Pflanzenporträt
Gewöhnliches Leinkraut
Linaria vulgaris
Die gelbe Blüte des Leinkrauts hat ein Oben und Unten, eine vorgewölbte Unterlippe und einen langen Sporn. Seltene radiärsymmetrische Formen machten die Art zu einem klassischen Forschungsobjekt: Eine chemische Markierung am Erbgut kann die Aktivität eines an der Formgebung beteiligten Gens verändern.
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Linaria vulgaris Mill. ist bei Kew als Art der Plantaginaceae innerhalb der Lamiales akzeptiert. Ältere Forschungsarbeiten nennen noch die Familie Scrophulariaceae. Antirrhinum linaria L. ist ein homotypisches Synonym.
Auf einen Blick
- Höhe
- Etwa 20–70 cmInfoFlora · Flora Helvetica 2018
- Lebensform
- Ausdauerndes KrautRoyal Botanic Gardens, Kew · Plants of the World Online
- Standort
- Wegränder, Bahnanlagen, Schuttstellen und andere offene StandorteInfoFlora · Flora Helvetica 2018
- Heimisches Areal
- Europa bis Sibirien und ZentralasienRoyal Botanic Gardens, Kew · Plants of the World Online
- Fortpflanzung
- Insektenbesuchte Blüten, Samen in Kapseln; auch vegetative AusbreitungInfoFlora · Flora Helvetica 2018 Protoplasma · Jachuła, Konarska & Denisow (2018)
- Entwicklungsbiologie
- Eine untersuchte Pelorie ist mit Methylierung und Stilllegung des Symmetriegens Lcyc verbundenNature · Cubas, Vincent & Coen (1999)
Eine Blüte mit einer erkennbaren Vorderseite
Gewöhnliches Leinkraut wächst als ausdauerndes Kraut an Wegrändern, Bahnanlagen und anderen offenen, gestörten Standorten. Die schmalen wechselständigen Blätter erinnern entfernt an Lein. Am Ende der etwa zwanzig bis siebzig Zentimeter hohen Sprosse stehen dichte Blütentrauben. Die Krone ist hellgelb; ein orangegelber Gaumen auf der Unterlippe verschließt den Zugang zur Röhre. Nach hinten ragt ein schmaler Sporn.
Die gewöhnliche Blüte ist zweiseitig symmetrisch: Nur eine Ebene teilt sie in annähernd spiegelgleiche Hälften. Ihre Ober- und Unterseite sind unterschiedlich gestaltet. Diese Anordnung beeinflusst, wie ein Insekt hineingelangt und an welchen Stellen es mit den Fortpflanzungsorganen in Berührung kommt. Die äußere Form ist also zugleich ein Ergebnis von Entwicklung und eine Bedingung des Blütenbesuchs.
InfoFlora · Flora Helvetica 2018 Protoplasma · Jachuła, Konarska & Denisow (2018)Die seltene Pelorie stellt das Muster um
Bei pelorischen Formen erscheint die Blüte radiärsymmetrisch. Statt der üblichen Ober-Unter-Gliederung wiederholt sich ein ähnlicher Bau um die Blütenachse. Schon Linné beschäftigte sich mit dieser auffälligen Abweichung. Eine Untersuchung von 1999 verknüpfte sie mit einem Gen namens Lcyc, einem Verwandten des bei Löwenmäulchen untersuchten Symmetriegens CYCLOIDEA.
Im untersuchten pelorischen Leinkraut war Lcyc stark methyliert und wurde nicht abgelesen. Methylgruppen sind kleine chemische Anhänge an der DNA. Ihre Verteilung kann beeinflussen, ob eine Erbinformation genutzt wird. Die Forschenden beobachteten, dass diese veränderte Markierung vererbbar war und mit der abweichenden Blütenform gemeinsam auftrat. In somatischen Rückbildungen zur gewöhnlichen Form gingen eine geringere Methylierung und die wiederhergestellte Genaktivität zusammen.
