Warum manche Ausländergruppen in der Kriminalstatistik überrepräsentiert sind

Wissenschaftswelle-Cover zur Ausländerkriminalität mit einer zerbrechenden roten 35,5-Prozent-Zahl, die eine analytische Linse in mehrere statistische Schichten auffächert.

In einer häufig geteilten Rechnung stehen zwei Zahlen nebeneinander: der Anteil ausländischer Menschen an der Bevölkerung und der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger in der Polizeilichen Kriminalstatistik. 2025 besaßen 35,5 Prozent der Tatverdächtigen, die wegen Straftaten ohne ausländerrechtliche Verstöße registriert wurden, keine deutsche Staatsangehörigkeit. Der Anteil nichtdeutscher Menschen an der Wohnbevölkerung war deutlich kleiner. Das sieht nach einer eindeutigen Antwort aus.

Doch die beiden Anteile haben nicht denselben Nenner. Die Polizeiliche Kriminalstatistik, kurz PKS, zählt Tatverdächtige in polizeilich bekannt gewordenen und endbearbeiteten Fällen. Unter den Nichtdeutschen sind auch Touristen, Durchreisende, Menschen mit Wohnsitz im Ausland und Personen ohne registrierten Wohnsitz. In der Bevölkerungszahl fehlen diese Gruppen. Zugleich zählt ein eingebürgerter Mensch mit Einwanderungsgeschichte in der PKS als deutsch. Wer die Prozentwerte direkt gegeneinanderstellt, vergleicht deshalb unterschiedliche Populationen.

Das heißt nicht, dass jede sichtbare Überrepräsentation bloß ein Rechenfehler wäre. Manche Gruppen werden tatsächlich häufiger als Tatverdächtige registriert. Die wissenschaftlich interessante Frage beginnt genau dort: Welche Mechanismen erzeugen diesen Unterschied, und wie viel davon kann eine Statistik überhaupt erklären?

Kernpunkte

  • Die PKS misst polizeilich registrierten Tatverdacht, nicht alle begangenen Straftaten und nicht rechtskräftige Schuld.
  • „Nichtdeutsch“ bezeichnet die Staatsangehörigkeit. Die Kategorie ist weder identisch mit „eingewandert“ noch mit „Migrationshintergrund“.
  • Alters- und Geschlechtsstruktur, Wohnort, soziale Lage, Aufenthaltsbedingungen und Deliktsmix unterscheiden sich zwischen Gruppen und beeinflussen die Registrierungswahrscheinlichkeit.
  • Anzeigeverhalten und Kontrolldichte verschieben die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kriminalität. Sie erklären Unterschiede mit, aber nicht vollständig.
  • Herkunft allein ist keine belastbare Ursache. Gute Forschung vergleicht möglichst ähnliche Lebenslagen und untersucht, was sich verändert, wenn Rahmenbedingungen verändert werden.

Was die Zahl 35,5 Prozent tatsächlich bedeutet

Der BKA-Bericht zur PKS 2025 weist für Straftaten ohne ausländerrechtliche Verstöße 1.908.383 Tatverdächtige aus. Davon waren 1.230.432 deutsch und 677.951 nichtdeutsch. Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger lag damit bei 35,5 Prozent, nahezu unverändert gegenüber 35,4 Prozent im Vorjahr. Die Bereinigung ist wichtig: Verstöße gegen Aufenthalts-, Asyl- oder Freizügigkeitsrecht können überwiegend oder ausschließlich Menschen ohne deutschen Pass begehen.

Trotzdem bleibt die Zahl eine Hellfeldzahl. Das BKA nennt die PKS selbst eine Ausgangsstatistik. Erfasst wird, was der Polizei bekannt geworden, von ihr bearbeitet und an die Staatsanwaltschaft abgegeben wurde. Ob sich ein Verdacht später bestätigt, entscheidet sich erst im weiteren Verfahren. Straftaten, die niemand anzeigt und die keine Kontrolle entdeckt, bleiben im Dunkelfeld.

Wie groß dieses Dunkelfeld ist, unterscheidet sich stark nach Delikt. Die repräsentative BKA-Befragung Sicherheit und Kriminalität in Deutschland 2024 zeigt beispielsweise hohe Anzeigequoten bei Körperverletzungen durch mehrere Personen mit Waffe, aber sehr viel niedrigere Quoten bei anderen Gewalt- und Sexualdelikten. Eine Tatverdächtigenstatistik ist deshalb keine Kamera, die das gesamte Geschehen gleichmäßig aufnimmt. Sie ist das Ergebnis von Taten, Anzeigen, Kontrollen, Ermittlungen und gesetzlichen Kategorien.

