
Wer ohnehin wenig Beifall bekommt, muss sich um den nächsten Pfiff vielleicht weniger Sorgen machen. Für Regierungschefs steckt darin eine verführerische Vorstellung: Endlich eine Zumutung beschließen, endlich einen Konflikt austragen, endlich handeln, ohne bei jeder Entscheidung die nächste Umfrage zu fürchten. Könnte Unbeliebtheit also ausgerechnet das freisetzen, was beliebte Politiker zurückhalten?
Ja, schlechte politische Aussichten können die Bereitschaft zu riskanten Entscheidungen erhöhen. Ob sich diese Entscheidungen durchsetzen lassen, hängt jedoch an weiteren Voraussetzungen: an Mehrheiten, am Rückhalt in der eigenen Partei und an den Regeln des Amtes. Und ob die Entscheidung gut ist, beantwortet keine dieser beiden Fragen.
Friedrich Merz und Donald Trump machen diese Unterscheidung interessant. Bei beiden lässt sich nach wenig Zustimmung und fortbestehender Macht fragen. Ihre Motive lassen sich aus Umfragen allerdings ebenso wenig ablesen wie die Qualität ihrer Politik. Dafür braucht es einen genaueren Blick auf politische Forschung – und auf die verschiedenen Arten, etwas zu verlieren.
Zwei unbeliebte Politiker, zwei verschiedene Messungen
Im ZDF-Politbarometer vom 23. Oktober 2026 erhielt Merz bei der Frage nach Sympathie und Leistung einen Durchschnittswert von minus 1,5 auf einer Skala von minus fünf bis plus fünf. Der Wert war gegenüber Anfang Oktober sogar gestiegen. Befragt wurden vom 20. bis 22. Oktober 1.225 zufällig ausgewählte Wahlberechtigte in Deutschland, telefonisch und online.
Die Originaltabellen der AP-NORC-Umfrage vom 8. bis 12. Oktober 2026 weisen für Trump unter allen befragten US-Erwachsenen 35 Prozent Zustimmung zur Amtsführung aus, bei 64 Prozent Ablehnung. Die Erhebung umfasste 1.119 Erwachsene; der ausgewiesene Stichprobenfehler für die Gesamtgruppe beträgt ungefähr plus/minus 3,9 Prozentpunkte.
Das sind datierte Momentaufnahmen, keine laufenden Messgeräte. Und sie ergeben keine gemeinsame Rangliste: Eine deutsche Bewertung von Sympathie und Leistung ist etwas anderes als die amerikanische Zustimmung zur Amtsführung. Beide Befunde geben Anlass zur Frage, wie man trotz verbreiteter Ablehnung regiert. Sie beweisen keinen Vorteil dieser Ablehnung.
Wenn Nichtstun zum größeren Risiko wird
Eine mögliche Erklärung beginnt bei einer unangenehmen Entscheidung: Wer eine schmerzhafte Reform beschließt, riskiert Protest. Wer sie aufschiebt, riskiert vielleicht eine weiter eskalierende Krise. Welche Gefahr stärker wirkt, hängt auch davon ab, wie die eigene Lage wahrgenommen wird.
Die Politikwissenschaftlerin Barbara Vis untersuchte in einer 2009 veröffentlichten Studie die Sozialreformpolitik von 25 deutschen, niederländischen, dänischen und britischen Kabinetten zwischen 1979 und 2005. Sie nutzte eine Methode, die Kombinationen von Bedingungen vergleicht, die sogenannte Fuzzy-Set Qualitative Comparative Analysis.
Ihr Ansatz greift die Prospect Theory auf: Entscheidungen unter Risiko können anders ausfallen, wenn Menschen ihre Lage als Verlust gegenüber einem Bezugspunkt erleben. Für eine Regierung kann dann auch eine gefährliche Reform attraktiver werden als das erwartete weitere Abrutschen.
Der Befund ist genauer als die Formel „schlechte Umfrage, freie Hand“: In Vis’ untersuchten Fällen war eine sich verschlechternde sozioökonomische Lage eine notwendige Bedingung unpopulärer Reformen. Dazu kamen eine sich verschlechternde politische Position, eine rechtsgerichtete Regierung oder beides. Sinkender politischer Rückhalt allein war damit keine ausreichende Erklärung.
Die frei zugängliche Originalarbeit untersucht historische Sozialpolitik, kein Experiment mit heutigen Regierungschefs. Sie liefert einen Erklärungsansatz für größere Risikobereitschaft unter Druck. Aus ihr lässt sich weder Merz’ noch Trumps persönliche Gedankenwelt bestimmen.