Der Befund zeigt damit einen epigenetischen Weg zur Veränderung der Blütengestalt. Er beweist nicht, dass jede Pelorie dieselbe Ursache hat oder dass das gesamte Erbgut der verglichenen Pflanzen identisch wäre. Entscheidend ist der belegte Zusammenhang zwischen Markierung, Genaktivität und Form in den untersuchten Pflanzen.
Nature · Cubas, Vincent & Coen (1999)Der Sporn ist Speicher, die Drüse sitzt weiter vorn
Um die normale Blüte zu verstehen, lohnt sich der Weg zum Nektar. Die zuckerhaltige Flüssigkeit wird an einer scheibenförmigen Drüse an der Basis des Fruchtknotens ausgeschieden. Sie sammelt sich anschließend im Sporn. Die sichtbare lange Röhre ist also nicht einfach vollständig eine Nektardrüse.
Mikroskopische Untersuchungen an zwei Populationen in Südostpolen zeigten die Drüsenoberfläche mit umgebildeten Spaltöffnungen, über die das Sekret austritt. Nektarbildung begann schon vor dem vollständigen Aufblühen und hielt während des Blütenlebens an. Menge und Zuckerkonzentration unterschieden sich unter anderem zwischen Jahren und Populationen. Eine Blütenform allein legt deshalb noch keine unveränderliche Belohnung fest. Die Studie erfasste außerdem unterschiedliche Insektenbesucher an städtischem und ländlichem Standort; ihre tatsächliche Bestäubungswirksamkeit wurde dabei nicht gemessen.
Protoplasma · Jachuła, Konarska & Denisow (2018)Ein Zugang von der Seite verändert den Kontakt
Langrüsselige Hummeln können den Nektar durch den normalen Blüteneingang erreichen. In einer Untersuchung einer südenglischen Wildpopulation nutzten kurzzüngige Hummeln dagegen Löcher im Sporn. Solcher Nektarraub umgeht den Weg, auf dem Rücken und Kopf des Besuchers mit den Fortpflanzungsorganen in Kontakt kommen. Viele Besuche müssen daher nicht viele erfolgreiche Bestäubungen bedeuten.
Die Untersuchung betraf eine konkrete Population mit sehr häufigem Nektarraub; sie liefert keine feste Quote für jedes Leinkrautvorkommen. Sie macht jedoch eine Folge des Blütenbaus anschaulich: Für die Pflanze ist entscheidend, welchen Weg ein Besucher nimmt, nicht bloß, ob er Nektar entnimmt. Von der Genregulation bis zum Besucherverhalten liegen mehrere Erklärungsebenen zwischen einem gelben Blütenbild und der Bildung neuer Samen.
Acta Oecologica · Stout et al. (2000)Weitere Pflanzen

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EntdeckenQuellen und Bildnachweis
Stand: 2026-10-31
- Linaria vulgaris Mill.: accepted name, distribution, synonyms and classification · Royal Botanic Gardens, Kew · Plants of the World Online · abgerufen 2026-10-31
- Linaria vulgaris Mill.: morphology and ecology · InfoFlora · Flora Helvetica 2018 · abgerufen 2026-10-31
- Micromorphological and histochemical attributes of flowers and floral reward in Linaria vulgaris (Plantaginaceae) · Protoplasma · Jachuła, Konarska & Denisow (2018) · abgerufen 2026-10-31
- An epigenetic mutation responsible for natural variation in floral symmetry · Nature · Cubas, Vincent & Coen (1999) · abgerufen 2026-10-31
- Nectar robbing, forager efficiency and seed set: Bumblebees foraging on the self incompatible plant Linaria vulgaris (Scrophulariaceae) · Acta Oecologica · Stout et al. (2000) · abgerufen 2026-10-31
Bild: KI-generierte, fotorealistische Darstellung für Wissenschaftswelle; keine dokumentarische Aufnahme.