
Das Schloss ist nur 31,8 Millimeter hoch und wiegt 28,5 Gramm. Vier schmale Ringe tragen eingravierte Zeichen. Das kleine Stück Kupferlegierung stammt aus dem Fundkomplex eines Schiffes, das 1583 an der walisischen Küste strandete. Mehr als vier Jahrhunderte später ließ sich sein Mechanismus wieder öffnen.
Die Kombination lautet ANCE. Ein Team von Amgueddfa Cymru – Museum Wales und Cardiff University ermittelte sie mithilfe von Mikro-Computertomografie und bestätigte sie anschließend am Original. Was die vier Buchstaben für den früheren Besitzer bedeuteten, ist weiterhin unbekannt. Auch der einst geschützte Inhalt lässt sich aus dem geöffneten Schloss nicht ablesen.
Das Museum und die Universität gaben das Ergebnis am 4. November 2026 bekannt. Der Reiz liegt in einer ungewöhnlichen Verbindung: Ein Gerät für hochauflösende Einblicke in kleine Strukturen half, die Zugangskontrolle eines elisabethanischen Alltagsgegenstands zu verstehen.
Ein Passwort aus Metall
Im Sammlungskatalog des Museums wird das Stück unter der Nummer 2025.17H/2.6 geführt. Es besitzt vier frei drehbare Ringe. Auf ihnen stehen insgesamt 24 Zeichen; weitere zehn befinden sich auf den beiden festen Endplatten.
Solche Stücke werden gelegentlich als „Nürnberger Schloss“ bezeichnet. Diese Typbezeichnung allein beweist keinen bestimmten Herstellungsort des walisischen Fundes. Ähnliche Buchstabenschlösser aus dem 16. Jahrhundert sind auch von anderen Fundorten bekannt.
Das Prinzip erinnert an ein heutiges Kombinationsschloss: Die äußeren Zeichen markieren verschiedene Stellungen der beweglichen Teile. Die richtige Folge bringt die für das Öffnen nötigen inneren Aussparungen zusammen. Von außen sieht man die Buchstaben. Die entscheidende Zuordnung zwischen ihnen und den verborgenen Aussparungen bleibt im geschlossenen Gehäuse verborgen.
Gerade die gute Erhaltung machte das Objekt interessant. Nach dem Bericht des Finders Peter Hughes ließen sich die Ringe noch drehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die passende Öffnungsstellung bereits bekannt war. (Museumsbericht zum Öffnungstest)
Der Blick durch das Gehäuse
Bei einer Computertomografie werden Röntgeninformationen aus verschiedenen Blickrichtungen zusammengeführt. Ein Computer rekonstruiert daraus Schnittbilder und eine dreidimensionale Darstellung der inneren Strukturen. Das Grundprinzip erläutert das US-Forschungsinstitut NIBIB. Mikro-CT überträgt diesen Ansatz auf kleine Objekte und feine Details.
Am Schloss konnte David Williams von Cardiff University nach eigener Darstellung erkennen, wie die inneren Aussparungen zu den äußeren Buchstaben lagen. Daraus ergab sich die Kombination. Die Untersuchung kommt aus einer Forschungseinrichtung, die normalerweise unter anderem Knochen und andere biologische Strukturen analysiert. (Cardiff University)
Der nächste Schritt war entscheidend: Das Museumsteam stellte die ermittelte Folge am Schloss ein und öffnete es. Damit blieb das Ergebnis nicht bei einer plausibel aussehenden 3D-Deutung. Die Mechanik bestätigte die aus dem Bild abgeleitete Lösung.
Die Mitteilung nennt allerdings keine vollständige Messserie, konkrete Auflösung oder detaillierten Scanparameter. Der veröffentlichte Nachweis ist hier der dokumentierte Ablauf aus innerer Untersuchung und erfolgreichem Öffnungstest. Die technischen Höchstwerte eines Gerätekatalogs wären kein Ersatz für die tatsächlich verwendeten Einstellungen.
Solche Einblicke gehören zum Werkzeugkasten der Archäometrie, der naturwissenschaftlichen Untersuchung von Kulturgut. Verwandte Fragen stellen sich bei der Röntgenuntersuchung von Gemälden und ihren verborgenen Schichten: Welche materielle Struktur ist sichtbar – und welche historische Geschichte lässt sich daraus wirklich ableiten?
