
Die Frischlinge sind klein, die Wölfe nah. Dazwischen stehen die erwachsenen Wildschweine. In einer Kamerafallenaufnahme aus der Toskana ordnen sich die Weibchen wiederholt um ihre Jungen: Sie rücken zusammen, wenden sich den Wölfen zu und verändern damit, wer von außen direkt erreichbar ist.
Die Szene zeigt eine räumliche Form gemeinsamer Abwehr. Der „Schutzring“ ist dabei kein sauber gezogener Kreis. Mal bilden die Tiere einen Halbkreis, mal eine eher dreieckige Anordnung. Entscheidend ist die Beziehung zwischen den Körpern: Die Frischlinge bleiben innerhalb oder unmittelbar hinter der Gruppe, während größere Weibchen zwischen ihnen und der Bedrohung stehen.
Eine neue Veröffentlichung von Marco Del Frate und Kollegen untersucht diese Begegnung. Sie erschien am 2. November 2026 in Current Zoology als akzeptierter, noch nicht abschließend gesetzter Letter. Der Film stammt vom 11. Mai 2026. Aus einer einzigen Aufnahme lässt sich keine allgemeine Erfolgsquote ableiten. Sie macht aber einen konkreten Vorgang beobachtbar, der in abstrakten Beschreibungen von „sozialen Tieren“ leicht verschwindet.
Der Streit beginnt an einem Kadaver
Die Kamera stand im Schutzgebiet Tenuta di San Rossore bei Pisa. Dort werden Überreste von Wolfsbeute gezielt überwacht. Forschende wollen unter anderem wissen, welche Tiere einen Kadaver nutzen und wie sie einander dabei begegnen. Die Aufnahme entstand somit an einer ausgewählten Nahrungsquelle, nicht an einer zufällig gezogenen Stelle des Waldes.
Auf dem Film fressen Wölfe an einem Damhirschkadaver. Später geraten sie mit einer Wildschweinrotte aneinander. Nach dem Originalsupplement mit Methodik und Video sind vier Wölfe beteiligt: zwei erwachsene und zwei einjährige Tiere. Die Rotte umfasst vier erwachsene Weibchen, ein noch nicht voll erwachsenes Weibchen und mindestens 14 Frischlinge. Die Jungtiere ließen sich im Video nicht durchgehend einzeln unterscheiden.
Dass Wildschweine sich einem solchen Ort nähern, passt zu ihrer Lebensweise als Allesfresser. Ein von Wölfen getötetes Tier kann auch für sie Nahrung sein. Dieselbe Tierart, deren Junge einem Wolf als Beute dienen könnten, kann ihm an einem Kadaver als Konkurrent begegnen. Diese beiden Rollen schließen sich ökologisch nicht aus.
Eine frühere Untersuchung aus demselben Gebiet verfolgte die Nutzung von 103 Damhirschkadavern über mehrere Jahre. Wildschweine wurden dabei zu wichtigen Aasfressern; ihre Nutzung dieser Nahrungsquelle nahm im untersuchten Zeitraum zu. Der Befund erklärt, warum solche Begegnungen möglich sind. Er belegt keine Häufigkeit der jetzt beschriebenen Schutzformation und stammt zudem teilweise von derselben Forschungsgruppe.
Größere Körper verändern die möglichen Wege
Für einen Frischling macht es einen erheblichen räumlichen Unterschied, ob zwischen ihm und einem Wolf eine freie Lücke liegt oder eine ausgewachsene Bache, also ein weibliches Wildschwein. Der Wolf muss sich dann um einen größeren Körper herum bewegen oder in dessen unmittelbare Reichweite gelangen. Die Reaktion des erwachsenen Tiers wird Teil seines Annäherungswegs.
