Laub liegen lassen: Wer unter den Blättern überwintert

Unter Herbstlaub warten Tiere auf das Frühjahr. Was ein Gartenexperiment zeigt – und wo Blätter liegen bleiben können, ohne Wege oder Rasen zu bedecken.

Zur Entstehung: Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. So arbeitet die Redaktion.
Antwort finden. Zusammenhänge verstehen.
Symbolische KI-Makroillustration: Unter einem gewölbten braunen Herbstblatt ruht eine eingerollte Raupe. Gelber Text: Hier wohnt der Frühling; roter Banner: Wer im Laub überwintert.

Der Weg ist gefegt, der Rasen wieder grün, die Blätter stecken im Sack. Für uns sieht der Garten damit fertig aus. Für manche seiner Bewohner wurde gerade ein Winterquartier abgetragen. Unter und zwischen abgestorbenen Blättern können Tiere die Monate überdauern, in denen wir sie kaum bemerken.

Die sinnvolle Herbstentscheidung lautet deshalb: Wege freihalten, dichte Laubdecken vom Rasen nehmen und geeignete Laubzonen unter Gehölzen erhalten. Nicht jede Fläche braucht dieselbe Behandlung. Ein Feldexperiment zeigt, dass Laubentfernung die im Frühjahr hervorkommende Tiergemeinschaft verändert. Wie groß dieser Effekt im eigenen Garten ist, lässt sich daraus nicht vorhersagen.

Wer im Laub wartet

Ein Schmetterling muss nicht als Schmetterling durch den Winter kommen. Je nach Art überdauern Insekten die kalte Zeit als Ei, Larve, Puppe oder erwachsenes Tier. Manche sitzen im Boden, andere in Pflanzenresten, Holzspalten oder der Laubstreu. Die Universität Maryland erklärt diese wechselnden Ansprüche entlang des Lebenszyklus: Ein Tier kann im Sommer Blätter als Nahrung und später einen geschützten Ort unter ihnen brauchen.

Das macht eine Blühfläche allein noch nicht zu einem vollständigen Lebensraum. Wer im nächsten Sommer Blüten besuchen soll, muss auch die Zeit davor überstehen. Unser Beitrag über Bestäubungsnetzwerke zeigt, weshalb unterschiedliche Tiergruppen und passende Zeitfenster zusammengehören.

Die Laubdecke schafft Zwischenräume und puffert die Bedingungen am Boden. Zugleich finden dort Räuber Beute und Zersetzer organisches Material. Der NABU Leipzig beschreibt Laub deshalb als Lebensraum, Winterquartier und Teil des Nährstoffkreislaufs. Eine einzelne Blattschicht erfüllt mehrere Aufgaben. Sie ist keine bloße Abdeckung, die man nach Bedarf durch irgendein anderes Material ersetzen könnte.

Das Cover vergrößert diesen verborgenen Raum: Eine Raupe unter einem Blatt steht für eine mögliche Überwinterungsweise. Es ist eine symbolische KI-Illustration, keine Aufnahme einer bestimmten Art und kein Bild aus dem folgenden Versuch.

Was der Gartenversuch tatsächlich zeigt

Max Ferlauto und Karin Burghardt untersuchten pestizidfrei gepflegte Privatgärten in Maryland. Auf gepaarten, jeweils einen Quadratmeter großen Teilflächen wurde Laub entfernt oder belassen. Im Frühjahr erfassten Fallen die hervorkommenden Gliederfüßer. 2021 waren 20 Gärten beteiligt, im Folgejahr machte eine Teilgruppe von zehn weiter.

In der 2025 veröffentlichten Studie verringerte Laubentfernung die Zahl der insgesamt erfassten Tiere um 17 Prozent. Bei Faltern lag der Rückgang bei etwa 45 Prozent. Das sind relative Unterschiede zwischen den Behandlungen, keine Prozentpunkte und keine gleich großen Effekte für alle Tiergruppen. Zu den untersuchten Gliederfüßern gehörten auch Spinnen, die keine Insekten sind.

Gemessen wurde, was im Frühjahr aus diesen Flächen hervorkam. Weniger Fänge sind nicht automatisch genauso viele unmittelbar getötete Tiere. Mit dem Laub können Entwicklungsstadien entfernt werden; zugleich ändern sich Lebensraum und Umweltbedingungen. Das Experiment liefert auch keine feste Verlustquote für deutsche Gärten mit anderen Arten, Böden und Wintern.