Der stärkste demografische Faktor ist nicht der Pass

Kriminalität ist über den Lebenslauf sehr ungleich verteilt. Junge Männer werden in nahezu allen Gesellschaften häufiger wegen Straftaten registriert als ältere Menschen und Frauen. Das gilt für deutsche wie für nichtdeutsche Männer. Wenn eine Bevölkerungsgruppe einen größeren Anteil junger Männer enthält, steigt ihre rohe Tatverdächtigenrate bereits deshalb.

Die Altersstruktur der deutschen und der ausländischen Bevölkerung unterscheidet sich erheblich. Nach Destatis-Daten für Ende 2025 waren 67,6 Prozent der nichtdeutschen Erwachsenen zwischen 20 und 59 Jahre alt, bei der deutschen Bevölkerung waren es 47,4 Prozent. Menschen ab 60 machten unter der ausländischen Bevölkerung 13,4 Prozent aus, unter der deutschen 34,1 Prozent. Auch innerhalb der ausländischen Bevölkerung unterscheiden sich Nationalitätsgruppen deutlich nach Alter, Geschlechterverhältnis, Zuzugsgrund und Aufenthaltsdauer.

Eine faire Analyse muss deshalb Gleiches mit möglichst Gleichem vergleichen: junge Männer mit jungen Männern, Menschen in ähnlichen Wohnlagen und mit ähnlichen Chancen auf Bildung und Arbeit. Solche Kontrollen verkleinern den Abstand deutlich. Sie lassen ihn je nach Datensatz und Delikt aber nicht immer vollständig verschwinden. Genau deshalb wäre sowohl „Der Pass erklärt alles“ als auch „Es gibt überhaupt keinen Unterschied“ eine wissenschaftlich zu grobe Antwort.

Wohnort und Gelegenheit strukturieren das Risiko

Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit leben überdurchschnittlich häufig in Großstädten. Dort sind viele Delikte generell häufiger: mehr öffentlicher Raum, mehr Nachtleben, mehr Geschäfte, mehr Verkehrsknoten, mehr anonyme Kontakte und mehr polizeiliche Kontrollen schaffen zugleich mehr Tatgelegenheiten und mehr Sichtbarkeit.

Eine Analyse des ifo Instituts hat PKS-Daten auf Kreisebene für 2018 bis 2023 ausgewertet. Das zunächst sichtbare Gefälle wird demnach überwiegend durch ortsspezifische Faktoren erklärt. In Kreisen, in denen der Ausländeranteil stieg, nahm die lokale Kriminalitätsrate nicht systematisch zu. Das galt in der Analyse auch für Schutzsuchende und für schwere Deliktsgruppen. Der Befund beweist nicht, dass jeder einzelne Zuzug wirkungslos ist. Er widerspricht aber der pauschalen Behauptung, mehr Migration führe automatisch zu mehr Kriminalität.

Das ist ein Beispiel für Konfundierung: Zwei Merkmale treten gemeinsam auf, weil ein dritter Faktor beide beeinflusst. Wer solche Denkfehler genauer verstehen möchte, findet dazu bei Wissenschaftswelle den Beitrag Scheinkorrelationen entlarven.

Soziale Lage und Aufenthaltsbedingungen sind keine Randnotizen

Armut macht niemanden zwangsläufig kriminell. Arbeitslosigkeit, beengtes Wohnen, fehlende Tagesstruktur, Schulabbrüche, Gewalterfahrungen und geringe soziale Einbindung können Risiken aber erhöhen. Manche neu zugewanderten Gruppen sind diesen Belastungen häufiger ausgesetzt: weil Qualifikationen nicht anerkannt werden, ein Asylverfahren lange unsicher bleibt, Arbeit zunächst erschwert ist oder Unterkünfte Konflikte verdichten.

Dass Rahmenbedingungen Verhalten kausal beeinflussen können, zeigt Forschung außerhalb Deutschlands besonders deutlich. Eine CESifo-Studie zu Geflüchteten in der Schweiz nutzte Unterschiede zwischen Kantonen und fand: Höhere Sozialleistungen senkten strafrechtliche Beschuldigungen, besonders bei kleineren Eigentums- und Drogendelikten. Das ist kein eins zu eins übertragbarer Deutschlandwert. Es zeigt aber, warum „Herkunft“ oft nur ein grobes Etikett für veränderbare Lebensbedingungen ist.

Eine 2026 veröffentlichte Studie zur Staatsbürgerschaft durch Geburt kommt aus einer anderen Richtung zum selben Grundgedanken. Anhand von PKS-Einzeldaten aus drei Bundesländern und der Reform von 2000 schätzen die Forschenden, dass die deutsche Staatsbürgerschaft ab Geburt die polizeiliche Registrierung von Jugendlichen der zweiten und dritten Einwanderergeneration deutlich senkte. Zugehörigkeit, institutionelles Vertrauen und bessere Teilhabechancen sind demnach nicht nur moralische Begriffe. Sie können messbare Präventionsfaktoren sein.

