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Kulturgeschichte

Können Knochen erzählen, woher unsere Sprachen kommen?

Alte Genome zeigen neue Verbindungen zwischen Skandinavien und dem übrigen Europa. Eine Studie verknüpft sie mit germanischen Sprachen; welche Sprache einzelne Menschen sprachen, bleibt offen.

Redaktion: Benjamin Metzig. KI als Werkzeug für Text und Bild.

Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. Zur Arbeitsweise der Redaktion

KI-Symbolillustration eines alten Knochenfragments neben historischen Schriftspuren und einem räumlich getrennten DNA-Symbol; keine genetische Sprachauslese.
KI-Symbolillustration: Knochen, Schriftspuren und DNA-Symbol stehen für verschiedene Forschungsquellen. Kein Originalfund und keine Darstellung einer in DNA gespeicherten Sprache.

Fünf Zeichen auf einem Kamm: harja. Die Runen wurden vor fast zwei Jahrtausenden in ein Stück Geweih geritzt, das später im dänischen Moor Vimose gefunden wurde. Der Forschungskatalog RuneS datiert den Kamm ungefähr in die Jahre 140 bis 160 nach Christus. So kurz die Inschrift ist, sie überliefert etwas, das ein menschlicher Knochen nicht bewahrt: tatsächlich geschriebene Sprachzeichen. Der Kamm im Runenkatalog

Für die Jahrhunderte davor fehlen vergleichbare Schriftzeugnisse weitgehend. Trotzdem versuchen Forschende zu rekonstruieren, wie frühe germanische Sprachen nach Skandinavien gelangten und sich später über Europa ausbreiteten. Dazu ziehen sie nun Tausende alte Genome heran.

Aus DNA lässt sich nicht ablesen, welche Sprache jemand sprach. Sie kann jedoch zeigen, wie Menschen biologisch miteinander verwandt waren und wann sich Populationen veränderten. Eine am 28. Oktober 2026 veröffentlichte Nature-Studie verbindet diese Hinweise mit Archäologie und Sprachwissenschaft. Heraus kommt ein neues Modell möglicher Sprachverbreitung – und eine Reihe aufschlussreicher Fälle, in denen Sprache und Abstammung gerade nicht gemeinsam wanderten. Originalarbeit von Hugh McColl, Guus Kroonen und Kollegen

Drei Archive müssen zusammenpassen

Deutsch, Englisch, Niederländisch, Friesisch und die nordischen Sprachen gehören zur germanischen Sprachfamilie. Ihre Verwandtschaft erschließt sich aus systematischen Entsprechungen zwischen Wörtern, Lauten und grammatischen Formen. Sprachwissenschaftler rekonstruieren daraus ältere Sprachzustände, die niemand aufgenommen hat und die teilweise lange vor den erhaltenen Inschriften liegen.

Auch Lehnwörter helfen. Wenn eine frühe Sprachgruppe Wörter aus einer anderen übernahm, spricht das für Kontakt. Die Form solcher Wörter kann Hinweise geben, in welcher Entwicklungsphase der Austausch stattfand. So entstehen zeitliche und räumliche Bedingungen, die ein Modell der Sprachgeschichte erfüllen sollte.

Die Genetik liefert eine andere Art von Karte. Aus Knochen und Zähnen werden erhaltene DNA-Fragmente gewonnen. Gemeinsame Abschnitte im Erbgut erlauben Vergleiche zwischen Menschen verschiedener Orte und Zeiten. Die Archäologie fügt Fundzusammenhänge und Datierungen hinzu. Erst beim Zusammenführen zeigt sich, welche Erklärungen mit allen drei Archiven vereinbar sind.

Drei Spuren – drei verschiedene Fragen

  • Genetische Spuren

    Verglichen werden erhaltene DNA-Abschnitte alter Menschen und ihre Ähnlichkeit zu anderen Proben.

    Aussagekraft
    Zeigt biologische Verwandtschaft und Hinweise auf Mischung oder Wanderungen.
    Grenze
    Verrät weder ein gesprochenes Wort noch eine ethnische Selbstbezeichnung.
  • Sprachliche Spuren

    Verglichen werden überlieferte Wörter, Lautentwicklungen und alte Lehnwörter zwischen Sprachgruppen.

    Aussagekraft
    Erlaubt begründete Rekonstruktionen von Verwandtschaft und früheren Kontakten.
    Grenze
    Vor der Schriftüberlieferung bleibt die konkrete Zuordnung zu einzelnen Personen offen.
  • Archäologische Spuren

    Fundorte, Gräber, Gegenstände und Datierungen ordnen Menschen in materielle Zusammenhänge ein.

    Aussagekraft
    Gibt dem genetischen und sprachhistorischen Modell einen räumlichen und zeitlichen Kontext.
    Grenze
    Ein ähnlicher Topf oder Bestattungsbrauch beweist weder dieselbe Abstammung noch dieselbe Sprache.