Die Formation lässt sich deshalb zunächst ohne einen unsichtbaren Plan erklären: Erwachsene wenden sich einer nahen Bedrohung zu, Junge suchen die Nähe der Gruppe, Abstände verändern sich. Wenn mehrere Tiere so reagieren, kann eine gemeinsame räumliche Wirkung entstehen. Welche Wahrnehmung, Erfahrung und Kommunikation dabei zusammenkommen, ist eine weitere Forschungsfrage.

Unveränderte Originalabbildung aus dem Supplement. Legende: markierter Kreis = als Matriarchin beschriebenes Weibchen; offene Kreise = erwachsene Weibchen; Dreiecke = Wölfe; Punkte = Frischlinge. Durchgezogene Pfeile = Bewegung, gestrichelte Pfeile = Ausrichtung oder Konfrontation. Für die Webauslieferung JPEG-komprimiert, Bildinhalt und Abmessungen unverändert.
In der Originalskizze stehen kleine schwarze Punkte für Frischlinge, offene Kreise für erwachsene Weibchen und Dreiecke für Wölfe. Der zusätzlich markierte Kreis bezeichnet das von den Autoren als Matriarchin beschriebene Weibchen. Die vier Felder führen von gegenseitiger Aufmerksamkeit über das Zusammenrücken zur ringartigen Formation und zum Rückzug. Pfeile zeigen Bewegungsrichtungen beziehungsweise Ausrichtung und Konfrontation.
Diese Draufsicht ist eine qualitative Rekonstruktion der Forschenden. Sie bildet eine exemplarische Abfolge ab, keine vermessene Landkarte und keine vollständige Zählzeichnung aller Tiere. Ihr Nutzen liegt darin, die Schutzbeziehung sichtbar zu machen, die aus einer einzigen niedrigen Kameraperspektive zeitweise durch Körper, Bewegung und Bildrand verdeckt wird.
Ein Halbkreis kann dafür bereits genügen, wenn die Bedrohung vor allem von einer Seite kommt. Bei mehreren sich bewegenden Wölfen verändert sich die Lage fortlaufend. Deshalb ist das erneute Ordnen der Gruppe interessanter als die Frage, ob die Tiere irgendwann einen geometrisch perfekten Ring bilden.
Eine Rotte hat gemeinsame Vorgeschichte
Eine Wildschweinrotte ist häufig ein Familienverband mit weiblichen Tieren und ihrem Nachwuchs. Die Beziehungen können über eine kurze Begegnung hinaus bestehen. Für das Verständnis gemeinsamer Abwehr ist das wichtig: Wiederholter Kontakt schafft andere Voraussetzungen als ein zufälliges Zusammentreffen fremder Tiere.
Eine Telemetrie- und Genetikstudie aus dem polnischen Białowieża-Nationalpark untersuchte die sozialen Beziehungen von Wildschweinen. Verwandtschaft und räumliche Nähe standen mit stärkeren Bindungen in Zusammenhang. Bei Weibchen fanden die Forschenden beständige, auf Verwandte gerichtete Beziehungen, die sich durch bloße räumliche Überlappung nicht vollständig erklären ließen. Die untersuchten Beziehungen männlicher Tiere waren kurzlebiger.
Daraus folgt eine plausible Grundlage für abgestimmtes Gruppenverhalten: Tiere können wiederholt mit vertrauten Partnern interagieren. Die polnische Untersuchung erklärt jedoch weder die genaue Verwandtschaft der italienischen Rotte noch den Mechanismus ihrer Abwehr. Dafür wären Daten zu diesen konkreten Tieren nötig.
Auch der Begriff „Matriarchin“ sollte an seiner beobachteten Funktion bleiben. Ein besonders engagiertes erwachsenes Weibchen kann beschrieben werden, ohne daraus eine allwissende Anführerin zu machen. Die Autoren des neuen Supplements betonen ausdrücklich, dass sie aus der einzelnen Begegnung keine stabilen Verhaltenspersönlichkeiten ableiten. Wie vorsichtig Rangbegriffe verwendet werden sollten, zeigt auch der Wissenschaftswelle-Beitrag zum Alpha-Wolf-Mythos.
