Analverkehr: Was uns reizt, was uns hemmt – und was Studien wirklich zeigen

Warum erleben Menschen Analverkehr so unterschiedlich? Neue Forschung zeigt, wie Berührung, Erwartungen und Selbstbestimmung zusammenwirken – und wo Studien an Grenzen stoßen.

Zur Entstehung: Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. So arbeitet die Redaktion.
Antwort finden. Zusammenhänge verstehen.
Porträts eines erwachsenen Mannes und einer erwachsenen Frau nebeneinander, beide dunkel gekleidet; gelbe Überschrift Analverkehr – Lust und Tabu und rotes Banner Was uns wirklich reizt.

Bei Analverkehr liegen Neugier und Abwehr manchmal erstaunlich nah beieinander. Schon das Wort kann Interesse wecken, eine Fantasie auslösen oder eine klare Grenze markieren. Doch was erklärt diesen Unterschied? Die Forschung erzählt zunächst zwei Geschichten: von lustvoller Berührung und von Erfahrungen mit Druck oder Schmerzen. Wer sie nebeneinanderlegt, entdeckt eine entscheidende Frage: Haben diese Studien überhaupt dasselbe untersucht? Genau dort beginnt eine aufschlussreiche Reise durch Körperempfinden, Tabu und die Erwartungen, die Menschen in intime Situationen mitbringen.

Warum die Erfahrungen so weit auseinanderliegen

Anale Berührung kann lustvoll sein. Wie sie erlebt wird, hängt zugleich von persönlichen Vorlieben, der konkreten Praktik und der Situation ab. Studien liefern dafür Anhaltspunkte, aber keinen Test für die eigene Sexualität.

  • Anale Berührung umfasst mehr als Penetration.
  • Verbreitung beschreibt Verhalten, nicht Begeisterung oder Zustimmung.
  • Eigene Grenzen bleiben auch bei Neugier gültig.

Die hilfreiche Frage lautet: Was möchte ich selbst – unter welchen Bedingungen?

Kernpunkte

  • Manche Studien erfassen jede Form analer Berührung, andere ausschließlich rezeptiven Analverkehr. Ihre Ergebnisse sind deshalb nicht austauschbar.
  • Qualitative Interviews machen Erfahrungen und Machtverhältnisse sichtbar. Sie sagen nicht, wie häufig diese Erfahrungen in der Gesamtbevölkerung vorkommen.
  • Erregung und Ekel lassen sich nicht mit einem einfachen Ein-Aus-Schalter erklären. Auch Schmerz verschwindet nicht automatisch mit stärkerer Lust.
  • Eine sexuelle Vorliebe braucht ebenso wenig Rechtfertigung wie eine persönliche Grenze. Gute Aufklärung hilft, beides verständlich auszudrücken.

Schon das Wort Analsex kann die Antwort verzerren

Wer nach Analverkehr fragt, meint häufig das Eindringen eines Penis in den Anus. In wissenschaftlichen Erhebungen kann das untersuchte Spektrum jedoch größer sein: Es reicht von äußerer Berührung bis zur Penetration mit unterschiedlichen Körperteilen oder Gegenständen. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis wichtiger als jede plakative Prozentzahl.

Eine US-Studie von Devon Hensel und Kollegen aus dem Jahr 2022 befragte 3.017 Frauen zwischen 18 und 93 Jahren. Rund 40 Prozent berichteten, Berührungen auf oder um den Anus schon als lustvoll erlebt zu haben. Das ist eine Aussage über ein breites Berührungsspektrum. Daraus wird kein Beleg dafür, dass 40 Prozent penilen Analverkehr mögen.

Die Wahrscheinlichkeitsstichprobe stärkt die Aussagekraft für US-Frauen. Trotzdem bleiben Selbstauskünfte, rückblickende Erinnerungen und die konkrete Fragestellung entscheidend. Zudem waren die Forschenden finanziell mit dem Unternehmen hinter dem Sexualaufklärungsangebot OMGYES verbunden; diese Beteiligung ist offengelegt. Für Leser folgt daraus eine praktische Regel: Bei einer überraschenden Sexstatistik lohnt sich zuerst der Blick auf die Frage hinter der Zahl.

Was die neue Übersicht über Erfahrungen sichtbar macht

Die Übersichtsarbeit in BMJ Public Health vom März 2026 setzt anders an. Tabitha Gana und ihr Team bündelten 22 qualitative Studien aus zwölf Ländern mit insgesamt 593 Teilnehmerinnen. Im Mittelpunkt standen Erfahrungen mit rezeptivem Analverkehr mit männlichen Partnern, also mit der aufnehmenden Rolle.

Die Berichte handeln von Neugier und Intimität, aber auch von Erwartungen, Überredung, Zwang und Schmerzen. Lust kommt ebenfalls vor. Diese Erfahrungen stehen innerhalb von Beziehungen und kulturellen Vorstellungen: Was gilt als aufgeschlossen? Was glaubt jemand dem Partner schuldig zu sein? Wer darf eine Grenze setzen?