Die Karten sind deshalb keine drei Versionen derselben Landkarte. Menschen können Gegenstände oder eine Sprache übernehmen, ohne dass gleichzeitig ein großer Bevölkerungsaustausch stattfindet. Umgekehrt können Einwandernde sprachlich in einer bereits bestehenden Gemeinschaft aufgehen. Der heutige Sprachgebrauch eines Menschen ist kein genetischer Herkunftstest.

Was die neue Genomanalyse tatsächlich vergleicht

Das Team sequenzierte neu das Erbgut von 712 alten Menschen. Für die abschließende Analyse, in der Lücken statistisch ergänzt und genetische Beziehungen verglichen wurden, blieben nach Qualitätsfiltern und dem Entfernen enger Verwandter 578 neue Individuen. Zusammen mit 4.009 bereits veröffentlichten ergab das 4.587 Menschen im endgültigen Vergleichsdatensatz. Diese Zahlen bezeichnen verschiedene Arbeitsschritte, keine widersprüchlichen Gesamtzählungen.

Alte DNA ist häufig beschädigt und nur lückenhaft erhalten. Sequenzieren bedeutet hier daher nicht, bei jedem Menschen ein vollständiges Genom fehlerfrei zu lesen. Die Forschenden prüfen unter anderem die Echtheit der alten Fragmente, mögliche Verunreinigungen und ausreichende Datenqualität. Für bestimmte Vergleiche werden fehlende genetische Varianten mit statistischen Verfahren erschlossen. Das erweitert die Analysemöglichkeiten, macht die Ergebnisse aber zugleich von Daten und Modellannahmen abhängig.

Besonders wichtig sind gemeinsam vererbte DNA-Abschnitte. Wenn solche Abschnitte bei Menschen verschiedener Fundorte auftreten, können sie auf biologische Verbindungen verweisen. Mischungsmodelle vergleichen anschließend, zu welchen untersuchten Referenzgruppen eine Probe besonders gut passt.

Eine Bezeichnung wie „östlich-skandinavische Abstammung“ ist dabei ein Arbeitsbegriff für ein genetisches Muster. Sie benennt keinen Stamm, der sich selbst so nannte, und kein unverändertes Volk über Jahrtausende. Auch die farbigen Gruppen auf einer Forschungskarte werden nicht zu natürlichen Sprachgrenzen.

Wie weit genetische Verbindungen ohne persönliche Reisebiografie reichen können, zeigt bereits der Wissenschaftswelle-Beitrag über die Frau aus der Isturitz-Höhle und ihre eiszeitlichen Verbindungen. In der neuen Arbeit kommt zur Abstammungsfrage die zusätzliche Schwierigkeit hinzu, eine erlernte kulturelle Tradition zu erklären.

Eine neue Spur aus dem Ostseeraum

Die Studie identifiziert in Schweden eine genetische Verbindung, die sich von anderen damaligen skandinavischen Gruppen unterscheidet. Sie wird ungefähr um 4000 BP sichtbar und verbreitet sich bis etwa 3500 BP über weite Teile Skandinaviens. BP bedeutet hier Jahre vor 1950; grob geht es um die Zeit um 2000 bis 1500 vor Christus.

Die Herkunft vermutet das Team im nordöstlichen Ostseeraum. Bestimmte Anteile des untersuchten Erbguts passen besser zu dortigen Vergleichsgruppen als zu den zuvor bekannten lokalen Gruppen. Für den entscheidenden Ursprungsraum und Zeitraum fehlen allerdings noch direkte Genome. Die vermutete Ausgangsbevölkerung ist somit teilweise aus ihren späteren Spuren erschlossen.

Warum könnte das für die germanischen Sprachen wichtig sein? Das genetische Muster wird in einem Raum verbreitet, für den sprachwissenschaftliche Rekonstruktionen später Kontakte nach Süden und Osten voraussetzen: zu keltischen und finnisch-samischen Sprachgruppen. Diese räumliche und zeitliche Passung macht die Bevölkerung für das Team zu einem plausiblen Träger einer frühen germanischen Vorform.

Damit verschiebt sich der Blick gegenüber Erklärungen, die den Sprachtransport schon an die erste ältere Zuwanderung mit steppenbezogener Abstammung nach Skandinavien knüpfen. Der vorgeschlagene neue Transportweg läge mehrere Hundert Jahre später. Die Studie behauptet damit aber weder, die erste germanische Äußerung gefunden zu haben, noch einen Punkt markieren zu können, an dem Deutsch „erfunden“ wurde.

Die Universität Göteborg erläutert den interdisziplinären Ansatz: Genetische Sequenzen liefern keine direkte Sprachauskunft. Erst ihre Kombination mit anderen Quellen erlaubt es, die Ausbreitung über lange Zeiträume zu modellieren. Entscheidend ist die Passung mehrerer Hinweise, nicht ein besonderes „Germanisch-Gen“.

Später führen die Wege auch nach Süden – und zurück

Für die Eisenzeit und die anschließenden Wanderungsphasen untersucht das Team weitere Bewegungen. Dabei zeichnet sich keine einzige, immer gleich zusammengesetzte Bevölkerung ab, die ihre Sprache wie einen unveränderten Reisepass durch Europa trägt.