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Vier Ringe zum Ausprobieren
Die im Katalog aufgeführten beweglichen Ringe tragen jeweils sechs Zeichen. Nimmt man für jeden Ring diese sechs unabhängig wählbaren Stellungen an, ergeben sich 6 × 6 × 6 × 6 = 1.296 Kombinationen. Das ist eine eigene Rechnung auf Grundlage der Katalogbeschreibung, keine gemessene Knackzeit oder Bewertung seiner damaligen Sicherheit.
Im folgenden Modell lassen sich die belegten Zeichensätze einstellen. Die farbige Rückmeldung kennt ANCE bereits und macht das Zusammenspiel sichtbar. Die Forschenden haben den Code durch den Blick ins Innere ermittelt; diese Rückmeldung ist eine heutige Lernhilfe. Zeichenformen wie „Ʒ“ und „1“ sind aus dem Katalog übernommen.
Ein Handelsschiff, ein Sturm und eine lange Fundgeschichte
Das Schloss gehört zum Fundkomplex der Ann Francis, eines Handelsschiffs auf der Rückreise von Spanien nach England. Laut der historischen Darstellung des Museums wurde es am Strand von Margam nahe Port Talbot zerstört. Die zeitgenössische Datierung lautet 28. Dezember 1583 nach dem damals in England verwendeten julianischen Kalender.
Das Museum verbindet die letzte Reise mit Getreidehandel und den dafür erhaltenen Zahlungen. Zum Fundmaterial gehören deshalb nicht nur einzelne Schmuckstücke eines vermeintlichen Piratenschatzes, sondern Spuren eines internationalen Waren- und Geldverkehrs: Münzen, Gewichte, Schiffsausrüstung und Alltagsgegenstände.
Peter Hughes entdeckte zwischen 1996 und 2017 einen großen Teil des heute zusammengeführten Bestands, nachdem Sandlagen am Strand abgetragen worden waren. Schon zuvor waren dort Objekte gefunden worden. Der neue Anlass im November 2026 ist daher die Entschlüsselung des Schlosses, keine gerade erst erfolgte Entdeckung des gesamten Wracks.
Welche Truhe gehörte dazu?
Das Schloss wurde im Umfeld verstreuter Silbermünzen gefunden; auch Münzgewichte gehören zum Fundkomplex. Das legt einen Zusammenhang mit Wertgegenständen nahe. Die aktuelle Museumsmitteilung hält es für möglich, dass es eine kleine Truhe mit Münzen, Dokumenten oder Textilien sicherte. Welche davon tatsächlich darin lagen, ist nicht nachgewiesen.
Der ältere Museumsbericht führt außerdem ein zeitgenössisches Inventar mit drei Truhen auf, deren Schlösser aufgebrochen waren. Damit ist weder eine dieser Truhen sicher dem heute untersuchten kleinen Schloss zugeordnet noch ein Truheninhalt zusammen mit dem neuen Code wiedergewonnen. Die Fundgeschichte ist kein unberührter verschlossener Behälter, der erst 2026 seine Schätze freigab.
Ähnlich eng bleibt die Aussage über ANCE. Die funktionierende Folge ist bekannt; ihre Bedeutung ist es nicht. Aus vier Buchstaben allein lässt sich kein persönlicher Merkspruch, kein Name und keine geheime Handelsnachricht zuverlässig rekonstruieren.
Das Schloss gehört zur Ausstellung „Tides of Treasure“ im National Waterfront Museum in Swansea. Einzelne ältere Museumsseiten beschreiben die Kombination noch als ungelöst. Für den heutigen Stand ist die Mitteilung vom 4. November maßgeblich.
Der Röntgenblick hat damit einen ganz konkreten Erfolg erzielt: Er machte einen verborgenen Mechanismus verständlich und sein Ergebnis überprüfbar. Das persönliche Geheimnis des Menschen, der ANCE einst einstellte, liegt auf einer anderen Ebene. Es braucht Spuren aus seinem Leben – die Mechanik allein kann sie nicht liefern.


