, unter denen sie lernen kann. Daran sollten sich Bildungsministerien, Schulträger und wir als Gesellschaft messen lassen. Und zwar lange bevor die nächste PISA-Veröffentlichung wieder für ein paar Tage Empörung auslöst.


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