Zum Lexikoninhalt

Säugetiere

Nutria

Myocastor coypus

Lange weiße Tasthaare, orange Schneidezähne und ein runder Schwanz: Die Nutria ist ein auffälliger Bewohner vieler Gewässer. Hinter der Ähnlichkeit zum Biber stehen ein anderer Körperbau, südamerikanische Wurzeln und ein Leben zwischen Ufer und Wasser.

Dieses Tier vergleichen ↗
Fotorealistisch KI-generierte braune Nutria mit weißen Tasthaaren, orangefarbenen Schneidezähnen und langem rundem Schwanz an einem schilfbewachsenen Ufer.
KI-generierte, fotorealistische Darstellung einer Nutria; Tier und Uferszene sind fiktiv.

Myocastor coypus (G. I. Molina, 1782), MDD 1001446. Aktuell bei Echimyidae eingeordnet; ältere Familienzuordnungen Myocastoridae beziehungsweise Capromyidae werden hier nicht übernommen. Die sechs Hauptränge lassen Zwischenränge wie Hystricomorpha und Myocastorini weg. Biber und Bisam sind andere Arten; historische wissenschaftliche Namenskombinationen werden nicht als zusätzliche Arten geführt.

Auf einen Blick

Kopf-Rumpf-Länge im Artprofil
Etwa 45–65 cm ohne SchwanzProfilbereich des HLNUG, getrennt von dort 30–45 cm Schwanzlänge. Kein weltweit einheitlich vermessener Datensatz; keine sichere Ober- oder Untergrenze aller Individuen. Nicht als Gesamtlänge vergleichen.Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie
Körpermasse im regionalen Steckbrief
Etwa 7–9 kg im baden-württembergischen SteckbriefZusammenfassende Angabe ohne ausgewiesene Messserie oder Geschlechtstrennung. Kein globaler Mittelwert und keine vollständige Spanne aller Populationen, Altersstufen oder Körperzustände. Abweichende USGS-Profilwerte werden nicht zu einer neuen Messreihe vermischt.Wildtierportal Baden-Württemberg
Besonderheit
Vier Hinterzehen mit Schwimmhäuten, eine freie äußere ZeheDie Vorderpfoten bleiben ohne Schwimmhäute und greifen Nahrung. Amtliche Artbeschreibungen; die Abbildung zeigt sichtbare äußere Merkmale und ersetzt keine anatomische Messung.Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie North Carolina Wildlife Resources Commission

Ein runder Schwanz statt einer Biberkelle

Am Ufer sitzt ein braunes Nagetier mit langen weißen Tasthaaren und auffälligen orangefarbenen Schneidezähnen. Ist das ein Biber? Bei der Nutria hilft der Blick nach hinten: Ihr Schwanz ist lang, schmal und im Querschnitt rund. Die breite, flache Schwanzkelle des Bibers fehlt. Auch der Bisam unterscheidet sich: Sein Schwanz ist seitlich abgeflacht, und er ist gewöhnlich deutlich kleiner.

Die Nutria hat einen kräftigen, gewölbten Körper, kurze Beine und kleine, gut erkennbare runde Ohren. Das Fell besteht aus dichter Unterwolle und längeren, gröberen Haaren. Die helle Schnauzenpartie und die langen Tasthaare fallen besonders aus der Nähe auf. Die Farbe der Schneidezähne allein entscheidet dagegen keine Bestimmung: Auch andere Nagetiere besitzen gefärbte Zahnvorderseiten.

Im hessischen Artprofil werden 45–65 Zentimeter Kopf-Rumpf-Länge genannt; der Schwanz kommt mit 30–45 Zentimetern zusätzlich hinzu. Das sind getrennte Körpermaße, keine Gesamtlänge. Bei schwimmenden Tieren sind viele Merkmale verdeckt. Ein kurzer Blick auf einen Kopf im Wasser reicht deshalb oft nicht für eine sichere Zuordnung.

Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie U.S. Geological Survey · Nonindigenous Aquatic Species North Carolina Wildlife Resources Commission

Zwei verschiedene Werkzeuge an einem Körper

Die Hinterfüße liefern beim Schwimmen den Antrieb. Zwischen vier ihrer fünf Zehen liegen Schwimmhäute; die äußere fünfte Zehe bleibt frei. Die Vorderpfoten sind kleiner und nicht durch solche Häute zu einer Paddelfläche verbunden. Mit ihnen kann die Nutria Pflanzen greifen, halten und aus dem Boden lösen.

Augen, Ohren und Nasenöffnungen sitzen relativ hoch am Kopf. So kann ein großer Teil des Körpers im Wasser bleiben, während das Tier seine Umgebung wahrnimmt.

Zu diesem Körperbau passt der Lebensraum: Gewässer mit bewachsenen Ufern, Röhrichten und erreichbarer Pflanzennahrung. Nutrias nutzen Flüsse, Altarme, Teiche und andere Feuchtgebiete, auch in menschlich geprägten Landschaften. In Uferböschungen können sie Erdbaue anlegen; dichte Vegetation bietet weitere Deckung. Wasser und Land sind dabei keine getrennten Welten, sondern Teile desselben Alltags.

U.S. Geological Survey · Nonindigenous Aquatic Species North Carolina Wildlife Resources Commission Wildtierportal Baden-Württemberg

Pflanzenkost reicht bis unter die Erde

Nutrias fressen überwiegend Pflanzen. Zum Angebot gehören grüne Triebe und Blätter ebenso wie unterirdische Pflanzenteile. Mit den Vorderpfoten und den Schneidezähnen erreichen sie Wurzeln, Knollen und Rhizome: verdickte Sprosse, in denen Pflanzen Reserven speichern können. Gerade solche Teile bleiben interessant, wenn oberirdisch weniger frisches Grün verfügbar ist.

Der Speiseplan hängt vom Gewässer, der Umgebung und der Jahreszeit ab. Wasserpflanzen, Ufergräser und angrenzende Kulturpflanzen bieten unterschiedliche Möglichkeiten. „Pflanzenfresser“ bedeutet hier dennoch nicht, dass niemals tierische Nahrung aufgenommen wird. Für manche Populationen sind auch Süßwassermuscheln oder andere Wirbellose beschrieben.

Das macht aus der Nutria keinen spezialisierten Räuber. Pflanzen bleiben ihre wichtigste Nahrungsgrundlage. Wie stark ein bestimmter Pflanzenbestand betroffen ist, lässt sich deshalb auch nicht allein aus der Anwesenheit eines einzelnen Tieres ablesen.

U.S. Geological Survey · Nonindigenous Aquatic Species Wildtierportal Baden-Württemberg Bundesamt für Naturschutz

Dichtes Fell macht kaltes Wasser nicht kostenlos

Die dichte Unterwolle hält Wärme zurück. Trotzdem kann Wasser dem Körper viel Wärme entziehen. Eine Untersuchung von 1990 ging diesem Spannungsfeld bei jungen Nutrias nach, die aus wild lebenden Populationen in Frankreich stammten. In einer temperaturgeregelten Kammer wurden unter anderem Ruheumsatz sowie Körper- und Hauttemperaturen unter verschiedenen Luft- und Wasserbedingungen gemessen.

Die veröffentlichte Kurzfassung beschreibt eine starke Isolationswirkung des Fells und zugleich hohe energetische Kosten in kaltem Wasser. Beides gehört zusammen: Ein Tier kann gut an das Wasserleben angepasst sein und in strengen Wintern dennoch Schwierigkeiten bekommen. Für Nutrias ist Kälte daher mehr als die Frage, ob das Fell im Bild dick aussieht.

Diese Ergebnisse stammen aus den untersuchten jungen Tieren und Versuchsbedingungen. Sie liefern weder eine für alle Nutrias gültige Frostgrenze noch den Nachweis, dass jedes Wintersterben dieselbe Ursache hat. Auch die in der Arbeit diskutierten sozialen Einflüsse auf die Wassernutzung bleiben eine Erklärungsmöglichkeit, kein pauschal bewiesener Auslöser.