Seine Stärke ist die gezielte Veränderung der Laubauflage. Die Unterschiede passen dadurch nicht nur zu der Beobachtung, dass naturnähere Gärten häufig mehr Tiere beherbergen. Hier wurde eine konkrete Pflegemaßnahme geprüft.

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Der Boden vergisst nicht nach einem Herbst

Laub hat noch eine zweite Zeitachse. Was heute fällt, wird nach und nach zersetzt. Organisches Material gelangt in den Boden, wird umgebaut und setzt Nährstoffe frei. Welche Rolle dabei Humus und Bodenorganismen spielen, erklärt unser Beitrag über fruchtbare Erde und Bodenleben.

Eine weitere Arbeit von Ferlauto, Lauren Schmitt und Burghardt aus dem Jahr 2024 untersuchte historisch regelmäßig geräumte und ungeräumte Gartenbereiche sowie kurzfristig veränderte Pflege. Auf lange geräumten Flächen waren der Abbau eines standardisierten Testmaterials langsamer und die Konzentration organischen Bodenkohlenstoffs geringer. Ein bis zwei Jahre veränderte Laubpflege stellten diese Größen nicht nachweisbar um.

Dabei wurde die lange Pflegegeschichte nicht zufällig zugeteilt. Andere Unterschiede zwischen den Bereichen können mitwirken. Das Ergebnis ist weder ein persönlicher CO₂-Rechner noch der Beweis, dass ein einzelner Laubhaufen einen messbaren Klimabeitrag liefert. Es zeigt vielmehr, warum Bodenpflege Geduld braucht: Die Folgen vieler Jahre verschwinden nicht zwingend nach einer Saison.

Drei Orte, drei Entscheidungen

Auf Wegen und häufig genutzten Flächen: Entferne Laub dort, wo es rutschig wird oder die Nutzung behindert. Dafür eignen sich Besen und Rechen. Die Entscheidung für einen freien Weg verlangt nicht, gleichzeitig den Boden unter der benachbarten Hecke blank zu räumen.

Auf dem Rasen: Eine geschlossene, nasse Blätterdecke sollte nicht dauerhaft liegen bleiben. Nimm sie mit dem Rechen ab und bringe geeignetes Laub an einen anderen Platz im Garten. Die Stadt Überlingen empfiehlt in ihren Herbsthinweisen vom 13. Oktober 2026 genau diese Unterscheidung zwischen Rasen und Gehölz- beziehungsweise Beetflächen. Ein benutzbarer Garten und Rückzugsorte schließen einander nicht aus.

Unter Sträuchern, Hecken und auf passenden Beeten: Lass gesundes Falllaub möglichst dort, wo es bereits liegt. Muss zusätzliches Laub vom Weg untergebracht werden, können geschützte Bereiche oder ein mit Zweigen gemischter Laubhaufen helfen. Das ist allerdings nicht dasselbe wie eine unverändert erhaltene Laubfläche. Die Versuchszahlen lassen sich nicht als Beleg dafür verwenden, dass Umschichten jede Funktion vollständig rettet.

Bei erkrankten Pflanzen kann das Entfernen befallener Blätter sinnvoll oder erforderlich sein, um die Ausbreitung von Krankheitserregern zu begrenzen. Auch die Maryland-Gartenempfehlung macht diese Ausnahme ausdrücklich. „Alles liegen lassen“ wäre deshalb ebenso grob wie „alles weg“.

Beim Werkzeug lohnt eine weitere Unterscheidung. Das Umweltbundesamt warnt vor Geräten mit Häckselfunktion, weil sie kleine Tiere töten können. Ein Rechen vermeidet dieses spezielle Risiko. Wenn damit jedoch die gesamte Laubauflage entfernt wird, bleibt der Verlust des Lebensraums bestehen. Leiseres Arbeiten und der Erhalt des Winterquartiers sind zwei zusammengehörige Entscheidungen.

Du musst dem Garten seine Nutzung also nicht entziehen. Es reicht, genauer hinzusehen, welche Fläche welchen Zweck erfüllt. Ein freier Weg zeigt, wo wir gehen wollen. Die Blätter unter der Hecke können zeigen, wo andere bleiben dürfen – bis aus dem unscheinbaren Herbstquartier wieder ein Teil des Frühlings wird.

Stand: 29. Oktober 2026. Die Versuchsergebnisse stammen aus Maryland; die praktischen Flächenhinweise werden durch deutsche Empfehlungen ergänzt. Das Cover ist eine vergrößerte symbolische KI-Illustration.


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