Hier liegt der mögliche Vorteil: Eine Regierung, die ihren bisherigen Kurs bereits als Weg in die Niederlage erlebt, könnte eine Veränderung versuchen, deren Risiko sie in einer komfortableren Lage gescheut hätte. Das kann eine überfällige Entscheidung ermöglichen. Es kann ebenso einen schlecht durchdachten Befreiungsschlag begünstigen. Mut und Verzweiflung sehen von außen manchmal ähnlich aus.
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Trump: Wenig Zustimmung im Land, viel Einfluss in der Partei
Eine weitere Erklärung setzt an einer ganz anderen Stelle an. Wer in der Gesamtbevölkerung unbeliebt ist, kann innerhalb der eigenen Partei über erheblichen Rückhalt verfügen. Für eine Abstimmung sind genau diese Abgeordneten entscheidend.
Die Politikwissenschaftlerin Frances E. Lee vergleicht in einem 2026 erschienenen Fachaufsatz Trumps Gesetzgebungserfolge 2017 und 2025. In beiden Jahren kontrollierten die Republikaner Präsidentschaft und Kongress. Dennoch erzielte Trump nach ihrer Analyse 2025 deutlich größere Erfolge, obwohl die üblichen Erklärungsgrößen – darunter seine landesweite Zustimmung – den Unterschied nur unzureichend erfassen.
Lee verweist besonders auf seinen stärkeren Einfluss innerhalb der Republikaner: seinen Rückhalt in ihren Wahlkreisen, die Beziehungen zur Parteiführung im Kongress und die glaubwürdiger gewordene Aussicht auf innerparteiliche Gegenkandidaten für Abweichler. Hinzu kam die Bündelung vieler Vorhaben in einem großen Gesetzespaket.
Das ist ein historischer Fallvergleich mit plausiblen Mechanismen, kein experimenteller Nachweis eines Unbeliebtheitsbonus. Die Erklärung lautet: Die Macht in der eigenen Partei kann einen Teil der Schwäche in der breiteren Öffentlichkeit ausgleichen. Lee betont zugleich den Vorteil schnellen Handelns, bevor politische Unterstützung weiter schwindet. Auch ihre Analyse macht schlechte Zustimmungswerte daher nicht zu einem erstrebenswerten Zustand.
Vor allem beschreibt die Arbeit das Machtfenster von 2025. Sie ist keine Aussage über unveränderte Mehrheiten nach den Kongresswahlen 2026. Den gesonderten aktuellen Wahlkontext behandeln wir in unserem Beitrag zu den Midterms und Trumps weiterem Handlungsspielraum.
Zwei Regierungschefs, derselbe schlechte Umfragewert
Ein ausdrücklich erfundenes Gedankenexperiment macht den Unterschied greifbar. Zwei Regierungschefs sind in der Bevölkerung gleichermaßen unbeliebt. Der erste verfügt über eine geschlossene Fraktion, eine verlässliche Koalition und einen ausgehandelten Gesetzentwurf. Seine Abgeordneten tragen das Vorhaben mit, auch wenn sie Protest erwarten.
Beim zweiten streiten die Koalitionspartner öffentlich. Mehrere Abgeordnete kündigen Widerstand an. Für das Vorhaben fehlen Stimmen, und niemand weiß, welche Zugeständnisse eine Mehrheit zusammenbringen könnten.
Beide können trotzig auftreten. Beide können erklären, dass sie keine Angst vor schlechten Schlagzeilen haben. Trotzdem hat der erste einen wesentlich größeren Handlungsspielraum. Die identische Unbeliebtheit erklärt diesen Unterschied überhaupt nicht. Die Information über die Mehrheit tut es.
Umgekehrt könnte ein beliebter Regierungschef mit derselben verlässlichen Mehrheit ebenfalls handeln – und womöglich leichter um Zustimmung werben. Aus der Beobachtung, dass ein unbeliebter Politiker etwas durchsetzt, folgt daher noch lange nicht, dass ein beliebter daran gescheitert wäre.
Merz: Der Bundestag zählt anders als eine Umfrage
Für einen Bundeskanzler ist diese Trennung besonders wichtig. Nach Artikel 63 des Grundgesetzes wird er vom Bundestag gewählt. Eine sinkende persönliche Bewertung in einer Umfrage beendet das Amt nicht. Für ein konstruktives Misstrauensvotum verlangt Artikel 67, dass die Mehrheit der Bundestagsmitglieder einen Nachfolger wählt.