Das passt zu einer breiteren Einsicht: Kontroll- und Integrationspolitik lassen sich nicht sinnvoll gegeneinander ausspielen. Der Wissenschaftswelle-Beitrag Warum Kontrolle ohne Integration scheitert zeigt, warum klare Verfahren, kommunale Kapazitäten und reale Zugänge zu Bildung und Arbeit zusammengehören.

Warum manche Nationalitätsgruppen stärker auffallen als andere

Eine Nationalität kann sehr verschiedene Migrationsgeschichten bündeln. Unter einer Gruppe können Studierende, langjährig Beschäftigte, Schutzsuchende, Saisonarbeiter, Durchreisende und hier geborene Menschen ohne deutschen Pass zusammengefasst sein. Zwischen Gruppen unterscheiden sich Altersstruktur, Männeranteil, Aufenthaltsdauer, Wohnort, Rechtsstatus und wirtschaftliche Möglichkeiten. Entsprechend verschieden ist ihr statistisches Profil.

Auch der Deliktsmix zählt. Bei grenzüberschreitendem Fahrzeug- oder Taschendiebstahl können ausländische Tatverdächtige mit Wohnsitz im Ausland eine große Rolle spielen. Sie erhöhen den nichtdeutschen Tatverdächtigenanteil, sagen aber wenig über die in Deutschland lebende Einwanderungsbevölkerung aus. Bei Delikten, die häufig innerhalb enger Beziehungen geschehen, gelten wiederum andere Anzeige- und Entdeckungsbedingungen. Ein Gesamtwert wirft all diese Mechanismen in einen Topf.

Hinzu kommt ein Auswahlprozess durch Einbürgerung. Wer die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt, wechselt in der PKS statistisch die Seite, obwohl Biografie, Familie und Wohnort nicht plötzlich verschwinden. Gut integrierte und länger ansässige Menschen werden häufiger eingebürgert. Dadurch bleibt in der Kategorie „nichtdeutsch“ keine zufällige Auswahl aller Menschen mit Einwanderungsgeschichte zurück.

Anzeige und Kontrolle formen das Hellfeld

Opfer zeigen schwere und von Fremden begangene Taten eher an als leichtere Konflikte mit bekannten Personen. Befragungsstudien geben Hinweise darauf, dass als fremd wahrgenommene Tatverdächtige bei vergleichbaren Jugendgewalttaten häufiger angezeigt werden können. Zugleich kann Gewalt innerhalb abgeschlossener Milieus besonders selten nach außen dringen. Die Richtung der Verzerrung ist also nicht für jedes Delikt gleich.

Auch Kontrollen sind ungleich verteilt. Bahnhöfe, Ausgehviertel und bekannte Brennpunkte werden häufiger überwacht als Wohnzimmer oder Büros. Wer sich oft in kontrollierten Räumen aufhält, hat bei kontrollabhängigen Delikten ein höheres Entdeckungsrisiko. Der aktuelle Fachüberblick der Bundeszentrale für politische Bildung betont zugleich eine wichtige Grenze: Anzeige- und Kontrolleffekte tragen zur Überrepräsentation bei, erklären sie aber nicht vollständig.

Messung ist damit nicht neutral, ohne deshalb wertlos zu sein. Sie entsteht in einer sozialen Situation und macht manche Vorgänge sichtbarer als andere. Wie sehr Kennzahlen das beobachtete Feld selbst mitformen können, erklärt der Wissenschaftswelle-Text Warum Zahlen plötzlich lügen.

Was eine ehrliche Antwort leisten muss

Die Überrepräsentation mancher Ausländergruppen in der PKS ist real als statistische Registrierung. Sie ist aber kein Beweis für eine angeborene, kulturell feststehende oder durch den Pass verursachte Kriminalitätsneigung. Ein Teil entsteht durch die Zusammensetzung der Gruppen, ein Teil durch Wohnorte und Tatgelegenheiten, ein Teil durch soziale und rechtliche Bedingungen, ein Teil durch Deliktsstrukturen sowie Anzeige- und Kontrollpraxis. Je nach Gruppe und Delikt fallen diese Gewichte anders aus.

Eine verantwortliche Debatte darf konkrete Probleme weder leugnen noch ethnisieren. Wenn junge Männer in instabilen Lebenslagen überproportional Gewalt ausüben, brauchen Opfer Schutz und Täter konsequente Strafverfolgung. Prävention wird aber erst wirksam, wenn sie die veränderbaren Ursachen trifft: frühe Bildung, sichere Unterbringung, schnelle Verfahren, Zugang zu Arbeit, Gewaltprävention, Sucht- und Traumahilfe sowie Polizei, die zielgenau statt pauschal kontrolliert.

Die wichtigste Frage an eine Kriminalstatistik lautet deshalb nicht nur: Wer steht in der Tabelle? Sie lautet: Durch welche Auswahlprozesse kam diese Person dort hinein, mit wem wird sie verglichen und welche politischen Hebel verändern das Risiko tatsächlich?

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