Was der Film festhält – und was seine Kategorien leisten
Das veröffentlichte Videomaterial umfasst drei aufeinanderfolgende Sequenzen. Zunächst sind Wölfe am Kadaver zu sehen; eine kürzere Passage zeigt Bewegung außerhalb des Blickfelds. Die dritte Sequenz hält 60 Sekunden der Auseinandersetzung fest. Aufnahmezeit und Laufzeit des zusammengesetzten Videos sind deshalb auseinanderzuhalten.
Im Konflikt rücken erwachsene Wildschweine zusammen und ordnen sich erneut um die Jungen. Die Bildfolge im Supplement zeigt drei beschriebene Umgruppierungen. „Drei“ bezeichnet hier Teile desselben Geschehens. Es sind keine drei voneinander unabhängigen Begegnungen verschiedener Rotten mit verschiedenen Wolfsgruppen.
Für die Auswertung zerlegte das Team das Verhalten in definierte Ereignisse: etwa Annäherung, Verfolgung, Rückzug, Aufmerksamkeit oder defensive Formation. Insgesamt wurden 126 Verhaltensereignisse kodiert. Solche Kategorien sind ein Arbeitswerkzeug der Ethologie, der wissenschaftlichen Untersuchung von Verhalten. Sie legen fest, woran eine Beobachtung erkannt und wie sie eingeordnet wird.
Bei der defensiven Formation gehört zur Definition, dass die Jungen zusammenstehen und erwachsene Weibchen zwischen ihnen und der Bedrohung positioniert sind. „Geschützt“ bezeichnet in dieser Auswertung eine räumliche Lage innerhalb oder hinter den Erwachsenen. Es ist kein nachträglich gemessener Garant für Überleben oder Verletzungsfreiheit.
Was zählt hier als Beleg?
Der Kamerafilm
Drei aufeinanderfolgende Sequenzen dokumentieren dieselbe Begegnung; die dritte zeigt 60 Sekunden der Auseinandersetzung.
Was das belegt: Der Originalfilm und Bildfolge belegen sichtbare Bewegungen, Abstand und Umgruppierung.
Was daraus allein nicht folgt: Ein fester Bildausschnitt zeigt keine vollständige Vorgeschichte, keine Gedanken und keine Häufigkeit in anderen Rotten.
Die gezählten Ereignisse
Das Team kodierte 126 Verhaltensereignisse; zehn davon wurden als defensive Formation klassifiziert.
Was das belegt: Explizite Kategorien machen die Beschreibung nachvollziehbarer als eine freie Tiergeschichte.
Was daraus allein nicht folgt: Ereignisse gehören zu derselben Begegnung. Die Definition schließt die Stellung der Erwachsenen zwischen Jungen und Bedrohung bereits ein; „geschützt“ bezeichnet eine Lage und keine garantierte Unversehrtheit.
Die expliziten Definitionen helfen beim Nachvollziehen. Sie begrenzen aber auch, wie eine Zahl gelesen werden darf. Wenn eine Formation über die Stellung der Erwachsenen vor den Jungen definiert wird, überrascht es wenig, dass die Jungen bei so klassifizierten Ereignissen als räumlich abgeschirmt erscheinen. Die wissenschaftlich weiterführende Frage wäre, ob bestimmte Anordnungen im Vergleich zu anderen Situationen tatsächlich das Angriffs- oder Verletzungsrisiko senken.
Hinzu kommt die Abhängigkeit der Ereignisse: Ein Tier, das gerade zurückweicht, reagiert auf dieselben Nachbarn und Gegner wie Sekunden zuvor. Viele Beobachtungspunkte aus einem Film ersetzen deshalb keine große Zahl unabhängiger Fälle. Das Supplement nennt außerdem eine weitere Grenze: Eine formale Prüfung der Übereinstimmung verschiedener Beobachter wurde nicht durchgeführt. Wiederholte Sichtung und festgelegte Kriterien verbessern die Nachvollziehbarkeit, beseitigen solche Unsicherheiten jedoch nicht vollständig.