Damit kann Merz auch bei schlechten persönlichen Werten im Amt bleiben. Für die Durchsetzung eines konkreten Vorhabens muss er aber weiterhin die jeweils erforderlichen Stimmen gewinnen. Geringe Zustimmung kann dabei politische Kosten verursachen: Koalitionspartner und Abgeordnete haben eigene Interessen und müssen ihren Wählern Entscheidungen erklären. Einen solchen Konflikt beseitigt der Satz, man habe ohnehin nichts mehr zu verlieren, nicht.
Die persönliche Umfrage und die parlamentarische Mehrheit beantworten also unterschiedliche Fragen. Wer den institutionellen Teil genauer verstehen möchte, findet ihn in unserer Erklärung, wie Deutschland einen Kanzler ohne vorgezogene Neuwahl austauschen könnte.
Trump: Keine weitere Wahl heißt nicht keine Folgen
Bei Trump kommt ein eigener Faktor hinzu, der mit Unbeliebtheit leicht verwechselt wird: die Begrenzung der Wiederwahl. Er wurde zweimal zum Präsidenten gewählt. Nach dem geltenden 22. Verfassungszusatz der USA darf eine Person nicht mehr als zweimal in dieses Amt gewählt werden.
Damit entfällt für ihn ein persönlicher Anreiz, den ein Politiker mit Aussicht auf erneute Wahl noch hat. Daraus lässt sich plausibel mehr Freiheit gegenüber kurzfristiger Zustimmung ableiten. Das ist zunächst eine Überlegung über Anreize, keine Messung seines tatsächlichen Motivs. Und dieser Effekt könnte auch bei einem sehr beliebten Präsidenten in derselben Amtslage auftreten.
Andere Abhängigkeiten bleiben: Abgeordnete stehen wieder zur Wahl, Parteifreunde verfolgen eigene Ziele, und ein Präsident braucht für Gesetze weiterhin den Kongress. Der Wunsch nach politischem Vermächtnis oder Einfluss nach dem Amt kann ebenfalls eine Rolle spielen. Wie stark solche Ziele bei einer einzelnen Person wirken, lässt sich aus einem niedrigen Zustimmungswert nicht berechnen.
Weniger Wahldruck hat auch eine Kehrseite
Die Hoffnung auf den furchtlosen Reformer enthält eine wichtige Annahme: dass ein Politiker seinen größeren Spielraum im Interesse der Bevölkerung nutzt. Genau das ist keineswegs garantiert. Die Aussicht, abgewählt zu werden, kann auch dazu beitragen, verantwortungsvoll mit anvertrauter Macht umzugehen.
Claudio Ferraz und Frederico Finan untersuchten für eine 2011 im American Economic Review veröffentlichte Studie brasilianische Kommunen anhand von Prüfberichten zu öffentlichen Mitteln. Sie verglichen Bürgermeister, die nochmals antreten konnten, mit solchen ohne diese Möglichkeit. Bei den wiederwahlberechtigten Amtsinhabern fanden sie 27 Prozent weniger zweckentfremdete Mittel.
Das ist keine weltweit gültige Effektgröße und kein Vorwurf gegen Merz oder Trump. Die Untersuchung betrifft brasilianische Kommunalpolitik; die Wiederwahlmöglichkeit wurde nicht zufällig zugeteilt. Sie zeigt aber, warum die Möglichkeit politischer Bestrafung eine wertvolle Kontrollfunktion haben kann. Wer vom Wahldruck entlastet ist, wird dadurch nicht automatisch zum besseren Reformer.
Was von der provokanten Idee übrig bleibt
Können unbeliebte Politiker Dinge tun, die beliebte nicht tun können? Sie können manchmal eher bereit sein, etwas Riskantes zu versuchen. Mehr institutionelle Macht folgt daraus nicht von selbst. Oft erklären eine loyale Partei, eine vorhandene Mehrheit oder besondere Amtszeitregeln besser, warum jemand trotz schlechter Werte durchkommt.
Um einen konkreten Fall zu beurteilen, helfen deshalb drei Fragen: Was riskiert der Politiker persönlich noch? Wer muss seine Entscheidung mittragen? Und woran soll sich zeigen, dass die Entscheidung der Bevölkerung nützt?
Dazu gehört eine letzte Vorsicht bei der Reihenfolge: Vielleicht handelt ein Politiker nicht mutiger, weil er unbeliebt ist. Vielleicht ist er unbeliebt geworden, weil er gerade diese Politik verfolgt. Vielleicht verursacht eine Krise beides. Eine Schlagzeile und zwei Umfragewerte können diese Möglichkeiten nicht auseinanderhalten.
Unbeliebtheit kann die Hemmschwelle senken, eine Zumutung zu wagen. Wer daraus politische Größe ableitet, hat die wichtigste Prüfung erst noch vor sich: Was wurde tatsächlich erreicht, zu welchem Preis – und für wen?


