Zum Lexikoninhalt

Insekten

Europäische Gottesanbeterin

Mantis religiosa

Die erhobenen Vorderbeine sind Fangwerkzeuge. Große Augen und gezielte Kopfbewegungen helfen diesem Lauerjäger, seine Umgebung einzuschätzen. Sein Nachwuchs beginnt das Leben in einem schützenden Eipaket.

Dieses Tier vergleichen ↗
KI-Darstellung einer grünen Europäischen Gottesanbeterin mit dreieckigem Kopf, langen Fühlern und angewinkelten bedornten Fangbeinen auf einem Grashalm.
KI-generierte, fotorealistische Darstellung einer Europäischen Gottesanbeterin.

Mantis religiosa gehört zur Familie Mantidae innerhalb der Fangschrecken, Mantodea. Diese Ordnung wird hier getrennt von den Heuschrecken, Orthoptera, geführt. Nordamerikanische Vorkommen gehen auf Einführung zurück.

Auf einen Blick

Größe
Männchen bis etwa 6 cm; Weibchen bis etwa 8 cmOrientierungswerte aus dem brandenburgischen Artprofil, nach Geschlecht getrennt; keine weltweiten Rekordgrenzen.Landesamt für Umwelt Brandenburg
Gewicht
nicht belegtFür diesen Steckbrief liegt kein verlässlicher, nach Geschlecht und Entwicklungszustand zuordenbarer Gewichtsbereich vor.Landesamt für Umwelt Brandenburg
Besonderheit
Seitliche Kopf- und Körperbewegung liefert EntfernungsinformationenPeering und beidäugige Hinweise sind verschiedene Zugänge zur räumlichen Orientierung; der Review umfasst mehrere Arten.European Journal of Entomology · Karl Kral

Zwei Fangbeine und vier Laufbeine

Auf einem Grashalm sitzt eine grüne Gottesanbeterin. Der schmale Vorderkörper trägt einen beweglichen, dreieckigen Kopf. Die Vorderbeine sind angewinkelt angehoben; ihre Haltung erklärt den deutschen Namen. Insgesamt besitzt das Insekt sechs Beine. Das vordere Paar ist zum Beutefang umgebildet, die übrigen vier Beine stützen den Körper.

Mantis religiosa kann grün oder braun gefärbt sein. An der Innenseite der Vorderhüften liegen auffällige dunkle Flecken, manchmal mit heller Mitte. Sie helfen bei der Unterscheidung von anderen Fangschrecken. Der lange Vorderkörper und die zusammengelegten Flügel prägen das Bild des erwachsenen Tiers.

University of Illinois Extension · Ken Johnson

Ein Lauerjäger im Pflanzengewirr

Die Gottesanbeterin wartet gut getarnt auf erreichbare Beute. Die Fangbeine klappen rasch vor. Ihre Dornen helfen, ein ergriffenes Tier festzuhalten, während es mit den Mundwerkzeugen gefressen wird. Insekten wie Fliegen und Heuschrecken gehören zum Spektrum; auch andere kleine Gliederfüßer können erbeutet werden.

Die Auswahl richtet sich nach erreichbarer Beute. Eine menschliche Einteilung in nützliche und schädliche Insekten spielt für diesen Jäger keine Rolle. Auch Bienen oder Schmetterlinge können gefangen werden. Ruhiges Warten und ein schneller Fangschlag ergänzen einander.

NABU · Insektentrainer University of Illinois Extension · Ken Johnson NABU|naturgucker

Entfernungen durch Bewegung erschließen

Die großen Facettenaugen sind wichtige Werkzeuge der Jagd. Im Raum vor dem Kopf überlappen ihre Sehfelder. Zusätzlich kann eine Fangschrecke Kopf und Vorderkörper seitlich hin und her bewegen, während sie ein Ziel im Blick behält. Dieses Verhalten wird als Peering bezeichnet.

Durch die eigene Bewegung verschieben sich Bilder naher Gegenstände stärker als die weiter entfernter Objekte. Solche Bewegungsinformationen helfen beim Einschätzen der Umgebung, etwa vor dem Wechsel auf einen anderen Halm. Ein Fachreview von 2012 behandelt dazu mehrere Fangschreckenarten und schließt Beobachtungen an Mantis religiosa im Labor und im Freiland ein.

Nicht jedes seitliche Wiegen ist daher bloß Tarnung im Wind. Die jeweiligen Experimente und ihre Arten müssen dennoch auseinandergehalten werden: Ergebnisse einer bestimmten afrikanischen Fangschrecke sind keine unmittelbare Messung an jeder Europäischen Gottesanbeterin.

European Journal of Entomology · Karl Kral

Der Nachwuchs überwintert im Eipaket

Nach der Paarung legt das Weibchen Eier in einer schaumigen Masse ab, die bald erhärtet. Das entstehende Eipaket heißt Oothek. Es kann an Pflanzen, Steinen oder anderen geeigneten Stellen befestigt sein. In mitteleuropäischen Lebensräumen überwintern die Eier in dieser schützenden Hülle.

Im Frühjahr schlüpfen kleine Nymphen. Schon früh lassen sich ihre typischen Fangbeine erkennen. Über mehrere Häutungen wachsen sie heran; die Flügel sind erst nach der letzten Häutung vollständig ausgebildet. Geschlechtsreife Tiere treten entsprechend später im Jahr auf. Der Zeitpunkt hängt von Standort und Witterung ab.

Auch unter den Jungtieren kann Kannibalismus vorkommen. Die gemeinsame Herkunft aus einem Eipaket macht die Geschwister nicht zu einem dauerhaft friedlichen Verband.

NABU|naturgucker

Paarung mit einem möglichen Risiko

Gelegentlich frisst ein Weibchen das kleinere Männchen während oder nach der Paarung. Dieser sexuelle Kannibalismus hat die öffentliche Vorstellung von Gottesanbeterinnen stark geprägt. Er ist jedoch kein zwangsläufiger Abschluss jeder Paarung.

Hungerzustand, Begegnung und Beobachtungsbedingungen beeinflussen, was geschieht. Eine Szene aus einer Haltung oder ein einzelner Freilandfund liefert deshalb keine feste Häufigkeit für sämtliche Populationen. Für viele Männchen endet eine Paarung ohne diesen Ausgang.

NABU · Insektentrainer

Wärmeliebend und in Deutschland auf dem Vormarsch

Zur natürlichen Verbreitung gehören Teile Europas, Nordafrikas und Asiens. In Nordamerika wurde die Art eingeführt. Ein Vorkommen in Connecticut hat deshalb eine andere Geschichte als eines in einer südeuropäischen Wiese.

In Deutschland nutzt die Europäische Gottesanbeterin vor allem warme, offene Flächen mit geeigneter Vegetation. Die Meldungen aus Brandenburg haben seit dem dortigen Erstnachweis 2007 zugenommen. Auch das Rote-Liste-Zentrum beschreibt eine deutliche Ausbreitung in Deutschland und diskutiert günstigere klimatische Bedingungen als wesentliche Erklärung. Das bedeutet nicht, dass jeder beliebige Standort geeignet ist. Besonnung, Pflanzenstruktur und erreichbare Beute bleiben vor Ort wichtig.

Connecticut Secretary of the State Landesamt für Umwelt Brandenburg Rote-Liste-Zentrum

Weitere Tiere

Quellen und Bildnachweis

Stand: 2026-10-28

Bild: KI-generierte, fotorealistische Darstellung für Wissenschaftswelle; keine dokumentarische Aufnahme.