Gemeinsame Abwehr verrät noch keine gemeinsame Gedankenwelt
Die Aufnahme ist gerade deshalb interessant, weil sie mehrere Ebenen auseinanderhalten lässt. Sichtbar sind Körperstellungen und Bewegungen. Aus ihrer Beziehung lässt sich eine mögliche Schutzfunktion erschließen. Schwieriger ist die Frage, welche inneren Vorgänge das Verhalten hervorbringen.
Ein Tier könnte sich an der Position der Jungen orientieren, auf die Bewegung eines Wolfs reagieren, einem vertrauten Weibchen folgen oder mehrere dieser Informationen gleichzeitig nutzen. Die Wirkung der Gruppe kann koordiniert sein, auch wenn kein einzelnes Tier die gesamte Szene überblickt. Ob die Jungtiere sich aktiv auf bestimmte Erwachsene zubewegen und welche Signale dabei wichtig sind, müsste gezielt untersucht werden.
Dass Wildschweine komplexes Verhalten zeigen, wird auch aus anderen Beobachtungen deutlich. Eine 2021 veröffentlichte Fotofallenstudie dokumentierte ein Weibchen, das an den Verriegelungshölzern einer Falle arbeitete, in der zwei jüngere Wildschweine eingeschlossen waren. Die Autoren diskutierten ein mögliches Rettungsverhalten. Zugleich prüften sie alternative Erklärungen und ließen offen, ob Empathie das Verhalten motivierte.
Diese ältere Beobachtung beweist keine Empathie beim Schutzring. Sie verdeutlicht aber, weshalb Verhaltensforschung beobachtete Handlung, mögliche Funktion und vermutete Motivation getrennt behandelt. Ein überraschender Erfolg ist ein guter Ausgangspunkt für Forschung; die Erklärung entsteht durch passende Vergleiche und weitere Daten.
Wie aus dem Einzelfall eine prüfbare Frage wird
Der nächste Erkenntnisschritt wäre eine Sammlung weiterer Begegnungen. Forschende könnten vergleichen, wie Rotten mit und ohne Frischlinge reagieren, welche Rolle Gruppengröße und Deckung spielen und ob Wölfe allein oder gemeinsam auftreten. Ebenso wichtig wären erfolglose Abwehrversuche und Situationen, in denen Wildschweine früh ausweichen. Sonst würde eine Sammlung auffälliger Videos leicht nur das spektakulärste Verhalten zeigen.
Auch die Wahl des Kamerastandorts gehört in diesen Vergleich. Eine Kamera an einem Kadaver erhöht gezielt die Chance auf bestimmte Artenkontakte. Sie beantwortet andere Fragen als ein flächig verteiltes Kameranetz. Wer aus Aufnahmen auf Häufigkeiten schließen will, muss wissen, welche Begegnungen überhaupt in die Stichprobe gelangen konnten.
Eine breitere Studie zum Verhalten freilebender Wildschweine liefert dafür einen anderen Blick: Sie erfasst gewöhnliche Aktivitäten im räumlichen und zeitlichen Zusammenhang. Solche Grundlagen sind weniger dramatisch als ein Konfliktvideo, aber nötig, um eine besondere Szene in das übrige Verhalten der Tiere einzuordnen. Der Überblick über Sozialverhalten und Kooperation bei Tieren vertieft diese Perspektive.
Die Aufnahme aus San Rossore verändert damit einen vertrauten Blick auf Wildschweine. Ihre gemeinsame Abwehr wird in den Abständen zwischen den Tieren konkret: Wer steht außen, wer bleibt dahinter, wer rückt nach? Der Schutzring ist eine bewegliche Beziehung aus größeren und kleineren Körpern. Wie häufig sie entsteht und unter welchen Bedingungen sie wirkt, bleibt die nächste Frage.