In frühmittelalterlichen Proben aus England finden sich deutliche Verbindungen zur kontinentalen Nordseeküste. Dass in dieser Zeit viele Menschen vom Kontinent nach Britannien kamen, ist nicht erst mit der neuen Studie belegt. Bereits eine unabhängige Nature-Arbeit von 2022 untersuchte 460 mittelalterliche Menschen aus Nordwesteuropa und fand einen starken kontinentalen Abstammungsbeitrag im frühmittelalterlichen England – mit großen regionalen Unterschieden.

Die neue Untersuchung versucht, die Herkunft innerhalb des nördlichen Europas genauer einzugrenzen. Ihre Modelle passen für die untersuchten angelsächsischen Gruppen besonders zu Vergleichsproben aus Norddeutschland beziehungsweise dem südlichen Jütland. Weitere Proben aus den vermuteten Ausgangsgebieten bleiben nötig. Eine solche Verwandtschaft ist weder eine vollständige Auslöschung älterer Bevölkerung noch die individuelle Sprachaufnahme jedes bestatteten Menschen.

In die andere Richtung findet das Team später Bewegungen nach Dänemark und Südschweden. Sie fallen ungefähr in jene Umbruchszeit, in der sich Altnordisch herausbildete, die Sprache der wikingerzeitlichen Überlieferung. Dass demografischer und sprachlicher Wandel zeitlich zusammenpassen, macht eine Verbindung interessant. Es zeigt noch nicht, welcher soziale Mechanismus eine neue Sprachform durchsetzte.

Die Gegenfälle sind Teil der Entdeckung

Besonders lehrreich sind Menschen, die historischen oder archäologischen Zusammenhängen der Goten zugeordnet werden. Einige frühe Gruppen im Gebiet des heutigen Polen zeigen genetische Verbindungen nach Ostskandinavien. Bei späteren untersuchten Gruppen in Süd- und Osteuropa überwiegen dagegen vielfach lokale Abstammungsmuster.

Das passt zu einer Geschichte, in der sich Menschen einer gotischen Gemeinschaft anschlossen und Sprache oder Identität übernahmen, ohne überwiegend von einer skandinavischen Ausgangsgruppe abzustammen. Die Autoren diskutieren diesen kulturellen Anteil ausdrücklich. Eine historische Gruppenbezeichnung bezeichnet damit keine genetisch einheitliche Großfamilie.

Ein weiterer Gegenfall liegt in Norwegen. Auch dort setzte sich die altnordische Sprachentwicklung durch. Für den entsprechenden Übergang zeigt die Untersuchung jedoch viel stärkere genetische Kontinuität als in Teilen Dänemarks und Südschwedens. Ein ähnlicher sprachlicher Wandel brauchte also offenbar nicht überall dieselbe demografische Geschichte.

Solche Beobachtungen schwächen eine einfache Gleichung aus Genen und Sprache. Zugleich machen sie das Gesamtbild besser: Wanderung, Einheirat, soziale Bindung und kulturelle Übernahme können in verschiedenen Regionen unterschiedliche Rollen spielen. Wie stark Sprache von Weitergabe und gesellschaftlichen Bedingungen abhängt, vertieft unser Beitrag über Sprachwechsel, bedrohte Sprachen und Revitalisierung.

Ein passendes Modell ist noch kein gehörtes Wort

Die Autoren lassen selbst eine weitreichende Alternative offen: Eine frühe germanische Sprachform könnte sich kulturell sogar in die Gegenrichtung zur Ausbreitung des genetischen Musters bewegt haben, ohne dabei einen deutlichen genetischen Fußabdruck zu hinterlassen. Das vorgeschlagene Modell gilt ihnen als besonders einfache Erklärung der derzeit zusammenpassenden Hinweise. Einfache Passung bedeutet hier keine direkte Beobachtung der Sprachweitergabe.

Eine Begleitstudie zu keltischen Sprachen vom 4. November 2026 arbeitet mit demselben endgültigen Genomdatensatz. Sie vergleicht mehrere mögliche demografische Szenarien mit konkurrierenden Vorstellungen keltischer Ausbreitung. Das ist eine verwandte Anwendung desselben Ansatzes, keine unabhängige Wiederholung des germanischen Ergebnisses.

Weitere alte Genome können mögliche Herkunftsregionen und Zeitabläufe enger fassen. Schriftfunde und sprachwissenschaftliche Rekonstruktionen können die Modelle ergänzen oder ihnen widersprechen. Keine dieser Quellen muss dafür alles allein erklären.

Der Kamm von Vimose überliefert fünf geschriebene Zeichen. Die Genome erzählen eine andere Geschichte: von Verwandtschaft, Verbindungen und Bewegungen. Ihre Stärke liegt darin, die möglichen Lebenswege hinter einer Sprachgeschichte einzugrenzen. Wer welche Wörter tatsächlich im Mund führte, bleibt die Frage, an der sich die verschiedenen Archive gemeinsam bewähren müssen.

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