Die Stärke solcher Interviews liegt in der Tiefe. Ihre Grenze liegt darin, dass sie keine repräsentative Verteilung aller Erfahrungen liefern. Auch der Einschluss verschiedener Lebenssituationen und Altersgruppen erlaubt kein einfaches Urteil über „die Frauen“. Die Autorinnen und Autoren diskutieren ausdrücklich Auswahl- und Sprachgrenzen sowie den Verlust von Kontext bei der Zusammenführung von Aussagen.

Zwei Forschungsfragen, zwei Ausschnitte

KriteriumLustbefragung 2022Qualitativer Review 2026
Material3.017 US-Frauen, Wahrscheinlichkeitsstichprobe22 Studien aus zwölf Ländern
GegenstandVerschiedene Formen analer BerührungErfahrungen mit rezeptivem Analverkehr mit Männern
LesartWelche Berührungen wurden als lustvoll erlebt?Wie beschreiben Frauen Motive und Beziehungskontexte?
GrenzeSelbstauskunft; keine Aussage über alle PraktikenKeine repräsentative Häufigkeit einzelner Erfahrungen

Die beiden Forschungsrichtungen widersprechen sich damit nicht automatisch. Eine Befragung nach angenehmer Berührung beantwortet eine andere Frage als ein Interview über einen belastenden Beziehungskontext. Unser Vergleich legt deshalb nahe: Wer aus einer einzelnen Studie eine universelle Geschichte über Analverkehr macht, schneidet einen wesentlichen Teil des Gegenstands ab.

Wie Körperempfinden und Bedeutung zusammenkommen

Der Bereich um den Anus ist sensibel innerviert, verfügt also über zahlreiche Nerven zur Wahrnehmung von Berührung. Das schafft die körperliche Möglichkeit lustvoller Empfindungen. Es legt jedoch keine Vorliebe fest. Die Lustbefragung zeigt gerade, warum Ort und Art einer Berührung nicht zu einer einzigen Erfahrung zusammengefasst werden sollten.

Für den Blick auf das eigene Erleben hilft eine einfache Unterscheidung: Was nimmt mein Körper wahr, wie bewerte ich die Situation, und was möchte ich gerade? Diese Fragen können unterschiedliche Antworten haben. Neugier auf einen Gedanken bedeutet noch keine Lust auf dessen Umsetzung. Eine angenehme Berührung ist keine Zustimmung zu einer weitergehenden Handlung.

Die WHO beschreibt Sexualität entsprechend als Zusammenspiel körperlicher, psychischer und sozialer Einflüsse. Zu sexueller Gesundheit gehören Wohlbefinden und die Möglichkeit lustvoller Erfahrungen ebenso wie Freiheit von Zwang und Gewalt. Für diesen Artikel ist das ein hilfreicher Maßstab: Wir sollten eine Praxis weder aus ihrer Anatomie heraus zur Pflicht erklären noch aus ihrer Tabuisierung heraus zum Problem machen.

Macht das Verbotene automatisch mehr Lust?

Ein Tabu kann eine Fantasie aufladen. Es kann aber ebenso Schweigen und Selbstzweifel begünstigen. Welche dieser Bedeutungen für eine bestimmte Person überwiegt, lässt sich nicht aus dem Namen der Praktik ablesen. Der populäre Satz „Gerade weil es verboten ist“ liefert daher höchstens eine mögliche Deutung, keine allgemeine Erklärung.

Auch die Forschung über Ekel und sexuelle Erregung warnt vor zu einfachen Geschichten. Zwei Experimente aus dem Jahr 2023 untersuchten Reaktionen auf sexuelle Reize und Darstellungen von Körperflüssigkeiten. Die Ergebnisse unterschieden sich unter anderem nach der individuellen Ekelempfindlichkeit; eine allgemeine lineare Beziehung zwischen subjektiver Erregung und Ekel zeigte sich in diesen Versuchen nicht.

Das waren Experimente mit ausgewählten erwachsenen chinesischen Teilnehmenden und medialen Reizen. Sie erklären keine reale Begegnung vollständig und untersuchten nicht direkt Analverkehr. Sie sprechen jedoch gegen die Vorstellung, genügend Erregung müsse jede Abneigung beseitigen. Die weiterführende Frage nach Annäherung und Abwehr behandeln wir auch in „Wenn Lust und Ekel dasselbe Gehirn teilen“.

Wer etwas nicht mag, schuldet niemandem eine psychologische Ursachenforschung. Und wer neugierig ist, muss daraus keine Selbstbeschreibung für den Rest seines Lebens machen.

„Das machen doch alle“ ist keine brauchbare Orientierung

Zahlen über Sexualität klingen schnell wie eine heimliche Rangliste. Dabei muss schon klar sein, ob jemand nach einer Erfahrung irgendwann im Leben, im vergangenen Jahr oder beim letzten sexuellen Kontakt gefragt wurde. Diese Zeiträume erzählen verschiedene Geschichten.