American Journal of Physiology · original abstract indexed in PubMed

Junge, die der Mutter früh folgen können

Nutrias können sich bei geeigneten Bedingungen über das Jahr hinweg fortpflanzen. Nach einer mehrmonatigen Tragzeit kommen mehrere Junge zur Welt. Sie haben bereits geöffnete Augen und können der Mutter früh folgen; das baden-württembergische Artprofil beschreibt dies schon für die ersten Stunden.

Frühe Beweglichkeit bedeutet aber keine sofortige Selbstständigkeit. Die Mutter versorgt die Jungen über Wochen mit Milch. Nahrung, geschützte Ruheplätze und die Bedingungen am Gewässer bleiben für die Aufzucht wichtig. Wurfgröße und Fortpflanzungserfolg sind deshalb keine unveränderlichen Eigenschaften jeder Familie.

Auch die Aktivitätszeiten sind beweglich. Nutrias können nachts und tagsüber unterwegs sein. An regelmäßig gestörten oder vom Menschen gefütterten Stadtgewässern ergibt sich ein anderer Tagesablauf als an einem abgelegenen Ufer. Ein tagsüber sichtbares Tier ist daher nicht schon aufgrund der Uhrzeit ungewöhnlich.

Wildtierportal Baden-Württemberg U.S. Geological Survey · Nonindigenous Aquatic Species

Südamerikanischer Ursprung, neue Gewässer

Das natürliche Verbreitungsgebiet liegt in Südamerika. Die Mammal Diversity Database nennt Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay. Europa gehört nicht zu diesem ursprünglichen Areal. Menschen brachten Nutrias unter anderem für die Pelztierhaltung in andere Weltregionen; entkommene und freigesetzte Tiere begründeten neue Vorkommen.

Eine ältere Übersicht des U.S. Fish and Wildlife Service dokumentiert Einführungen in Teile Nordamerikas, Europas, Afrikas und Asiens. Das bedeutet weder flächendeckende Besiedlung dieser Kontinente noch, dass jeder historische Nachweis heute noch besteht. In Deutschland wird die Art im amtlichen Maßnahmenblatt von 2018 bereits als etabliert geführt.

Der Name Myocastor coypus bezeichnet dabei dieselbe Art, die auch Coypu, Sumpfbiber oder Biberratte genannt wird. Im hier verwendeten aktuellen MDD-System gehört sie zu den Stachelratten, den Echimyidae. Die in älteren Quellen noch häufige eigene Familie Myocastoridae wird für dieses Porträt nicht übernommen.

American Society of Mammalogists · Mammal Diversity Database U.S. Fish and Wildlife Service Bundesamt für Naturschutz

Warum Fraßspuren am Ufer Folgen haben können

Werden viele Pflanzen samt unterirdischen Teilen abgefressen, kann sich ein Ufer verändern. Das deutsche Maßnahmenblatt beschreibt gebietsweise erhebliche Auswirkungen auf Wasserpflanzen und Röhrichte. Unter bestimmten Umständen wird ihre Wiederansiedlung erschwert. Auch örtliche Muschelbestände können betroffen sein.

Hinzu kommt das Graben. Ein Erdbau in einer natürlichen Böschung und ein Gang in einem Deich liegen für ein Tier beide am Wasser; für Menschen können die Folgen sehr verschieden sein. Schäden an Dämmen, Wegen oder Feldfrüchten sind deshalb ein eigener Teil der Auseinandersetzung mit eingeführten Nutrias.

Solche Effekte hängen vom Ort und von der Zahl der Tiere ab. Die Nutria ist weder automatisch der Auslöser jeder Ufererosion noch schlicht ein Ersatz für den heimischen Biber. Sie besitzt ihre eigene Herkunft, ihren eigenen Körperbau und eine Lebensweise, die an passenden Gewässern erfolgreich sein kann – mit Folgen, deren Ausmaß vor Ort untersucht werden muss.

Bundesamt für Naturschutz Wildtierportal Baden-Württemberg

Weitere Tiere

Quellen und Bildnachweis

Stand: 2026-10-29

Bild: KI-generierte, fotorealistische Darstellung für Wissenschaftswelle; keine dokumentarische Aufnahme.