Für Deutschland bietet die GeSiD-Studie über Gesundheit und Sexualität einen wichtigen Bezugspunkt. Ihre Erhebung von Oktober 2018 bis September 2019 umfasste 4.955 Erwachsene. Der Bericht weist bei gegengeschlechtlichen Kontakten deutlich geringere Jahresprävalenzen für Analverkehr als für Vaginalverkehr aus. Die Daten sind ein historischer Bevölkerungsbefund, keine aktuelle Messung für 2026.

Vor allem erfassen solche Häufigkeiten Verhalten. Aus einem berichteten Erlebnis lässt sich weder Begeisterung noch Freiwilligkeit ablesen. Selbst eine sehr verbreitete Praktik wäre kein Maßstab dafür, was jemand persönlich ausprobieren sollte. Statistische Normalität und ein erfülltes Sexualleben sind verschiedene Fragen.

Warum mehr Erregung Schmerzen nicht einfach erledigt

An dieser Stelle kann eine vermeintlich hilfreiche Erklärung Schaden anrichten: Wer Schmerzen hat, sei noch nicht entspannt oder erregt genug. Damit würde die Verantwortung für ein Problem schnell bei der betroffenen Person landen.

Ein Experiment von Lara Lakhsassi und Kollegen aus dem Jahr 2025 prüfte bei 174 Studentinnen, ob sexuell erregende Filme die Schmerzintensität oder Schmerztoleranz verändern. Schmerz wurde durch einen Kaltwassertest ausgelöst. Zwischen den untersuchten Filmgruppen fanden sich keine entsprechenden Unterschiede, auch wenn der eingesetzte Film vergleichsweise wenig Ekel hervorrufen sollte.

Ein Kaltwassertest ist kein Analverkehr. Die Studie beweist weder, dass Erregung niemals Schmerzen beeinflusst, noch erklärt sie individuelle Beschwerden. Sie liefert aber keinen Rückhalt für ein pauschales Versprechen, mehr Lust werde Schmerz schon lösen. Daraus folgt für unsere Einordnung: Schmerz darf nicht als Beweis mangelnder Offenheit umgedeutet werden. Er ist ein Grund, innezuhalten und die Situation ernst zu nehmen.

Was eine selbstbestimmte Entscheidung braucht

Die hilfreiche Unterscheidung verläuft zwischen eigenem Interesse und dem Gefühl, etwas leisten zu müssen. Niemand muss mit Analverkehr beweisen, besonders modern, hingebungsvoll oder experimentierfreudig zu sein. Ein gemeinsames Gespräch kann deshalb ganz konkret bleiben: Welche Berührung ist gemeint? Besteht dafür gerade ein eigener Wunsch? Ist ein Stopp ohne Diskussion möglich?

Dabei ersetzt Nähe keine ausdrückliche Verständigung. Wer sich für einen Aspekt interessiert, hat nicht allen anderen zugestimmt. Mehr dazu erklärt der bestehende Beitrag „Konsens ist kein Passwort“.

Zur Entscheidung gehören auch sachliche Schutzinformationen. LIEBESLEBEN erläutert die Anwendung von Kondomen und geeignetem Gleitmittel. Bei Analverkehr soll Gleitmittel verwendet werden; es muss mit dem Kondommaterial verträglich sein. Öle, Lotionen und fetthaltige Cremes können Latexkondome beschädigen. Jedes Kondom wird nur einmal benutzt. Solche Informationen helfen bei konkreten Entscheidungen und verdienen einen Platz neben der Frage nach Lust.

Was sich daraus für die eigene Erfahrung ableiten lässt

Was wir wissen

  • Eine interessante Fantasie verpflichtet zu keiner Handlung.
  • Lust, Zustimmung und körperliche Sicherheit müssen jeweils berücksichtigt werden.

Was offen ist

  • Ob eine bestimmte Praktik einer bestimmten Person gefallen wird.
  • Wie stark Tabuisierung die Vorlieben eines einzelnen Menschen geprägt hat.

Unsere redaktionelle Position ist deshalb: Enttabuisierung sollte Menschen mehr Sprache und Entscheidungsspielraum geben. Der Einwand, Risikohinweise könnten erneut Scham erzeugen, ist ernst zu nehmen. Die Antwort darauf liegt in einer respektvollen Darstellung, die Risiken weder dramatisiert noch verschweigt. Die WHO verbindet genau diese Ebenen: Information, Wohlbefinden und Freiheit von Zwang.

Am Ende führt die Wissenschaft zu einer persönlicheren Frage als „Warum mögen Menschen Analverkehr?“. Sie lautet: Welche Erfahrung wird hier eigentlich beschrieben – und gehört sie zu meinen eigenen Wünschen? Ein Tabu verliert seinen Einfluss nicht schon dadurch, dass möglichst viele es überschreiten. Es verliert ihn dort, wo Neugier, ein Ja und ein Nein ohne Rechtfertigungsdruck ausgesprochen werden können.


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